Satire

Tagebuch einer Kammerzofe (1964)

Regie: Luis Buñuel
Original-Titel: Le Journal d’une femme de chambre
Erscheinungsjahr: 1964
Genre: Drama, Krimi, Satire
IMDB-Link: Le Journal d’une femme de chambre


„Tagebuch einer Kammerzofe“ nach Octave Mirbeaus gleichnamigen Roman wurde inszeniert von Luis Buñuel, einem Regisseur, der zu meinen absoluten Lieblingen gehört. Der Film datiert aus dem Jahr 1964 und ist einer der wenigen Filme Buñuels, die ohne surrealistische Elemente auskommen. Man kann aber dennoch nicht sagen, dass alles so ist, wie es scheint. Jeanne Moreau (herrlich unterkühlt) spielt eine Kammerzofe aus Paris, die eine neue Anstellung am Land findet. Sehr rasch wird klar, dass wirklich alle im Haushalt und in der unmittelbaren Nachbarschaft einen an der Waffel haben. Die Hausherrin ist eine pedantische Furie, ihr Ehemann ein Schwerenöter, der Vater pervers, der Kutscher ein sadistischer Faschist und der Nachbar ein streitbarer Spießbürger. Genüsslich zerlegt Buñuel einmal mehr die Bourgeoisie, wie er es auch in seinen Meisterwerken „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ oder „Das Gespenst der Freiheit“ in seinen letzten Filmen einige Jahre später auf die Spitze getrieben hat. Im Gegensatz zu der satirischen Leichtigkeit, die seine Spätwerke auszeichnet, schichtet Buñuel in diesem Film allerdings auch Facetten der Dunkelheit auf. Als nämlich noch ein kleines Mädchen im Wald vergewaltigt und ermordet wird, werden die letzten Abgründe freigelegt. Und auch die Kammerzofe, die anfangs noch die unbeteiligte Außenstehende ist, der man als Zuseher durch den Haushalt folgt, trifft einige seltsame Entscheidungen. Die Tatsache, dass einem am Ende wirklich gar niemand mehr von der bunten Riege der Charaktere sympathisch ist, machte es mir neben dem kühlen, distanzierten Blick auf die Geschehnisse schwer, mich wirklich in den Film hineinkippen zu lassen. Aber sehenswert ist er allemal.

 


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Jojo Rabbit (2019)

Regie: Taika Waititi
Original-Titel: Jojo Rabbit
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Satire, Komödie, Drama
IMDB-Link: Jojo Rabbit


Der Preis für den größten Scheiß-drauf-Film des Jahrzehnts ist hiermit offiziell bereits vergeben. An Taika Waititis Satire „Jojo Rabbit“ kommt nichts Anderes ran. Allein die Eröffnungssequenz zeigt schon, wohin die Reise geht, wenn Aufnahmen von Naziaufmärschen und Hitler zujubelnden Menschenmengen unterlegt werden mit einer deutschsprachigen Version von „I Want to Hold Your Hand“ der Beatles. Bäm! Ein bisschen zieht’s da schon in der Magengegend, aber der subversive Witz, der da so schamlos vorgetragen wird, setzt sich dann doch über die eigenen Grenzen des guten Geschmacks hinweg, und man beginnt, hemmungslos zu kichern. Und das zieht sich dann die meiste Zeit des Films auch so durch. Warum nicht über Hitler lachen und damit das Gespenst vertreiben, das über dem vergangenen Jahrzehnt hängt und in Zeiten des Rechtspopulismus immer wieder hinter gutbürgerlichen Fassaden hervorschaut? Vielleicht mag der Film seine Geschichte der Annäherung eines fanatischen Nazi-Jungen (Roman Griffin Davis mit einer makellosen Vorstellung) an eine in seiner Wohnung versteckte Jüdin (Thomasin McKenzie, die ich seit ihrer furiosen Darstellung in Leave No Trace auf dem Zettel habe) ein bisschen gar plump erzählen und die Mittel der Satire ein wenig missbrauchen, um es sich an der einen oder anderen Stelle einfach zu machen. Vielleicht wirkt Taika Waititi als imaginärer Freund Adolf an einigen Stellen deplatziert und ist für die Story selbst im Grunde belanglos. Vielleicht ist es gewöhnungsbedürftig, Stars wie Scarlett Johansson, Sam Rockwell oder Rebel Wilson (die allesamt herausragend sind in ihren Rollen, vor allem die völlig zu Recht oscarnominierte Johansson) mit einem übertriebenen deutschen Akzent sprechen zu hören. Und vielleicht werden manche Schrecken ein bisschen zu sehr verniedlicht, während andere einen aus den Schuhen kippen lassen (eine Szene im Speziellen, die so unvermutet daherkommt, dass für eine Weile kein Witz mehr zünden kann). Aber was soll’s. „Jojo Rabbit“ ist kein perfekter Film, aber er ist mit seiner Fuck-it-Attitüde eine grandiose und saukomische und gleichzeitig stellenweise tieftraurige Erfahrung, die man nicht missen sollte.


8,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2018 – Fox Searchlight, Quelle imdb.com)

Wonders in the Suburbs (2019)

Regie: Jeanne Balibar
Original-Titel: Merveilles à Montfermeil
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Satire, Politfilm, Komödie
IMDB-Link: Merveilles à Montfermeil


Wow! Da hat man so einen Cast beisammen (neben Regisseurin und Darstellerin Jeanne Balibar selbst Emmanuelle Béart, Mathieu Amalric, Ramzy Bedia uvm.) und fährt das Ding dermaßen an die Wand, dass nicht einmal verwertbare Brösel übrigbleiben. Voilà, Mesdames et Messieurs, das ist „Merveilles á Montfermeil“ oder was die Franzosen unter politischer Satire verstehen. Hysterie. Gekreische. Völlig unlustiges Massensummen. Noch unlustigere Gags mit der Garderobe. Hektik. Noch mehr Hysterie und Gekreische. Second Live-Avatare, die miteinander kopulieren. Frauen in Marshmallowman-Kostümen. HYSTERIE! GEKREISCHE! Die Story ist eigentlich wurscht, denn sie ist quasi nichtexistent. Jede Menge Trubel um die Bürgermeisterin (Emmanuelle Béart) und ihr Team in der Kleinstadt. Jeder will mit jedem ins Bett (womit der geneigte Cineast sofort erkennt, ah, er befindet sich in einem französischen Film), aber wenn es dann mal ernst werden könnte, fangen sie lieber an zu reden oder zu tanzen. Kaum ein anderer Film auf den diversen Festivals, die ich in den letzten Jahren besucht habe, hat so konsequent den Saal leergespielt wie dieser. Und auch ich war mehrmals knapp dran, mich aus dem Kinosaal zu extrahieren und in eine hübsche Wiese mit Blick auf den Lago Maggiore zu pflanzen. Arg verschwendete Lebenszeit.


1,5
von 10 Kürbissen

Notre dame (2019)

Regie: Valérie Donzelli
Original-Titel: Notre dame
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Komödie, Liebesfilm, Satire
IMDB-Link: Notre dame


Es wirkt zunächst fast ein wenig seltsam, die Kathedrale von Notre-Dame in Paris zu sehen, wie sie sich bester Gesundheit erfreut, wenn man doch weiß, dass sie vier Monate zuvor gebrannt hat und dieser Tage einen traurigen Eindruck erweckt. Aber so ist das, wenn das Leben die Kunst überholt und vice versa. Den fehlenden Realitätsbezug auf dieser Ebene kann man Valérie Donzelli, die auch gleich die Hauptrolle der angehenden Architektin Maud übernommen hat, jedenfalls nicht anlasten. Sehr wohl aber auf allen anderen Ebenen. Denn der Versuch, originell zu sein, gelingt leider nur in den seltensten Fällen, beschränkt sich eigentlich nur darauf, dass zur Trennung die Beteiligten anfangen, ein trauriges Lied zu singen, was sie nun nie mehr tun werden. Ja, das hat Stil, ist komisch und durch und durch französisch. Aber die Geschichte rund um Maud, die versehentlich und dank etwas Magie einen Architektenwettbewerb über die Neugestaltung des Vorplatzes von Notre-Dame gewinnt, verfällt immer wieder in Kindereien wie zum Beispiel willkürliche Ohrfeigen in der Öffentlichkeit, heftige Ohnmachtsanfälle beim Anblick des Ex-Geliebten und hysterischen Möchtegern-Anwältinnen, die sich beim Anblick eines schönen Mannes nicht mehr halten können und denen, was das eigentliche Kerngebiet der Jurisprudenz betrifft, von eben jenen, juristisch unbeleckten Schönlingen aus der Patsche geholfen werden muss. Vielleicht existiert noch irgendwo ein Dorf, in dem man über so etwas lacht, mir fällt nur im Moment keines ein. Sympathisch sind immerhin die Darstellerinnen und Darsteller, die ihre Sache gut machen – soweit sie halt gegen diese Blödeleien ankämpfen können. Aber am Ende werden vielleicht zwei, drei gute Szenen, in denen der Film ausnahmsweise mal funktioniert hat, in Erinnerung bleiben und das vage Gefühl, dass man viel Potential verschenkt hat durch Hysterie und Volksschulhumor.


4,0
von 10 Kürbissen

Kaviar (2019)

Regie: Elena Tikhonova
Original-Titel: Kaviar
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Satire
IMDB-Link: Kaviar


Zack zack zack. So schnell geht manche politische Karriere den Bach hinunter. Gerade noch sitzt man in einer schicken Villa auf Ibiza mit einer schoarfen russischen Oligarchennichte und interpretiert „Glock“ sehr frei in Gebärdensprache, und schon wird man von Jan Böhmermann verarscht und darf alle politischen Ämter abgeben, da man versehentlich das Land und dessen Medien an eine Schauspielerin verscherbelt hat, was in Bild und Ton festgehalten wurde. Dagegen wirkt die politische Satire „Kaviar“ von Elena Tikhonova wie hochseriöse CNN-News. Nichtsdestotrotz muss man das erst mal zusammenbringen, die vielleicht größte politische Bombe der Zweiten Republik in einem Spielfilm vorwegzunehmen. Von Tikhonova hätte Nostradamus noch was lernen können. Nur Nuancen unterscheiden sich von der Wirklichkeit. In ihrem Film geht es um einen russischen „Investor“, der sich einbildet, auf der Schwedenbrücke eine Villa zu bauen. Die Florentiner hätten das auf der Ponte Vecchio schließlich auch vorgemacht. Den Spaß lässt er sich einiges kosten. Brav die Hand aufhalten tun der windige Geschäftsmann Klaus (Georg Friedrich), dessen Freund und Anwalt Ferdinand (Simon Schwarz) und der Stadtrat Zech (Joseph Lorenz). Diese sind aber im Grunde nur Nebenfiguren, denn im Zentrum des Geschehens stecken Igors Übersetzerin und Mädchen für alles Nadja (Margarita Breitkreiz) und ihre Freundinnen Vera (Darya Nosik) und Teresa (Sabrina Reiter). Die drei Damen sind bei Wodka äußerst trinkfest und mischen den Macholaden auf, um selbst die Millionen einzustreifen. Das alles klingt höchst vergnüglich. Leider wird das Vergnügen durch eine lieblose Aneinanderreihung von Klischees, halblustigen Regieeinfällen, die den Zuseher immer wieder aus dem Geschehen werfen, und dem arg schlechten Spiel von Breitkreiz, die abwechselnd einen russischen, deutschen und Wiener Akzent spricht, ordentlich verhagelt. Einzig Georg Friedrich vermag mit seinem authentischen Spiel zu glänzen – aber er gehört ohnehin zu den wenigen Kapazundern, die auch einen schlechten Film veredeln können. „Kaviar“ hätte der Film des Jahres werden können. Doch das Leben schreibt manchmal doch die besseren Geschichten.


3,0
von 10 Kürbissen

The Dead Don’t Die (2019)

Regie: Jim Jarmusch
Original-Titel: The Dead Don’t Die
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Horror, Komödie, Satire
IMDB-Link: The Dead Don’t Die


Ich glaube, selten hatten Maskenbildner weniger zu tun als bei Iggy Pops Transformation in einen Zombie für Jim Jarmuschs Horror-Groteske „The Dead Don’t Die“. Allein für diesen Besetzungcoup gebührt den Machern des Films alle Ehre. Wenn man dann noch Bill Murray, Adam Driver, Tilda Swinton, Chloë Sevigny, Steve Buscemi, Tom Waits, Danny Glover usw. in seinem Cast hat, sollte ja eigentlich nichts schiefgehen. Doch während Jim Jarmusch und Vampire herausragend harmonieren (siehe „Only Lovers Left Alive“), passen Jim Jarmusch und Zombies überraschend wenig zusammen. Vielleicht ist es dieses Mal einfach der Lakonie zu viel. Bill Murray und Adam Driver kommen tatsächlich mit je einem einzigen Gesichtsausdruck durch. Chloë Sevigny darf wenigstens mit einer lakonischen, an Baldrian erinnernden Variante eines hysterischen Ausbruchs gen Ende hin aufwarten. Aber schauspielerisch ist das alles sehr schaumgebremst – natürlich von Jarmusch so gewollt. Wenn allerdings die Story selbst auch keine Fahrt aufnimmt, bleibt am Ende wenig übrig, was den geneigten Zuseher interessieren könnte. Dabei geht es mit einem rätselhaften Stimmung und Tom Waits als Buschmann im Wald recht erquicklich los. Hier fängt Jim Jarmusch die nahende Endzeitstimmung gut ein. Nur verliert er ein wenig den Faden, als die Zombies dann tatsächlich auftreten. Denn plötzlich wirkt es, als könne er sich nicht mehr entscheiden, welche Geschichte er eigentlich erzählen möchte. Da muss also noch ein bisschen Satire hinein mit der Durchbrechung der vierten Wand (die zwar für komische Momente sorgt, aber im Film selbst dann doch etwas deplatziert wirkt), ein bisschen Gesellschaftskritik (so tun die Zombies das, was sie zu Lebzeiten am liebsten getan haben – was heißt, dass die meisten der relativ frischen Untoten verzweifelt auf der Suche nach W-Lan sind), ein bisschen Science Fiction, die allerdings wie ein Fremdkörper wirkt – ein rundes Bild wird daraus jedenfalls nicht mehr. Auch dauert der Film gefühlt fünf Stunden. Weniger wäre hier mehr gewesen. Dafür aber ein strengerer Fokus. Aber gut, auch ein Jim Jarmusch kann mal danebenhauen.

 


5,0
von 10 Kürbissen

Long Shot – Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich (2019)

Regie: Jonathan Levine
Original-Titel: Long Shot
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Rom-Com, Satire, Komödie
IMDB-Link: Long Shot


Seth Rogen und Charlize Theron sind per se schon mal ein sehr unwahrscheinliches Leinwandpaar. Er: der verpeilte Brachialkomiker; sie: die elegante Dame mit Stil. „Long Shot“ von Jonathan Levine bringt nun diese beiden sehr unterschiedlichen Charaktere zusammen und würzt die ohnehin schon schräge Prämisse mit entgegengesetzten Berufen und Idealen: Fred Flarsky ist ein wütender (und arbeitsloser) Investigativjournalist mit Tendenz zum Slacker, Charlotte Field die Secretary of State und künftige Präsidentschaftskandidatin. Wer aus dieser Konstellation nun derben Slapstick erwartet, hat die Rechnung ohne dem Drehbuchduo Liz Hannah und Dan Sterling, ohne Regisseur Levine und vor allem ohne Seth Rogen gemacht. Dem haftet ja noch immer der Ruf an, hauptsächlich Kindereien zu fabrizieren. Dabei geht es ihm wie den meisten der Riege rund um Judd Apatow. Man vergisst, dass beispielsweise Steve Carell und Jonah Hill (dieser sogar zweifach) oscarnominiert waren für ihre darstellerischen Leistungen. Und dass Seth Rogen schon großartige ernste Rollen wie in Take This Waltz oder „Steve Jobs“ gespielt hat. Der Mann kann spielen, und zwar richtig, richtig gut. Nur haben es Komödianten wie die gerade Genannten oft schwer, dieses Können unter Beweis zu stellen. In „Long Shot“ glänzt Rogen nun neben Charlize Theron, und über die Begabung der schönen Südafrikanerinnen muss man, denke ich, nicht groß diskutieren. Um es auf den Punkt zu bringen: Wer von Charlize Therons magischer Präsenz nicht an die Wand gespielt wird, hat höchsten Respekt verdient. Womit „Long Shot“ neben der tollen Chemie seiner beiden Hauptdarsteller noch aufwarten kann, ist ein satirisch überhöhtes, aber zeitgemäßes Drehbuch, das den Politbetrieb mit einigen gezielten Wirkungstreffern bearbeitet. In einer Zeit, in der eine Orange mit dem IQ einer ausgepressten Orange Bundespräsident sein kann, ist ein turbulentes Szenario, wie es in „Long Shot“ beschrieben wird, nicht undenkbar. Das sympathische Paar kämpft allein auf weiter Flur gegen Vollidioten um seine Ideale. Und so zynisch das zunächst auch anmuten mag, so weit weg von der Wahrheit ist der Film am Ende wohl gar nicht. Dass die eigentliche Rom-Com-Handlung arg vorhersehbar ist und gängigen Mustern vielleicht ein bisschen zu genau folgt, kann man dem Film angesichts seiner subtilen Stärken auch leicht verzeihen. Die 7 Kürbisse bilden derzeit das untere Limit ab, vielleicht steigt die Bewertung nach erneuter Sichtung auch noch weiter an.


7,0
von 10 Kürbissen

M.A.S.H. (1970)

Regie: Robert Altman
Original-Titel: M.A.S.H.
Erscheinungsjahr: 1970
Genre: Satire, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: M.A.S.H.


Die Abkürzung M.A.S.H. steht für Mobile Army Surgical Hospital, also ein mobiles Armee-Lazarett, in dem die im Kampf Verwundeten notdürftig zusammengeflickt werden. Chirurgen, die sich so einen Dienst antun, müssen einen an der Waffel haben. Das zeigt Robert Altmans oscar-prämierter Film „M.A.S.H.“ aus dem Jahr 1970 mit Donald Sutherland und Elliott Gould in den Hauptrollen als zynische, opportunistische Chirurgen, deren Hauptbeschäftigungen neben den ziemlich blutigen Metzgerarbeiten das Verführen von Krankenschwester, das Golfspielen auf Helikopter-Landeplätzen und das Trinken extratrockener Martinis sind. Die dann doch vorhandene altruistische Ader zeigt sich, wenn man dem Kollegen, einem gut ausgestatteten Zahnarzt mit Erektionsproblemen, dabei hilft, seinem Leben mit Hilfe der „schwarzen Pille“ und einem Abschiedsgeleit a la letztem Abendmahl ein Ende zu setzen, nur um ihn dann dank tatkräftiger Unterstützung der attraktiven Krankenschwester wieder von den Toten aufzuerwecken. Zugegeben, diese Szene ist brillant und saukomisch. Allerdings hakt es bei „M.A.S.H.“ aus meiner Sicht an dem losen Aneinanderreihen komischer und absurder Szenen, die völlig beliebig nebeneinanderstehen und keinerlei Charakterentwicklung sichtbar machen lassen. Abgesehen von der Entwicklung der von Sally Kellerman gespielten Oberschwester, die zunächst höchst moralische und christliche Vorstellungen in den Ring wirft gegen das Sodom und Gomorrha, das sie vorfindet, und dann am Ende zum unterwürfigen Anhängsel wird, das beim finalen Football-Spiel hysterisch auszuckt. Gags. Gags. Gags. Eh ganz nett anzusehen, allerdings für mich ob der offenkundigen Mängel bei weitem nicht das Meisterwerk, als das der Film gerne rezipiert wird.


5,5
von 10 Kürbissen

The Announcement (2018)

Regie: Mahmut Fazıl Coşkun
Original-Titel: Anons
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Politfilm, Drama, Komödie, Satire
IMDB-Link: Anons


Istanbul 1963. Vier Militäroffiziere versuchen, die Radiostation von Radio Istanbul in ihre Gewalt zu bringen, um einen Staatsstreich zu verkünden. Dabei stoßen sie auf unerwartete Probleme wie beispielsweise einen Fahrer, der die Gelegenheit nutzen möchte, seine Brötchen in der Nacht auszuliefern, da die Lieferung eh am Weg zu Radio Istanbul liegt. Oder einen Manager der Radiostation, der leider keine Ahnung von Technik hat, weshalb er den Senderaum nicht bedienen kann. Da muss erst der Techniker her, nur der ist gerade unterwegs. Stoisch nehmen die Putschenden jede neue Komplikation zur Kenntnis. Dagegen wirken Figuren von Kaurismäki wie geschwätzige Tratschtanten. Und ja, das ist teils auch sehr amüsant anzusehen. Allerdings übertreibt es Mahmut Fazıl Coşkun in meinen Augen mit der Lakonie. Denn man erfährt so gut wie nichts über diese Hanseln, die da eine Revolution anführen wollen. Nichts Persönliches, keine politischen Beweggründe, gar nichts. Erstaunlich ist, dass der Film auf wahren Begebenheiten beruht, insofern wäre es für einen Laien, was die türkische Geschichte der 60er Jahre betrifft, durchaus interessant gewesen, zu erfahren, warum es überhaupt zu diesem versuchten Staatsstreich gekommen ist. Aber diesen Gefallen tut uns Coşkun nicht. Seine Figuren bleiben sperrig und distanziert. Und damit verfolge ich auch das Geschehen distanziert – und am Ende ist es mir egal, ob diese Würstel ihr Ziel erreichen oder nicht. Auch ist diese extrem reduzierte Erzählweise, in der sich die Figuren nur in statischen Kamera-Tableaus bewegen, auf Dauer recht ermüdend. So ist der Film zwar gelegentlich unterhaltsam, insgesamt aber eher eine anstrengende Sache. Ein Kaurismäki kann das besser.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Die Kinder der Toten (2018)

Regie: Kelly Copper und Pavol Liska
Original-Titel: Die Kinder der Toten
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Satire, Horror, Experimentalfilm, Fantasy, Heimatfilm
IMDB-Link: Die Kinder der Toten


Es ist schon ein paar Donnerstage her, dass ich Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“ gelesen habe. Woran ich mich noch erinnere: Dass mir das Buch außerordentlich gut gefallen hat, so sperrig es auch war. Woran ich mich nicht mehr erinnere: Den allergrößten Teil des Inhalts. Insofern erspare ich mir an dieser Stelle die Einschätzung, ob die filmische Adaption nah dran ist an der Buchvorlage. Ein paar augenfällige Freiheiten hat sich das Regieduo Kelly Copper und Pavol Liska schon genommen, wenn beispielsweise eine Gruppe syrischer Poeten vor dem Kirchenportal verhungert. Und damit wären wir auch schon mitten drin in der Besprechung von „Die Kinder der Toten“. Denn Subtilität gehört nicht zu den Stärken dieser Heimatgroteske. Dafür hat der Film ganz andere Stärken. Jene der Überzeichnung beispielsweise. Gefilmt auf körnigem Super 8 als Farb-Stummfilm mit völlig überzogener Geräuschkulisse (ich ziehe meinen Hut vor den Foley Artists und Sounddesignern, die einen grandiosen Job hingelegt haben) erzählt der Film, wie nach einem Autounfall die Heldin Karin (Andrea Maier) durch die Wälder rund um ein steirisches Dorf irrt, halb im Diesseits, halb im Jenseits. Währenddessen geht man im Dorf den üblichen Beschäftigungen nach: Saufen, fressen, schmusen. Irgendwann stolpert Karin in eine cineastische Séance, in der in einer Filmvorführung Bilder von Verstorbenen gezeigt und betrauert werden. Die Veranstalterin bittet Karin, die Zugang zu beiden Welten hat, ihren geliebten Mann zurückzubringen, der sich selbst das Leben genommen hat. Damit öffnet Karin aber das Tor zur Unterwelt, und schon marschieren sie in einer fröhlichen Parade auf, die Untoten, und bald schon tanzen Nazis mit Juden beschwingt im Dorfgasthaus, vögeln die Lebenden mit ihren verblichenen Geliebten auf dem Tisch und kochen verhungerte Syrer in der Küche Halal-Gerichte. Subtil ist das nicht, aber dieser bissig-zynische Kommentar auf die Nazis, die wir noch immer im Keller haben, und die typisch österreichische Ignoranz macht einen Riesenspaß – sofern man einen Zugang zu diesem derben Humor findet und sich an der filmischen Umsetzung der Ideen mit (sichtbar) geringsten Mitteln anfreunden kann. Ich konnte es. Insgesamt aber mit Sicherheit ein Film, der polarisiert. Ob man eineinhalb Stunden fröhlich vor sich hin gluckst oder so intensiv den Kopf schüttelt, dass man ein Schleudertrauma davon trägt, liegt in diesem Fall ganz klar am eigenen Humorempfinden. Insofern eine Empfehlung mit Vorwarnung. Nur eines kann ich sagen: Nazis werden mit dem Film fix keine Freude haben.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Ulrich Seidl Filmproduktion)