Nordrand (1999)

Regie: Barbara Albert
Original-Titel: Nordrand
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Drama
IMDB-Link: Nordrand


Das ist er also, der Wendepunkt des österreichischen Films. „Nordrand“ von Barbara Albert, 1999 angelaufen, entwickelte sich zu einem Festivalhit und war der erste österreichische Film seit Jahrzehnten, der in Venedig für den Goldenen Löwen nominiert wurde. Nina Proll konnte sogar den Preis für die beste Nachwuchsschauspielerin mit nach Hause nehmen. Plötzlich wurde der österreichische Film international wieder beachtet, und seitdem heimsen österreichische Filmschaffende bedeutende Filmpreise ein, Haneke und Ruzowitzky sind sogar Oscar-prämiert. Aber wie sieht es nun mit „Nordrand“ selbst aus, der Film, der quasi das Starterkabel für den stotternden österreichischen Filmmotor bereitstellte? Nun, es geht um alles, und es geht um nichts. Es geht primär einmal um die junge Erwachsene Jasmin (Nina Proll), die in einer dysfunktionalen Familie aufwächst (teilnahmslose Mutter, goscherte Kinder, gewalttätiger und sexuell missbrauchender Vater) und von ihrem Chef schwanger wird. Dass ihr so eine Schwangerschaft einmal passiert, überrascht niemanden, denn sie ist als promiskuitiv verschrien. Als sie die Schwangerschaft abbricht, trifft sie auf ihre ehemalige Schulkameradin Tamara (Edita Malovčić), gebürtige Serbin, die von ihrem Freund ebenfalls ungewollt schwanger geworden ist. So ein Erlebnis verbindet, und die alte Freundschaft flammt wieder auf. Weitere Handlungsstränge beschäftigen sich mit dem bosnischen Soldaten Senad (Astrit Alihajdaraj), ein Deserteur, der illegal über die Grenze nach Österreich eingewandert ist, und dem Rumänen Valentin (Michael Tanczos), der von Amerika träumt. Die Wege dieser vier jungen Menschen kreuzen sich, und für einen Moment sieht es so aus, als wäre ein glückliches Leben möglich. Doch was das Leben tatsächlich bringt, bleibt offen. Barbara Albert selbst erklärte, sie wollte einen Film über Nähe und Distanz machen, und diese Intention kommt klar durch. Allerdings mäandert der Film manchmal ein wenig zu sehr herum. Ich mag es prinzipiell, wenn Vieles in der Schwebe bleibt, wenn der Zuseher am Ende des Films die Geschichte weiterdenken kann, aber ein wenig mehr Struktur hätte Barbara Albert dem Zuseher schon an die Hand geben können. So ist „Nordrand“ mehr ein Gesellschafts- und Zeitporträt als eine interessante Geschichte. Auf jeden Fall kann man den Film wunderbar dazu verwenden, den jüngeren Österreicherinnen und Österreichern das Wien der 90er zu erklären: Den Soundtrack liefern die Kelly Family und Ace of Base, Jasmin arbeitet bei der Aida (dass es dieses rosafarbene Konditorei-Franchise auch heute noch gibt, gehört zu den großen Anachronismen des Universums), am Nationalfeiertag fahren vor begeisterten, Fähnchen schwingenden Vorstadthelden („Yeah, unser Heer! Wir brauchen des!“) die Panzer auf, während am Himmel die Draken vorbeistottern, zu Silvester wird vor dem Stephansdom der Donauwalzer getanzt, und ein junger Georg Friedrich raunzt sich durchs Drehbuch. Mehr Wien, mehr 90er geht nicht.


6,0
von 10 Kürbissen

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