Raw (2016)

Regie: Julia Ducournau
Original-Titel: Grave
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Horror
IMDB-Link: Grave


Als „Raw“ 2016 in Toronto auf dem Filmfestival gezeigt wurde, fielen einige Zuseher in Ohnmacht und mussten medizinisch versorgt werden. Das Stadtkino-Publikum gestern hatte stärkere Mägen, und die Reaktionen auf den Film beschränkten sich auf entsetztes Aufstöhnen, gefolgt von hysterischem Gelächter. Aber die Reaktionen in beiden Fällen zeigen: „Raw“ ist heftig und bricht Tabus. Der Film handelt von der jungen Vegetarierin Justine, die an der Universität, auf der auch schon ihre ältere Schwester eingeschrieben ist, das Studium der Veterinärmedizin aufnimmt. Dabei muss sie mühsame und seltsame Initiationsriten durchlaufen – was darin gipfelt, dass sie als Vegetarierin rohe Hasennieren essen muss. Ihre Schwester nötigt sie dazu und enthüllt dadurch, dass sie selbst keine Vegetarierin mehr ist. Justines Reaktion auf das ungewohnte Fleisch fällt heftig aus: Sie bekommt überall am Körper einen juckenden Ausschlag. Und sie entwickelt seltsame Gelüste – auf Fleisch. Dieser Hunger lässt sich nur schwer stillen, wie sie herausfindet. Bald reicht ihr der Hamburger nicht mehr, und sie beißt in das rohe Putenfilet. Und als bei einem Unfall ihre Schwester einen Finger verliert, erweist sich dieser als schmackhaft wie ein Hühnerhaxen. Die Büchse der Pandora ist damit endgültig offen. „Raw“ ist eine etwas andere Coming of Age-Geschichte. Hinter dem Topos des Horrorfilms verbirgt sich nämlich die Frage nach verborgenen (und verbotenen) Gelüsten und Selbstkontrolle. Der Film taucht damit tief in die menschliche Natur ein. Wie wäre es um die Welt bestellt, wenn alle Menschen einfach nur ihren Trieben und Gelüsten nachgeben würden? In Extremsituationen sieht man oft, wie die gesellschaftlich konstituierte Schranke, die unsere niederen Triebe zurückhält, eingerissen wird. „Raw“ macht im Grunde das Gleiche – nur auf eine drastischere Weise, nämlich losgelöst von der Extremsituation, ins Symbolhafte gedreht und projiziert auf eine absolute Sympathieträgerin, denn die nerdige, fleißige, unschuldige und hübsche Studentin, die Tierärztin werden möchte, ist jene Figur, die man am weitesten entfernt von solchen extremen Gelüsten glaubt. Das macht es umso unangenehmer, wenn sie gierig das aus dem Fingerstumpen ihrer Schwester tropfende Blut aufleckt. Fazit: Nur etwas für Saumägen.


7,0
von 10 Kürbissen

2 Kommentare

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