Roadmovie

303 (2018)

Regie: Hans Weingartner
Original-Titel: 303
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Liebesfilm, Roadmovie
IMDB-Link: 303


Jule ist 24, hat gerade eine Prüfung versemmelt und ist ungeplant schwanger, was noch kaum jemand weiß, vor allem nicht ihr Freund in Portugal. Jan ist ebenfalls 24, wurde gerade für ein Stipendium abgelehnt und möchte seinen leiblichen Vater in Spanien kennenlernen. Der Zufall führt die beiden zusammen, als Jule den Anhalter Jan mitnimmt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten stellen die beiden fest, dass sie sich trotz sehr gegensätzlicher Ansichten doch recht sympathisch sind und die Gesellschaft des jeweils Anderen genießen können. Und so wird aus einer kurzen Strecke die ganze Fahrt quer durch Europa auf die iberische Halbinsel. Und am Ende der Reise stellen sie fest, dass sie sich ineinander verliebt haben. Das ist „303“ von Hans Weingartner, und mehr an Inhalt ist hier tatsächlich nicht zu erzählen. Aber die Story ist nebensächlich. Viel mehr transportiert der Film ein Lebensgefühl, eine Stimmung, wie es sich anfühlt, Mitte 20 zu sein und sich zu verlieben. Die grenzenlose Freiheit wird zwar schon eingeengt durch die ersten Erschwernisse, die das Leben eben so mit sich bringt, aber man macht dennoch das Beste daraus. Das Kluge an dem Film ist, dass er keine kitschige Romanze abspult, sondern den beiden Protagonisten ein ehrliches Bemühen zugesteht, sich eben nicht ineinander zu verlieben. Jule hat einen Freund und ist, wie gesagt, schwanger. Jan hat persönliche Probleme, die er erst aufarbeiten möchten. Und in vielen Diskussionspunkten sind sie sehr unterschiedlicher Ansicht – was den Kapitalismus betrifft, die Liebe, den Sex. Aber setze zwei junge, sich sehr sympathische Menschen ein bis zwei Wochen lang in ein Wohnmobil und schaue, was passiert. Nämlich das, wovon „303“ erzählt. Man muss schon viel Sitzfleisch aufbringen, denn der Film nimmt sich mit 2,5 Stunden wirklich Zeit für seine Geschichte. Und man muss sich darauf einstellen, dass so gut wie nichts passiert, außer dass sich die Landschaft allmählich ändert. Das Herzstück des Films sind die Diskussionen und Gespräche der beiden Figuren und wie sie sich dadurch Schritt für Schritt aneinander annähern. Ein wunderschönes Roadmovie, bei dem die Zeit still steht. Und selten habe ich eine so gute Chemie zweier Darsteller gesehen wie in diesem Film. Mala Emde und Anton Spieker sind fantastisch zusammen. Ein Film, der die Seele streichelt.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Thimfilm)

Blues Brothers (1980)

Regie: John Landis
Original-Titel: The Blues Brothers
Erscheinungsjahr: 1980
Genre: Musikfilm, Komödie, Roadmovie
IMDB-Link: The Blues Brothers


Nein, man kann sie nicht beschreiben, die Blues Brothers. Man muss diesen wahnwitzigen, stoischen Irrsinn selbst gesehen haben. In diesem Meisterwerk und Kultfilm von John Landis machen sich Dan Aykroyd und John Belushi als Elwood und Jake Blues auf einer Mission im Auftrag des Herrn auf den Weg, die alte Band zusammenzutrommeln, nachdem Jake gerade aus dem Knast entlassen wurde. Die Mission: Genug Geld verdienen, um die Steuerschuld des Waisenhauses, in dem sie aufgewachsen sind, zu begleichen, sodass dieses fortbestehen kann. Dass die beiden es auf ihrem Weg mit dem Buchstaben des Gesetzes nicht so ganz genau nehmen, versteht sich von selbst. Unterwegs singen sie mit Aretha Franklin in einem Diner, zerstören ein Einkaufszentrum, legen sich mit einer Gruppe Nazis aus Illinois und mit Country-Musik-Fans an, werden von einer wütenden Verflossenen mit Sturmgewehr verfolgt (die selige Carrie Fisher) und am Ende von der ganzen Polizei des Staates. Und als wäre das nicht schon genug Wahnsinn, durchleben sie alle Abenteuer so stoisch, als würden sie an einem Freitagvormittag Milch einkaufen gehen. Genau darin liegt der Reiz der „Blues Brothers“. Die beiden Helden wider Willen sind vielleicht die coolsten Socken, die jemals auf Leinwand gebannt wurden. Passend dazu dieses legendäre Zitat:

Elwood: „It’s 106 miles to Chicago, we got a full tank of gas, half a pack of cigarettes, it’s dark … and we’re wearing sunglasses.“
Jake: „Hit it.“

Dazu kommen die vielen kleinen Gastauftritte berühmter Blues- und Soulmusiker wie eben Aretha Franklin, Ray Charles, James Brown oder John Lee Hooker, die den Irrsinn noch komplettieren. Und bei der rhythmischen, knochentrockenen Musik bleibt sowieso kein Tanzbein still – selbst die Polizei macht dann mal eine Pause, wenn die Blues Brothers den Ballsaal zum Kochen bringen.

„We’re so glad to see so many of you lovely people here tonight. And we would especially like to welcome all the representatives of Illinois’s law enforcement community that have chosen to join us here in the Palace Hotel Ballroom at this time. We certainly hope you all enjoy the show. And remember, people, that no matter who you are and what you do to live, thrive and survive, there’re still some things that makes us all the same. You. Me. Them. Everybody. Everybody.“

 


9,0
von 10 Kürbissen

Dolmetscher (2018)

Regie: Martin Šulík
Original-Titel: The Interpreter
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: The Interpreter


Es gibt wahrlich ungünstigere Voraussetzungen für einen Film als ein Aufeinandertreffen der beiden Altmeister Peter Simonischek und Jiří Menzel in den Hauptrollen in einer ungewöhnlichen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Simonischek spielt hier den Sohn eines ehemaligen SS-Offiziers, der in der Slowakei Juden ermorden ließ. Menzel spielt Ali Ungár, den Sohn einer ermordeten Familie. Und eigentlich möchte Ungár bei seinem Wien-Besuch den Mörder seiner Familie stellen und ihm dann persönlich den Garaus machen für die Gräueltaten, die er begangen hat. Allerdings stellt er fest, dass er zu spät kommt. Und durch eine ungewöhnliche Bitte Georg Graubners (Simonischek) machen sich die beiden grundverschiedenen Charaktere, deren Väter auf völlig unterschiedlichen Seiten der Geschichtsbücher standen, auf den Weg in die Slowakei und auf eine Spurensuche, die schon bald beider Leben durcheinander rüttelt. An sich wäre das Stoff für ein wirklich exzellentes Drama, vor allem, wenn man auf solche erfahrenen Schauspielgiganten vertrauen kann. Aber darin liegt das Problem in Martin Šulíks „Dolmetscher“: Er vertraut der Geschichte nicht so recht. So müssen Simonischek und Menzel teils arg gestelzte und sehr unnatürlich wirkende Dialogzeilen von sich geben und ihre Figuren auch immer wieder ins Klamaukhafte ziehen, sei es beim Baden, wenn der fröhliche Lebemann Graubner mit Wohlstandswampe zunächst lachend ins Thermalbad hüpft, um sich anschließend von jungen Slowakinnen, die alle Klischees, die man so erwartet, vereinen, massieren zu lassen, während Ungár griesgrämig am Pool sitzt. Ja, wir haben es verstanden: Graubner ist gut drauf, weil er verdrängt, Ungár ist griesgrämig, weil seiner Familie ein unfassbar tragisches Schicksal widerfahren ist. Das alles wird mit Musik untermalt, die zum Einen ständig das gleiche Thema wiederholt (ich denke mal, der Komponist war hier echt günstig) und zum Anderen geklaut wirkt aus hundert deutschen Befindlichkeitsdramen der jüngeren Vergangenheit. Das Ende geht dennoch unter die Haut und lässt einen ansonsten eher nervigen Film länger nachwirken. Ein seltsam uneinheitliches Ding mit großem Potential, das mit Ausnahme der letzten zehn Minuten so gut wie nie ausgeschöpft wird.

 


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Convoy (1978)

Regie: Sam Peckinpah
Original-Titel: Convoy
Erscheinungsjahr: 1978
Genre: Action, Roadmovie
IMDB-Link: Convoy


Nein, erklären kann ich es nicht, warum „Convoy“ von Sam Peckinpah der Film ist, den ich mit Abstand am häufigsten gesehen habe. Ich war ein Kind, es gab Trucks und Wüstensand und zu Schrott gefahrene Polizeiautos und coole Typen wie Kris Kristofferson als „Rubber Duck“. Tagelang spielte ich den Convoy aus dem Film mit meinem Matchbox-LKWs nach – und ich hatte sogar eines, das ein wenig aussah wie das Gefährt des furchtlosen, stoischen Anführers. Warum mich der Film auch heute noch so begeistert, kann ich allerdings noch weniger erklären. Na gut, ein Erklärungsversuch: Es gibt Trucks und Wüstensand und zu Schrott gefahrene Polizeiautos und coole Typen wie Kris Kristofferson als „Rubber Duck“. Man sagt ja, dass sich Burschen bis zum Alter von 12 Jahren entwickeln, und danach wachsen sie nur noch. Jedenfalls ist „Convoy“ auch heute noch mein größtes Guilty Pleasure. Es gibt nichts Schöneres, als zu den Klängen von Countrymusik einen Convoy von Trucks, gelenkt von kantigen Gesetzesbrechern, durch Polizeibarrikaden rauschen und Polizeiautos in Hühnerställe fliegen zu sehen. Und ganz ehrlich: Viel mehr bietet der Film auch nicht. Gut, da wäre noch eine ziemlich verschenkte Ali McGraw, die mal eine Weile an Rubber Ducks Seite sitzen darf und was fürs Auge bieten soll, und die Privatfehde zwischen Rubber Duck und dem herrlich fiesen Sheriff „Dirty“ Lyle Wallace (Ernest Borgnine in einer Glanzrolle), die den ganzen Convoy erst zum Rollen bringt. Inhaltlich darf man sich allerdings nicht mehr erwarten von diesem Macho-Traum, der beim Bechdel-Test mit Pauken und Trompeten durchfällt. Aber ganz ehrlich: Das ist mir in diesem Fall egal. Denn der Film hat einfach alles: Trucks und Wüstensand und zu Schrott gefahrene Polizeiautos und coole Typen wie Kris Kristofferson als „Rubber Duck“.


10
von 10 Kürbissen

Mad Max: Fury Road (2015)

Regie: George Miller
Original-Titel: Mad Max: Fury Road
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Action, Roadmovie, Science Fiction
IMDB-Link: Mad Max: Fury Road


„Mad Max: Fury Road“ oder: „Wir fahren eine Stunde lang in die eine Richtung, drehen dann um, und fahren eine Stunde lang wieder in die andere Richtung zurück“. Selten war ein Konzept für einen Film so einfach wie in George Millers Neuauflage der Mad Max-Filmreihe. Diesmal darf der von mir hochgeschätzte Tom Hardy in die Rolle des verrückten Maxl schlüpfen, hat aber, wenn man ehrlich ist, den ganzen Film über lang nicht viel zu melden. Einen Großteil der Action der ersten Stunde verbringt er dekorativ in der ersten Reihe fußfrei als Kühlerfigur, in der zweiten Stunde darf er dann als Sidekick für die furiose Furiosa (Charlize Theron) herhalten. Schönste Szene: Als er mit seinem Gewehr zwei von drei Kugeln verballert, dann kurz mit den Schultern zuckt, die Waffe nach hinten reicht und Furiosa mit der letzten Kugel den heranjagenden Bösewichten wortwörtlich das Licht ausknipst. Frauenpower! Diese gehört auch zu den größten Stärken des Films. Die Damen sehen nicht einfach nur hübsch aus, sondern sie zeigen den Männern, wie ein richtiger Kinnhaken aussieht. Ob das ausreicht, dass man den Film gleich zu einem feministischen Befreiungsschlag hochstilisiert, sei aber mal dahingestellt. Denn abgesehen von den austeilenden Damen hat der Film ansonsten nicht viel übrig für seine Figuren und deren Motivationen. Hier geht’s mal wieder rein um die Action, und die ist natürlich exzellent in Szene gesetzt mit all den technischen Möglichkeiten, die man heute eben so hat (und die George Miller in den 70ern und 80ern noch spürbar gefehlt haben). Aber die Storysuppe ist eben sehr dünn, und irgendwann hat man genug gesehen von völlig durchgeknallten Gitarrensolisten (ja, richtig gelesen) auf explodierenden Fahrzeugen. Wenn man die Schauwerte beiseite lässt, hat der Film nicht wirklich viel zu bieten abgesehen von dem Versuch, sich für drei Filme Macho-Gehabe bei der Frauenwelt zu entschuldigen, indem die Damen nun mal richtig zulangen dürfen. Eh sehr in Ordnung, und auch nach der zweiten Sichtung noch unterhaltsam, aber der Hype, der um ihn entstanden ist, inklusive einer Oscar-Nominierung für George Miller als besten Regisseur sowie eine Nominierung als bester Film neben sechs Oscars in technisch-handwerklichen Kategorien, war vielleicht ein bisschen zu viel des Guten.


6,5
von 10 Kürbissen

Mad Max 2 – Der Vollstrecker (1981)

Regie: George Miller
Original-Titel: Mad Max 2: The Road Warrior
Erscheinungsjahr: 1981
Genre: Action, Roadmovie, Science Fiction
IMDB-Link: Mad Max 2: The Road Warrior


Der zweite Mad Max-Film gehört zu den seltenen Fällen, in denen die Fortsetzung besser als das Original ist. Möglich gemacht hat dies der große Erfolg des ersten Films, dank dem George Miller für die Fortsetzung ein ordentliches Budget zur Verfügung hatte, das er dann gleich mal für richtig gelungene Action-Szenen und der Umsetzung seiner dystopischen Vorstellungen einsetzte. Die Zukunft ist noch abgefuckter als in Teil 1. Das wichtigste Gut der Menschen ist Benzin. Um eine zu einer Festung ausgebauten Raffinerie tobt ein heftiger Kampf zwischen einer Gang von Outlaws unter Lord Humungus und den Menschen, die in der Raffinerie leben und diese betreiben. Max Rockatansky (Mel Gibson), auf der Suche nach Benzin, lässt sich auf einen Deal ein: Er bringt den Leuten einen Sattelschlepper in die Raffinerie, mit dem sie den Benzintank transportieren können, und sie geben ihm dafür Benzin. So weit, so gut. Dass das alles nicht so einfach ist, wenn man in einer Welt lebt, in der es nur noch Verrückte gibt, für die ein Menschenleben nichts wert ist, erschwert die Sache natürlich enorm. Aber Mad Max ist ja auch kein Waldorfschulenabsolvent, und so nimmt der Action-Kracher ordentlich Fahrt auf. Was an „Mad Max 2 – Der Vollstrecker“ überzeugt, ist das reduzierte, aber dennoch sehr wirkungsvoll dystopisch in Szene gesetzte Setting. Das hat schon ein spürbares Endzeitflair. Auch ist der sehr geradlinig inszenierte Film höllisch spannend und weist keine Längen auf. Da ist kein Gramm Fett dran an diesem Mad Max-Film. Trotzdem bleibt der Film unterm Strich natürlich das, was er ist: Ein schnörkelloser Endzeit-Actionfilm, der durch möglichst viele gelungene Explosionen unterhalten will, aber nicht unbedingt eine tiefgründige Botschaft oder besonders ausgeklügelte Motivationen seiner Figuren mit sich bringt. Als Actionfilm funktioniert der Film aber tadellos.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 27 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Mad Max (1979)

Regie: George Miller
Original-Titel: Mad Max
Erscheinungsjahr: 1979
Genre: Action, Roadmovie, Science Fiction
IMDB-Link: Mad Max


Wenn man keine Kohle hat, muss man für eine Filmszene auch schon mal seinen eigenen Wohnwagen zerschreddern. Diese cineastische Grenzerfahrung machte George Miller bei seinem Low Budget-Actionfilm „Mad Max“, der zu einem überraschenden Box Office-Hit und Kultfilm geriet (weshalb er dann in weiterer Zukunft seine Wohnwägen behalten durfte). Wenn man den Film in einem Satz beschreiben müsste, würde dieser wohl lauten: Auf dem Highway ist die Hölle los. In einem dystopischen Australien der Zukunft machen Biker-Gangs die Straßen unsicher. Die Polizei stellt sich diesen mit aller Brutalität entgegen und ist dabei um keinen Deut besser. Max (Mel Gibson in der Rolle, die nicht nur George Millers Wohnwagen, sondern auch ihm zum Durchbruch verhalf) ist einer der besten Polizisten. Entspannung nach adrenalinberauschten Verfolgungsjagden findet er zuhause bei Frau und Kind. Doch als er einen berüchtigten Biker, der gerade freiwillig seinen Gefängnisurlaub verkürzt hat, unter die Räder kriegt, legt er sich mit der gefürchtetsten Gang von allen an, die vom sadistischen Toecutter geleitet wird. Klarerweise ist das schon bald eine Belastung für das Familienglück. Doch einen Mad Max macht man besser nicht wütend, denn das geht zulasten der eigenen Gesundheit. Ich kannte bislang nur „Mad Max: Fury Road“ und nutzte die Filmreisechallenge, um die Bildungslücke der fehlenden Original-Trilogie nachzuholen. Im Gegensatz zum schrillen, wüst-trostlosen „Fury Road“ und auch zu den beiden Fortsetzungen ist der erste Mad Max-Film noch erstaunlich gegenwartsnah. Das Dystopie-Feeling der späteren Filme stellt sich noch nicht ein. Dafür sieht man einen schlanken Rache-Action-Reißer, der aus geringen Mitteln viel macht. Dennoch: Wenn man sich aus schnellen Autos und wilden Verfolgungsjagden nicht viel macht, ist „Mad Max“ zwar unterhaltsam, aber nicht so wahnsinnig interessant, da insgesamt doch recht eindimensional.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 26 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Something Useful (2017)

Regie: Pelin Esmer
Original-Titel: İşe Yarar Bir Şey
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: İşe Yarar Bir Şey


Regisseurin Pelin Esmer meinte einmal über ihre Filme, sie würde diese nicht in Prosa drehen, sondern in Poesie. Nachdem ich „Something Useful“ gesehen habe, glaube ich zu wissen, was sie damit meint. Denn vorrangig ist „Something Useful“ ein ästhetischer, aber dennoch konzentrierter Film. Die gleichen Merkmale weist auch ein gutes Gedicht aus: Ästhetik und Fokus. Erzählt wird die Geschichte einer Zufallsbekanntschaft während einer langen Bahnfahrt. Die Dichterin Leyla ist auf dem Weg zu einem Klassentreffen, dem ersten, an dem sie überhaupt teilnimmt. Im Zug lernt sie die junge Krankenschwester Canan kennen, die davon träumt, Schauspielerin zu werden. Zunächst muss sie aber einen pikanten Auftrag erfüllen, denn ein Bekannter hat sie gebeten, Sterbehilfe bei seinem besten Freund zu leisten, nachdem er selbst an dieser Aufgabe gescheitert ist. Und so soll Canan dem vom Hals abwärts gelähmten Yavuz die tödliche Spritze setzen. Das junge Mädchen, das zwischen Pflichtgefühl, Mitleid und Angst hin- und hergerissen ist, vertraut sich Leyla an, und die entschließt sich, Canan zu begleiten. Die Begegnung der beiden Frauen mit dem gelähmten Sterbenswilligen bietet einige der besten Dialogmomente auf, die ich in diesem Jahr bislang genießen durfte. Auch das Davor, die Reise der beiden Frauen, ist größtenteils interessant und immer wieder von Metaphern begleitet – seien es Spiegelungen, wenn Leyla aus dem Zugfenster nach draußen blickt und dabei sich selbst sieht, oder Graffitis von Raben, den Todesvögeln, die scheinbar in jedem Bahnhof auftauchen. Zwar braucht die Geschichte ein wenig Zeit, um in Fahrt zu kommen, aber allein schon das wundervolle Ende entschädigt für die gelegentlichen Längen davor. Auch schauspielerisch gibt es nichts zu bemäkeln. „Something Useful“, mein vierter und letzter Film des diesjährigen LET’S CEE Film Festivals, ist ein langsamer, und ja: poetischer Film, für den man ein wenig Geduld mitbringen sollte, die hier aber gut investiert ist.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: LET‘S CEE Film Festival)

Leningrad Cowboys Go America (1989)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Leningrad Cowboys Go America
Erscheinungsjahr: 1989
Genre: Komödie, Roadmovie, Musikfilm, Satire
IMDB-Link: Leningrad Cowboys Go America


Diesen Film muss man erst einmal sacken lassen. Der braucht eine Weile, um kognitiv verarbeitet zu werden. Aber weil es eh irgendwie wurscht ist, kann man eine Filmkritik auch nach Art der Leningrad Cowboys schreiben, nach dem Motto „Scheiß drauf, wir machen das jetzt einfach“. Denn so funktioniert der Film, so funktionieren die Leningrad Cowboys. Gerade noch in der finnischen Tundra von einem Plattenchef abgelehnt worden mit dem Hinweis, „Geht nach Amerika, die kaufen dort jeden Scheiß“, sitzen sie  mit ihren imposanten Haartollen schon im Flugzeug, den beim Üben im Freien erfrorenen Bassisten im Gepäck, und machen das Land der unbegrenzten Möglichkeiten unsicher. Und weil das Land eben unbegrenzte Möglichkeiten bietet, spielt man von Rock’n’Roll über Country alles, was gerade verlangt wird. So richtig zündet die Mischung aus stoischer Coolness, Haargel und Posaunen nicht beim Publikum, aber man schlägt sich durch, bis man schließlich in Mexiko groß aufspielt. Und das, obwohl es manchmal vom diktatorischen Manager (Matti Pellonpää) nur rohe Zwiebeln zum Essen gibt, während er sich saftige Filetsteaks hineinzieht. Man kommt nie aus dem Takt. Ein bisschen ist „Leningrad Cowboys Go America“ die satirische und durch und durch finnische Antwort auf die Blues Brothers, die wiederum selbst ein satirischer Kommentar auf die Musikszene in den USA sind. Die Blues Brothers sind schon irre, aber gegen die Leningrad Cowboys erscheinen sie zahm wie die Wiener Sängerknaben. Nicht jeder Witz dieses episodenhaft angelegten Klamauk zündet, aber irgendwie ist das egal, denn allein schon die Frisuren sorgen dafür, dass man die ganze Zeit über Spaß hat. Und weil das mit den Frisuren so gut funktioniert hat, wurde aus der von Kaurismäki erdachten fiktiven Band tatsächlich eine echte mit breiter Fanbasis über den ganzen Planeten. Life imitates art.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 48 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

American Honey (2016)

Regie: Andrea Arnold
Original-Titel: American Honey
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Roadmovie, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: American Honey


„American Honey“ ist kompromisslos. Gleich zu Beginn wird das Setting mit wenigen Bildern aufgebaut, wenn die 18jährige Star (Laiendarstellerin Sasha Lane, die ihre Sache großartig macht) aus dem Abfall eines Supermarktes ein halb aufgetautes Tiefkühlhuhn hervorfischt, das sie ihren beiden Halbgeschwistern zum Spielen hinwirft. Dieser Film spielt im finsteren Amerika, Land der begrenzten Möglichkeiten. Eine Chance ergibt sich für Star, als sie im Supermarkt auf den charismatischen Jake (Shia LaBeouf in einer Rolle, in der er mir mal nicht auf die Nerven geht) trifft. Der arbeitet für Krystal (Riley Keough), die aussieht, als würde sie im Trailerpark leben, sich aber als toughe Geschäftsfrau gibt. So hat sie eine Truppe von Jugendlichen zusammengezogen, die als Keiler von Tür zu Tür gehen, um Zeitschriftenabos zu verkaufen. Das eine oder andere Souvenir wird dabei gerne mal mitgenommen. Star schließt sich der Runde an, die ihr eine Alternative zu ihrem Tiefkühlhuhnleben bietet. Und Jake ist ja irgendwie schnuckelig. Andrea Arnold macht es ihrem Publikum mit „American Honey“ nicht leicht. Fast drei Stunden beobachtet sie akribisch und mit vielen Nahaufnahmen das Treiben der Jugendliche, wie sie ihrer Arbeit nachgehen, wie sie am Abend danach feiern, wie sie im Bus durch den Mittleren Westen fahren und dabei Musik hören. Es geschieht nicht viel. Die Dramen spielen sich eher im Kleinen ab, kleinere Eifersüchteleien, der Druck, Geld verdienen zu müssen, die Andeutung einer Entwurzelung, die ein unstetes Leben mit sich bringt. Meistens blödeln die Jugendlichen herum, spielen sich auf, markieren den starken Mann und die harte Frau – es ist trotz aller Kumbaya-Lagerfeuerromantik ein fordernde Welt mit klaren Regeln, und wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt Probleme. Besser also, mit Coolness die eigenen Ängste herunterspielen. Dabei dreht Andrea Arnold den Hahn vielleicht das eine oder andere Mal etwas zu weit auf. So authentisch die Jugendlichen (allesamt Laiendarsteller/innen) auch wirken, aber es fehlen die leiseren Zwischentöne. Andererseits wiederum fehlt es diesen jungen Menschen vielleicht auch einfach an den Gelegenheiten, mal die Deckung runterzunehmen. Star ist diesbezüglich eh die Ausnahme. So konzentriert sich die Kamera auch ganz auf sie. Gedreht in teils wackeligen, aber wunderschönen 4:3-Bildern entsteht ein fast intimes Porträt der jungen Frau. So ist der Film trotz seiner langen Laufzeit stets intensiv und interessant, auch wenn die Handlung selbst nur wenige Fortschritte zeigt. Aber auch das ist in sich stimmig, denn für viele Menschen aus prekären Verhältnissen ist das Leben tatsächlich eine immer wieder kehrende Momentaufnahme, eine Abfolge von Wiederholungen, und neue Perspektiven bieten sich nur selten, wenn überhaupt.


8,0
von 10 Kürbissen