Kopfstand (1981)

Regie: Ernst Josef Lauscher
Original-Titel: Kopfstand
Erscheinungsjahr: 1981
Genre: Drama
IMDB-Link: Kopfstand


Das erste, was an „Kopfstand“ auffällt, ist die unglaubliche Matte des blutjungen Christoph Waltz. Aber gut, wir alle waren mal jung – manche von uns sind es sogar noch, andere, so wie ich, immerhin nur noch mitteljung. Wenn man sich erst einmal an die wallende Löwenmähne gewöhnt hat und das markante Kinn darunter dem erfolgreichsten österreichischen Schauspieler seit Karlheinz Grasser korrekt zugeordnet hat, kann man sich auf die Geschichte konzentrieren – und die hat es in sich. Der junge Markus wird nämlich aufgrund eines familiären Auszuckers und eines Missverständnisses in die Psychiatrie eingewiesen, wo man den unkooperativen Rebellen mit Pulverchen und Elektroschocks bearbeitet. „Einer flog über das Kuckucksnest“ lässt grüßen. Und wie auch in dem Hollywood-Klassiker mit Jack Nicholson wird hier kein allzu erbauliches Bild gezeichnet. Drinnen findet man Verbündete, vielleicht sogar Freundschaften, das schon, aber der Weg nach draußen ist verbaut durch Bürokratie und seelenlose, selbstherrliche Ärzte. Aber gut – wenn man erst mal raus kommt, was dann? Sind nicht außerhalb der Zäune der psychiatrischen Anstalt die eigentlich Wahnsinnigen zu finden? Der gewaltbereite, ignorante Stiefvater zum Beispiel? Die völlig überforderte Mutter, die Markus die Misere eigentlich erst eingebrockt hat? Der Film gibt darauf eine überraschende Antwort voller Zärtlichkeit, und es sind die Momente von echter Zuneigung und Freundschaft, die bleiben. Wenn Markus am Ende als besserer Mensch aussteigt, dann ist das kein Verdienst der Anstalt und auch nicht seiner Außenwelt, seiner Familie und Freunde, sondern ganz allein seiner – der Wille, der Grausamkeit der Welt, die er soeben kennengelernt hat, ein wenig Freundlichkeit entgegenzusetzen. Christoph Waltz verkörpert diesen anfänglich rebellischen Jugendlichen, der durch Selbsterkenntnis eine Läuterung erfährt, sehr zurückhaltend und nuanciert. Er zeigt hier eine große Wandlungsfähigkeit und Verletzlichkeit (an alle gerichtet, die nicht glauben können, dass Waltz auch anders spielen kann als in seinen oscarprämierten Paraderollen in „Inglorious Basterds“ und „Django Unchained“). Zwar hat der Film seine Längen und er wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen, aber das Grundthema und die guten schauspielerischen Leistungen fesseln auch heute noch. Humanistisches Kino, nüchtern und ohne Sentimentalitäten erzählt, aber deshalb nicht weniger dringlich.


7,0
von 10 Kürbissen

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