Waldheims Walzer (2018)

Regie: Ruth Beckermann
Original-Titel: Waldheims Walzer
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Waldheims Walzer


Wir Österreicher sind anständige Leute. Dass man uns aus dem bisschen Antisemitismus und den paar Massenmorden und Kriegsverbrechen einen Strick drehen will, ist eine ungeheuerliche Ungerechtigkeit. Wir waren ja Hitlers erstes Opfer. Das haben wir bis 1992 in der Schule gelernt. Und klar muss man mitlaufen und mitmachen, wenn es die Oberbefehlshaber verlangen. Es ist schließlich Krieg. Das ist immer eine scheußliche Sache. Da werden schon mal 2.000 Partisanen feige gemeuchelt, aber wir hatten ja schließlich auch Verluste zu beklagen. Die tapferen, anständigen Soldaten, die nur ihre Pflicht getan haben wie jeder Andere auch. Kurt Waldheim, Österreichs Bundespräsident von 1986 bis 1992 und davor langjähriger UN-Generalsekretär, war so ein anständiger Soldat. Kurz nach seinem Einzug ins Heer wurde er verwundet und konnte sich dadurch Gott sei Dank wieder seinem Studium widmen. Sein Pferd war halt noch in der SS, aber so ein Pferd hat manchmal eben auch seltsame Neigungen. Dafür kann man beim besten Willen nicht verantwortlich gemacht werden. Man kennt das ja aus der aktuellen Zeit: Da entwickeln diese Gäule plötzlich den unverständlichen Drang, für das Innenministerium zu arbeiten und auf Österreichs Straßen scharfe Patrouillen zu traben. Paramilitärische, waffennarrische, rassistische Mistviecher, aber wirklich! Auf manches kann man sich tatsächlich einfach keinen Reim machen, selbst wenn man mit einem solch begnadeten Dichtertalent gesegnet ist wie unser Herr Innenminister, der Gaulleiter. Das Pferd war es also. Nicht Waldheim. Dass der zufälligerweise auf dem Balkan herumturnt, als eben diese Tausende von Partisanen ermordet werden und noch mehr Juden aus Thessaloniki deportiert werden, ist nur ein seltsamer Zufall. Muss wohl ein anderer Waldheim gewesen sein. Oder eben das Pferd, verkleidet als Waldheim. Man weiß ja nie. Und dass diese Dokumente und Fotos gerade zur Zeit des Wahlkampfes für die Bundespräsidentschaft auftauchen, kann nur eine böse Verleumdungskampagne dieser hakennasigen Juden sein, die ja, wie man immer noch brav auf Knopfdruck vor sich her skandiert, das Geld und die Welt regieren. Nein, Waldheim war nur ein braver Soldat, ein christlicher Pazifist, schließlich der wichtigste Verfechter der Menschenrechte als UN-Generalsekretär, nicht wahr? Diese Juden! Und Moslems! Und Sozis! Und Bartträger! Und Hutträger! Und Vegetarier! Und Katzenliebhaber! Und Frauen! Und überhaupt! Und dann tummeln sich auch noch diese linksversifften, gottlosen Vaterlandsverräter auf dem Stephansplatz und demonstrieren ganz ungeniert und filmen das auch noch! Und die böse internationale Presse, Teil der zionistischen Weltverschwörung, greift diese Bagatelle, diese Nicht-News, auch noch auf und berichtet darüber und stellt komische Fragen. Da muss einem ja doch das Geimpfte aufgehen. Wir Österreicher lassen uns nicht vorschreiben, wen wir wählen und wen wir nicht wählen! Da könnte doch jeder kommen! Wir waren und sind ja immer die armen Opfer mit den kleinen Grenzen, und jetzt hat sich sogar die ganze Welt gegen uns verschworen! Skandalös. Da will man aus den Nazis plötzlich Nazis machen. Ungeheuerlich! Nein, der Kurtl, der war immer anständig. Und die Ruth Beckermann zeigt, wie anständig er wirklich war. Dazu braucht es nicht mehr als einen Zusammenschnitt diverser Nachrichtensendungen, Interviews und ihrer eigenen Aufnahmen aus dem Jahr 1986. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren. Und wenn man dann aus dem Kinosaal kommt, hat man das dringende Bedürfnis, ein Plakat zu malen und demonstrieren zu gehen. Denn der Teufel schläft nie. Der Österreicher aber schon. Und das ist das Problem.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

 

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