Free Solo (2018)

Regie: Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin
Original-Titel: Free Solo
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Free Solo


Es ist nicht bekannt, ob Alex Honnold die Musik von Tom Petty mag, aber ich bezweifle, dass sich dessen Song „Free Fallin“ auf der Playlist des Extrem-Bergsteigers befindet. Alex Honnold ist aus der Sicht eines leicht übergewichtigen, recht unsportlichen und faulen Bürohengstes (sämtliche Ähnlichkeiten mit real lebenden Personen oder Kürbissen sind rein zufällig) mit Verlaub völlig irre. Denn seine Leidenschaft gilt dem Free Solo, das heißt: ohne Seil die ärgsten Felswände hochkraxeln. Jeder kleinste Fehler führt dazu, dass es rasant nach unten geht, bis man auf dem Boden der Tatsachen landet. Und in dem Fall (diese Doppeldeutigkeit ist durchaus beabsichtigt) heißt das, dass man sich künftig die Radieschen (und Berge) von unten ansehen wird. Oder wie es in der Dokumentation über die Besteigung der imposanten Felswand El Capitan im Yosemite-Nationalpark mal sinngemäß heißt: Diese Wand Free Solo zu besteigen, ist ungefähr gleichzusetzen wie der Gewinn einer olympischen Goldmedaille in einer Sportart, in der alle ab dem zweiten Platz sterben. Man muss sich also schon sicher sein, diese verdammte Goldmedaille zu gewinnen, wenn man sich an dieses Abenteuer wagt. Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin, selbst passionierte Bergsteiger, die mich schon mit ihrem Film Meru überzeugen konnten, folgen in einem recht klassischen dokumentarischen Ansatz den Vorbereitungen von Alex Honnold auf dieses Wagnis. Doch schon bald entspinnen sich daraus recht spannende zweite Ebenen: Zum Einen kommt die Filmcrew bald an den Punkt, wo sie sich die Frage stellen müssen, ob das Risiko eines Absturzes durch ihre Anwesenheit nicht maßgeblich vergrößert wird – und das nicht nur wegen etwaiger störende Kameradrohnen und vom Filmteam gelösten Steinchen, sondern auch, da die bloße Tatsache, dass der Aufstieg gefilmt wird, bei Honnold dazu führen könnte, mehr Risiko zu nehmen als er allein ohne Kamerabegleitung nehmen würde. Zum Anderen entfaltet sich das Porträt eines Mannes, der Schwierigkeiten mit emotionalen Bindungen und Reaktionen hat, aber eine Beziehung eingeht, die durch diese fehlende Empathie und durch das enorme Risiko eines verfrühten Ablebens auf eine harte Probe gestellt wird. Der heimliche Star des Films ist Alex‘ Freundin Sanni, die jede Minute mit dem Schlimmsten rechnen muss, aber keine Forderungen stellt in dem Wissen, dass man einem Menschen nicht das, was er am meisten liebt (sogar mehr noch als die Partnerin) wegnehmen kann, ohne die Beziehung zu zerstören. Genau diese Zwischentöne machen „Free Solo“ neben den zu erwartenden spektakulären Kletter-Bildern zu einem sehenswerten Film, über den man gerne noch länger nachdenkt und der in meinen Augen auch verdient mit einem Oscar für den besten Dokumentarfilm gewürdigt wurde.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

2 Kommentare

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