Normal (2019)

Regie: Adele Tulli
Original-Titel: Normal
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Normal


Was ist normal? Eine einfache Frage mit einer schwierigen Antwort. Fragt hundert Menschen auf der Straße, was für sie Normalität bedeutet, und ihr werdet hundert verschiedene Antworten und Sichtweisen bekommen. Normal ist für den Einen, dass zwei Menschen, die sich lieben, den Bund der Ehe eingehen können. Normal ist für den Anderen, dass die Ehe nur zwischen Mann und Frau möglich ist. Und für einen Dritten ist ein Zusammenleben ohne ehelichem Bund normal. Um nur ein Beispiel zu nennen. Adele Tulli findet in ihrem dokumentarischen Essay-Film einige sehr einprägsame Beispiele für in unserer Gesellschaft auf breiter Basis wahrgenommene Normalität, die sich bei genauerem Blick aber als Absurdität entlarvt. Wenn beispielsweise in einer Fabrik am Fließband rosa gefärbte Spielzeug-Bügelbretter für Mädchen gefertigt werden während daneben die blau gefärbten Spielzeuge für Burschen verpackt stehen, dann wird jedem, der das sieht, die Absurdität dieser gesellschaftlichen Norm bewusst. Oder wenn Tulli bei einem Junggesellinnenabschied kreischende Mädchen und eine peinliche berührte Braut in spe zeigt, wie sie Kuchen in der Form eines Penisses anschneiden und lasziv verspeisen. Oder bei der Gruppe von Müttern im Park, die mit ihren Kinderwägen Gymnastikübungen aufführen. Oder bei dem Sohn, der von seinem Vater noch martialische Anfeuerungen vor einem Motorrad-Rennen für Kinder mitbekommt. Das alles wirkt lächerlich und absurd und zeigt allzu deutlich die Geschlechterrollen auf, in die sich unsere Gesellschaft hineinmanövriert hat. All das ist sichtbar im Alltag – nur wird es dort nicht wahrgenommen. Im Gegenteil: Allzu selbstverständlich unterwerfen wir uns diesem Diktus der Normalität, denn wir kennen es nicht anders. Und ich frage mich, wie lange es wohl dauern wird, bis das glückliche schwule Paar bei der Hochzeit zur Normalität wird. Wohl erst dann, wenn wir uns nicht mehr bewusst sind, dass es ein schwules Paar ist, dass da heiratet, sondern einfach nur zwei Liebende. Adele Tulli ist mit „Normal“ ein unaufgeregter und unspektakulärer Film geglückt, der uns vor einfache und gut bekannte Situationen stellt und uns damit vor Augen führt, wie absurd diese eigentlich sind, wenn man genau hinschaut. Sie schärft damit den Blick, und das tut uns allen gut.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

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