Low Tide (2012)

Regie: Roberto Minervini
Original-Titel: Low Tide
Erscheinungsjahr: 2012
Genre: Drama
IMDB-Link: Low Tide


Roberto Minervini hat einen sehr eigenen Zugang zum Filmen, wie er im Q&A nach dem Screenings seines zweiten Langfilms „Low Tide“ im Rahmen der Viennale erzählt. Er arbeitet mit Laiendarstellern, hat nur wenig bis gar kein Script, filmt, ohne das Gefilmte zu überprüfen und anzusehen (das kommt erst im Schnitt), lässt die Filmrolle einfach laufen, bis sie zu Ende ist – und am Ende hat er einen Film oder nicht. Dadurch erhalten seine Filme einen dokumentarischen Anstrich, sie fangen tatsächlich das wahre Leben ein. Und dieses ist oft banal und repetitiv, wie man in „Low Tide“ sehen kann. Die Kamera folgt einem etwa zwölfjährigen Jungen, der mit seiner Mutter in ärmlichen Verhältnissen in einer Kleinstadt außerhalb von Houston, Texas, lebt. Oder sagen wir so: Er lebt dort, und seine Mutter stürzt gelegentlich betrunken mitten in der Nacht durch die Tür. Die meiste Zeit ist er völlig auf sich allein gestellt. Er macht den Haushalt, er macht sich selbst seine Ravioli warm, er fährt mit dem Fahrrad durch die Gegend, er sammelt Dosen auf, um das Dosenpfand einzukassieren, er wirft Steine ins Wasser – und gelegentlich hilft er seiner Mutter, die eine schlecht bezahlte Hilfsstelle in einem Pflegeheim hat, beim Einsortieren der Handtücher. Einzig zu Tieren hat er eine echte Beziehung. Gleich zu Beginn sieht man ihn, wie er mit einer zufällig auf dem Weg gefundenen Schlange spielt, neugierig und voller Respekt vor dem Tier. Dialog gibt es kaum einen, denn mit wem könnte er auch reden? Und während man sich als Zuseher noch fragt, wohin diese ganzen Alltagsbanalitäten in langen Einstellungen noch führen mögen, werden in den Wiederholungen, in der Langeweile allmählich die seelischen Verwundungen sichtbar. Man ahnt, dass das nicht gut ausgehen kann, man spürt förmlich die Verzweiflung des Jungen, der so völlig isoliert vor sich hin lebt, und so entwickelt der Film mit der Zeit einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Geduldig muss man dennoch sein, und Vieles ist tatsächlich einfach nur langweilig und redundant. Aber so ist das Leben schließlich auch. Die Schlusssequenz geht dann echt unter die Haut.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

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