Drama

Late Night – Die Show ihres Lebens (2019)

Regie: Nisha Ganatra
Original-Titel: Late Night
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Late Night


In Anlehnung an Roger Eberts Grundsatz, dass ein Film mit Harry Dean Stanton oder M. Emmet Walsh niemals ganz schlecht sein könne, erweitere ich diese Regel auf Emma Thompson in dem Sinne, dass zumindest ihre Leinwandpräsenz bislang noch jedem Film einen Mehrwert hinzugefügt hat. Zugegeben, nicht alle Produktionen, in denen sie mitgewirkt hat, sind in die Filmgeschichte eingegangen. Da finden schon auch ein paar Rohrkrepierer in ihrer Filmographie, aber eines muss man sagen: An Thompson selbst hat es nie gelegen. Die Frau hat Klasse, Stil, Charme und Talent. Und wenn sie dann auch noch ein kluges und gewitztes Drehbuch vorgelegt bekommt und die Gelegenheit, in der Rolle einer zynischen Talkmasterin eine (vorhersehbare, aber dennoch gut erzählte) Läuterung zu erfahren, dann nimmt sie so etwas dankbar an. Dass so eine Rolle dann schnell mal auch zu einer Golden Globe-Nominierung führt, überrascht wohl die wenigsten. Die eigentliche Hauptprotagonistin von „Late Night“ ist aber die von Mindy Kaling gespielte Molly Patel, die ihren Job in einer Fabrik aufgibt, um im Team des Talkshow-Stars Katherine Newbury als Gag-Schreiberin anzufangen. Dabei ist sie gleich mit mehreren Problemen konfrontiert, und fehlende Berufserfahrung ist nicht einmal das größte davon. Eher, dass sie die einzige Frau im Team ist – und wer mit Begriffen wie Mansplaining & Co. noch nicht viel anfangen kann, findet in „Late Night“ einige sehr anschauliche Beispiele dafür. Ein weiteres Problem ist, dass Katherine Newbury mit der Zeit ihren Biss verloren hat und sich ihre Witze nur noch an ein selbstzufriedenes Bildungsbürgertum richten. Kein Wunder, dass ihr die Studiochefin die Rute ins Fenster stellt. Und natürlich ist es ausgerechnet die Neue, die am Ende den Tag retten muss. Allerdings ist „Late Night“ sehr sympathisch erzählt und spielt eine große Stärke gekonnt aus: Die Figuren sind lebendig und mit Herz geschrieben, sodass es nicht weiter ins Gewicht fällt, wenn sie zum Teil arg klischeehaft angelegt sind. Aber man merkt in jeder Einstellung eine grundlegende Sympathie für alle Figuren, niemand wird bloßgestellt, alle haben ihre Momente. Und das macht den Film zu einem Feelgood-Movie mit einem starken Plädoyer für Vielfalt und Inklusion, das man sich bedenkenlos ansehen kann.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Emily Aragones, Quelle: imdb.com)

Mädchen in Uniform (1931)

Regie: Leontine Sagan und Carl Froelich
Original-Titel: Mädchen in Uniform
Erscheinungsjahr: 1931
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Mädchen in Uniform


Man wäre ja geneigt, in eine Rezension wie diese mit Schlagwörtern wie „Love is Love“ einzusteigen oder auf die medial gerade hochgekochte Diskussion einzugehen, ob nur Menschen, die menstruieren, Frauen sein können. „Mädchen in Uniform“ von Leontine Sagan mit künstlerischer Beteiligung von Carl Froelich sieht fast wie ein Statement zu Diskussionen aus, die wir fast 90 Jahre später immer noch (zurecht) führen müssen. Auch wenn die Grenzen heutzutage schon etwas weiter weg verlaufen als im Deutschland der Weimarer Republik, als ein Leinwandkuss zwischen zwei jungen Damen etwas Ungebührliches war. Jedenfalls ist es schon erstaunlich, dass ein Film aus den 30ern auch heute noch relevant und in vielerlei Hinsicht frisch wirkt. Allein deshalb lohnt sich schon die Sichtung. Allerdings ist die inhaltliche Brisanz der angedeuteten gleichgeschlechtlichen Liebe zwischen einer Internatslehrerin (Dorothea Wieck) und einer Schülerin (Hertha Thiele) nicht der einzige Grund, der für den Film spricht. Tatsächlich ist gerade das Spannungsfeld zwischen strengem Mädcheninternat in Potsdam Ende der 20er-Jahre und der progressiven Love-is-Love-Attitüde enorm interessant anzusehen. Inklusive einem bitteren Foreshadowing, wenn die gestrenge Oberin (Emilia Unda) über die Mädchen meint: „Soldatenkinder. Und, so Gott will, werden sie auch Soldatenmütter!“, eine gruselig prophetische Stelle. Auch was den Spannungsaufbau und technische Elemente wie die Kameraführung und Schnitte betrifft, hat sich der Film gut ins Heute gerettet. Die darstellerischen Leistungen sind zwar vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas zu exaltiert, aber auch nicht wirklich störend. Auch ist zu erwähnen, dass „Mädchen in Uniform“ ausschließlich weiblich besetzt ist. Kein Wunder also, dass der Film als frühes feministisches Werk gefeiert wird und auch heute noch in der LBGT-Gemeinschaft hohes Ansehen genießt. Es wäre aber schade, würde der Film dieser Gemeinschaft vorenthalten bleiben – also mein Rat an alle Film-Aficionados da draußen: Tut euch den Gefallen und werft mal einen Blick hinein. Gibt es zur Gänze auf Youtube zu sehen, aber pssst – das habt ihr nicht von mir …


7,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Abbitte (2007)

Regie: Joe Wright
Original-Titel: Atonement
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Historienfilm, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Atonement


Ein falscher Satz, und ein ganzes Leben kann auf den Kopf gestellt werden. Diese Erfahrung machen Cecilia (Keira Knightley) und Robbie (James McAvoy). Cecilias Schwester Briony (eine blutjunge Saoirse Ronan, die gleich ihre erste von mittlerweile vier Oscar-Nominierungen einfahren konnte) vermeint Robbie in einer verfänglichen Situation erwischt zu haben und setzt damit Verkettung unglücklicher Umstände in Gang, die mit bedeutungsvoller Musik und langen Shots auf traurige Gesichter untermalt werden können. Grundsätzlich balanciert „Abbitte“ verfänglich nah am Kitsch entlang. Dass diese Grenze allerdings nie überschritten wird, liegt an den herausragenden inszenatorischen Fähigkeiten von Joe Wright sowie den glanzvollen Darstellerleistungen. Das Drehbuch nach dem Roman von Ian McEwan steuert konsequent auf das Titel gebende Thema zu und scheut sich auch nicht davor, den Zuseher vor unangenehme Situationen zu stellen. Gleichzeitig schwingt allerdings vor allem im ersten Teil des Films eine humorvolle Leichtigkeit mit, die den anschließenden Fall nur umso tiefer macht. Zwar nimmt Joe Wright dadurch einige Längen in Kauf, um eben diese Fallhöhe zu konstruieren, und man hätte die Geschichte durchaus ökonomischer erzählen können, aber das stört in diesem Fall kaum. Man muss sich einfach bewusst sein, dass „Abbitte“ kein Film ist, den man nach einem langen Arbeitstag mal nebenher konsumieren kann. Für „Abbitte“ braucht es am besten einen verregneten Sonntagnachmittag, an dem kein Ungemach durch spontan störenden Besuch droht – und der Film schreit gerade danach,  gemeinsam mit Schokolade und heißem Schwarztee genossen zu werden. Der Tee passt zum Setting, die Schokolade braucht man, um die Melancholie, in die einen der Film hüllt, wieder abschütteln zu können.


7,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Durchgeknallt (1999)

Regie: James Mangold
Original-Titel: Girl, Interrupted
Erscheinungsjahr: 1999
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: Girl, Interrupted


Es ist schon eine Weile her, dass Angelina Jolie den Oscar als beste Nebendarstellerin in Empfang nehmen durfte. Durch besondere schauspielerische Leistungen ist sie seither eher selten aufgefallen, wenngleich ihre Karriere natürlich als stattlich bezeichnet werden muss und sie für viele volle Kinosäle gesorgt hat im Laufe der letzten zwanzig Jahre. Eine solch unverbrauchte, frische, im besten Sinne dreckige Leistung wie die Rolle der Psychiatrie-Insassin und Soziopathin Lisa lässt sich aber auch nur schwer wiederholen. Dagegen wirkt Winona Ryder, obwohl auch mit einer der besten Leistungen ihrer Karriere, in der Hauptrolle der junge Susanna, die nach einem Selbstmordversuch/Unfall eingewiesen wird, fast schon blass. Unterm Strich ist „Durchgeknallt“ von James Mangold eine Two-Women-Show – ein Kampf der Gegensätze, die sich dann doch wieder voneinander angezogen fühlen. Wie es der menschlichen Psyche geht, wird eben auch oder vielleicht zur Gänze bestimmt von den zwischenmenschlichen Begegnungen. Was „Durchgeknallt“ auch ist: Ein Akt der Befreiung – von inneren Dämonen, schlechten äußeren Einflüssen und den starren Konventionen einer Gesellschaft, die noch nicht bereit ist für das Andersartige, aus der Norm Fallende. Einige Kritiken zu diesem Film monieren eine Richtungslosigkeit des Drehbuchs, eine Meinung, der ich mich nicht anschließen kann. Denn was das Drehbuch immer im Blick behält, ist dieser Kampf um Akzeptanz, und dieser rote Faden zieht sich bis zum Ende durch. Dass der Film dadurch manche Länge aufweist und vielleicht das eine oder andere Klischee bedient – geschenkt. Ein sehenswerter Film, nicht nur für Fans von Angelina Jolie und/oder Winona Ryder, die diese beiden am Höhepunkt ihrer Kunst sehen möchten.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 1999 – Columbia Pictures, Inc., Quelle: imdb.com)

The King (2019)

Regie: David Michôd
Original-Titel: The King
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Historienfilm, Biopic
IMDB-Link: The King


Zugegeben, ich war verwirrt. Da dauert ein Film über The King fast zweieinhalb Stunden, und kein einziger Hit wird gesungen. Kein Jailhouse Rock, kein In the Ghetto, kein Always on My Mind, kein Viva Las Vegas. Dabei brächte Timothée Chalamet die nötige verschlapfte Coolness mit, um den Hüften schwingenden Halbgott in Leder und Nieten glaubhaft zu porträtieren. Die Locken hätten halt noch schmalziger gehört, aber vielleicht ist den Friseuren am Set auch einfach die Pomade ausgegangen. Aber gut, Biopics sind ja nicht dafür bekannt, bis ins kleinste Detail akkurat zu sein. Irgendwann klingelte es aber auch bei mir. In „The King“ geht es ja gar nicht um „The King“, sondern um Heinrich V., seinerzeit König von England und dankbare Figur in Good Ole Will Shakespeares Dramen. Der trat die Erbschaft seines Vaters Heinrich IV. an und prügelte sich wirkungsvoll im Verlauf des Hundertjährigen Krieges mit den Franzosen bei Azincourt, denen er eine vernichtende Schlappe zufügen konnte, seinen Bogenschützen war Dank. Ganz genau so wie im Film dargestellt hat sich die Schlacht tatsächlich nicht, wie ich kurioserweise aus intensivem Wikipedia-Studium zufälligerweise gerade mal zwei Wochen vor Sichtung des Films erfahren habe (und Wikipedia ist ja, wie wir alle wissen, die verlässlichste Quelle ever), aber wenn man bedenkt, dass es sich bei David Michôds Film um eine fiktionalisierte Verfilmung eines fiktionalisierten Dramas über einen König, dessen Biographie sowieso immer von dessen Biographen beschönigt (oder von der Nachwelt verrissen) wird, muss man ja schon froh sein, dass im Film die Schlacht von Azincourt nicht mit Laserpistolen ausgefochten wurde. Bis es zu diesem Scharmützel kommt, vergehen allerdings eineinhalb teils sehr lange Stunden, die sich der Film für die Charakterentwicklung des jungen Königs Zeit nimmt. So weit, so gut – ich mag ja gut geschriebene Charaktere. Aber wenn man die nicht sieht, weil’s durchwegs dunkel ist (ja ja, das finstere Mittelalter), ist es auch nur halb so spannend. Timothée Chalamet macht seine Sache (mal wieder) sehr gut, Robert Pattinson gibt einen wundervollen Franzosen ab, aber Joel Edgerton, der den Film auch mitproduziert hat, stiehlt allen die Show. Frauen sind schmuckvolle Begleitung, was schade ist, aber in die Zeit passt (wobei es auch wehrhafte Damen gab, die ihre Heere in die Schlacht führten wie beispielsweise die Schwiegertochter von Heinrich V. – aber das ist eine eigene Geschichte, die man später mal verfilmen könnte). Unterm Strich ist „The King“ gelungen und sehenswert, aber nichts Weltbewegendes und historisch auch nicht allzu genau.

 


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit (2018)

Regie: Mimi Leder
Original-Titel: On the Basis of Sex
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Drama, Politfilm
IMDB-Link: On the Basis of Sex


Vor Ruth Bader Ginsburg, die mit hartnäckiger Arbeit das ganze System ausgehebelt hat, das gesetzlich Frauen in den USA benachteiligt hat, und die es später sogar bis an den Supreme Court geschafft hat, ist fraglos eine eindrucksvolle Frau. Wer sich davon in Live-Bildern überzeugen möchte, dem lege ich sehr die Dokumentation RBG ans Herz. Fast zeitgleich mit dem dokumentarischen Porträt dieser außergewöhnlichen Dame erschien 2018 das Biopic „On the Basis of Sex“ von Mimi Leder mit Felicity Jones in der Hauptrolle. Darin geht es um den bedeutenden Fall aus den 70ern, als Bader Ginsburg einen Mann vor Gericht vertrat, der aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit diskriminiert wurde – als es um den steuerlichen Abzug von Pflegegeld ging. So unscheinbar dieser Fall auch scheint, er war letztlich jener Stein, der die Abschaffung von Diskriminierung nach Geschlechtern ins Rollen gebracht hat. Und natürlich ist ein solcher Stoff ein dankbares Sujet, um ein flammendes Plädoyer für Gleichberechtigung zu halten, das in unserer heutigen Zeit immer noch notwendig erscheint. Insofern kann man dem Film nicht abstreiten, relevant zu sein. Leider ist die Umsetzung nur mäßig gelungen. Zu sehr folgt Mimi Leder den ausgetretenen Pfaden des Biopics und arbeitet brav Kapitel für Kapitel bis zum entscheidenden Punkt, nämlich der Urteilsverkündung, ab und folgt der Blaupause für biographische Filme bis auf den kleinsten Punkt. Das heißt nicht, dass der Film nicht unterhaltsam sein kann – eine mit Herz spielende Felicity Jones, ein gut aufgelegter Armie Hammer als Ehemann und Staranwalt im Steuerrecht sowie die inhaltliche Brisanz des Films an sich reichen aus, um über die volle Spielzeit von 2 Stunden gern dabei zu bleiben, aber leider gehört „On the Basis of Sex“ auch zu jenen Filmen, die man sofort nach dem Ansehen auch wieder vergisst. Dann lieber gleich die Doku ansehen, denn sowohl jener Film auch die echte Ruth Bader Ginsburg geben viel mehr her, als es Mimi Leders Film vermag.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Okja (2017)

Regie: Bong Joon-ho
Original-Titel: Okja
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Fantasy, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Okja


Viel Positives kann man dem aktuellen Corona-Wahnsinn ja nicht abgewinnen. Auf persönlicher Ebene ist einer der wenigen positiven Aspekte, dass ich nun endlich mal dazu komme, Filme auf Netflix nachzusehen, die ich bislang verpasst habe. Und auf dieser Liste stand „Okja“ weit oben. Zu Recht, wie sich zeigen sollte, denn Bong Joon-ho (ja, der schon wieder!) legte 2017 einen Herz erwärmenden Fantasy-Film mit Botschaft vor, der bei mir noch lange nachklingen wird. In „Okja“ verspricht eine Konzernchefin (Tilda Swinton) das Ende des weltweiten Hungers durch die Züchtung eines Superschweins. 10 Jahre später soll das schönste und größte Tier von jenen, die bei lokalen Farmern weltweit in die Aufzucht gebracht wurden, in einer feierlichen Zeremonie geehrt werden. Nun stellt sich dabei aber ein unerwartetes Problem ein: Siegerschwein Okja aus Südkorea nämlich und Mija (Ahn seo-hyeon), die Enkelin des Farmers, haben eine richtig gute Beziehung zueinander. Dass das Schwein hochintelligent und empathisch ist, zeigt sich schon in den ersten Einstellungen. Doch entführt der Konzern rund um den schmierigen TV-Tierarzt Dr. Wilcox (Jake Gyllenhaal, der sichtlich Spaß hatte und das mit schamlosem Overacting zeigt) das treue Tier, woraufhin Mija aufbricht, um Okja zurückzubringen und dabei zwischen die Fronten von Konzernschergen und militanten Tierschützern (mit Paul Dano als Anführer) gerät. Bei all den Abenteuern vergisst Bong Joon-ho aber nicht auf das Herzstück des Films, nämlich das Herz, die Bindung zwischen Mensch und Tier. Das mag plakativ sein, ist aber wirkungsvoll in Szene gesetzt. Gegen Ende hin drückt Bong Joon-ho noch mal so richtig auf die Tube, um seine Botschaft anzubringen – und die ist nicht leicht zu ertragen, vor allem für Freunde eines genussvollen Steaks. Dass der Film trotz allem nicht plump wirkt, ist der inszenatorischen Kraft von Bong Joon-ho zu verdanken, der die Zügel stets im Griff behält. „Okja“ ist damit ein Film mit Wirkung und unbedingt sehenswert.


8,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Der schwarze Diamant (2019)

Regie: Josh und Benny Safdie
Original-Titel: Uncut Gems
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Thriller, Drama
IMDB-Link: Uncut Gems


Die Safdie-Brüder sind gerade der heißeste Scheiß in Hollywood. Mit ihrem Thriller „Uncut Gems“ haben sie Adam Sandler mal wieder die Möglichkeit geboten, abseits flacher Blödeleien als Schauspieler wahrgenommen zu werden – und eines muss man gleich festhalten: Sandler hat diese Steilvorlage dankbar verwertet und bietet eine großartige Leistung als windiger und spielsüchtiger Juwelier Howard Ratner, der für einen Tag einen gigantischen Opal an den Basketball-Star Kevin Garnett verleiht und damit eine bemerkenswerte Abwärtsspirale in Gang setzt. Fortan hechelt er von einem Ort zum nächsten auf der Suche nach Geld, einer Gelegenheit und dem verdammten Edelstein. Vor den Oscars 2020 munkelte mancher sogar, dass Sandler die höchste Anerkennung in Form einer Oscar-Nominierung hätte einfahren können, und es wäre nicht unverdient gewesen. Sein Howard Ratner ist eine denkwürdige Figur, ein Besessener und Getriebener, der Dinge zu kontrollieren versucht, die weit außerhalb seiner Möglichkeiten liegen, nur um nach der einen großen Gelegenheit im Leben zu suchen, mit deren Nutzung alles anders wird. Die Rastlosigkeit dieses Charakters wird von Sandler mühelos getragen. Generell wirkt der ganze Cast sehr authentisch und gut geführt. Dass der Thriller bei mir (anders als bei den meisten anderen Kritikern) dennoch nicht zündet, liegt vor allem am Stil der Safdie Brothers. Der Film ist ruhelos, laut und chaotisch. Jede Einstellung scheint in Bild und Ton zu vibrieren, es gibt keinen ruhigen Moment. Natürlich passt das prinzipiell sehr gut zur Geschichte, aber dieser extrem konsequent verfolgte Stil führt eben auch dazu, dass der Film rasch zu einer Belastung für die Nerven wird. Auf Verschnaufpausen wartet man vergebens. Und am Ende ist man einfach froh, wenn nach zwei langen Stunden der Abspann läuft. Ich glaube, von den Safdie-Brüdern werde ich kein Fan mehr, wenn sie diesem Stil treu bleiben, auch wenn ich ihr Können durchaus anzuerkennen weiß.


5,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Das Letzte, was er wollte (2020)

Regie: Dee Rees
Original-Titel: The Last Thing He Wanted
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Thriller, Drama, Politfilm
IMDB-Link: The Last Thing He Wanted


Dee Rees kann es. Das hat die Regisseurin 2017 mit Mudbound bewiesen. Nur leider hat sie auf ihr Können beim Dreh von „The Last Thing He Wanted“ wohl völlig vergessen. Denn dieser Film ist ihr trotz einer charismatischen Besetzung (Anne Hathaway in der Hauptrolle, dazu u.a. Ben Affleck und Willem Dafoe) zu einem chaotischen, unverständlichen Wirrwarr geraten. Der Stoff hätte eigentlich viel hergegeben. Mitte der 80er pfeift eine integere Polit-Journalistin, die von den gefährlichsten Orten der Welt berichtet, auf all ihre Integrität, um für ihren kranken Vater einen letzten Deal abzuschließen. Und schon sieht sie sich in ein lumpiges Waffengeschäft mit finsteren Typen verwickelt und auf der falschen Seite des Gesetzes stehen. Das bringt natürlich jede Menge Stress mit sich, und da kann auch eine hübsche Villa in Costa Rica, in der sie Unterschlupf findet, den Puls drastisch senken. „The Last Thing He Wanted“ marschiert mit fieberhafter Nervosität durch einen Plot, der für den Zuseher kaum Sinn ergibt. Das Hauptproblem ist, dass Dee Rees, die auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, zu viel voraussetzt – so als hätte jeder Zuseher diesen Prozess der Figuren- und Handlungsentwicklung gemeinsam mit ihr selbst schon längst durchgemacht. Man fühlt sich ein bisschen wie in einer Runde cooler Hipster gefangen, die einen Insider-Witz nach dem anderen loslassen. Man will mitlachen, aber man hat keinen Plan, worum es geht. Also nippt man verstimmt an seinem Gin Tonic und hofft, dass der Abend bald vorbei ist. Allein Anne Hathaway kann man keinen Vorwurf machen, sie trägt den Film gut und scheint als eine der wenigen auch das Drehbuch verstanden zu haben. Ben Affleck und Willem Dafoe hingegen sind völlig verschenkt. Bei Affleck passiert es sogar so, dass man sich jedes Mal aufs Neue wundert, wenn er auf dem Bildschirm erscheint, da man seit seinem letzten Auftritt bereits vergessen hat, dass er mitspielt. Und Dafoe ist einfach zu wenig zu sehen, um da noch was zu retten. Am Ende dieser gefühlt ewigen zwei Stunden bleibt das vage Gefühl zurück, dass unter der ganzen nervösen Schwurbelei irgendwo auch eine gute Geschichte versteckt lag, nur hat Dee Rees es leider nicht verstanden, diese ans Tageslicht zu bringen.


3,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Enemy (2013)

Regie: Denis Villeneuve
Original-Titel: Enemy
Erscheinungsjahr: 2013
Genre: Drama
IMDB-Link: Enemy


Denis Villeneuve ist einer der gefragtesten Regisseure derzeit. Kein Wunder, hat er zuletzt mit Arrival und Blade Runner 2049 zwei moderne Science Fiction-Klassiker geschaffen. Kein anderer Film wird derzeit so heiß erwartet wie sein Remake von David Lynchs Sci-Fi-Klassiker Dune. 2013 hat Villeneuve, obwohl schon gefeierter Thriller-Regisseur, freilich noch etwas kleinere Brötchen gebacken. Seinen Film „Enemy“ veredelt immerhin Jake Gyllenhaal in einer gekonnt angelegten Doppelrolle. Denn der ist hier sein eigenes größtes Problem. Als der Geschichtsprofessor Adam Bell feststellt, dass er mit dem Schauspieler Anthony St. Clair einen Doppelgänger hat und er diesen zu kontaktieren versucht, setzt er einen Strom von Ereignissen in Gang, die ein Zurück zum bisherigen Status Quo bald unmöglich machen. „Enemy“ ist eine lose Adaption des Buchs „Der Doppelgänger“ von Literaturnobelpreisträger José Saramago. Und genau das ist auch das Hauptproblem des Films. Denn bei der Vermarktung hat man einen entscheidenden Fehler gemacht und den Plot wie einen Thriller klingen lassen. Davon ist „Enemy“ aber weit entfernt. Vielmehr greift der Film dieses hintergründige Vexierspiel auf, für das die Romane von Saramago bekannt sind, und ist vielmehr an der conditio humana interessiert als am Spannungsbogen. Das Ende, über das man wohl ganze Nächte lang diskutieren könnte, bringt genau das auch zum Ausdruck. Das Problem ist nur, dass ich als Zuseher auf dem Weg dahin meiner falschen Erwartungshaltung aufgesessen bin. Und so liegt es wohl entscheidend an der eigenen Herangehensweise, ob man den Film nun gut und interessant oder dann doch über lange Strecken langweilig und seltsam empfindet. Was wiederum allerdings dem Film zum Vorwurf gemacht werden kann, denn wenn es ihm nur gelingt, ein intellektuell vorbereitetes Publikum mitzureißen, fällt das Fehlen dieser oftmals so wichtigen Zutat Spannung dann doch ins Gewicht.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Caitlin Cronenberg – © 2014 – A24, Quelle: imdb.com)