Viennale 2014

20,000 Days on Earth (2014)

Regie: Jane Pollard und Iain Forsyth
Original-Titel: 20,000 Days on Earth
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: 20,000 Days on Earth


Ich bin kein ausgewiesener Fan von Nick Cave & The Bad Seeds. Ich mag die Musik, aber es ist nicht so, dass der melancholische Australier bei mir in der Dauerschleife läuft. Dennoch: Als der Film 2014 auf der Viennale gezeigt wurde, war mir klar, dass ich den sehen muss. Denn der Ansatz dieser Dokumentation ist speziell: Jane Pollard und Iain Forsyth zeigen in enger Zusammenarbeit mit Nick Cave den (fiktiven) 20.000sten Tag seines Lebens. Nick Cave ist real, der Tag ist es nicht, und dennoch entsteht auf diese Weise durch ein wahrlich poetisches Konzept ein Blick hinter die Kulissen, der den Künstler als Mann zeigt, als Familienmensch, verletzlich, kreativ, reflektiv. Nick Cave ist ein Entdecker, ein Erforscher der menschlichen Seele. Alte Weggefährten wie Blixa Bargeld oder Kylie Minogue tauchen auf, fahren kurz mit ihm im Auto mit und lassen die gemeinsame Zeit im Guten wie im Schlechten Revue passieren. Manche Erinnerungen tun auch weh, aber es wird nichts ausgespart. Was am Ende bleibt, ist das Porträt eines vielseitigen Suchenden, der nie aufgehört hat, seinem Herz zu folgen, auch wenn es ihn in die tiefsten Abgründe gezogen hat. Und dazu gibt es großartige, mitreißende Musik. Poesie in Wort, Bild und Klang.


8,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino)

Das blaue Zimmer (2014)

Regie: Mathieu Amalric
Original-Titel: Le Chambre Bleue
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Erotik, Krimi
IMDB-Link: Le Chambre Bleue


Ah, ein französischer Film: Es wird zu Violinen gevögelt, es gibt Close-Ups von nackten Schenkeln in schummrigem Licht, und man wirft sich bedeutungsvolle Blicke zu, ehe man eben jene in die Ferne schweifen lässt und seufzt: „Abe isch abe sie geliebt“. Mathieu Amalric, Bond-Bösewicht und Locked-In-Patient in „Schmetterling und Taucherglocke“, übernimmt hier nicht nur die Hauptrolle, sondern auch die Regie und sich selbst. „Le Chambre Bleue“ will dramatisches, prickelndes, aufregendes Kino sein. Es geht um eine ungesunde Affäre (nicht nur, weil die Herzensdame dem untreuen Seitenspringer gerne mal die Lippen blutig beißt), in die ein Krimi gestrickt wird, der von Motiven der Leidenschaft (man darf sich das Wort mit französischem Akzent ausgesprochen denken) erzählt und mit viel nackter Haut gewürzt ist. Das Problematische bei solchen Erotik-Thrillern und -Krimis und -Dramen und dergleichen ist, dass es heutzutage echt niemanden mehr schockiert, wenn mal Nippel zu sehen sind – aber die Filme tun gerne so, als würde es tatsächlich noch einen Unterschied machen, und Sex wäre nichts allzu Menschliches, sondern etwas Ungeheuerliches. Gut, die Resi-Tant‘ wird vielleicht beim Anblick des Koitus damenhaft erröten, den Kopf schütteln, irgendwas murmeln von wegen „früher hätt’s des net geben“ – und dann trotzdem gebannt das Popcorn in sich hineinschieben – aber hey, ich habe „Love 3D“ von Gaspar Noé auf der riesigen Gartenbaukino-Leinwand gesehen, was wollt ihr noch? Amalric verdreht in der Ekstase der Lust die Augen? Ja, eh. Ein bisserl weniger Bettlakenwühlerei, ein bisschen raffinierte Psychologie, und es hätte ein guter Film werden können. So bleibt im Zeugnis stehen: „Er hat sich stets bemüht.“


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Frank (2014)

Regie: Lenny Abrahamson
Original-Titel: Frank
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Komödie, Musikfilm
IMDB-Link: Frank


„Frank“ ist ein erstaunlicher Film. Er ist skurril, ohne seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. Er ist witzig, ohne die tragischen Seiten des Lebens zu verleugnen. Dessen Hauptdarsteller läuft die ganze Zeit über in einem Pappmaché-Kopf herum und ist ohne Mimik ausdrucksstärker als viele andere Darsteller. Und Träume sind manchmal zu groß, aber kein Grund, ihnen deshalb nicht nachzujagen.

Die eigentliche Hauptfigur ist Jon (Domhnall Gleeson, und ja, ich musste googeln, wie man seinen Namen schreibt), ein junger Musiker oder vielmehr: Möchtegern-Musiker, den es durch Zufall als Keyboarder in die Band von Frank (herausragend: Michael Fassbender) spült. Frank hat besagten Pappmaché-Kopf auf, und nicht einmal seine langjährigen Bandkollegen wissen, wie er darunter aussieht. Die Bandkollegen: Eine furchteinflößende Maggie Gyllenhaal (Reminder an die Academy: die Dame wäre auch längst mal fällig für den Goldmann), ein nicht wiederzuerkennender Scoot McNairy und zwei tatsächliche Musiker, die dem ganzen Toben auf der Bühne mit ihrer Präsenz zusätzliche Glaubwürdigkeit verleihen. In dieser bunten Truppe ist Jon, der Musik-Nerd, der normalste und in Folge konsequenterweise auch jener, der den Laden zusammenhängt. Frank nämlich ist ein exzentrischer Freigeist, er lebt in und für die Musik, aber die Erfordernisse der realen Welt prallen an ihm ab. Der Plan, in einer Blockhütte im Wald ein Album aufzunehmen und danach auf Tour zu gehen, wird daher auch immer wieder vor neue Probleme gestellt. Dieser sind manchmal lustiger Art, manchmal abgrundtief traurig, meistens aber beides zugleich.

„Frank“ ist ein wunderbar zarter Film über Freundschaft, Träume und die Widrigkeiten des Schicksals. Der Film erzählt die Geschichte von Menschen, die aus ihrer Bahn geworfen werden und in andere Umlaufbahnen fallen, wo sie mehr oder weniger verzweifelt versuchen, zu sich und/oder zu ihrem Glück zu finden. Es ist eine Geschichte von Außenseitern, mit viel Liebe und großartiger Musik erzählt.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Zwei Tage, eine Nacht (2014)

Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne
Original-Titel: Deux Jours, Une Nuit
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama
IMDB-Link: Deux Jours, Une Nuit


Die Dardenne-Brüder machen „Problemkino“. Sprich: Wenn man sich in einen Film der Dardennes setzt, weiß man, dass sich der Gemütszustand zwei Stunden irgendwo später zwischen „nachdenklich“ und „erschüttert“ einpendeln wird. Das Gute an den beiden belgischen Brüdern ist, dass sie ihre wichtigen Themen und brennenden Fragen, die zum Weiterdenken anregen, auf eine filmisch sehr reduzierte Weise präsentieren, also nicht mit dem Holzhammer auf den Zuseher einprügeln (dann wären ihre Filme wohl unerträglich), sondern die Geschichten ohne Schnickschnack und sehr subtil erzählen. In „Deux Jours, Une Nuit“, gezeigt im Rahmen der Viennale 2014, spielt Marion Cotillard (für diese Rolle Oscar-nominiert) die junge Mutter und Fabrikarbeiterin Sandra, die nicht nur mit Depressionen zu kämpfen hat, sondern auch mit der Wirtschaftslage, die ihren Arbeitgeber zu einer sehr ungewöhnlichen Maßnahme greifen lässt: In einer Abstimmung unter der Belegschaft soll entschieden werden, ob Sandra entlassen werden soll, damit die verbliebenen Mitarbeiter einen Jahresbonus von 1.000,- Euro erhalten können, oder ob man auf den Bonus verzichtet, dafür Sandra als Kollegin behält. Sandra hat nun ein Wochenende Zeit, die Kollegen davon zu überzeugen, bei der Abstimmung für sie und gegen das Geld zu stimmen. Darauf aufbauend werden auch die Einzelschicksale der Kollegen gezeigt, die selbst mit der Sicherung ihrer Existenz zu kämpfen haben. Die Ausgangslage des Films zeigt also sehr zynisch das Prinzip und die moralischen Grenzen des egozentrierten Kapitalismus auf. Daraus ergeben sich wichtige Fragen nach Integrität und Gemeinschaftssinn. Auch die Überlegung, ob die Gesellschaft, in der wir leben, tatsächlich das Ideal darstellt oder wir uns in eine Sackgasse manövriert haben, wird aufgeworfen. Der Film hat zwar manche Längen, und die spröde Art der Brüder Dardenne, ihre Geschichten zu erzählen, ist vielleicht für manche eine Herausforderung, aber lohnenswert ist dieser Film auf jeden Fall – und er beschäftigt den Zuseher noch lange, nachdem die Lichter des Kinosaals wieder angegangen sind. Einer der Filme der Viennale 2014, die mir am besten in Erinnerung geblieben sind.


7,5
von 10 Kürbissen