Inland (2019)

Regie: Ulli Gladik
Original-Titel: Inland
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Inland


Gitti, Alexander und Christian sind recht leiwande, kommode Leute. Gut möglich, dass man einfach mal zufällig in einem Wirtshaus zusammensitzt und bei einem Bierchen (oder in meinem Fall: einem Achterl Wein) über Gott und die Welt plaudert und sich dabei gut versteht. Vielleicht kommt dann irgendwann die Sprache auf Politik, und da werden sich dann Differenzen zeigen. Ah, ihr habt also die Blauen gewählt? Warum eigentlich? Ulli Gladik hat genau das getan: Sich mit drei FPÖ-Wählern an einen Tisch gesetzt und mit ihnen geredet bzw. sie reden lassen. Immerhin haben wir eine türkis-blaue Regierung, die von einer Mehrheit der österreichischen Wählerinnen und Wählern legitimiert ist. Zu erfahren, was diese Menschen denken – von der Partei, die sie gewählt haben und einige Monate später auch von ihren bisherigen Taten – ist durchaus spannend und gerät dank Gladiks behutsamer und respektvoller Inszenierung nie zur Nabelschau. Was sich dabei zeigt: zu erwartende Widersprüche, wenn beispielsweise Christian zu Beginn der Doku durch den zehnten Wiener Gemeindebezirk spaziert und kopfschüttelnd über einen türkischen Friseurladen meint: „Da wirst als Österreicher eh nie drangenommen“, ehe er am Ende des Films sehr zufrieden über das tolle Preis-Leistungs-Verhältnis seine Haare von einem türkischen Friseur (der noch dazu eh österreichischer Staatsbürger ist) schneiden lässt. Was sich auch zeigt: wie geschickt es die FPÖ versteht, durch das Schüren diffuser Ängste und Sorgen jene für sich zu gewinnen, die letzten Endes durch ihre Politik noch ärmer gemacht werden. Ein Schlüsselsatz fällt, als Ulli Gladik den arbeitslosen Alexander fragt, als sich jener in Widersprüche verwickelt, ob es ihm tatsächlich lieber sei, wenn er ihm selbst schlechter ginge, solange es den Ausländern und Migranten ebenfalls schlechter ginge, als wenn es allen besser ginge. Der überlegt kurz und bestätigt dann, dass er das tatsächlich bevorzugen würde. Hauptsache, den Ausländern gehe es schlechter. So sehr hat sich das Mantra, dass Zuwanderung an allem Übel schuld sei, durch die Propaganda der blauen Partei in die Köpfe dieser Menschen gebrannt. Die Gastwirtin Gitti wiegelt nur ab, als Ulli Gladik versucht, mit Fakten ihren Fehlinformationen entgegenzutreten: Das sei ihr alles zu hoch. Sie könne nur das bewerten, was sie im täglichem Umfeld wahrnehmen würde. Immobilienblasen, Steuererleichterungen für Konzerne, das alles verstehe sie nicht. Die Stärke des Films ist, dass man ihr diese Unwissenheit nicht vorwerfen möchte. Man versteht diese vom Leben desillusionierten Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben, auch wenn man ihnen mit der eigenen Meinung diametral gegenübersteht. Und plötzlich wäre es interessant, mal selbst mit einem Christian, einem Alexander, einer Gitti zu reden. Wer weiß, was das auslösen würde? Immerhin heißt es ja: Durchs Reden kommen die Leute zusammen. Und ein bisschen Verständnis für die jeweils andere Position auf beiden Seiten könnte schon dazu führen, künftig konstruktiver miteinander umzugehen und sich nicht nur auf sozialen Medien zu beflegeln.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm Verleih)

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