Oscars 2017 – schmerzlich vermisst

In der Nacht von Sonntag auf Montag ist es wieder so weit, und die Academy of Motion Picture Arts and Sciences vergibt ihre alljährlichen Goldmännchen. Schon jetzt zeichnet sich ein ziemlicher Durchmarsch von Damien Chazelles „La La Land“ ab, was man gut finden kann oder nicht (ich find’s gut), aber während alle Welt rätselt, wie viele Oscars es am Ende für die Neuinterpretation des Musicals werden, möchte ich das Scheinwerferlicht auf jene richten, die aus meiner Sicht leider und unverständlicherweise bei den Nominierungen übergangen wurden. Hier also die Liste der schmerzlich Vermissten.

Nocturnal Animals (als bester Film)
Neun Filme wurden als Best Picture-Kandidaten nominiert. Tom Fords „Nocturnal Animals“ ist nicht darunter. Leute, was ist los mit euch? Ihr könnt bis zu 10 Filme nominieren, und wenn ihr den zehnten Platz schon nicht „Deadpool“ geben wollt (was ich verstehe, ein spaßiger Film, keine Frage, aber Oscar-Kandidat?), dann nehmt doch wenigstens dieses subtil-verwinkelte, Genregrenzen sprengende, stilistisch und schauspielerisch herausragende Selbstfindungsthrillerdrama! Eine einzige Nominierung (verdientermaßen) für Michael Shannon? C’mon! Und da wären wir schon bei den nächsten Abwesenden:

Aaron Taylor-Johnson (für Nocturnal Animals)
Die Golden Globe-Jury hat erkannt, was für eine Wahnsinnsleistung Taylor-Johnson als Antagonist in „Nocturnal Animals“ hingelegt hat. Für ihn gab es die verdiente Auszeichnung. Und für den Oscar ist er nicht einmal nominiert? Völlig unverständlich aus meiner Sicht. Der ehemalige Nerd aus Kick-Ass spielt mit einer subtilen und unglaublich kontrollierten Leistung einen der eindrücklichsten und menschlichsten Filmbösewichte seit langem. Ich freue mich ja sehr für Michael Shannon, der als bester Nebendarsteller nominiert wurde, aber ich könnte nicht sagen, wer von den beiden mehr Eindruck hinterlassen hat. Es hätten beide nominiert gehört.

Amy Adams (für Nocturnal Animals, Arrival und alle Filme, die sie vorher gedreht hat)
Die vielleicht beste Schauspielerin ihrer Generation auf Leonardo DiCaprios Spuren. Schon oft und verdientermaßen nominiert, konnte sie bis dato keinen einzigen Oscar gewinnen. Möge sich das – wie auch für DiCaprio – bald ändern. Was mir nicht ganz einleuchtet ist, warum sie dieses Jahr mit gleich zwei herausragenden Leistungen (in „Nocturnal Animals“ und „Arrival“, wobei v.a. die fehlende Nominierung für zweiteren Film verwundert, da „Arrival“ ja insgesamt vielfach nominiert wurde) keine weitere Chance hat, ihren oscarlosen Zustand zu ändern. Beide Rollen hätten eine weitere Nominierung jedenfalls gerechtfertigt.

Tom Ford (für Nocturnal Animals)
Noch einmal das leider gnadenlos unterschätzte „Nocturnal Animals“. Keine Oscar-Nominierung für Tom Ford, weder als Regisseur noch für das Drehbuch. In beiden Kategorien hat er mit einer sehr eigenständigen und stilistisch individuellen Arbeit mit hohem Wiedererkennungswert Herausragendes geleistet. Stattdessen ist als bester Regisseur u.a. Mel Gibson für „Hacksaw Ridge“ nominiert. Wie zum Geier konnte das passieren?

Neruda (als bester fremdsprachiger Film)
Eine stille Träne verdrücke ich für Pablo Larráins meisterhafte Mischung aus Biopic und Film Noir über die Flucht des Dichters und Kommunisten Pablo Neruda aus Chile. Stilistisch sehr eigenständig, großartig gespielt, mit einem tollen Drehbuch und klugen Dialogen, spannend und mit einem augenzwinkernden Humor hat der Film wirklich alles, was einen guten Film für mich ausmacht. Ich muss zugeben, dass ich erst einen der Nominierten für den besten fremdsprachigen Film gesehen habe („Toni Erdmann“, für mich etwas überschätzt) – drei weitere werde ich bis zum Wochenende noch sehen – aber ich glaube nicht, dass die weiteren nominierten Filme alle besser sind als „Neruda“. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen.

Weiner (als beste Dokumentation)
Ich sehe selten Dokumentationen, das muss ich zugeben. Dennoch ist „Weiner“ für mich nicht nur Anwärter auf die Dokumentation des Jahres, sondern auch schlicht einer der besten Filme, die ich letztes Jahr gesehen habe. Das Porträt eines unglaublich charismatischen US-Politikers mit einer wirklich unfassbaren moralischen Schwäche ist witzig, extrem gut gemacht und geschnitten, intelligent und überraschend intim. Dabei wird auch die Rolle der Medien und der Öffentlichkeit beleuchtet, verweist also auf ein Thema, das größer ist als ein Politiker, der Fotos von seinem Schniedel verschickt. Wäre für mich ein logischer Oscar-Kandidat gewesen.

Worüber ich noch nichts sagen kann, da der Film noch nicht angelaufen ist, ist „Silence“ von Martin Scorsese. Im Vorfeld als einer der großen Favoriten gehandelt, musste sich der Film mit einer Nominierung für die beste Kamera begnügen. Das kommt doch etwas überraschend.

So, das war mein Rant des Tages. Und jetzt freue ich mich wieder auf den Sonntag und die Oscar-Verleihung, die ich wieder live im Kino mitverfolgen werde. Hail to the Freaks!

Mitdiskutieren über Vermisste, überraschend doch Nominierte, Tipps, Favoriten, Außenseiter und Popcorn ist jederzeit erwünscht.

2 Kommentare

  1. Jo, mir tuats a lad um die Amy Adams, die hätt sies echt verdient fir ARRIVAL und NOCTURNAL ANIMALS. I glaub fost, da Harvey Weinstein, der Hundling, hot do wos deixlt, damit jo die Emma Stone gwinnt – wos net da Foi gwesn warat, hättat die Amy ihre 6. Nominierung kriagt. Wuascht, gwinnts hoit nächstes Joahr. Oda übanächstes.

    A schod : bei de Animationsfüm hobns YOUR NAME ausglossn.

    Gsponnt bin i jo, ob da Kevin O’Connell endlich gwinnt. Wos, den kennts net ? I a net. Des is a Tontechnika, die oarme Sau woar scho 21x nominiert und hot nie gwunnan, Rekord ! Jeder ondre tatat si üba a Nominierung gfrein – der kriagt sicha an Gachn …

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    1. Von dem armen Tontechniker wusste ich schon – mir war nur der Name entfallen. Na ja, aller guten Dinge sind 21, wie man so schön sagt. ;-) Ich hoffe aber, dass die Amy mit weniger als 21 Nominierungen auskommt, ehe sie den ersten Goldmann als Briefbeschwerer auf den Schreibtisch stellen darf.

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