Western (2017)

Regie: Valeska Grisebach
Original-Titel: Western
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Western


Die Einsamkeit und das Fremde – das sind zwei Leitmotive aller großer Western. Und diese Motive finden sich auch in Valeska Grisebachs Film „Western“ wieder, der das Westernsujet auf kluge Weise einsetzt, um in ruhigen Bildern die Geschichte eines Trupps deutscher Bauarbeiter zu erzählen, die in der Nähe eines bulgarischen Dorfes ein Wasserkraftwerk bauen soll. Mitten darunter der schweigsame Einzelgänger Meinhard (mit einer unfassbaren Präsenz verkörpert vom Laiendarsteller Meinhard Neumann), ein Mann mit eigenem Moralkodex, auch wenn er kaum zum Helden taugt. Aber er ist es, auf den sich der Film fokussiert, und es ist der stoische Meinhard, der den ersten Kontakt zu den Einheimischen im Dorf aufbaut, der Anschluss findet mit wenigen Worten und Gesten. Man beginnt allmählich, sich zu verstehen, und das auf einer tieferen Ebene, als es durch Worte, durch eine gemeinsame Sprache, möglich wäre. In einer sehr eindrucksvollen Szene sitzen Meinhard und Adrian, sein Vertrauter aus dem Dorf, an einem Abend zusammen und Meinhard beginnt, von seinem verstorbenen Bruder zu erzählen, und auch wenn Adrian kein einziges Wort versteht, spürt er dem Klang und dem Gesichtsausdruck Meinhards nach, begreift, worum es geht („Du erzählst gerade etwas sehr Trauriges“), und die beiden Männer finden auf diese Weise zu einem echten Gespräch, das mehr durch Blicke und Gesten geführt wird, aber in dem alles gesagt und alles verstanden wird. „Western“ erzählt also die Geschichte einer Annäherung, die nicht konfliktfrei ist, wo unterschiedliche Interessen und Lebensweisen und Ansichten aufeinandertreffen, wo aber auch am Ende ein Hoffnungsschimmer aufkeimt, dass das Gemeinsame über dem Trennenden steht, dass es so etwas wie Heimat auch in der Fremde geben kann, dass es etwas universell Menschliches gibt, das uns alle verbindet. Dabei umgeht „Western“ klug sämtliche Fallstricke klischeeinduzierter Erwartungshaltungen. Die Konflikte biegen oft in andere Richtungen ab als erwartet, niemand ist fehlerfrei, es gibt keine Helden und keine Antagonisten, nur Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, und sie zeigen sich manchmal von ihrer guten und manchmal von ihrer schlechten Seite. Meinhard ist da keine Ausnahme. Auch wenn wenig passiert und Vieles nur angedeutet, aber nicht auserzählt wird, so ergibt sich am Ende dennoch ein stimmiges Gesamtbild, und wenn am Ende die Musik läuft und die Leinwand dunkel wird, hat man zumindest für einen kurzen Augenblick das Gefühl, etwas mehr über das Menschsein verstanden zu haben.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino)

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