Mid90s (2018)

Regie: Jonah Hill
Original-Titel: Mid90s
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Mid90s


Der Freund, der mit mir im Kino war, drückte es nach dem Abspann wohl am besten aus. Mit einem fassungslosen Grinsen meinte er: „Wie haben wir die 90er bloß überlebt?“ Und ja, wenn man Jonah Hills Regie-Debüt Glauben schenken kann, war das eine echt verrückte Zeit. Die 90er waren ein Jahrzehnt, indem plötzlich alles möglich war – und nichts. Man konnte in Flanellhemden zum Rock-Idol werden. Auf Skateboards die Welt erobern. Sich die Zeit mit Videospielen vertreiben. Gleichzeitig war die Zeit aber auch geprägt von einer Ratlosigkeit, was die Zukunft betraf. Von einer immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen den Habenden und den Nicht-Habenden. Zwischen den Coolen und Uncoolen. Plötzlich war es wichtig, welche Kleidung man trug, welches Board man fuhr, welche Musik man hörte. Darüber wurde Zugehörigkeit definiert, und Außenstehende gnadenlos abgegrenzt. Jonah Hill hat einen brillanten Film über genau das gedreht: Zugehörigkeit, Anerkennung, Freundschaft, die Suche nach einer Zukunft. „Mid90s“ ist warmherzig, und obwohl er den Zuseher, der in dieser Zeit aufgewachsen ist, in eine nostalgische Stimmung versetzt, beschönigt er nichts. „Mid90s“ könnte auch eine Dokumentation über jugendliche Skater sein. Es passiert nicht viel, aber man spürt, wie hier etwas zusammenwächst und sich etwas entwickelt. Im Mittelpunkt steht der von Sunny Suljic großartig verkörperte Stevie, der sich einer Gruppe von Jugendlichen anschließt. Freundschaften wie Feindschaften entstehen fast beiläufig. Das Aufwachsen ist kein mühsamer Akt, sondern geschieht organisch. Erfahrungen werden gemacht. Man stürzt, steht wieder auf, fährt weiter. Nicht alles ist dabei gut und hilfreich, aber es gehört alles dazu. Selten habe ich einen Film gesehen, der sich so natürlich und ungekünstelt anfühlt, der sich nicht (auch nicht subtil) darum bemüht, eine Botschaft an die Zuseher zu bringen, und gerade dadurch Essentielles vom Leben vermittelt. Dabei ist „Mid90s“ auch auf einem erstaunlich hohen handwerklichen Niveau angesiedelt. Die Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird, mit Aussparungen, mit raffinierten, aber nie aufdringlichen Schnitten, mit dem immer auf den Punkt gebrachten Einbau des Soundtracks, das alles zeugt von großem Können. Überhaupt der Soundtrack: Neben erwartbaren Songs aus den 90ern (die allerdings allesamt aus der Nische kommen, selbst von Nirvana wurde nichts Offensichtliches genommen, sondern ein Song von ihrem Unplugged Live-Album) steuern Trent Reznor (der Nine Inch Nails-Mastermind) und sein kongenialer Partner Atticus Ross den vielleicht besten Original-Soundtrack des Jahres bei, der genau die oben angesprochenen Themen des Films auch akustisch erfahrbar macht. Bei „Mid90s“ wirkt einfach alles wie aus einem Guss. Ich bin schwer verliebt in diesen Film. Die Bewertung könnte sogar noch weiter steigen.


9,0
von 10 Kürbissen

4 Kommentare

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