Eine fantastische Frau (2017)

Regie: Sebastián Lelio
Original-Titel: Una Mujer Fantástica
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Una Mujer Fantástica


Ein älterer Mann führt eine junge Frau in ein Lokal aus und schenkt ihr einen Gutschein für eine Wochenendfahrt. Später tanzen sie. Sie küssen sich. Allmählich wird klar, dass die Frau Transgender ist. Sie fahren nach Hause zu ihm, gehen ins Schlafzimmer. Schnitt. Das nächste Bild: Er sitzt in der Nacht völlig geschockt mit aufgerissenen Augen am Bettrand und keucht. Was ist geschehen? Es sollte sich herausstellen, dass dieser Moment in „Eine fantastische Frau“ meine eigenen Vorurteile schonungslos aufzeigen würde. Denn mein erster Gedanke war: Jetzt hat der Mann erfahren, dass die Frau, mit der er intim geworden ist, männliche Geschlechtsorgane besitzt, und er ist davon schwer geschockt. Bei der Auflösung kurz später war ich schwer ertappt und erfuhr damit einen dieser seltenen und wunderbaren Momente, in denen man in Kino nicht nur etwas über fremde Welten, sondern auch über sich selbst erfährt. Denn Orlando, der ältere Mann, hat in diesem Moment einen Herzinfarkt, und Marina ist seine feste Freundin, seine Geliebte, und das schon seit längerer Zeit. Sie führen eine Beziehung, die auf Liebe und gegenseitigem Respekt und Akzeptanz beruht. Alles, was nun auf diesen Schreckensmoment, als Orlando keuchend im Bett sitzt, folgt, muss also von mir mit neuen, vorurteilsfreien Augen betrachtet werden. Und das ist eine der ganz großen Stärken von „Eine fantastische Frau“: Der Film ermöglicht ein Überdenken des eigenen Wertekatalogs und der Klischeefallen, in die man unter Umständen tappt. Er ermöglicht einen vorurteilsfreien Blick auf eine nicht ganz alltägliche, aber liebevolle und ehrliche Beziehung. Gleichzeitig geht es in diesem Film um Trauer, um Abschied, und ganz besonders um die persönliche Würde, um die Marina in vielen Momenten kämpfen muss – sei es gegen die Exfrau von Orlando, die seine letzte Liebe als sexuelle Perversion abtut (und damit auch Marina persönlich herabwürdigt), sei es gegen die Polizistin, die nach dem Tod von Orlando die Umstände seines Ablebens untersucht und die Marina der häuslichen Gewalt bezichtigt, sei es gegen die restliche Verwandtschaft, die Marina so sehr verachtet, dass sie ihr nicht einmal einen angemessenen Abschied im Rahmen der Trauerfeier für Orlando ermöglichen will. Immer stößt Marina auf diese Barrieren von Vorurteilen, doch weder zerbricht sie daran, noch entwickelt sie daraufhin Wut oder gar Hass. Sie ist nur um zwei Dinge bedacht: Das Bewahren ihrer Gefühle und Erinnerungen an Orlando, und ihre eigene Menschenwürde. Dafür setzt sie sich ein, ohne sich selbst auf das Niveau ihrer Peiniger hinunterzusetzen. Und das macht Marina wohl zu einer der größten Heldinnen dieses Kinojahrs. (Da kann selbst Wonder Woman einpacken.) Ein sehr schöner, stiller und zutiefst menschlicher Film.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

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