Diego Maradona (2019)

Regie: Asif Kapadia
Original-Titel: Diego Maradona
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation, Sportfilm
IMDB-Link: Diego Maradona


Sitzt du in einer Runde von Fußballfans und möchtest dich mal für ein, zwei Stunden aus der Diskussion zurückziehen oder aber auch einfach ein bisschen Spaß haben, stelle ganz unschuldig die Frage: „Und wer war jetzt eigentlich besser? Maradona oder Pelé?“ Die Fußballfans werden dann mal eine ganze Weile lang beschäftigt sein, sich Argumente und Gegenargumente an den Kopf zu werfen, und wenn du das in Südamerika machst, artet das vielleicht noch in eine handfeste Schlägerei aus. Unbestritten ist aber, dass Diego Maradona ein fußballerisches Genie war und eine äußerst ambivalente Persönlichkeit ist. Der bereits mit einem Oscar für „Amy“ ausgezeichnete Regisseur Asif Kapadia wühlte sich durch mehr als 500 Stunden Archivmaterial zum Leben von Maradona und konnte neben fünf persönlichen Interviewterminen mit dem Star auf eine sehr außergewöhnliche Quelle zugreifen: Maradona beschäftigte nämlich während seiner aktiven Zeit zwei Kameramänner, die ihn Schritt für Schritt begleiteten. Das allein sagt schon einiges über die Persönlichkeitsstruktur des zunächst als Halbgott (bis Gott) verehrten Fußballers, der dann so tief fiel. Jedenfalls konnte Kapadia somit auf sehr intime, unglaublich nahe Aufnahmen zugreifen, die unter Anderem auch das Privatleben von Maradona beleuchten. Aus dem Off kommen dazu die Stimmen von Weggefährten und Angehörigen – seiner Schwester, seiner Frau, seinem Fitnesstrainer, Journalisten und ehemalige Mitspieler. Bei einem solchen Vorhaben besteht natürlich die Gefahr, sich zu verzetteln, alles zu wollen und damit nichts zu erreichen. Kapadia umschifft diese Klippe routiniert, indem er sich einzig auf die prägenden Jahre zwischen 1984 und 1990, seiner erfolgreichen Zeit bei Napoli konzentriert. Diese eher mittelmäßige Mannschaft führte er quasi im Alleingang zu zwei italienischen Meistertiteln, und auch mit der argentinischen Nationalmannschaft bestritt er zwei WM-Endspiele, wovon er eines gewann. In diese sportlich so erfolgreiche Phase liegt aber auch die Wurzel für den Untergang. Sein Kokainkonsum liegt darin begründet, die Beziehungen zur Camorra, in die er blauäugig geschlittert ist, sind auch damit in Zusammenhang zu bringen. Das alles erzählt Kapadia anhand der Archivaufnahmen, ohne anzuklagen. Vielmehr ist er daran interessiert, zu zeigen, wie Erfolg und falsche Freunde, die man mit diesem Erfolg unweigerlich anzieht, die Persönlichkeit verändern können. Nach einem solch rasanten Aufstieg bis zur Vergötterung scheint der Fall fast unausweichlich zu sein, wenn man nicht mit einer sehr starken Persönlichkeit und einer Menge Selbstdisziplin gesegnet ist. Das legt Kapadia mit seinem Film offen, der weit über sein fußballerisches Topos hinausreicht und universell umlegbar ist. Ein guter, kluger Beitrag im diesjährigen Wettbewerb von Locarno.


8,0
von 10 Kürbissen

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