Politfilm

Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit (2018)

Regie: Mimi Leder
Original-Titel: On the Basis of Sex
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Drama, Politfilm
IMDB-Link: On the Basis of Sex


Vor Ruth Bader Ginsburg, die mit hartnäckiger Arbeit das ganze System ausgehebelt hat, das gesetzlich Frauen in den USA benachteiligt hat, und die es später sogar bis an den Supreme Court geschafft hat, ist fraglos eine eindrucksvolle Frau. Wer sich davon in Live-Bildern überzeugen möchte, dem lege ich sehr die Dokumentation RBG ans Herz. Fast zeitgleich mit dem dokumentarischen Porträt dieser außergewöhnlichen Dame erschien 2018 das Biopic „On the Basis of Sex“ von Mimi Leder mit Felicity Jones in der Hauptrolle. Darin geht es um den bedeutenden Fall aus den 70ern, als Bader Ginsburg einen Mann vor Gericht vertrat, der aufgrund seiner Geschlechtszugehörigkeit diskriminiert wurde – als es um den steuerlichen Abzug von Pflegegeld ging. So unscheinbar dieser Fall auch scheint, er war letztlich jener Stein, der die Abschaffung von Diskriminierung nach Geschlechtern ins Rollen gebracht hat. Und natürlich ist ein solcher Stoff ein dankbares Sujet, um ein flammendes Plädoyer für Gleichberechtigung zu halten, das in unserer heutigen Zeit immer noch notwendig erscheint. Insofern kann man dem Film nicht abstreiten, relevant zu sein. Leider ist die Umsetzung nur mäßig gelungen. Zu sehr folgt Mimi Leder den ausgetretenen Pfaden des Biopics und arbeitet brav Kapitel für Kapitel bis zum entscheidenden Punkt, nämlich der Urteilsverkündung, ab und folgt der Blaupause für biographische Filme bis auf den kleinsten Punkt. Das heißt nicht, dass der Film nicht unterhaltsam sein kann – eine mit Herz spielende Felicity Jones, ein gut aufgelegter Armie Hammer als Ehemann und Staranwalt im Steuerrecht sowie die inhaltliche Brisanz des Films an sich reichen aus, um über die volle Spielzeit von 2 Stunden gern dabei zu bleiben, aber leider gehört „On the Basis of Sex“ auch zu jenen Filmen, die man sofort nach dem Ansehen auch wieder vergisst. Dann lieber gleich die Doku ansehen, denn sowohl jener Film auch die echte Ruth Bader Ginsburg geben viel mehr her, als es Mimi Leders Film vermag.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Das Letzte, was er wollte (2020)

Regie: Dee Rees
Original-Titel: The Last Thing He Wanted
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Thriller, Drama, Politfilm
IMDB-Link: The Last Thing He Wanted


Dee Rees kann es. Das hat die Regisseurin 2017 mit Mudbound bewiesen. Nur leider hat sie auf ihr Können beim Dreh von „The Last Thing He Wanted“ wohl völlig vergessen. Denn dieser Film ist ihr trotz einer charismatischen Besetzung (Anne Hathaway in der Hauptrolle, dazu u.a. Ben Affleck und Willem Dafoe) zu einem chaotischen, unverständlichen Wirrwarr geraten. Der Stoff hätte eigentlich viel hergegeben. Mitte der 80er pfeift eine integere Polit-Journalistin, die von den gefährlichsten Orten der Welt berichtet, auf all ihre Integrität, um für ihren kranken Vater einen letzten Deal abzuschließen. Und schon sieht sie sich in ein lumpiges Waffengeschäft mit finsteren Typen verwickelt und auf der falschen Seite des Gesetzes stehen. Das bringt natürlich jede Menge Stress mit sich, und da kann auch eine hübsche Villa in Costa Rica, in der sie Unterschlupf findet, den Puls drastisch senken. „The Last Thing He Wanted“ marschiert mit fieberhafter Nervosität durch einen Plot, der für den Zuseher kaum Sinn ergibt. Das Hauptproblem ist, dass Dee Rees, die auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, zu viel voraussetzt – so als hätte jeder Zuseher diesen Prozess der Figuren- und Handlungsentwicklung gemeinsam mit ihr selbst schon längst durchgemacht. Man fühlt sich ein bisschen wie in einer Runde cooler Hipster gefangen, die einen Insider-Witz nach dem anderen loslassen. Man will mitlachen, aber man hat keinen Plan, worum es geht. Also nippt man verstimmt an seinem Gin Tonic und hofft, dass der Abend bald vorbei ist. Allein Anne Hathaway kann man keinen Vorwurf machen, sie trägt den Film gut und scheint als eine der wenigen auch das Drehbuch verstanden zu haben. Ben Affleck und Willem Dafoe hingegen sind völlig verschenkt. Bei Affleck passiert es sogar so, dass man sich jedes Mal aufs Neue wundert, wenn er auf dem Bildschirm erscheint, da man seit seinem letzten Auftritt bereits vergessen hat, dass er mitspielt. Und Dafoe ist einfach zu wenig zu sehen, um da noch was zu retten. Am Ende dieser gefühlt ewigen zwei Stunden bleibt das vage Gefühl zurück, dass unter der ganzen nervösen Schwurbelei irgendwo auch eine gute Geschichte versteckt lag, nur hat Dee Rees es leider nicht verstanden, diese ans Tageslicht zu bringen.


3,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Good Bye, Lenin! (2003)

Regie: Wolfgang Becker
Original-Titel: Good Bye, Lenin!
Erscheinungsjahr: 2003
Genre: Drama, Komödie, Politfilm
IMDB-Link: Good Bye, Lenin!


Die Leute, die vor zwei Monaten ins Koma gefallen sind und in den nächsten Wochen daraus erwachen, werden sich erst mal ziemlich wundern. So ähnlich ergeht es auch Alex‘ Mutter, die aufgrund eines Herzinfarktes, verursacht durch einen schweren Schock, an dem der Filius nicht unbeteiligt ist, die Wende und den Siegeszug des Kapitalismus durch die DDR verschläft. Als Muttern unverhofft nach Monaten wieder erwacht, ist die Freude zunächst groß bei ihrer Familie. Doch die Botschaft des Arztes lässt gleich wieder dunkle Wolken heranziehen: Jeglicher Schock ist zu vermeiden, denn einen zweiten Herzinfarkt würde die gerade Genesene nicht überleben. Doch was tun, wenn die Mutter glühende Kommunistin ist? Also muss die DDR nur wenige Monate nach ihrem Ende in einer kleinen Wohnung ist Ost-Berlin wieder auferstehen. Und schon beginnen die Schwierigkeiten. Wie die Coca-Cola-Reklame fernhalten, die gerade großflächig vom Haus gegenüber ausgerollt wird? Und wo kriegt man noch Spreewald-Gurken her, wenn die neuen Gurkerl allesamt aus Holland kommen? Und überhaupt: Was, wenn die im Moment noch ans Bett Gefesselte wieder teilnehmen möchte am Leben da draußen, auch wenn es vorerst nur durchs tägliche Schauen der Nachrichten im Fernsehen ist? Da sind gewitzte Ideen gefragt. Und Alex (Daniel Brühl) hat alle Hände voll zu tun, um die Illusion zu bewahren. Zu allererst ist „Good Bye, Lenin!“ natürlich mal eine politische Komödie über die Wende und gleichzeitig Seitenhieb auf den Kommunismus wie auf den Kapitalismus (und überhaupt jeden -Ismus, der vorstellbar ist). Allerdings versinkt der Film glücklicherweise nicht in Klamauk, sondern versteht es vor allem, die leisen Zwischentöne zu inszenieren. So ist der Film überraschend melancholisch – was ich so nicht erwartet hätte.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Conny Klein – © 2003 Sony Pictures Classics, Quelle: imdb.com)

South Terminal (2019)

Regie: Rabah Ameur-Zaïmeche
Original-Titel: Terminal Sud
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Politfilm
IMDB-Link: Terminal Sud


Irgendein Land am Mittelmeer in den 90ern. Es könnte Algerien sein, es könnte Frankreich sein oder ein anderes Land. Es ist kein Land, und es sind damit alle Länder. Gewalt und Terror halten die Bevölkerung im Griff. Auch dem Staat, vertreten durch Militär und Polizei, ist nicht zu trauen. Mittendrin in dem Chaos ein idealistischer Arzt(Ramzy Bedia). Als sein Schwager, ein Journalist, der über die Übergriffe und Raubüberfälle berichtet, auf der Straße erschossen wird, wird der Arzt hineingezogen in die Gewalt und sieht sich bald selbst mit Todesdrohungen konfrontiert. Auch der Frage, wieweit der hippokratische Eid geht und welche Konsequenzen er zeitigt in einem Umfeld, in dem jeder verdächtig ist, selbst ein Arzt, geht der Film von Rabah Ameur-Zaïmeche nach. „Terminal Sud“ erforscht auf nüchterne Weise, was es mit einem Menschen macht, wenn Humanismus und Frieden durch Terror und Einschüchterung bedroht sind und das eigene Leben in Gefahr ist. Der Arzt versucht dem Chaos auf seine Weise zu begegnen: Mit Alkohol und dem Festhalten an Routinen und seiner Tätigkeit als Arzt, der er sich verpflichtet fühlt. Doch auch Routinen schützen nicht, wenn das Chaos übernommen hat. Die Eskalation gegen Ende trifft den Zuseher überraschend und in die Magengrube. Zwischendurch blitzen immer wieder Momente der Mitmenschlichkeit auf, die Hoffnung geben. Tatsächlich zielt aber Regisseur Ameur-Zaïmeche auf etwas Anderes ab – etwas, das einem fast entgehen könnte, das aber umso wichtiger ist und den Film zusätzlich aufwertet. Dass nämlich Land und Terror darin so gesichts- und namenlos sind, lässt sie als Stellvertreter fungieren. So ist der Film mehr eine Allegorie, die sich auf heutige Zeiten problemlos umlegen lässt, als die Erzählung eines persönlichen Schicksals. Ramzy Bedias namenlose Arztfigur ist jeder Mensch, ob Frau, ob Mann, ob Kind, die dem Terror ausgesetzt waren und sind. Das vor Augen ist „Terminal Sud“ ein wirklich ausgezeichneter Film.


8,0
von 10 Kürbissen

Wonders in the Suburbs (2019)

Regie: Jeanne Balibar
Original-Titel: Merveilles à Montfermeil
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Satire, Politfilm, Komödie
IMDB-Link: Merveilles à Montfermeil


Wow! Da hat man so einen Cast beisammen (neben Regisseurin und Darstellerin Jeanne Balibar selbst Emmanuelle Béart, Mathieu Amalric, Ramzy Bedia uvm.) und fährt das Ding dermaßen an die Wand, dass nicht einmal verwertbare Brösel übrigbleiben. Voilà, Mesdames et Messieurs, das ist „Merveilles á Montfermeil“ oder was die Franzosen unter politischer Satire verstehen. Hysterie. Gekreische. Völlig unlustiges Massensummen. Noch unlustigere Gags mit der Garderobe. Hektik. Noch mehr Hysterie und Gekreische. Second Live-Avatare, die miteinander kopulieren. Frauen in Marshmallowman-Kostümen. HYSTERIE! GEKREISCHE! Die Story ist eigentlich wurscht, denn sie ist quasi nichtexistent. Jede Menge Trubel um die Bürgermeisterin (Emmanuelle Béart) und ihr Team in der Kleinstadt. Jeder will mit jedem ins Bett (womit der geneigte Cineast sofort erkennt, ah, er befindet sich in einem französischen Film), aber wenn es dann mal ernst werden könnte, fangen sie lieber an zu reden oder zu tanzen. Kaum ein anderer Film auf den diversen Festivals, die ich in den letzten Jahren besucht habe, hat so konsequent den Saal leergespielt wie dieser. Und auch ich war mehrmals knapp dran, mich aus dem Kinosaal zu extrahieren und in eine hübsche Wiese mit Blick auf den Lago Maggiore zu pflanzen. Arg verschwendete Lebenszeit.


1,5
von 10 Kürbissen

The Announcement (2018)

Regie: Mahmut Fazıl Coşkun
Original-Titel: Anons
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Politfilm, Drama, Komödie, Satire
IMDB-Link: Anons


Istanbul 1963. Vier Militäroffiziere versuchen, die Radiostation von Radio Istanbul in ihre Gewalt zu bringen, um einen Staatsstreich zu verkünden. Dabei stoßen sie auf unerwartete Probleme wie beispielsweise einen Fahrer, der die Gelegenheit nutzen möchte, seine Brötchen in der Nacht auszuliefern, da die Lieferung eh am Weg zu Radio Istanbul liegt. Oder einen Manager der Radiostation, der leider keine Ahnung von Technik hat, weshalb er den Senderaum nicht bedienen kann. Da muss erst der Techniker her, nur der ist gerade unterwegs. Stoisch nehmen die Putschenden jede neue Komplikation zur Kenntnis. Dagegen wirken Figuren von Kaurismäki wie geschwätzige Tratschtanten. Und ja, das ist teils auch sehr amüsant anzusehen. Allerdings übertreibt es Mahmut Fazıl Coşkun in meinen Augen mit der Lakonie. Denn man erfährt so gut wie nichts über diese Hanseln, die da eine Revolution anführen wollen. Nichts Persönliches, keine politischen Beweggründe, gar nichts. Erstaunlich ist, dass der Film auf wahren Begebenheiten beruht, insofern wäre es für einen Laien, was die türkische Geschichte der 60er Jahre betrifft, durchaus interessant gewesen, zu erfahren, warum es überhaupt zu diesem versuchten Staatsstreich gekommen ist. Aber diesen Gefallen tut uns Coşkun nicht. Seine Figuren bleiben sperrig und distanziert. Und damit verfolge ich auch das Geschehen distanziert – und am Ende ist es mir egal, ob diese Würstel ihr Ziel erreichen oder nicht. Auch ist diese extrem reduzierte Erzählweise, in der sich die Figuren nur in statischen Kamera-Tableaus bewegen, auf Dauer recht ermüdend. So ist der Film zwar gelegentlich unterhaltsam, insgesamt aber eher eine anstrengende Sache. Ein Kaurismäki kann das besser.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Sons of Denmark (2019)

Regie: Ulaa Salim
Original-Titel: Danmarks sønner
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Danmarks sønner


Der Auftakt zu meinem diesjährigen Crossing Europe Filmfestival-Besuch in Linz beginnt mit einem Knall. Eine Bombe geht hoch. 23 Menschen sterben. Die Täter? Islamisten. Die Lösung: Die Gründung einer neuen rechten Partei, die damit wirbt, alle Ausländer aus dem Land zu werfen. Auch wenn Ulaa Salims Polit-Thriller „Sons of Denmark“ sechs Jahre in der Zukunft angesiedelt ist, ist der Schrecken, der sich auf der Leinwand entfaltet, nur allzu gegenwärtig. Man merkt: Da hat sich einer Gedanken darüber gemacht, wie wenig per Stand heute noch fehlt, um eine Gesellschaft zu radikalisieren. Denn der Terror spielt sich erst einmal im Kleinen ab. Vor den Häusern muslimischer Mitbürger werden blutige Schweinsköpfe abgelegt, und die Wände werden mit ausländerfeindlichen Parolen beschmiert. Im Fernsehen ist es plötzlich in Ordnung, wenn der Spitzenkandidat der rechten Partei davon spricht, bei gewalttätigen Handlungen, die von Ausländern begangen werden, ohne groß zu fackeln Gegengewalt anzuwenden. Und die Polizei, die zuvor noch die Reihen der rechtsradikalen Gruppierung „Söhne Dänemarks“ infiltriert hat, mit der der Spitzenkandidat natürlich nichts zu tun haben möchte (Kommt euch das bekannt vor?), stellt plötzlich die Ermittlungen ein, um sich wieder dem islamischen Terror zuzuwenden. Der laut Insider Malik (Zaki Youssef) nicht mehr existent ist. Denn die Bedrohung kommt vielmehr von militanten, radikalen blonden Dänen, die das neue Klima nutzen, um Jagd auf Immigranten zu machen. Ulaa Salim, der selbst einen irakischen Hintergrund aufweist, erzählt das alles sehr subtil. Zu Beginn vielleicht sogar etwas zu subtil, denn der Fokus der Geschichte bleibt ganz klar auf dem Persönlichen – zunächst auf dem 19jährigen Zakaria (Mohammed Ismael Mohammed), der zu Beginn der Geschichte radikalisiert wird, dann auf Malik. Die Kamera hängt dabei stets über der Schulter, der Blick ist dementsprechend beengt. Die großen gesellschaftlichen Veränderungen werden damit erst nach und nach sichtbar, und auch sie werden nur punktuell im persönlichen Lebensumfeld der Protagonisten gezeigt. Vielleicht hätte man noch etwas mehr aus dem Thema herausholen können, wenn der Fokus etwas weiter gefasst worden wäre. Die Botschaft ist dennoch klar. Das Jahr 2025 ist näher als man denkt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)