Hereditary – Das Vermächtnis (2018)

Regie: Ari Aster
Original-Titel: Hereditary
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Horror
IMDB-Link: Hereditary


Die in der Menschheitsgeschichte am meisten gestellte Frage ist wohl die nach dem Warum. Eine solche Frage stellte ich mir gestern auch wieder: Warum sitze ich Schisser allein im Kino in einem Horrorfilm, der noch dazu als besonders furchteinflößend beschrieben wird? Eine mögliche Antwort: Als Filmliebhaber sollte ich halt für alle Genres offen sein. Jedenfalls saßen ich und mein Popcorn (damit ich nicht ganz so allein war) hinter und neben und vor jungen Pärchen, die ihre Beziehung durch gemeinsame Grenzerfahrungen zu stärken versuchten. Das schien zu funktionieren. Auch meine Beziehung zum Popcorn wurde während der zwei Stunden von „Hereditary“ vertieft. Die Grundprämisse ist eine simple: Mutter (die überragende Toni Collette) von zwei Kindern samt stoischem Ehegatten (Gabriel Byrne, schön, ihn wieder mal gesehen zu haben) trauert um ihre Mutter, zu der sie ein ambivalentes, kaltes Verhältnis hatte, die aber gemeinsam mit der Familie die letzten Jahre unter einem Dach gewohnt hat. Und wie das so ist mit Familienbanden – ganz scheinen die auch nicht zu reißen, wenn Omi schon mit den Englein singen sollte. Offenbar ist es aber im Himmel fad, oder ihr wurde schlicht der Eintritt verwehrt, jedenfalls mehren sich die Zeichen, dass Omi hier im Haus noch was zu tun hat. Auch die Kinder sind irgendwie neben der Spur – der ältere Sohn fühlt sich missverstanden und ungeliebt, die jüngere Tochter scheint ihre Siebensachen nicht ganz beisammen zu haben, wirkt abwesend und macht ständig Klickgeräusche. (In „A Quiet Place“ hätte sie keine zwei Minuten überlebt.) Und wie das so ist bei Horrorfilmen, beginnt alles recht gemächlich, aber nach und nach werden die Daumenschrauben angezogen. Dabei ist „Hereditary“ ein Film, der nicht auf Schockeffekte durch billige Jump-Scares aus ist, sondern dem Zuseher das Gruseln nachhaltig beibringen will – über die gut gezeichneten und herausragend gespielten Figuren. Zeitweise könnte der Film auch eine magisch-realistische Abhandlung über Trauerarbeit sein – aber gegen Ende hin wird klar, dass das viel zu kurz gegriffen wäre und der Film Böses mit einem vor hat. Die letzten zwanzig Minuten konnte ich sehr konzentriert den Bezug des Kinosessels vor mir bewundern. Und mir die eingangs erwähnte Warum-Frage stellen.


7,0
von 10 Kürbissen

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2 Kommentare

  1. Hmmm…spannend wie unterschiedlich man Sachen sehen kann. Ich habe den Film die ersten 110 Minuten geliebt, so abgedreht, so verstörend, so anders, so beklemmend und so mysteriös…aber sobald der Showdown eingesetzt hat und man erneut die typische „Wir erklären euch jetzt mal gaaaanz genau was hier eigentlich los war und wiederholen es auch nochmal damit auch wirklich jeder versteht, was die letzte zwei Stunden hier eigentlich passiert ist“ – Schiene gefahren ist, hat mich der Film verloren. Wäre er seinem Konzept treu geblieben und hätte dem Zuschauer nicht alles auf einem silbernen Tablett präsentiert, wäre er für mich ein unmittelbarer Klassiker. So blieb leider ein leicht fader Nachgeschmack. Ganz ähnlich ging es mir übrigens bei Get Out letztes Jahr.

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