Avatar: The Way of Water (2022)

Regie: James Cameron
Original-Titel: Avatar: The Way of Water
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Science Fiction, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Avatar: The Way of Water


Der folgende Text ist in der Stimme von David Attenborough zu lesen: „Hier sehen Sie nun einen Na`vi-Familienverband. Um der Aufmerksamkeit ihrer natürlichen Feinde, der Sky People, zu entgehen, migriert diese Familie von den schützenden Höhlen des Berglands an die Küste und schließt sich einem fremden Verband an. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, sich der neuen Lebensweise anzupassen, integriert sich die Familie schließlich mit Erfolg. Hier nun die Darstellung eines Initiationsritus, bei dem eines der jungen Mitglieder der Familie vom Nachwuchs des Häuptlings des Verbands vor eine Mutprobe gestellt wird. Im Zuge dessen erwirbt der junge Na’vi das Vertrauen eines Exemplars der Wasserspezies der Tulkun aus der Familie der Walartigen. Wie Sie sehen werden, geschätztes Publikum, wird diese aufkeimende Freundschaft später noch eine wichtige Rolle spielen. Aber nun richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die sich nähernden Sky People, die mit unethischen Jagdmethoden versuchen, die migrierte Familie der Na’vi aus ihrem Versteck in eine offene Umgebung zu locken.“ Was James Cameron in diesem Leben wohl nicht mehr lernen wird, ist, komplexe Geschichten zu erzählen. Selbst seine Meisterwerke wie beispielsweise die ersten beiden Terminator-Filme verzichten in ihrem heroischen Versuch, das Publikum nicht zu überfordern, auf Kapriolen, die den Einsatz von Hirnwindungen erfordern. Teil 1: Roboter reist in die Vergangenheit, um eine Frau zu töten. End of story. Teil 2: Roboter reist in die Vergangenheit, um anderen Roboter daran zu hindern, den Sohn der Frau zu töten. End of story. Das hat super funktioniert. Man konnte sich dadurch auf die Action konzentrieren. (Ab Teil 3 und dem misslungenen Versuch, die Geschichte aufzupeppen, liefen die Dinge dann irgendwie aus dem Ruder.) Also ja, man braucht nicht unbedingt eine wahnsinnig gewundene, hochintellektuelle Geschichte, um einen guten Film zu drehen. Ein bisschen mehr Fleisch an den Rippen hätte „Avatar: The Way of Water“ allerdings vertragen. Das Ganze wirkt nun wie eine Naturdokumentation, die im Mittelteil durch eine Variation von „Moby Dick“ abgelöst wird, ehe James Cameron ein paar nicht benötigte Aufnahmen von Titanic findet, die er am Ende des Films wiederverwenden kann. Was immerhin bleibt, sind einige der eindrucksvollsten Bilder, die CGI jemals hervorgebracht hat. In diesem Aspekt des Filmemachens ist James Cameron ein Besessener, ein Getriebener, der Grenzen auslotet und überschreitet. Unbedingt auf einer großen Leinwand in 3D sehen, denn wie auch der erste Avatar-Film lebt der zweite Teil von seinen überragenden Bildern.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Amsterdam (2022)

Regie: David O. Russell
Original-Titel: Amsterdam
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Krimi, Drama, Komödie
IMDB-Link: Amsterdam


David O. Russell macht es mir nicht einfach. Für mich ist der renommierte Regisseur ein Überraschungsei. Oder, um es mit Forrest Gump zu sagen, eine Schachtel Pralinen. „Three Kings“ gehört zu den wenigen Filmen, die ich abgebrochen habe. Dann kam „The Fighter“, den ich richtig gut fand. Über „Silver Linings“ habe ich mich wieder geärgert. Zwar ein guter Film, aber hey, verdammt noch mal, der Oscar für die beste weibliche Hauptrolle gehörte Emmanuelle Riva für „Amour“. (Sorry, JLaw. Ich mag dich ja trotzdem, solange du keine russischen Spioninnen spielst.) Über „American Hustle“ konnte man sich hingegen gar nicht ärgern. Ein grandioser Film. Und dann „Joy“, wieder Jennifer Lawrence, diesmal aber in einem richtig miesen Film. Was ist nun „Amsterdam“ – Top oder Flop? Geht man nach den meisten Kritiken, hat hier David O. Russell eine veritable Bruchlandung hingelegt. Und ja, ich verstehe, wie man dazu kommt, den Film nicht zu mögen. „Amsterdam“ springt in der Tonalität recht erratisch umher, versucht, Komödie, Drama, Krimi und Thriller zu vereinen, um am Ende relativ unspektakulär auszulaufen. Und doch hat der Film etwas, das über die (erneut) überragende Darstellung von Christian Bale hinausgeht: Der Film will so erratisch sein. In einer chaotischen Zwischenkriegszeit (der letzte Krieg hat noch sichtbare Narben hinterlassen, der kommende ist zwar noch nicht greifbar, aber es brodelt sich etwas zusammen in der Weltpolitik) läuft eben nicht alles in einem klaren Bogen ab. Da gibt es Raum für Leid genauso wie für Hoffnung. „Amsterdam“ ist auch mehr an der Geschichte dreier durch das Schicksal verbundenen Freunde (Bale, Margot Robbie und John David Washington) interessiert als an der Krimi-Handlung, die die drei nach vielen Jahren wieder zusammenführt. Es geht mehr um die Frage, wie eng Freundschaften sein können, die aus gemeinsamem Schmerz geboren wurden. Und das ist vielleicht der hoffnungsvollste Aspekt des Films: Auch wenn die Welt durchzudrehen scheint, solange man sich auf seine Freunde verlassen kann, gibt es immer einen Grund, jeden Tag aufzustehen und weiterzumachen.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Courtesy of 20th Century Studios/Courtesy of 20th Century Studio – © 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved, Quelle http://www.imdb.com)

Codename U.N.C.L.E. (2015)

Regie: Guy Ritchie
Original-Titel: The Man from U.N.C.L.E.
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Action, Komödie
IMDB-Link: The Man from U.N.C.L.E.


Guy Ritchie hat eine Nische für sich gefunden: Er dreht Guy Ritchie-Filme. Was ich damit sagen will: Der britische Regisseur pflegt einen derart einzigartigen Stil, dass er nicht Gefahr läuft, irgendwann einmal durch halbgare Copycats vom Thron der lakonischen schwarzhumorigen Thriller gestoßen zu werden, die allesamt im Zwielicht zwischen Legalität und Illegalität (immer ein wenig mehr in Richtung zweiteres geneigt) spielen. Im Grunde dreht er fast immer den gleichen Film, und nur selten wagt er sich in andere Genres vor wie beispielsweise in Aladdin. Sein Metier bleiben eben die Agenten- und Ganoven-Thriller. Harte Kerle mit perfekten Manieren, die selbst während gewagten Stunts immer noch einen lockeren Spruch auf den Lippen haben. Kommt euch bekannt vor? Klar, James Bond tickt genauso. Kein Wunder, dass Henry Cavill, der in „Codename U.N.C.L.E.“ neben Armie Hammer die Hauptrolle geben darf, immer wieder als nächster James Bond-Kandidat in den Ring geworfen wird. Aber James Bond ist zwar ein sarkastischer Bastard mit Manieren, gerät aber nie in derart schräge Bredouillen wie die Helden aus Ritchies Filmen. In diesem Fall müssen sich am Höhepunkt des Kalten Krieges ein amerikanischer und ein russischer Geheimagent zusammentun, um einem finsteren Weltuntergangsszenario Einhalt zu gebieten. Nun ja, raffiniert ist der Plot nicht. Aber die sich zart entwickelnde Bromance zwischen Cavill und Hammer macht vieles wett – sogar das überraschend hölzerne Spiel von Alicia Vikander, die es eigentlich besser kann, in diesem Film aber schnell in Vergessenheit gerät. „Codename U.N.C.L.E.“ gehört nicht zu Ritchies stärksten Filmen, ist aber ein typischer Ritchie. Wer dessen sehr eigenwilligen Stil mag, wird hier gut bedient.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Daniel Smith – © 2013 Warner Bros. Entertainment Inc., Quelle http://www.imdb.com)

Ein Königreich für ein Lama (2000)

Regie: Mark Dindal
Original-Titel: The Emperor’s New Groove
Erscheinungsjahr: 2000
Genre: Animation
IMDB-Link: The Emperor’s New Groove


Unter den Disney-Klassikern der letzten Jahrzehnte wird dieser Film gerne mal übersehen bzw. unter Wert geschlagen. „Ein Königreich für ein Lama“ aus dem Jahr 2000 beendet quasi eine Reihe bekannter und erfolgreicher Disney-Filme aus den 90ern mit Klassikern wie „Die Schöne und das Biest“ (1991), Aladdin (1992), „Der König der Löwen“ (1994), „Pocahontas“ (1995), „Hercules“ (1997) oder Mulan (1998) und läutet die Ära der 0er-Jahre ein, in der das Mäusestudio kurzfristig mal (von gelegentlichen Ausnahmen wie „Lilo & Stitch“ aus dem Jahr 2002 abgesehen) sein Mojo verloren hat. Man mag geneigt sein, „Ein Königreich für ein Lama“ diesen eher erfolglosen und auch qualitativ nicht berauschenden 0er-Jahren zuzuschlagen, doch damit täte man dem Film Unrecht an. Denn die Geschichte um einen narzisstischen und größenwahnsinnigen südamerikanischen Herrscher, der in Folge einer Intrige als Lama Läuterung erfährt, ist herrlich überdreht, saukomisch und bietet den Kleinen auch noch eine gute Botschaft. In nur 75 kurzweiligen Minuten wird eine komplette Geschichte einer unwahrscheinlichen Freundschaft erzählt, die trotz hoher Gag-Dichte noch genügend Raum für eine nachvollziehbare Weiterentwicklung der Charaktere lässt. Da soll mal einer sagen, gute Filme müssten mindestens zwei Stunden lang sein, um alles Relevante unterbringen zu können. In der Kürze liegt die Würze! Mein Fazit: Lieber mal den x-ten Rewatch von „Die Schöne und das Biest“ (teils doch arg kitschig und langatmig) hinten anstellen und stattdessen dem Lama die erneute Chance geben, die es verdient hat.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2000 – Walt Disney Productions, Quelle http://www.imdb.com)

Eve und der letzte Gentleman (1999)

Regie: Hugh Wilson
Original-Titel: Blast from the Past
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Rom-Com, Liebesfilm
IMDB-Link: Blast from the Past


Ich bin halt ein alter Romantiker. Wenn ein junger Herr mit guten Manieren auftaucht, sagen wir mal, von Brendan Fraser gespielt, und er öffnet einer junger Dame wie Alicia Silverstone galant die Türen, dann freue ich mich einfach darüber, dass Werte wie Respekt und Anstand hochgehalten werden. Auch beim Porno warte ich immer darauf, dass am Ende geheiratet wird, aber ich sage euch: Dieses Genre ist sowas von enttäuschend! Also lieber bei der Rom-Com bleiben, und in diesem Genre ist „Eve und der letzte Gentleman“ ein durchaus gelungener Beitrag, der vielleicht ein wenig Patina angesetzt hat in den letzten 23 Jahren, aber hey, wer nicht? Allein die Story ist schon entzückend: Als ein Jet nach einem Unfall auf sein Haus knallt, geht der leicht neurotische Wissenschaftler Calvin Webber (Christopher Walken) mit seiner Ehefrau (Sissy Spacek) in den Luftschutzkeller, und weil er vom Jet nichts weiß, sondern glaubt, dass die Sowjets eine Atombombe über L.A. gezündet hätten, bleibt das Ehepaar 35 Jahre lang abgeschottet von der Außenwelt da unten. Als ihr Sohn Adam (eben Brendan Fraser) sozusagen das Licht der Welt erblickt, da er losgeschickt wird, um neue Vorräte zu kaufen, und auf die kesse Eve (Alicia Silverstone) stößt, wirkt er nicht nur wie aus der Zeit gefallen, sondern ist dies wortwörtlich. Wie gesagt, fast ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen des Films wirken manche Gags schon etwas angestaubt, und doch hat der Film seine Momente und kann auch heute noch gut unterhalten, was auch an der gut aufgelegten Besetzung liegt. Gute Screwball-Komödien sterben eben nie aus.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 1999 New Line Cinema, Quelle http://www.imdb.com)

Der denkwürdige Fall des Mr Poe (2022)

Regie: Scott Cooper
Original-Titel: The Pale Blue Eye
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Krimi, Historienfilm
IMDB-Link: The Pale Blue Eye


Harry Melling hat es geschafft. Aus dem nervigen und übergewichtigen Dudley Dursley ist Edgar Allen Poe geworden, und zwar in einer sehr überzeugenden Art und Weise. Dass er dennoch nur die zweite Geige in „The Pale Blue Eye“ (auf Deutsch sperrig „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“) spielen darf, liegt an der ersten Geige. Wenn Christian Bale aufgeigt, haben alle anderen Pause. Bale spielt mit viel Gravitas den Privatermittler Augustus Landor, der nach einem seltsamen Vorfall in einer Militärakademie zu Hilfe gezogen wird: Ein Kadett wurde erhängt aufgefunden, und kurze Zeit später schnitt man dem Leichnam das Herz heraus. Bei seinen Ermittlungen stößt Landor auf den jungen Schriftsteller und Kadetten Edgar Allen Poe. Logisch, dass in weiterer Folge Treffen auf dem Friedhof stattfinden und sich auch mal ein Rabe dekorativ niederlässt. So viel Foreshadowing muss sein. Und doch bleibt der Film auf Landor fokussiert, der sich in eisiger Winterlandschaft einen Reim auf die Ereignisse zu machen versucht. Leider ist das höchst unspannend, um nicht zu sagen: schlichtweg fad. Da hilft es auch nicht, wenn in jeder kleinsten Nebenrolle echte Kapazunder vom Format eines Timothy Spall, eines Toby Jones, einer Gillian Anderson, eines Robert Duvall, einer Charlotte Gainsbourg zu sehen sind – ein fader Film bleibt ein fader Film. Lediglich der Twist am Ende reißt den im Fauteuil schlummernden Zuseher mal wieder kurz aus den Träumen, und man fragt sich: Hätte man nicht ökonomischer dorthin gelangen können?


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von SCOTT GARFIELD/NETFLIX © 2022/SCOTT GARFIELD/NETFLIX © 2022 – © 2022 Netflix, Inc, Quelle http://www.imdb.com)

Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (2013)

Regie: Chris Buck und Jennifer Lee
Original-Titel: Frozen
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Animation
IMDB-Link: Frozen


Fassen wir mal zusammen: Schwester 1 weiß ihre Emotionen nicht zu kontrollieren und läuft daher bei der ersten Gelegenheit weg, um in ewiger Einsamkeit davon zu singen, loslassen zu können. Schwester 2 schmeißt sich nicht nur dem ersten Typen an den Hals, der nicht aus ihrem Dorf stammt, sondern verlobt sich auch noch gleich am ersten Tag mit ihm, nur um ihn dann bei nächster Gelegenheit für den Typen zu verlassen, den sie drei Tage lang kennt. Nein, besonders zurechnungsfähig sind die beiden Schwestern Elsa und Anna in Disneys „Frozen“ wirklich nicht. Aber vielleicht macht ja genau das den Charme des Films aus. Wir sehen hier verhaltensauffälligen Juvenilen (und imbezillen Schneemännern, die vom Sommer fantasieren) zu, die trotz aller fragwürdiger Entscheidungen dann doch wieder zueinander finden und die Werte der Familie hochhalten. So etwas gefällt der allmächtigen Maus, die mit ihren Werten für den Film geradestehen muss. Und dem Kürbis gefällt, dass es gar nicht mal den Superschurken braucht, sondern der Film davon zeugt, dass die schrecklichsten Konflikte immer noch jene sind, die in uns selbst toben. Wer beim ersten Anzeichen von Nervosität eine neue Eiszeit ausbrechen lässt, benötigt echt keinen weiteren Feind mehr. Ach ja: Reindeers are better than people.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Disney/Disney – © 2013 Disney Enterprises, Inc. All rights reserved. Quelle http://www.imdb.com)

Absturz: Der Fall gegen Boeing (2022)

Regie: Rory Kennedy
Original-Titel: Downfall: The Case Against Boeing
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Downfall: The Case Against Boeing


Wenn Netflix neue Dokus braucht, rufen sie wohl bei Rory Kennedy an. Die umtriebige Dokumentarfilmerin ist den großen Geschichten des Versagens auf der Spur, jener Art von Versagen, das tragische Konsequenzen zeitigt. Es ist noch nicht so lange her, da sind zwei brandneue Boeing 737 MAX kurz nach dem Start vom Himmel gefallen. In einer Zeit, in der Flugreisen so sicher wie noch nie zuvor scheinen, ein schwerer Schlag gegen den US-Konzern, der sich immer besonderer Qualitäts- und Sicherheitsstandards gerühmt hat. Wie konnte das passieren? Allmählich zeigt sich, dass – wie hinter vielen Tragödien der jüngeren Geschichte – Profitgier, Fehleinschätzungen und mangelnde Kommunikation die Dreifaltigkeit des Desasters ergeben. Gleichzeitig beleuchtet Rory Kennedy die Geschichte von Boeing – von den Jahrzehnten des Erfolgs über die Herausforderungen, die sich durch den immer mächtiger werdenden Konkurrenten Airbus ergeben haben. An dieser Stelle sei gesagt, dass man für Dokumentationen über komplexe Vorgänge und Strukturen zwar immer mit Vereinfachungen arbeiten muss, es sich Kennedy aber vielleicht an der einen oder anderen Stelle zu einfach gemacht hat. Die Erzählung in „Absturz: Der Fall gegen Boeing“ lässt den Schluss zu, dass angesichts des Konkurrenzdrucks die Führungsetage bei Boeing einfach irgendwann beschlossen hätte: „Pfeif auf die Qualität. Billig muss es sein, und ob der Flieger vom Himmel fällt, ist egal.“ Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Simplifikation den wichtigsten Entscheidungen eines Konzerns mit über 140.000 Mitarbeiter:innen gerecht wird. Keine Frage, die Geschichte der beiden Boeing-Abstürze ist eine Geschichte des Versagens. Doch gerade deshalb hätte ich mir gewünscht, dass mehr und vielfältigere Stimmen in der Doku zu hören gewesen wären (vielleicht auch von Mitarbeiter:innen, die direkt am Bau der Flugzeuge beteiligt waren), um das Bild zu schärfen, auch wenn es dadurch komplexer wird.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Weißes Rauschen (2022)

Regie: Noah Baumbach
Original-Titel: White Noise
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: White Noise


Noah Baumbach hat eine sehr eigene, durchaus lakonische Sicht auf die Dinge. Unter seiner Regie sind einige bemerkenswerte Filme wie Marriage Story oder „Frances Ha“ entstanden, letzterer mit seiner nunmehrigen Lebensgefährtin Greta Gerwig in der Hauptrolle, die wiederum ihrerseits sehr umtriebig ist (auf ihre Barbie-Verfilmung mit Margot Robbie und Ryan Gosling in den Hauptrollen freue ich mich schon besonders). Das neueste Werk, „Weißes Rauschen“, ist mit Sicherheit Baumbachs ambitioniertestes. Die Millionen, die Netflix in den Film gepumpt hat, werden in einen überragenden Cast (Adam Driver, Don Cheadle, natürlich Greta Gerwig und in einer Nebenrolle am Schluss Lars Eidinger) und überzeugende Spezialeffekte investiert, und doch bleibt der Film zuallererst ein typischer Baumbach-Film. Es passiert nicht viel, Menschen reden aneinander vorbei und treffen sich in Supermärkten. Für die literarische Vorlage hat Don DeLillo gesorgt, doch ist „Weißes Rauschen“ mehr Baumbach als DeLillo. Adam Driver spielt ein kurioses Mash-Up aus Woody Allen und Jeff Goldblum (die Dialogzeilen und die verhuschten Blicke scheinen von Woody Allen zu stammen, der körperliche Stoizismus, der die Dialoge begleitet, von Jeff Goldblum), und Greta Gerwig ist mit 80er-Jahre-Locken kaum wiederzuerkennen. Als Oberhäupter einer Patchwork-Familie müssen sie sich mit den Folgen eines Chemie-Unfalls auseinandersetzen, der das Familienleben auf eine harte Belastungsprobe stellt. Die scheinbare Nahtod-Erfahrung legt Risse frei, die sich unterhalb der Oberfläche durch die Familie ziehen. Das alles wird aber dermaßen nüchtern und beiläufig erzählt, dass es schwer ist, eine Bindung zu den Figuren aufzubauen. Schlimmer noch: Abgesehen von ein paar wirklich gelungenen Szenen plätschert der Film dermaßen ereignisarm vor sich hin, dass man Gefahr läuft, auf dem Sofa friedlich einzubüseln. „Weißes Rauschen“ macht es dem Zuseher nicht leicht. Wenn der Abspann mit einer witzigen Tanzeinlage der gefühlte Höhepunkt des ganzen Films ist, dann läuft in den zwei Stunden davor etwas grundlegend falsch. Es gibt zugänglichere Baumbach-Filme.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von WILSON WEBB/NETFLIX © 2022/WILSON WEBB / NETFLIX ©2022 – © 2022 NETFLIX, Quelle http://www.imdb.com)

Master & Commander – Bis ans Ende der Welt (2003)

Regie: Peter Weir
Original-Titel: Master and Commander: The Far Side of the World
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Historienfilm, Kriegsfilm, Drama, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Master and Commander: The Far Side of the World


Ein in meinen Augen unterschätztes Kleinod ist Peter Weirs Abenteuerfilm „Master & Commander – Bis ans Ende der Welt“. Vielleicht liegt es daran, dass eine Verfolgungsjagd via Schiff halt weniger spektakulär und rasant ausfällt als mit aufgemotzten Sportwagen. Auf „Verfolgen Sie dieses Schiff!“ folgt halt erst einmal „Holt den Anker ein!“ – „Setzt die Segel!“ – „Zwölf Grad Backbord!“ Und so weiter. Bis man den verfolgten Kahn eingeholt hat, ist eine Galapagos-Schildkröte locker mal um die ganze Insel gelaufen. Apropos Galapagos: Die spielen hier eine nicht minder wichtige Rolle als Russell Crowe und Paul Bettany. Denn die kommt den gegensätzlichen Plänen des Kapitäns des Kriegsschiffs HMS Surprise und dessen Freund und Schiffsarzt in die Quere. Der Schiffsarzt möchte verständlicherweise Inselurlaub machen, um unerforschte Arten zu entdecken. Der grimmige Kapitän aber hat den Auftrag, das französische Kriegsschiff Acheron zu kapern. Und weil es immer so ist, dass der Ober den Unter sticht, kann sich Bettany seine neuen Arten wortwörtlich aufzeichnen. Aber er ist ohnehin bald damit beschäftigt, von Kanonenkugeln zerfetzte Leiber wieder zusammenzuflicken. „Master & Commander“ ist ein ruhiger, handlungsarmer, aber dafür umso intensiverer Kriegsfilm. Gezeigt wird ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem britischen und dem französischen Schiff, wobei nicht immer klar ist, wer gerade die Katze und wer die Maus ist. Russell Crowe und Paul Bettany als befreundete Offiziere haben eine gute Chemie. Dazu kommt, dass das raue Leben an See so dreckig und ungeschönt gezeigt wird, wie es nun mal war. Es ist schade, dass Peter Weirs Film aus dem Jahr 2003 das einzige Abenteuer von Kapitän Aubrey und Schiffsarzt Dr. Maturin blieb. Die literarischen Vorlagen dazu hätten wohl noch so viel mehr hergegeben.


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2003 Twentieth Century Fox Film Corporation and Universal Studios and Miramax Film Corp. All rights reserved, Quelle http://www.imdb.com)