The Wild Pear Tree (2018)

Regie: Nuri Bilge Ceylan
Original-Titel: Ahlat Ağacı
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Ahlat Ağacı


Zugegeben, wenn man insgesamt schon 6 Stunden Kino an einem Tag in den Beinen hat und dann noch um 9 Uhr abends in ein 3-Stunden-Epos hineinwankt, hat es dieser Film vielleicht etwas schwerer, als würde man ihn als einzigen Film des Tages genießen. Wenn sich ein solcher Film aber dennoch in der Form behaupten kann, dass der Rezipient beim Sichten nicht sanft einschlummert, ist das schon mal ein Qualitätsmerkmal. So gibt’s schon mal ein erstes Thumbs Up für Nuri Bilge Ceylans Vater-Sohn-Drama „The Wild Pear Tree“. Wort- und bildreich wird darin die Geschichte des jungen College-Absolventen Sinan erzählt, der zurück ins Dorf seiner Eltern kommt, bevor er sein Examen als Lehrer ablegen kann – oder zum Militär muss, falls er diese Prüfung nicht schaffen sollte. Sinan hasst sein provinzielles Dorf, und er hat die größten Probleme mit seinem Vater, ebenfalls Lehrer, der das gesamte Geld der Familie bei Pferderennen verwettet hat und auf einem trockenen Hügel einen Brunnen zu graben versucht. Als Spinner wird er abgetan, nicht nur von den sonstigen Dorfbewohnern, sondern auch von der eigenen Familie. Und ja, dieser Vater hat so seine Marotten. Er nimmt das Leben mit einem Augenzwinkern, wenig bis gar nichts ernst, vor allem sich selbst nicht. Als Vorbild taugt so ein Narr, wenn man ihn so bezeichnen will, wohl kaum. Sinan selbst wäre auf Geld angewiesen, denn gerade eben hat er seinen ersten Roman „The Wild Pear Tree“ fertig geschrieben, in dem er die sozialen Verhältnisse seines Heimatdorfes seziert, doch will ein solches Buch auch erst einmal veröffentlicht werden, und da Sinan keinen Verlag hat, braucht er dafür Geld – eben jenes Geld, das sein Vater augenscheinlich verzockt. Und schon brodelt er unterschwellig, der Konflikt zwischen Vater und Sohn, und es braucht drei lange Stunden, bis schließlich so etwas wie eine Annäherung aufgebaut wird. Die meiste Zeit über ist Sinan eigentlich nur ein selbstgerechter und egoistischer Arsch, der sich mit Gott und der Welt anlegt, und so gesehen ist „The Wild Pear Tree“ vor allem ein Entwicklungsfilm (angelehnt an den Entwicklungsroman), denn wenn jemand erst einmal Verständnis und Mitgefühl aufbauen muss, dann Sinan. Die Reise zu sich selbst ist psychologisch stimmig erzählt, wenngleich manchmal auch etwas langatmig – kein Wunder bei 188 Minuten Spielzeit. Und trotz gewisser Redundanzen und Episoden, die es in dieser Ausführlichkeit nicht gebraucht hätte, weiß der Film über die ganze Länge hinweg zu interessieren und findet zu einem zutiefst menschlichen und nachvollziehbaren Ende.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Viennale)

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