The Woman Who Left (2016)

Regie: Lav Diaz
Original-Titel: Ang Babaeng Humayo
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Ang Babaeng Humayo


Bei manchen Regisseuren empfiehlt es sich, zunächst einmal als Einstieg einen Kurzfilm anzusehen, um sich mit dem Stil vertraut zu machen und zu überprüfen, ob die Bildsprache und Komposition dem eigenen Geschmack entsprechen. So auch bei Lav Diaz. Bevor man sich also an seine Langfilme macht, kann man mal einen Blick wagen auf seinen nicht einmal 4 Stunden dauernden Kurzfilm „The Woman Who Left“, der erfreulicherweise gerade im Wiener Metro Kino läuft. Diese Gelegenheit musste ich nutzen. Und auch wenn der Film stellenweise aufgrund seiner Kürze arg gehetzt wirkt und man manche Handlungsstränge durchaus ordentlicher hätte auserzählen können, so ist dieser erste Appetithappen ein schmackhafter. Die Geschichte ist natürlich sehr ökonomisch angelegt (anders brächte man sie in der kurzen Spieldauer auch gar nicht unter): Eine Frau kommt nach dreißig Jahren aus dem Gefängnis, die sie unschuldig einsitzen musste. Ausgerechnet die Mitinsassin und gute Freundin war geständig, den Ehemann der Frau im Auftrag ihres Ex-Lovers aus dem Weg geräumt und ihr den Mord in die Schuhe geschoben zu haben. Nun ist die Frau auf Rache aus und fährt in die Stadt, in der sich ihr ehemaliger Liebhaber, ein mächtiger Gangsterboss, verschanzt hat. Dort lernt sie einige Außenseiter der Gesellschaft kennen: einen buckligen Straßenverkäufer, eine verrückte Obdachlose, einen viel geschundenen Transvestiten. Alle Kalauer mal beiseite – wie vielleicht schon zwischen den Zeilen angedeutet wurde, nimmt sich „The Woman Who Left“ wirklich viel Zeit für seine Geschichte und seine Figuren. Was vordergründig als Rachegeschichte a la „Kill Bill“ angelegt ist, entpuppt sich als sehr menschliches Drama rund um die Außenseiter dieser Geschichte, die immer mehr in den Vordergrund rücken. Horacia, die unschuldige Insassin, begegnet all diesen Menschen mit viel Respekt und Zuneigung, und allmählich treten die Rachegelüste zurück zugunsten einer Wertschätzung für das Leben im Generellen. Gedreht in formal strengem Schwarz-Weiß mit ruhigen, statischen Kameraeinstellungen (bis auf eine Ausnahme) konzentriert sich der Film dabei voll und ganz auf die Begegnungen seiner Figuren, auf die vielen zarten Momente des Kennenlernens und wachsenden Vertrauens. Viele dieser Momente wirken zunächst redundant, greifen aber nach und nach ineinander und tragen dazu bei, dass man als Zuseher den Figuren immer näher kommt. So überrascht es auch nicht, dass der Film in der ersten Hälfte tatsächlich einige Längen aufweist, in der zweiten aber mit jeder Einstellung interessanter wird, da einem die Figuren vertrauter sind, als wären sie nahe Verwandte, die einem ihre Geschichte erzählen. Am Ende findet der Film sogar wieder den Bogen zurück zu seinem Anfang, und die letzte Szene ist ambivalent und auf eine unbestimmte Weise erschütternd. Ein Meisterwerk, für das man viel Sitzfleisch benötigt und das sicherlich nicht jederzeit und in jeder Stimmungslage angesehen werden kann, das sich aber, am richtigen Tag gesehen, sehr lohnt und den Horizont des Zusehers erweitert.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 4 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmgarten)

10 Kommentare

      1. Nein, 8 Stunden+ find ich doch sehr abschreckend. Ich hab ja auch noch immer nicht SÁTÀNTÁNGO geschafft. Aber wenn sie irgendwann doch noch die erste Schnittfassung von GREED finden…

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      2. 8 Stunden oder mehr lösen bei mir jetzt auch erst mal keine Euphorie aus, wenn ich daran denke. Aber die 4 Stunden von „The Woman Who Left“ konnte man eigentlich ganz gut durchdrücken. Dank meiner jahrelangen Viennale-Erfahrung im „kontrollierten Dehydrieren“ im Vorfeld eines solchen Filmmarathons ging das auch ohne Pinkelpause. :-D

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  1. … a wenns imma haaßt auf die läng kummts net drauf an : i foah voi drauf o ! und so is a ana meina lieblingsfüm AI NO MUKIDASHI vom sion sono – 3h57 – und no dazua ka minutn fad. mei ersta diaz wird SEASON OF THE DEVIL …

    Gefällt 1 Person

      1. Oida, bin i waach in der Birn! Den kenne ich ja eh schon! Love Exposure. Vor vielen Jahren gesehen und für sehr abgefahren, aber sehr sehenswert befunden.

        (Notiz: Niemals vor dem ersten Kaffee posten!)

        Gefällt 1 Person

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