The Sisters Brothers (2018)

Regie: Jacques Audiard
Original-Titel: The Sisters Brothers
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Western
IMDB-Link: The Sisters Brothers


Es gibt kaum ein anderes Genre, das in der Dramaturgie und der Figurengestaltung so klar abgesteckt ist wie der Western. Wilde, freie, schießwütige  Männer mit Hüten, die die weite Wildnis durchstreifen – und am Ende liegen die meisten von ihnen blutend im Staub. Der Western ist so ein bisschen das McDonald’s-Essen unter den Filmgenres. Ganz gleich, wo man gerade is(s)t – man weiß, was man bekommt. Umso spannender sind dann jene Western, die diese Erwartungshaltung kennen – und sie dann unterlaufen. „The Sisters Brothers“, die erste englischsprachige Arbeit von Jacques Audiard, gehört zu diesen. Denn vordergründig ist erst einmal alles wie gewohnt: Die Brüder und Outlaws Charlie und Eli Sisters (grandios gespielt von Joaquin Phoenix und John C. Reilly, dem emotionalen Herzstück des Films) jagen im Auftrag des mysteriösen „Commodore“ einen Mann mit dem schönen Namen Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed). Dieser reist in Gesellschaft des eloquenten Reiseschriftstellers John Morris (Jake Gyllenhaal mit einer weiteren sehr gelungenen Leistung), nichts ahnend, dass jener Morris mit den Sisters Brothers zusammenarbeitet und Warm an sie ausliefern soll. Warm selbst ist auf dem Weg in den Westen. Es ist die Zeit des kalifornischen Goldrausches. Und er selbst gibt an, eine Formel entwickelt zu haben, die das Goldschürfen deutlich vereinfachen soll. So weit, so klassisch. Der Film folgt auch lange konventionellen Genremustern, die er überzeugend und originell inszeniert – seien es die Schießerei in der Nacht, das Campieren mit Bären, die langen Ritte durch die endlose Landschaft. Das alles ist zum Einen mit sehr schönen Bildern eingefangen, gleichzeitig aber auch auf eine interessante Weise bagatellisiert – wenn nämlich von der Schießerei beispielsweise nur gelegentlich aufblitzendes Mündungsfeuer zu sehen ist oder der Bär am Morgen tot im Camp liegt und man nicht gesehen hat, wie es dazu kam. Hier unterläuft Audiard schon einmal die Erwartungshaltungen des Zusehers, ohne aber wirklich aus dem Genre auszubrechen. Auch die grandiose Musik von Alexandre Desplat schlägt in diese Kerbe – sie deutet das Westerngenre an, interpretiert es aber deutlich moderner, als man das üblicherweise von diesen Genrefilmen kennt. Trotzdem: Bis zur letzten Viertelstunde ist „The Sisters Brothers“ ein gut gemachter, origineller, aber genre-typischer Western. Dann kommt das Ende. Und plötzlich begreift man, wohin der Film mit all seinen kleinen, fast unmerklichen Abweichungen vom Üblichen hin wollte. Und das überrascht und berührt – und ist gleichzeitig wahnsinnig konsequent. Nur dass Western bislang kaum so gedacht wurde.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

5 Kommentare

    1. Im Moment tingelt er noch auf diversen Festivals bzw. wird er in Frankreich regulär in den Kinos gezeigt (dort habe ich ihn auch gesehen). Ein allgemeiner Kinostart für den deutschsprachigen Raum ist noch nicht bekannt. Ich würde mal tippen, dass er nach der Festivalsaison bei uns in die Kinos kommt.

      Gefällt 1 Person

  1. ich persönlich fand ihn etwas enttäuschend, im vergleich zum buch, auch was die schiessereien betrifft teilweise. mir hätte es besser gefallen, wenn man wie im buch die warm-morris story nicht paralelle sähe, und das ende war etwas kitschig von der kamera her.

    Gefällt mir

    1. Das Buch kenne ich leider nicht, daher fehlt mir der Vergleich. Aber generell haben es Verfilmungen schwer, wenn man das Buch dazu kennt, finde ich. Es gibt nur wenige Verfilmungen, die mich wirklich rundum überzeugt haben. Dazu gehören „The Shawshank Redemption“ und „The Green Mile“.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s