Kriegsfilm / Anti-Kriegsfilm

1917 (2019)

Regie: Sam Mendes
Original-Titel: 1917
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Kriegsfilm, Drama
IMDB-Link: 1917


Einer der ganz großen Oscar-Favoriten dieses Jahr ist Sam Mendes‘ Kriegs-Drama „1917“. Bei den Golden Globes zweifach ausgezeichnet als bestes Drama und für die beste Regie darf sich der Film bei den Oscars Chancen in gleich 10 Kategorien ausrechnen. Und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn nicht zumindest die Kameraarbeit von Roger Deakins und die Ausstattung ausgezeichnet werden würden. Denn handwerklich ist dieser Film nicht nur der beste des Jahres, sondern gar als visionär zu bezeichnen. Roger Deakins, davor bereits 14 Mal für den Oscar nominiert (bei einer Auszeichnung für Blade Runner 2049) ist auf dem Höhepunkt seines Schaffens. In gefühlter Echtzeit und als One-Shot fürs Auge konzipiert (beides nur eine Illusion, aber eine verdammt gut gemachte) folgt die Kamera zwei Soldaten, die eine prekäre Botschaft zu übermitteln haben. Gelingt es ihnen nicht, durch Feindesland diese Botschaft rechtzeitig zu überbringen, werden 1.600 britische Soldaten in einem Hinterhalt gemetzelt. Sehenswert an dem Film (neben seiner überragenden technischen Umsetzung) ist vor allem seine Konsequenz. Die begleitende Kamera kommentiert nichts, sondern hält einfach nur fest: das Grauen, die Momente der Angst und Anspannung, aber auch die ruhigen Momente, wenn es einfach nur darum geht, von A nach B zu gelangen, und vor allem aber das Glück, das man manchmal auch braucht. Viele Situationen, die ich zunächst als Deus ex Machina im Verdacht hatte, entpuppen sich bei gründlicher Reflexion darüber einfach nur als Masel, das man braucht, um so einen Irrsinn wie einen Krieg überleben zu können. Dabei sind in „1917“ kaum Gefechte zu sehen. Der Tod kann hinter jeder Ecke lauern, dafür braucht es keinen Sturmlauf durch feindliches Kreuzfeuer. Einige Ungereimtheiten in der Handlung bleiben. Warum wird zum Beispiel nur ein einziges Team von zwei jungen Soldaten geschickt, um diese enorm wichtige Botschaft zu übermitteln? Warum sendet man nicht mehrere Teams zu unterschiedlichen Zeiten und auf verschiedenen Routen los? Aber von diesen kleineren Schwächen im Drehbuch abgesehen ist „1917“ eine Erfahrung, die man gemacht haben sollte, aber aufgrund ihrer Eindringlichkeit und Intensität nicht unbedingt wiederholen möchte. Und das ist vielleicht das Beste, was man über einen Kriegsfilm generell sagen kann.


8,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Camille (2019)

Regie: Boris Lojkine
Original-Titel: Camille
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Biopic, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Camille


Mit den Leidenschaften ist es so eine Sache. Einerseits treiben sie uns zu Leistungen und Taten an, die unser Umfeld kaum für möglich gehalten hätte. Andererseits sind sie auch gefährlich, wenn man es damit übertreibt. Camille Leparge (Nina Meurisse) ist eine junge, leidenschaftliche Fotojournalistin. Auf eigene Faust fährt sie 2013 in die Zentralafrikanische Republik, um über den dort ausgebrochenen Bürgerkrieg zwischen Christen und Moslems zu berichten. Schon bald feiert sie erste Erfolge. Sie knüpft Kontakt zu Studenten, die im Widerstand aktiv sind, sie findet Anschluss an andere Journalisten vor Ort, und sie verkauft ihre ersten Foto-Stories an renommierte französische Zeitschriften. Doch gleich mit der allerersten Szene macht Regisseur Boris Lojkine klar, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen wird. Camille Leparge lebte tatsächlich, und sie wurde nicht alt. Sie starb während ihrer Arbeit in der Zentralafrikanischen Republik, als sie und die Soldaten, mit denen sie unterwegs war, in einen Hinterhalt gerieten. Lojkine zeigt in seinem Film, worin die Stärken, aber auch die Gefahren und Schwächen von Idealismus liegen. Camille Leparge ist bewundernswert für ihr Engagement und ihren Mut, den Krieg, den in Europa beziehungsweise der westlichen Welt kaum jemanden interessiert hat, zu zeigen und die Menschen, ihren Kampf und ihr Leid sichtbar zu machen. Gleichzeitig aber wird ein Stück Besessenheit in Camilles Handeln sichtbar, eine Irrationalität, die sie auch Grenzen überschreiten lässt. Und dadurch wird ihr Handeln gefährlich. Boris Lojkine stellt dem Zuseher die Frage, ob Camille Leparge heute noch leben könnte – ohne sie selbst zu beantworten. Sein Film ist nüchtern gehalten, von dokumentarischer Anmutung und damit leicht zugänglich. Die moralischen Fragen, die er aufwirft, sind jedoch diffizil und kaum zu beantworten.


7,0
von 10 Kürbissen

Apocalypse Now (1979)

Regie: Francis Ford Coppola
Original-Titel: Apocalpyse Now
Erscheinungsjahr: 1979
Genre: Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Apocalypse Now


Die Mutter aller Antikriegsfilme ist wohl Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“. Unglaublich eigentlich, dass ich 37 Jahre alt werden musste, um diesen Meilenstein der Filmgeschichte zu sehen (in der ursprünglichen Kino-Fassung, die mit etwa 2,5 Stunden etwas schlanker ausfällt als die Redux-Version). Angesichts der Vorschusslorbeeren war meine Erwartungshaltung recht hoch. Sie wurde allerdings nicht enttäuscht – im Gegenteil. „Apocalypse Now“ hat eine unfassbare Wucht, die auch 30 Jahre nach der Entstehung noch voll auf die Magengrube zielt – und trifft. Nie zuvor habe ich den ganzen Wahnsinn von Krieg so ungeschönt, schmerzhaft und brutal auf die Leinwand gebannt gesehen wie hier. Da kommt selbst die Anfangssequenz von „Saving Private Ryan“ nicht mit, auch wenn dort mehr Gedärme durch die Luft fliegen. Was aber Coppola gelingt wie keinem Zweiten ist es, die Sinnlosigkeit und den Wahnsinn eines Krieges spürbar zu machen. Sein durchgeknallter Colonel Kurtz (Marlon Brando) ist nur ein Symptom, nicht die Ursache des Wahnsinns. Und während wir Captain Willard (Martin Sheen) auf dem Boot durch den Dschungel folgen auf der Suche nach eben jenem Colonel Kurtz, begreifen wir, dass der Wahnsinn überall ist. Hinter jeder Ecke, in jeder Sekunde kann er hervorspringen und dir den Kopf abbeißen. Ob er nun in Gestalt eines Tigers im Dschungel auftaucht oder in Form einer Hubschrauber-Formation, die zu Wagners Walküren-Ritt angreift oder als surfender Lieutenant, der den Geruch von Napalm am Morgen liebt – die Nerven liegen blank und der Mensch ist als solcher kaum mehr erkennbar. Zugespitzt wird dieser apokalyptische Irrsinn in einem surreal anmutenden Schlussdrittel, das man so schnell nicht vergessen wird. Nach diesem Film hätte es eigentlich keine weitere Kriegsfilme mehr gebraucht. Denn damit ist alles gesagt.


9,5
von 10 Kürbissen

M.A.S.H. (1970)

Regie: Robert Altman
Original-Titel: M.A.S.H.
Erscheinungsjahr: 1970
Genre: Satire, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: M.A.S.H.


Die Abkürzung M.A.S.H. steht für Mobile Army Surgical Hospital, also ein mobiles Armee-Lazarett, in dem die im Kampf Verwundeten notdürftig zusammengeflickt werden. Chirurgen, die sich so einen Dienst antun, müssen einen an der Waffel haben. Das zeigt Robert Altmans oscar-prämierter Film „M.A.S.H.“ aus dem Jahr 1970 mit Donald Sutherland und Elliott Gould in den Hauptrollen als zynische, opportunistische Chirurgen, deren Hauptbeschäftigungen neben den ziemlich blutigen Metzgerarbeiten das Verführen von Krankenschwester, das Golfspielen auf Helikopter-Landeplätzen und das Trinken extratrockener Martinis sind. Die dann doch vorhandene altruistische Ader zeigt sich, wenn man dem Kollegen, einem gut ausgestatteten Zahnarzt mit Erektionsproblemen, dabei hilft, seinem Leben mit Hilfe der „schwarzen Pille“ und einem Abschiedsgeleit a la letztem Abendmahl ein Ende zu setzen, nur um ihn dann dank tatkräftiger Unterstützung der attraktiven Krankenschwester wieder von den Toten aufzuerwecken. Zugegeben, diese Szene ist brillant und saukomisch. Allerdings hakt es bei „M.A.S.H.“ aus meiner Sicht an dem losen Aneinanderreihen komischer und absurder Szenen, die völlig beliebig nebeneinanderstehen und keinerlei Charakterentwicklung sichtbar machen lassen. Abgesehen von der Entwicklung der von Sally Kellerman gespielten Oberschwester, die zunächst höchst moralische und christliche Vorstellungen in den Ring wirft gegen das Sodom und Gomorrha, das sie vorfindet, und dann am Ende zum unterwürfigen Anhängsel wird, das beim finalen Football-Spiel hysterisch auszuckt. Gags. Gags. Gags. Eh ganz nett anzusehen, allerdings für mich ob der offenkundigen Mängel bei weitem nicht das Meisterwerk, als das der Film gerne rezipiert wird.


5,5
von 10 Kürbissen

Tomka and His Friends (1977)

Regie: Xhanfise Keko
Original-Titel: Tomka dhe shokët e tij
Erscheinungsjahr: 1977
Genre: Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Tomka dhe shokët e tij


Spannend an Filmfestivals sind auch die Retrospektiven und Tributes, bei denen man Filmemacher und Filmemacherinnen entdecken kann, von denen man noch nie etwas gehört hat und von denen man sonst auch nie etwas gehört hätte. Die albanische Regisseurin Xhanfise Keko gehört zu dieser Kategorie. Ihr Film „Tomka and His Friends“ aus dem Jahr 1977 gilt als ein Meisterwerk des albanischen Films. Erzählt wird darin eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, als die deutsche Wehrmacht in der pittoresken Stadt Berut einmarschiert und dort ein Lager errichtet. Der junge Tomka und seine Freunde (darunter der treue Hund Luli, der im Grunde alle Szenen stiehlt, in denen er zu sehen ist) sind davon wenig begeistert. Denn zum Einen verachten sie die Faschisten ohnehin – viele ihrer Angehörigen sind auch im Untergrund bei den Partisanen tätig. Und zum Anderen fällt diesen immer nur im Befehlston herumschreienden Soldaten nichts Besseres ein, als ihr Lager auf dem einzigen Spielplatz der Stadt zu errichten. Also leistet man subversiven Widerstand, indem man vor dem Lager Fußball spielt und auf das rauf und runter gespielte Lied „In der Heimat“ mit lautem Gesang von Partisanenliedern antwortet. Einzig der schwarze Wachhund Gof (der eine entzückend gespielte Sterbeszene hinlegen darf) bereitet den Burschen Kopfzerbrechen. Dann ergibt sich auf einmal die Chance, für die Partisanen tätig zu werden und ihnen zu helfen, die Deutschen zu bekämpfen. „Tomka and His Friends“ ist charmant erzählt, ohne aber die Brisanz seiner Geschichte zu verleugnen. Dennoch blickt der Film mit viel Optimismus (und Patriotismus) auf diese Zeit zurück. Tomka dient dabei prächtig als Identifikationsfigur. Vielleicht mag man diese Art von Filmen als Geschichtsverklärung bezeichnen. Die albanische Filmexpertin Iris Elezi, die dieses Special kuratierte, verschwieg diese Problematik in ihrer Einleitung nicht. Denn natürlich gab es auch in Albanien Kollaborateure, die mit den Nazis zusammenarbeiteten. Natürlich gab es unmenschliche Verbrechen und viele Tote auf beiden Seiten. Aber vielleicht tut es einfach auch mal gut, einem jungen Helden wie Tomka auf der Leinwand zusehen zu dürfen, wie er mit seinen Freunden den Schergen mit Humor und Gewitztheit entgegentritt.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Thank You for Bombing (2015)

Regie: Barbara Eder
Original-Titel: Thank You for Bombing
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Episodenfilm, Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Thank You for Bombing


Mit Episodenfilmen ist es oft so eine Sache. Vielfach mag man bei solchen Filmen einzelne Geschichten, während andere so gar nicht zünden. Bei „Thank You for Bombing“ von der österreichischen Filmemacherin Barbara Eder sind zumindest alle drei Episoden des Films auf einem gleichbleibenden Level. Unterschiedlich sind nur die Charaktere und die Sprachen. In der ersten Episode wird ein alternder Journalist, verkörpert von Erwin Steinhauer, dessen grundsätzlich traurige Miene gut zur Figur passt, von seinem Chef nach Kabul geschickt, denn dort spielt es sich ab. Allerdings kommt er nicht über den Flughafen Wien-Schwechat hinaus, denn der traumatisierte Reporter vermeint einen Kriegsverbrecher aus dem Jugoslawien-Krieg wiederzuerkennen. Statt nach Kabul zu fliegen, lauert er diesem Burschen auf und versucht, ihn dingfest zu machen. In der zweiten Episode versucht die amerikanische Reporterin Lana in Kabul (Manon Kahle), als Kriegsreporterin ernst genommen zu werden. Da sie hübsch und blond ist, wird sie weder von den Kollegen noch von den von ihr Interviewten sonderlich respektiert. Um zu zeigen, wie tough sie ist, geht sie, als sie die Chance einer Investigativ-Story erhält, immer größere Risiken ein. Die dritte Episode schließlich zeigt den zynischen Reporter Cal (Raphael von Bargen), der sich in Afghanistan fürchterlich langweilt. Als auch noch seine Freundin via Skype Schluss mit ihm macht, brennen ein paar Sicherungen durch. „Thank You for Bombing“ zeigt das Geschäft mit den Nachrichten auf eine ungeschönte Weise. Das Problem bei der ganzen Sache ist nur dieses, dass der Film selbst ein wenig der Sensationsgier verfällt, was der eigentlichen Botschaft diametral entgegen steht. Und wenn ich zu Beginn geschrieben habe, dass alle drei Episoden qualitativ auf einem gleichbleibenden Level sind, so sagt das per se noch nicht viel über die Gesamtqualität aus. Denn alle drei Episoden sind gleichermaßen monoton inszeniert. So erinnert „Thank You for Bombing“ trotz des brisanten Themas eher an einen Fernsehfilm. Gut gemeint und phasenweise thematisch interessant, aber nichts, was einen wirklich aufrüttelt.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Es war Nacht in Rom (1960)

Regie: Roberto Rossellini
Original-Titel: Era notte a Roma
Erscheinungsjahr: 1960
Genre: Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Era notte a Roma


Italien während der Zeit durch die nationalsozialistische Besatzung. Es herrscht Chaos. Italiener verstecken Partisanen und Kriegsflüchtlinge in der Hoffnung auf Befreiung. Wer mit einem Kriegsflüchtling erwischt wird, muss damit rechnen, an die Wand gestellt zu werden. Blöd für die junge Esperia (die bezaubernde Giovanna Ralli), dass sie deren gleich drei in ihrem Dachboden sitzen hat: Den britischen Major Michael Pemberton (Leo Genn), den US-Amerikaner Lieutenant Peter Bradley (Peter Baldwin) und den russischen Soldaten Fjodor Nazukow (Sergej Bondarchuk). Ihr Verlobter Renato (Renato Balducci), selbst im Widerstand, findet das eigentlich ganz nett und freundet sich schon bald mit den drei Soldaten, die gemeinsam viel erlebt haben, an. Allerdings wird einem die Zeit schon lang, wenn man nur verborgen im Dachboden hocken kann und auf das Eintreffen der eigenen Truppen hoffen muss. Da sitzt man mitten in der vielleicht schönsten Stadt der Welt und kann nicht raus. Dazu kommt noch die Sprachbarriere – einerseits zu der hübschen Gastgeberin, andererseits auch untereinander, da der Russe kein Englisch spricht. Und trotzdem bildet sich da allmählich eine Gemeinschaft, die über die Schicksalsverbundenheit hinaus geht. „Es war Nacht in Rom“ ist die erste Stunde lang ein Meisterwerk, das mich sprachlos machte. Wie hier auf engstem Raum in einem Kammerspiel die gut gezeichneten Charaktere zueinander finden, ist höchste Filmkunst. Da war der Film schon unterwegs in Richtung einer glatten 9 oder noch höher. Allerdings kann die (auch noch sehr gute) zweite Hälfte des Films, in der die Geschichte dann ein wenig zerfasert, dieses Niveau nicht ganz halten. Trotzdem gehört „Es war Nacht in Rom“ zu einer denkwürdigen Filmerfahrung, die lange nachhallen wird. Ganz großes Kino von Roberto Rossellini, hat mir persönlich sogar noch besser gefallen als sein Meisterwerk „Paisà„.


8,5
von 10 Kürbissen