Der Herr Karl (1961)

Regie: Erich Neuberg
Original-Titel: Der Herr Karl
Erscheinungsjahr: 1961
Genre: Drama, Satire
IMDB-Link: Der Herr Karl


„Man hat eine gewisse Größe gespürt.“ So der Herr Karl (Helmut Qualtinger in seiner Paraderolle) über Adolf Hitler und dessen Einmarsch in Österreich. Der Herr Karl hat es sich richten können. Vom Sozialisten zum Nationalsozialisten ist es schließlich nicht weit. Dabei hat er ja nichts Böses im Sinn. Ein braver Arbeiter ist er mit kugelrundem Gesicht und kugelrunden Augen. Ein anständiger Kerl, immer gesetzestreu und katholisch, einer mit Schmäh, der auch gern mal eine Hetz‘ hat. Mit der Treue hat er’s nicht so ganz, aber das ist nun mal die natürliche Ordnung: Die Frau gibt, der Mann nimmt. Wozu gegen die Natur aufbegehren? So kommt er gut durchs Leben, der Herr Karl, und Rückschläge spült er mit einem Bierchen hinunter, man wird sich ja wohl noch was gönnen dürfen. Der Herr Karl ist richtig unangenehm. Ein Opportunist, ein Wadlbeißer, einer, der nach unten tritt und nach oben buckelt. Der Herr Karl ist auch heute noch omnipräsent. Er ist der nette Nachbar, der die Einladungen zum Grillen bei ihm immer wieder mit schal klingenden Ausreden vertröstet, aber jeden Tag zu Kaffee und Kuchen auf der Matte steht. Er ist die tierliebende Nachbarin, die von der Stadt aufs Land zieht, weil in der Stadt wird ja kein Deutsch mehr gesprochen, überall Tschuschen, die unsere heimische Kultur zerstören. Er ist der gewissenhafte Arbeitskollege, der Nachrichten von im Mittelmeer ertrinkenden Kindern mit den Worten kommentiert: „Wären sie halt in Afrika geblieben.“ Er ist die Kassiererin im Supermarkt, die ein altes Mütterchen, das mit zittrigen Fingern nach Münzen im Geldbeutel sucht, anschnauzt, dass sie nicht den ganzen Tag Zeit habe und sie schon längst auf Mittagspause sein könnte. Das ist der Herr Karl. Er ist überall. Und er traut sich heute mehr denn je aus seiner Deckung heraus. Er hat Rückenwind, der Herr Karl. Wenn jeder auf sich schaut, schaut’s gut aus für Leute wie ihn. Man sollte Qualtingers Meisterstück auch heute noch verpflichtend an jeder Schule zeigen. Vielleicht würde es etwas ändern. Weil im Grunde des Herzens möchte keiner der Herr Karl sein. Danke, Helmut Qualtinger, dass du das übernommen hast und der Spiegel geworden bist, den wir manchmal brauchen.


9,0
von 10 Kürbissen

3 Kommentare

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