Drama

Amsterdam (2022)

Regie: David O. Russell
Original-Titel: Amsterdam
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Krimi, Drama, Komödie
IMDB-Link: Amsterdam


David O. Russell macht es mir nicht einfach. Für mich ist der renommierte Regisseur ein Überraschungsei. Oder, um es mit Forrest Gump zu sagen, eine Schachtel Pralinen. „Three Kings“ gehört zu den wenigen Filmen, die ich abgebrochen habe. Dann kam „The Fighter“, den ich richtig gut fand. Über „Silver Linings“ habe ich mich wieder geärgert. Zwar ein guter Film, aber hey, verdammt noch mal, der Oscar für die beste weibliche Hauptrolle gehörte Emmanuelle Riva für „Amour“. (Sorry, JLaw. Ich mag dich ja trotzdem, solange du keine russischen Spioninnen spielst.) Über „American Hustle“ konnte man sich hingegen gar nicht ärgern. Ein grandioser Film. Und dann „Joy“, wieder Jennifer Lawrence, diesmal aber in einem richtig miesen Film. Was ist nun „Amsterdam“ – Top oder Flop? Geht man nach den meisten Kritiken, hat hier David O. Russell eine veritable Bruchlandung hingelegt. Und ja, ich verstehe, wie man dazu kommt, den Film nicht zu mögen. „Amsterdam“ springt in der Tonalität recht erratisch umher, versucht, Komödie, Drama, Krimi und Thriller zu vereinen, um am Ende relativ unspektakulär auszulaufen. Und doch hat der Film etwas, das über die (erneut) überragende Darstellung von Christian Bale hinausgeht: Der Film will so erratisch sein. In einer chaotischen Zwischenkriegszeit (der letzte Krieg hat noch sichtbare Narben hinterlassen, der kommende ist zwar noch nicht greifbar, aber es brodelt sich etwas zusammen in der Weltpolitik) läuft eben nicht alles in einem klaren Bogen ab. Da gibt es Raum für Leid genauso wie für Hoffnung. „Amsterdam“ ist auch mehr an der Geschichte dreier durch das Schicksal verbundenen Freunde (Bale, Margot Robbie und John David Washington) interessiert als an der Krimi-Handlung, die die drei nach vielen Jahren wieder zusammenführt. Es geht mehr um die Frage, wie eng Freundschaften sein können, die aus gemeinsamem Schmerz geboren wurden. Und das ist vielleicht der hoffnungsvollste Aspekt des Films: Auch wenn die Welt durchzudrehen scheint, solange man sich auf seine Freunde verlassen kann, gibt es immer einen Grund, jeden Tag aufzustehen und weiterzumachen.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Courtesy of 20th Century Studios/Courtesy of 20th Century Studio – © 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved, Quelle http://www.imdb.com)

Der denkwürdige Fall des Mr Poe (2022)

Regie: Scott Cooper
Original-Titel: The Pale Blue Eye
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama, Krimi, Historienfilm
IMDB-Link: The Pale Blue Eye


Harry Melling hat es geschafft. Aus dem nervigen und übergewichtigen Dudley Dursley ist Edgar Allen Poe geworden, und zwar in einer sehr überzeugenden Art und Weise. Dass er dennoch nur die zweite Geige in „The Pale Blue Eye“ (auf Deutsch sperrig „Der denkwürdige Fall des Mr Poe“) spielen darf, liegt an der ersten Geige. Wenn Christian Bale aufgeigt, haben alle anderen Pause. Bale spielt mit viel Gravitas den Privatermittler Augustus Landor, der nach einem seltsamen Vorfall in einer Militärakademie zu Hilfe gezogen wird: Ein Kadett wurde erhängt aufgefunden, und kurze Zeit später schnitt man dem Leichnam das Herz heraus. Bei seinen Ermittlungen stößt Landor auf den jungen Schriftsteller und Kadetten Edgar Allen Poe. Logisch, dass in weiterer Folge Treffen auf dem Friedhof stattfinden und sich auch mal ein Rabe dekorativ niederlässt. So viel Foreshadowing muss sein. Und doch bleibt der Film auf Landor fokussiert, der sich in eisiger Winterlandschaft einen Reim auf die Ereignisse zu machen versucht. Leider ist das höchst unspannend, um nicht zu sagen: schlichtweg fad. Da hilft es auch nicht, wenn in jeder kleinsten Nebenrolle echte Kapazunder vom Format eines Timothy Spall, eines Toby Jones, einer Gillian Anderson, eines Robert Duvall, einer Charlotte Gainsbourg zu sehen sind – ein fader Film bleibt ein fader Film. Lediglich der Twist am Ende reißt den im Fauteuil schlummernden Zuseher mal wieder kurz aus den Träumen, und man fragt sich: Hätte man nicht ökonomischer dorthin gelangen können?


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von SCOTT GARFIELD/NETFLIX © 2022/SCOTT GARFIELD/NETFLIX © 2022 – © 2022 Netflix, Inc, Quelle http://www.imdb.com)

Weißes Rauschen (2022)

Regie: Noah Baumbach
Original-Titel: White Noise
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: White Noise


Noah Baumbach hat eine sehr eigene, durchaus lakonische Sicht auf die Dinge. Unter seiner Regie sind einige bemerkenswerte Filme wie Marriage Story oder „Frances Ha“ entstanden, letzterer mit seiner nunmehrigen Lebensgefährtin Greta Gerwig in der Hauptrolle, die wiederum ihrerseits sehr umtriebig ist (auf ihre Barbie-Verfilmung mit Margot Robbie und Ryan Gosling in den Hauptrollen freue ich mich schon besonders). Das neueste Werk, „Weißes Rauschen“, ist mit Sicherheit Baumbachs ambitioniertestes. Die Millionen, die Netflix in den Film gepumpt hat, werden in einen überragenden Cast (Adam Driver, Don Cheadle, natürlich Greta Gerwig und in einer Nebenrolle am Schluss Lars Eidinger) und überzeugende Spezialeffekte investiert, und doch bleibt der Film zuallererst ein typischer Baumbach-Film. Es passiert nicht viel, Menschen reden aneinander vorbei und treffen sich in Supermärkten. Für die literarische Vorlage hat Don DeLillo gesorgt, doch ist „Weißes Rauschen“ mehr Baumbach als DeLillo. Adam Driver spielt ein kurioses Mash-Up aus Woody Allen und Jeff Goldblum (die Dialogzeilen und die verhuschten Blicke scheinen von Woody Allen zu stammen, der körperliche Stoizismus, der die Dialoge begleitet, von Jeff Goldblum), und Greta Gerwig ist mit 80er-Jahre-Locken kaum wiederzuerkennen. Als Oberhäupter einer Patchwork-Familie müssen sie sich mit den Folgen eines Chemie-Unfalls auseinandersetzen, der das Familienleben auf eine harte Belastungsprobe stellt. Die scheinbare Nahtod-Erfahrung legt Risse frei, die sich unterhalb der Oberfläche durch die Familie ziehen. Das alles wird aber dermaßen nüchtern und beiläufig erzählt, dass es schwer ist, eine Bindung zu den Figuren aufzubauen. Schlimmer noch: Abgesehen von ein paar wirklich gelungenen Szenen plätschert der Film dermaßen ereignisarm vor sich hin, dass man Gefahr läuft, auf dem Sofa friedlich einzubüseln. „Weißes Rauschen“ macht es dem Zuseher nicht leicht. Wenn der Abspann mit einer witzigen Tanzeinlage der gefühlte Höhepunkt des ganzen Films ist, dann läuft in den zwei Stunden davor etwas grundlegend falsch. Es gibt zugänglichere Baumbach-Filme.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von WILSON WEBB/NETFLIX © 2022/WILSON WEBB / NETFLIX ©2022 – © 2022 NETFLIX, Quelle http://www.imdb.com)

Master & Commander – Bis ans Ende der Welt (2003)

Regie: Peter Weir
Original-Titel: Master and Commander: The Far Side of the World
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Historienfilm, Kriegsfilm, Drama, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Master and Commander: The Far Side of the World


Ein in meinen Augen unterschätztes Kleinod ist Peter Weirs Abenteuerfilm „Master & Commander – Bis ans Ende der Welt“. Vielleicht liegt es daran, dass eine Verfolgungsjagd via Schiff halt weniger spektakulär und rasant ausfällt als mit aufgemotzten Sportwagen. Auf „Verfolgen Sie dieses Schiff!“ folgt halt erst einmal „Holt den Anker ein!“ – „Setzt die Segel!“ – „Zwölf Grad Backbord!“ Und so weiter. Bis man den verfolgten Kahn eingeholt hat, ist eine Galapagos-Schildkröte locker mal um die ganze Insel gelaufen. Apropos Galapagos: Die spielen hier eine nicht minder wichtige Rolle als Russell Crowe und Paul Bettany. Denn die kommt den gegensätzlichen Plänen des Kapitäns des Kriegsschiffs HMS Surprise und dessen Freund und Schiffsarzt in die Quere. Der Schiffsarzt möchte verständlicherweise Inselurlaub machen, um unerforschte Arten zu entdecken. Der grimmige Kapitän aber hat den Auftrag, das französische Kriegsschiff Acheron zu kapern. Und weil es immer so ist, dass der Ober den Unter sticht, kann sich Bettany seine neuen Arten wortwörtlich aufzeichnen. Aber er ist ohnehin bald damit beschäftigt, von Kanonenkugeln zerfetzte Leiber wieder zusammenzuflicken. „Master & Commander“ ist ein ruhiger, handlungsarmer, aber dafür umso intensiverer Kriegsfilm. Gezeigt wird ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem britischen und dem französischen Schiff, wobei nicht immer klar ist, wer gerade die Katze und wer die Maus ist. Russell Crowe und Paul Bettany als befreundete Offiziere haben eine gute Chemie. Dazu kommt, dass das raue Leben an See so dreckig und ungeschönt gezeigt wird, wie es nun mal war. Es ist schade, dass Peter Weirs Film aus dem Jahr 2003 das einzige Abenteuer von Kapitän Aubrey und Schiffsarzt Dr. Maturin blieb. Die literarischen Vorlagen dazu hätten wohl noch so viel mehr hergegeben.


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2003 Twentieth Century Fox Film Corporation and Universal Studios and Miramax Film Corp. All rights reserved, Quelle http://www.imdb.com)

Plötzlich im letzten Sommer (1959)

Regie: Joseph L. Mankiewicz
Original-Titel: Suddenly, Last Summer
Erscheinungsjahr: 1959
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Suddenly, Last Summer


Katherine Hepburn konnte sogar ein Vogelnest auf dem Kopf tragen, und dennoch wirkte ihr Schauspiel graziös und messerscharf. Das ist Talent! Und dennoch spielt sie in „Plötzlich im letzten Sommer“ nach einem Stück von Tennessee Williams trotz erneuter Oscarnominierung nur die zweite Geige, denn die Primadonna des Thrillers, mit einem Golden Globe ausgezeichnet und ebenfalls für den Oscar nominiert, ist natürlich La Taylor, die schöne Elizabeth, die in der filmhistorischen Wahrnehmung so sehr mit ihrer späteren Rolle der Cleopatra verwachsen ist, dass man gerne vergisst, dass sie nicht nur unwahrscheinlich viel Lidstrich trug, sondern auch eine wirklich famose Schauspielerin war. Montgomery Clift als Chirurg, der emotional geschädigten Damen das Hirn lobotomiert, um sie zur Vernunft zu bringen (nein, es war nicht alles gut an der Goldenen Ära von Hollywood), hat zwar so viel Screentime wie sonst niemand, ist aber für die Geschichte irgendwie wurscht. Ein klassisches Indiana Jones-Schicksal also. Die Geschichte selbst: Die Witwe Violet Venable bittet den Arzt Dr. Cukrowicz zu Hilfe, da im letzten Sommer ihr geliebter Sohn Sebastian (Vorschlag für ein Trinkspiel: bei jeder Erwähnung des Namens einen Shot, und man ist hinüber, ehe Elizabeth Taylor das erste Mal auf der Leinwand aufgetaucht ist) auf einer Europareise mit seiner Cousine Catherine überraschend verstorben ist und Catherine selbst unter Amnesie leidet. Der Arzt soll doch bitte mal an ihren Frontallappen schnippeln. Der jedoch geht eigene, moderatere Wege und bringt so eine erschreckende Geschichte ins Licht. „Plötzlich im letzten Sommer“ ist großes Schauspielkino, ohne großes Kino zu sein. Denn dafür ist der Film einerseits etwas zu zäh geraten (man merkt ihm die Wurzeln als Bühnenstück an), andererseits zielt er am Ende zu sehr auf den Schockmoment ab, ohne diesen wirklich vorzubereiten. Aber das ist fast egal, wenn man zwei Meisterinnen, nämlich Hepburn und Taylor, bei ihrer Arbeit zusehen kann.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Ist das Leben nicht schön? (1946)

Regie: Frank Capra
Original-Titel: It’s a Wonderful Life
Erscheinungsjahr: 1946
Genre: Drama, Liebesfilm, Weihnachtsfilm
IMDB-Link: It’s a Wonderful Life


Weil sich der Geschäftsmann George Bailey (James Stewart) ausgerechnet an Heiligabend umbringen möchte, stellt ihm der Himmel einen Schutzengel (Henry Travers) zur Seite, um ihn von seinem Vorhaben abzuhalten, doch der noch recht unerfahrene Engel zweiter Klasse muss erst einmal ordentlich gebrieft werden. Also wird zunächst die Lebensgeschichte von George Bailey aufgerollt, der immer groß auf Reisen gehen wollte, doch das Leben hatte andere Pläne für ihn. „Ist das Leben nicht schön?“ von Frank Capra ist einer der Weihnachtsklassiker schlechthin. Fast die gesamte Handlung besteht aus einer langen Rückblende, in der aufgerollt wird, wie George Bailey an den Punkt gelangen konnte, dass er seinen Lebensmut verlor. Diese Lebensgeschichte zieht sich zuweilen etwas hin, hat aber auch ihre legendären und denkwürdigen Momente, wenn beispielsweise ein Tanz mit der angebeteten Mary (Donna Reed) unerwartet in einem Bad im Swimming Pool endet. Aus der Auswahl solcher Momente, guter wie schlechter, schält sich allmählich ein Lebenslauf heraus. Die eigentliche Stärke des Films liegt allerdings in seinem letzten Drittel, als Engel Clarence dem Todessehnsüchtigen zeigt, wie eine Welt aussehen würde, in der er nie geboren wurde. Natürlich ist das kitschig, doch das leidenschaftliche Spiel von James Stewart und der trockene Humor von Henry Travers erden die Geschichte. Das Happy End rührt tatsächlich sehr und führt dem Zuseher vor Augen, was der Geist der Weihnacht bedeutet. So ist „Ist das Leben nicht schön?“ zurecht ein Klassiker, der auch heute noch bewegt und Werte vermittelt, die sich gut in die aktuelle Zeit übertragen lassen. In diesem Sinne wünsche ich euch allen da draußen ein friedvolles Weihnachtsfest im Kreise eurer Liebsten!


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

She Said (2022)

Regie: Maria Schrader
Original-Titel: She Said
Erscheinungsjahr: 2022
Genre: Drama
IMDB-Link: She Said


Wie wichtig der unabhängige Journalismus als vierte Gewalt des Staates ist, zeigt sich an Maria Schraders Drama „She Said“, das die Ermittlungen der beiden New York Times-Journalistinnen Megan Twohey (Carey Mulligan) und Jodi Kantor (Zoe Kazan) gegen den einflussreichen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein nachzeichnet. Bis zum Bekanntwerden seiner unzähligen sexuellen Missbräuche und Vergewaltigungen durch den New York Times-Artikel war Weinstein sakrosankt. Die Clintons, die Obamas, Quentin Tarantino und viele mehr pflegten eine Freundschaft zu dem mächtigen Oscarpreisträger, und auch wenn über lange Zeit wohl bekannt war, dass Weinstein die Besetzungscouch wortwörtlich nahm, so brauchte es erst zwei junge Journalistinnen aus New York, um seinem Treiben ein Ende zu setzen. Mulligan und Kazan sind Idealbesetzungen. Beide spielen glaubwürdig und kontrolliert und zeigen neben ihrer professionellen Arbeit auch private Herausforderungen, die sich durch die Tatsache stellen, dass beide junge Kinder zuhause haben, also mehrere Rollen – jene der Journalistin, jene der Mutter und jene der Ehefrau – simultan ausfüllen müssen. Ganz nebenbei gelingt es Regisseurin Maria Schrader, neben der spannenden Investigativjournalismus-Geschichte auch noch einen Kommentar abzugeben zu der Schwierigkeit für Frauen, Privates und Berufliches unter einen Hut zu bringen, ohne dass dieser Aspekt effektheischend in den Vordergrund gerückt wird. Diese Schwierigkeit schwingt einfach ständig im Subtext mit, ohne sich aufzudrängen und wirkt gerade deshalb so authentisch. In Aufbau, Thema und Tonalität erinnert „She Said“ an den Oscar-Gewinner „Spotlight“, doch ist „She Said“ für mich der noch deutlich stärkere Film, da er noch konzentrierter wirkt und mit den Darstellungen von Mulligan und Kazan auch noch eine emotionale Bindung zum Zuseher findet, die dem sperrigeren „Spotlight“ – bei allen sonstigen Qualitäten des Films – verwehrt blieb.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von JoJo Whilden/Universal Pictures – © Universal Studios. All Rights Reserved, Quelle http://www.imdb.com)

Das Wunder von Manhattan (1994)

Regie: Les Mayfield
Original-Titel: Miracle on 34th Street
Erscheinungsjahr: 1994
Genre: Komödie, Drama, Weihnachtsfilm
IMDB-Link: Miracle on 34th Street


Manche Menschen sind dazu geboren, Santa Claus zu spielen. Richard Attenborough mit seinem rundlichen Gesicht und dem eindrucksvollen weißen Bart gehört in diese illustre Runde. Im Remake des Weihnachtsklassiker „Das Wunder von Manhattan“ spielt er Kriss Kringle, der als Weihnachtsmann von einem Kaufhaus angestellt wird, um den Spielzeugabsatz vor Weihnachten zu steigern. Die recht zugeknöpfte Dorey Walker (Elizabeth Perkins), Marketingchefin des Kaufhauses, hält das für eine glanzvolle Idee, und Kriss macht seinen Job so gut, dass sie ihm sogar ihre Tochter Susan (Mara Wilson) anvertraut, damit sie nach einem romantischen Abend ihren Freund Bryan (Dylan McDermott) abblitzen lassen kann, als ihr dieser einen Heiratsantrag macht. Blöd wird es erst, als Kriss Kringle von sich selbst felsenfest behauptet, der Weihnachtsmann höchstpersönlich zu sein. Kurzerhand wird ihm der Prozess vor Gericht gemacht, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ist der nette Herr mit dem Rauschebart tatsächlich Santa Claus oder einfach nur ein verwirrter, älterer Mann, der gerne Kinder auf seinem Schoß sitzen hat? „Das Wunder von Manhattan“ lebt vor allem von Richard Attenborough, der den zuckersüßen Kitsch durch seine charmante Präsenz glaubwürdig(er) macht, als es das Drehbuch eigentlich hergibt. Dazu hat er eine gute Chemie mit Mara Wilson, damals eine der begehrtesten Kinderschauspielerin, die auch Matilda getragen hat. Über den hintergründigen Konsumterror, der hier naiv verherrlicht wird, sei mal mit wohlwollenden Blicken hinweggesehen, das ist generell ein Problem vieler Weihnachtsfilme. Wenn man das ausblenden und sich auf die Geschichte und ihren Eskapismus einlassen kann, wird mit einer der vollkommendsten Santa Claus-Darstellungen ever belohnt, und das ist zu Weihnachten schließlich das, worauf es ankommt.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

King Richard (2021)

Regie: Reinaldo Marcus Green
Original-Titel: King Richard
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Biopic, Sportfilm, Drama
IMDB-Link: King Richard


Man hat es nicht leicht mit den Geschwistern, vor allem, wenn diese älter sind und damit zu Würden kommen, die man selbst gerne für sich beansprucht hätte. Richard von Gloucester, in William Shakespeares Drama „Richard III.“ verewigt, kann ein Lied davon singen, ist er doch in der Thronfolge hinter seinem älteren Bruder gereiht, der als König Edward IV. über England herrscht. Missgunst herrscht über sein Denken, und so schmiedet er böse Ränke, um seinen Bruder vom Thron zu stoßen. Allein: Es geht nicht gut für ihn aus. Aber Moment – es geht in Reinaldo Marcus Greens‘ Film gar nicht um diesen historischen Bruderzwist? Es handelt sich nicht um eine Adaption des Shakespeare-Stücks? Was ist da los? Noch dazu, wenn von zwei Geschwistern die Rede ist, auch wenn es sich hier um Schwestern handelt? Verwirrend, verwirrend. Und dann betoniert Will Smith auch noch vor Millionen Zusehern dem verdatterten Chris Rock eine nach einem missglückten Scherz? Doch, das ist doch Stoff shakespeare’schen Ausmaßes! Trotzdem führt der Filmtitel ein wenig in die Irre, denn King Richard ist hier Richard Williams (gespielt vom Watschenmann), seines Zeichens Vater von zwei begnadeten Nachwuchstennisspielerinnen namens Venus und Serena (wer sich für Sport interessiert, hat diese Namen möglicherweise schon einmal gehört), und der Mann hat einen Plan, an dem er stur wie ein Esel festhält: Die beiden werden Profispielerinnen und sie werden die besten Spielerinnen der Welt. Basta! Immerhin lächeln und nicken sie gnädig zu diesem Spiel und dreschen auf die Filzkugeln ein, was die muskulösen Oberarme hergeben. Und so unbeirrt, wie sie die Bälle schlagen, geht der schon bald als schwieriger Charakter berüchtigte Vater den Weg, den er für seine Tochter auf dem Reißbrett entworfen hat. Da kann kommen, wer will, und möge es der Trainer von Tennislegende Pete Sampras sein – wer nicht mitzieht, dem furzt King Richard ins Gesicht. „King Richard“ ist ein Biopic der eher ungewöhnlichen Sorte, denn es stehen nicht die künftigen Stars und ihr Werdegang im Vordergrund, sondern der fanatische Vater, der alles seinem Plan unterordnet. Der Erfolg soll ihm am Ende recht geben, doch wie schmal der Grat ist zwischen Sieg und vernichtender Niederlage, nach der man nicht mehr aufsteht, deutet der Film mehr als einmal an. Dennoch bleibt der Film auf ausgetretenen Pfaden und damit recht zahm. Die Eckpunkte jedes Biopics (Traum, Schwierigkeiten, Aufstieg, weitere und noch größere Schwierigkeiten, beinahe der Fall und schließlich doch noch der Triumph über alle Widrigkeiten) werden routiniert abgearbeitet. Unter den besten Filmen des Jahres 2021 sehe ich „King Richard“ – anders als die Oscar Academy – nicht. Dass man Will Smith für seine seriöse Darstellung für einen Oscar nominieren kann, schon eher. Am Ende wäre es wohl besser gewesen, hätte ein anderer diesen gewonnen, auch für Will Smith selbst. Es hätte jedenfalls ausreichend starke Konkurrenz gegeben.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

No Country for Old Men (2007)

Regie: Ethan und Joel Coen
Original-Titel: No Country for Old Men
Erscheinungsjahr: 2007
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: No Country for Old Men


2007 waren die Coen-Brüder längst überfällig für einen Regie-Oscar, und der Filmgott hatte ein Einsehen mit ihnen. In einem epischen Kopf-an-Kopf-Rennen stachen sie Paul Thomas Anderson aus, der mit „There Will Be Blood“ ebenfalls einen modernen Klassiker hingelegt hatte. Doch nichts ging in diesem Filmjahr über die fatalistische Abrechnung der Coens mit dem Schicksal und hollywood’schen Dei ex machina. In „No Country for Old Men“ stößt ein Jäger (Josh Brolin) im Texas der 80er Jahre (Josh Brolin) zufällig auf einen schief gelaufenen Drogendeal. Dealer und Käufer liegen nach einer Schießerei tot im Sand, das Geld muss nur eingesammelt werden. In einem Versuch, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, macht sich Llewelyn Moss in der Nacht noch einmal auf zum Schauplatz des Geschehens, um einem angeschossenen Mexikaner, dem einzigen Überlebenden, eine Flasche Wasser zu bringen. Doch genau damit setzt er eine Katz-und-Maus-Jagd in Gang, die nicht gut enden kann. Schon bald ist ihm der eiskalte Killer Anton Chigurh (Javier Bardem als einer der eindrucksvollsten Filmbösewichter aller Zeiten mit legendärer Prinz Eisenherz-Frisur) auf den Fersen. Der alte und altersmüde Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones) hat zwar schon bald eine Ahnung, was hier abgeht, ist aber immer mindestens einen Schritt zu langsam. Was nach einem gewöhnlichen Thriller-Plot klingt, wird durch die inszenatorische Meisterschaft der Coen-Brüder auf ein völlig neues Niveau gehoben. Das Besondere an diesem Film ist die Verweigerung klassischer Erzählmuster. Chigurh kommt wie das Schicksal selbst über die Hauptfiguren. Dazu passt es, dass er gelegentlich die Münze entscheiden lässt über Leben und Tod, und die Fairness des Zufalls als einzige Gerechtigkeit betrachtet. So ist „No Country for Old Men“ nicht nur ein spannungsgeladener, atmosphärisch dichter Thriller, sondern auch ein filmischer Resonanzkörper für die Unberechenbarkeit des Lebens selbst.


9,5 Kürbisse

(Bildzitat:© 2007 Paramount Vantage – Miramax, Quelle http://www.imdb.com)