Gwendolyn (2017)

Regie: Ruth Kaaserer
Original-Titel: Gwendolyn
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Gwendolyn


Gwendolyn ist Mitte 60, von eher schmächtiger Statur, hat Krebs, der zu einer halbseitigen Gesichtslähmung geführt hat, und ist in ihrer Altersklasse dreifache Welt- und fünffache Europameisterin im Gewichtheben. Wenn die gebürtige Steirerin, die seit den 70ern in London lebt, nicht gerade im Fitnessstudio unter Anleitung ihres langjährigen Trainers Pat die Hanteln stemmt, geht sie mit ihrem ivorischen Freund Essen, mit ihrem Enkelsohn in den Tiergarten oder denkt darüber nach, welches Buch sie als nächstes schreiben möchte. Ihre Dissertation hat sie über alte babylonische Flüche geschrieben. Schnell wird klar: Gwendolyn, Gwen, wie sie von ihren Freunden genannt wird, ist eine wahrlich außergewöhnliche Frau. Hinter ihrer stoischen Art verbirgt sich, wenn man genauer hinsieht, eine scharfsinnige, willensstarke Persönlichkeit mit staubtrockenem Humor. Gwendolyn lässt sich nicht unterkriegen vom Leben, sie bleibt neugierig und abenteuerlustig. Eine Europameisterschaft in Aserbaidschan? Warum nicht. Mit eisernem Willen trainiert sie auf diesen Event hin, auch wenn sie ihre Arme kaum heben kann und alles schmerzt. „Wenn du Schmerzen hast, suche dir einen neuen Schmerz, der lenkt vom alten ab“, rät ihr Trainer Pat, und dieser Ratschlag unterstreicht, wie Gwendolyn tickt. Schmerzen gehören zu ihrem Leben. Aber diese sind kein Grund für sie, nicht auch Freude zu empfinden und Leistung zu bringen. Ruth Kaaserer setzt dieser inspirierenden Frau ein filmisches Denkmal. Schön ist, dass sich der Film ganz auf Gwendolyn konzentriert, ganz bei ihr ist, im Privaten wie im Öffentlichen, nicht bewertet, nicht hinterfragt, sondern sie einfach nur zeigt, wie sie ist. Gleichzeitig entsteht daraus auch die einzige nennenswerte Schwäche, die Ruth Kaaserers Porträt aufweist: Diese spannende Frau wird ganz im Hier und Jetzt gezeigt, die Hintergründe aber, wie sie zu dieser Frau geworden ist, bleiben verborgen und werden auch nicht hinterfragt. Man hat ein wenig das Gefühl, dass sie noch so viel mehr zu erzählen hätte, doch der Film stellt keine Fragen, er beobachtet nur, und wenn man Gwen nicht fragt, dann sagt sie eben auch nichts. Sie ist ganz bei sich – was Andere über sie denken, scheint zweitrangig für sie zu sein. Und so bleibt man auch als Zuseher ein wenig außen vor.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s