A Woman Captured (2017)

Regie: Bernadett Tuza-Ritter
Original-Titel: A Woman Captured
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: A Woman Captured


Ich konnte ja bislang auf dem Crossing Europe Festival schon einige gute Filme sehen, aber der Film, der wohl am meisten hängenbleiben wird, ist die Dokumentation „A Woman Captured“ von Bernadett Tuza-Ritter. Eigentlich wollte Tuza-Ritter für ihr Filmstudium nur eine fünfminütige Dokumentation über einen Tag einer beliebigen Person drehen. Sie wusste, dass eine ihr bekannte Familie Haushälter beschäftigen würden – und so hatte sie die Idee, Marish, eine der Haushälterinnen, zu porträtieren. Während des Filmens stellte sie aber fest, dass etwas im Argen lag. Marish bekam keinen Lohn, ihr Pass und ihre ID waren von der Familie eingezogen worden, und sie erzählte von körperlichem Missbrauch. Unter der Bedingung, dass nur Marish zu sehen sein würde, und im Glauben, dass es sich immer noch um eine unverfängliche Darstellung eines normalen Arbeitstages handeln würde, willigten Eta und ihre Familie ein, dass Tuza-Ritter weiterdrehen durfte. Insgesamt 1,5 Jahre verbrachte sie mit Marish, und aus dem Kurzporträt der Frau wurde eine erdrückende Dokumentation über moderne Sklaverei und die wiederum zu einer Geschichte über eine Befreiung – möglich nur dank der Unterstützung von Tuza-Ritter, die Marish die ganze Zeit über beistand. Denn schon sehr früh in dieser Arbeitsbeziehung, die sich bald zu einer Freundschaft ausweitete, wusste Tuza-Ritter, dass sie die wichtigsten Regeln des Dokumentarfilmens, nämlich unbeteiligt und objektiv zu bleiben, außer acht lassen würde, um der Frau zu helfen. Zumal es die Behörden im Land nicht taten, denen solche Probleme zwar bekannt sind, die sie aber ignorieren. Heute noch leben laut Tuza-Ritter 22.000 Menschen in Ungarn in einem der Sklaverei ähnlichen Abhängigkeitsverhältnis und 1,2 Millionen innerhalb der Europäischen Union. Auch in Österreich gibt es laut dem Global Slavery Index immerhin 1.500 Menschen, die als moderne Sklaven arbeiten. „A Woman Captured“ ist ein aufrüttelndes Plädoyer dafür, sich diesem Problem endlich zu stellen. Gleichzeitig ist der Film ein einfühlsames Porträt einer unglaublich starken Frau, die von einem Leben in Terror zwar gezeichnet ist (die 53jährige sieht mindestens zwanzig Jahre älter aus), aber die dennoch ihren Lebensmut und ihren Humor nicht verloren hat. Die Szenen, in denen Tuza-Ritter Marish (die eigentlich Edit heißt, wie sie zu diesem Zeitpunkt erklärt – Marish war ihr Sklavenname, den ihr Eta gegeben hat) auf der Flucht und auf dem Weg in die Freiheit begleitet, möchte man eigentlich durchgehend bejubeln und beklatschen. Es macht sicherlich keine Freude, den Film anzusehen, zu sehr geht das Thema, geht das Schicksals von Marish an die Nieren, aber ich kann ihn uneingeschränkt empfehlen.

 


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival Linz)

Advertisements

2 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s