Viennale 2020

Hochwald (2020)

Regie: Evi Romen
Original-Titel: Hochwald
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama
IMDB-Link: Hochwald


Manchmal ist das eben so. Ein ganzer Kinosaal ist begeistert, und mittendrin sitzt so ein Griesgram, der am gerade Gesehenen nur herumnörgelt. Dieser Grantler bin diesmal ich. Der Film: „Hochwald“ von Evi Romen. Das Kino: Ein (im Rahmen des heute Möglichen) ausverkauftes Gartenbaukino. Der Inhalt: Verhaltensauffälliger Dorfbursche aus Südtirol ist verknallt in einen Freund, der gerade in Wien und Rom groß herauskommt. Bei einem gemeinsamen Trip nach Rom passiert das Unvorstellbare: In die Schwulenbar fallen drei Muslime ein und schießen alles kurz und klein. Unter den Opfern: Der Freund. Mario selbst hat keinen Kratzer abbekommen. Zurück im Dorf wird Mario dann mit quälenden Fragen konfrontiert: Warum der Freund, warum nicht er? Warum waren sie überhaupt in Rom? Und wie umgehen mit dem Verlust einer unausgesprochenen Liebe? Die Schuldgefühle bekämpft Mario mit eher ungeeigneten Mitteln: Heroin und Provokation. Schön an dem Film ist, dass er sich einer pauschalen Verurteilung des Islam verweigert. Aber warum er dennoch für mich überhaupt nicht funktioniert: Mario, der eigentlich an der Schwelle zum Erwachsenenleben steht bzw. schon knapp darüber ist, kennt keine andere Reaktion als pubertärer Trotz. Man kann nun darüber diskutieren, ob eine derart extreme Eindimensionalität nicht eben doch bei manchen Menschen vorstellbar ist, aber der Film holt mich darüber nicht ab. Mir geht dieser trotzige Bengel nur auf die Nerven. Zumal er im krassen Gegensatz zu den sparsamen Emotionen der anderen Dorfbewohner steht. Auch hier aber: Stoizismus geht über in extreme Reaktionen, wenn es denn mal zum Gefühlsausbruch kommt. Das alles wirkt auf mich zu konstruiert, zu gewollt. Und deshalb diese Nörgelei. Immerhin: Dem Großteil der Kinobesucher hat’s gefallen.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Kajillionaire (2020)

Regie: Miranda July
Original-Titel: Kajillionaire
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Kajillionaire


Es gibt sie ja, die Menschen, die sich vom Kapitalismus nicht vereinnahmen möchten und nicht mitmachen beim Prinzip „Geld gegen Leistung“. Was, wenn man aber bei diesem Spiel nicht mitmachen möchte, aber dennoch alle Energie aufbringt bzw. aufbringen muss, um Geld zusammenzubringen, das für das Leben eben unabdingbar ist? In Miranda Julys „Kajillionaire“ geht es um eine solche Familie (Debra Winger, Richard Jenkins und Evan Rachel Wood), die nach außen hin dem bösen System trotzen, indem sie sich aufgrund kleiner Gaunereien am Geld anderer Leute bedienen. Das Familienleben selbst liegt aber im Argen. Das Misstrauen gegen die Welt ist so ausgeprägt, dass selbst interfamiliäre Zuneigungen nicht möglich erscheinen – alles nur Schein und Trug, wenn man dem Kind zum Geburtstag ein Geschenk macht, oder? Die Tochter Old Dolio (allein die Namensgebung beweist, dass manche Menschen einfach keine Eltern werden sollten) ist dementsprechend nicht mit allzu großer Sozialkompetenz ausgestattet. Als eines Tages eine Zufallsbekanntschaft (Gina Rodriguez) zu diesem seltsamen Trio stößt, bringt die eine neue Dynamik in dieses Gefüge hinein, und Old Dolio lernt, dass ihre Lebensrealität vielleicht nicht die einzig wahre ist, auch wenn ihr Vater versichert, dass sie selbst die Gesunden sind, während alle anderen Menschen nur danach streben, „Kajillionäre“ zu werden. Gemäß des alten Witzes: „Verkehrsfunk: Achtung, ein Geisterfahrer auf der A1″ – Autofahrer: Was? Einer? Das sind Hunderte!“. Miranda Julys Film wirkt an vielen Stellen etwas gar aufgesetzt und übertrieben, die von Evan Rachel Wood mit viel Fragilität gespielte Old Dolio zu naiv und unbedarft – da schießt der Film vielleicht ein bisschen am Ziel vorbei. Aber geschenkt, wenn man dennoch so gut unterhalten wird, mit Witz, aber auch viel Herz. Die Verwundungen der Seele werden nicht direkt thematisiert, sind aber stets zu spüren. So ist der Film zwar nur in Teilaspekten gut gelungen, aber das reicht aus für einen lohnenden Kinobesuch.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Der Rausch (2020)

Regie: Thomas Vinterberg
Original-Titel: Druk
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama
IMDB-Link: Druk


Kommen wir nun zu einem Film, der inoffiziell von den Viennale-Besuchern nur „der besoffene Film“ genannt wird. Beste Voraussetzungen für Thomas Vinterbergs neues Drama in unseren Breitengraden – eine der schmachvollsten österreichischen Niederlagen der jüngeren Geschichte ist schließlich, dass wir beim weltweiten Bierkonsum pro Kopf hinter Tschechien nur auf Platz zwei kommen. Wo sich die Dänen da einreihen, ist mir nicht bekannt, aber laut Thomas Vinterberg sind sie schon ordentliche Schnapsdrosseln. Gleich die Eröffnungssequenz zeigt den sogenannten „Seelauf“, einen Wettbewerb, in dem Jugendliche mit einer Kiste Bier um einen See rennen müssen. Am Ende ist die Kiste leer und das Gewinnerteam voll. Im Leben des Geschichtelehrers Martin (Mads Mikkelsen) läuft seit einiger Zeit alles in einem faden Trott. In der Ehe funkt es nicht mehr so, die Schüler sind gelangweilt, aber weil sie trotzdem Gfraster sind, hetzen sie ihre Eltern auf den Lehrer, der sich plötzlich dafür rechtfertigen muss, dass die Schüler den ganzen Unterricht lang nur am Smartphone herumdaddeln anstatt seinen Ausführungen zu folgen. Jedenfalls ist er offen für die Theorie eines norwegischen Philosophen, die ein Freund aufbringt. Diese lautet: Jeder Mensch werde mit einem halben Promille zu wenig geboren. Ein Dauerpegel von 0,5 Promille würde offenere Kommunikation, mehr Mut und Freude im Alltag bringen. Martin und seine drei Kollegen (Thomas Bo Larsen, Magnus Millang und Lars Ranthe) beschließen, diese Theorie im Feld zu verproben. Dass das natürlich nicht nur positive Auswirkungen hat, ist keine große Überraschung. „Der Rausch“ von Thomas Vinterberg ist hinterhältig, weil der Film einerseits wahnsinnig unterhaltsam ist, aber dann nicht davor zurückscheut, die Protagonisten aus großer Fallhöhe in den Abgrund stürzen zu lassen, ohne dabei plakativ den Finger zu heben und den Moralapostel raushängen zu lassen. Nüchtern betrachtet wär’s besoffen besser gewesen? Eher nicht. 


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

The Cloud in Her Room (2020)

Regie: Zheng Lu Xinyuan
Original-Titel: Ta Fang Jian Li De Yun
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Ta Fang Jian Li De Yun


Bei vielen chinesischen Filmtiteln muss ich an die Solmisation Do Re Mi Fa Sol La Si Do denken. „Ta Fang Jian Li De Yun“ ist aber weniger musikalisch angelegt. In schönen Schwarz-Weiß-Aufnahmen führt die Regisseurin Zheng Lu Xinyuan in die Gefühlswelt der 22jährigen Muzi (Jin Jing) hinein. Die durchlebt Erinnerungen an eine frühere Beziehung, während sie ihrer Heimatstadt einen Besuch abstattet. Beim alljährlichen Viennale-Bingo kann man hier die Felder „Brüste“ und „Penis“ (dieser sogar in erigierter Form, das gibt Zusatzpunkte) abhaken. (An dieser Stelle ein kleiner Exkurs zu Penissen als Klassifizierungsmerkmale von Filmen: Wenn der Penis schamhaft bedeckt wird, zB von einem Zipfel einer Decke, handelt es sich um eine gewagte Hollywood-Produktion. Wenn der Penis kurz in schlaffem Zustand zu sehen ist, handelt es sich um eine Independent-Produktion. Ein kurz erigierter Penis: Arthouse-Film. Ein ständig erigierter Penis: Porno.) Abgesehen davon ist der Film aber erstaunlich zahm. Und zäh. Erinnerungen laufen in der Regel nicht chronologisch ab, und so verabschiedet sich auch dieser Film von einer chronologischen und kohärenten Erzählweise. Das kann man ja machen. Nur muss man dann auch damit rechnen, dass das Publikum selig wegbüselt (bringt ebenfalls einen Punkt beim Viennale-Bingo), wenn es nicht gerade von steifen Schwengeln aufgeschreckt wird. Einer jener Filme, in denen die Protagonisten ganz bedeutungsvoll schauen und unentwegt Zigaretten rauchen. Zu Zigaretten als Klassifizierungsmerkmal für Filme komme ich aber ein anderes Mal.


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

First Cow (2019)

Regie: Kelly Reichardt
Original-Titel: First Cow
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Western
IMDB-Link: First Cow


Kelly Reichardt macht langsame, handlungsarme Filme. Manchmal ist das unglaublich ermüdend (Night Moves). Manchmal auch richtig interessant und schön (Auf dem Weg nach Oregon). Man braucht aber jedenfalls Geduld und gutes Sitzfleisch. Ich glaube mittlerweile fast, dass das Festival-Format denkbar ungeeignet ist für ihre Filme, denn die sind nicht dazu gedacht, mal zwischendurch oder am Abend nach bereits drei Filmen davor konsumiert zu werden. Kelly Reichardt-Filme sind eigentlich Sonntagnachmittagsfilme, wenn Regentropfen die Fensterscheiben hinabrinnen, und langsam in der Nachbarschaft die Lichter angehen. Kurz: Wenn alles zur Ruhe kommt, dann entfalten Filme wie „First Cow“ wohl ihre volle Kraft. Darin wird die Geschichte zweier ungleicher Freunde im Oregon des vorigen Jahrhunderts erzählt: Der eine ein eher unglücklicher Koch und Bäcker (John Magaro), der andere ein chinesischer Abenteurer auf der Suche nach Gold (Orion Lee). Ein zufällige Begegnung im Wald schweißt die beiden zusammen. Als sie erfahren, dass der reiche Grundbesitzer (Toby Jones) eine Kuh angeschafft hat, die einzige in der Gegend, schmieden sie einen aberwitzigen Plan, um zu Reichtum zu kommen: Jede Nacht melken sie die Kuh des Grundbesitzers, um mit der Milch schmackhaftes Gebäck zu backen, das da draußen in der Wildnis weggeht wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Dass das nicht ohne Folgen bleiben kann, versteht sich von selbst. „First Cow“ ist eine über die Suche nach Wohlstand, über das Schicksal, das man in die eigenen Hände nimmt, über Streben und Scheitern. Alles, was am Ende zählt, ist jedoch die Kameradschaft der beiden Männer, und so ist „First Cow“ vorrangig eben ein Film über Freundschaft. Keine einfache Kost, vor allem keine, die man eben mal schnell konsumieren kann, aber wenn man in der richtigen Verfassung dafür ist, eine sehr schöne Erfahrung.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Intimate_Distances (2020)

Regie: Phillip Warnell
Original-Titel: Intimate_Distances
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Intimate_Distances


Nicht mal Halbzeit meiner persönlichen Viennale 2020 (mein 9. Langfilm), und schon gibt es einen klaren Gewinner in der Kategorie „Effektivste Publikumsvertreibung“. Das war eine Karawane, die da ab etwa Minute 20 in Richtung Ausgang geströmt ist. Die wenigen Verbliebenen, darunter der Kürbis eures Vertrauens, haben Folgendes gesehen: Eine verwackelte Handkamera, die von einem Hausdach oder Balkon herab filmt, folgt wie ein Stalker der Casting-Direktorin Martha Wollner (sehr sympathisch), wie sie das erste Drittel des Films in einer Straßenecke von New York herumläuft, und danach Männer auf der Straße anspricht und sie nach Erfahrungen befragt, an denen ihr Leben eine unvermutete Wendung genommen hat – um am Ende die Frage einzustreuen, ob es rote Linien gäbe, von denen sie gedacht hätten, sie würden sie nie überschreiten, nur um dann doch vielleicht einmal mit einer solchen Grenzübertretung konfrontiert zu sein. Kurz: Sie lotet im Gespräch die Einschätzung der Männer aus, ob diese das Zeug hätten, Dummheiten zu tun. Aus dem Off hört man dazu eine Stimme, die von Selbstreflektion im Gefängnis erzählt. Unterm Strich wirkt das alles sehr ziellos. Was will Phillip Warnell damit aussagen? Dass wir alle versuchen, friedfertige Menschen zu sein, aber gelegentlich aufgrund äußerer Umstände daran scheitern? Ist es eine Art Rechtfertigung im Vorhinein für Gewaltausbrüche? Oder das genaue Gegenteil davon, indem Warnell im Gespräch mit Martha Wollner einfach nette Burschen zeigt, die reflektiert genug wirken, um nie in eine solche Situation zu kommen, auch wenn sie vom Leben manchmal arg eines übergebraten bekommen? Zu einer Aussage rafft sich der Film nicht auf. Dazu ist der Aufbau schlicht langweilig. So gehen am Ende auch die letzten Verbliebenen mit ratlosen Gesichtern und einem Gähnen aus dem Saal.


2,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

The Human Voice (2020)

Regie: Pedro Almodóvar
Original-Titel: The Human Voice
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Kurzfilm
IMDB-Link: The Human Voice


Pedro Almodóvar und Tilda Swinton – was soll da schon schiefgehen? Man setze Tilda Swinton einfach nur in ein Filmset, das klar als solches zu erkennen ist, und lasse sie mit dem Ex telefonieren, der gerade Schluss gemacht hat, und das Ding läuft. Oder etwa doch nicht? Der Kurzfilm „The Human Voice“, Almodóvars erste englischsprachige Arbeit, ist ein eigenartiger, unentschlossener Film. Das Filmset verweist darauf, dass bestimmte zwischenmenschliche Situationen, wie etwa das Schlussmachen, auch Konventionen und Regeln folgen und von den Interagierenden in gewisser Weise durchgespielt werden. Man möchte den Konventionen entsprechen, man versucht, zivilisiert miteinander umzugehen, auch wenn das eben nur Schauspiel ist und man eigentlich aus der Tiefe des Herzens heraus denjenigen, der einem gerade das Herz gebrochen hat, mit einer Axt zerhacken möchte. Insofern ist es eine schöne Idee, das Filmset als Kulisse sichtbar zu machen. Und Tilda Swinton ist eben Tilda Swinton – die Frau kann einfach nicht schlecht spielen. Dennoch scheitert Almodóvar in meinen Augen mit seiner Fingerübung. Zu formelhaft wirkt das Ganze auf mich, als dass ich mit der Situation mitleben könnte. Zu beliebig und belanglos sind die Dialogzeilen, die – darüber kann man natürlich diskutieren – auf diese Weise die Formelhaftigkeit des Schlussmachens, auf die Almodóvar abzielt, noch einmal unterstreichen, aber gleichzeitig eben auch Distanz zum Zuseher schaffen und unterm Strich einfach langweilen. „The Human Voice“ ist kein Film, der mir im Gedächtnis bleiben wird. Aber gut, auch ein Meister kann man danebenhauen.


3,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Falling (2020)

Regie: Viggo Mortensen
Original-Titel: Falling
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama
IMDB-Link: Falling


Wer oder was ist ein Tausendsassa? Viggo Mortensen ist ein Tausendsassa! Er spricht drölfzig verschiedene Sprachen fließend, war mehrfach Oscar-nominiert, ist Westernreiter, Verleger für Kunstschriften, Dichter, Fotograf, Musiker, Träger des Dannebrogordens in Dänemark und somit ein echter Ritter, hat Mittelerde gerettet und nun auch sein Regie-Debüt vorgelegt. Viel Schlaf scheint Viggo nicht zu brauchen. (Vermutlich ist er insgeheim auch noch Briefmarkensammler, Tierbändiger und der wahre Banksy.) Jedenfalls hat der mit seinen üblichen Freizeitaktivitäten unausgelastete Herr Mortensen mit „Falling“ nun einen sehr persönlich wirkenden Film vorgelegt über eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung, die durch die Demenz des Vaters noch zusätzliche Schärfe erhält. Viggo Mortensen spielt den liberalen und aufopferungsvollen John, dessen Lebensentwurf im krassen Gegensatz zum konservativen Vater Willis (Lance Henriksen) steht. Der driftet immer mehr in die Demenz ab. Die Erinnerungen an früher, die er sich behält, sind durchaus gemischt. Er war kein guter Vater, nicht einmal ein sonderlich bemühter, aber es gab auch Momente, die aufzeigen, was mit ein bisschen mehr Bemühen möglich gewesen wäre. Kleine Momente der Liebe und Zuneigung, die aber sofort wieder abgelöst werden von einer Härte gegen sich selbst und andere, die eine emotionale Bindung erschwert. Lance Henriksen spielt den alten Willis als dauerfluchenden und -schimpfenden Griesgram, der sich vor allem an der Homosexualität seines Sohnes abarbeitet. Das alles wirkt in der Konzentrierung auf möglichst kreative Beleidigungen aber zuweilen aufgesetzt und übertrieben. Viggo Mortensen versucht, dem eine sanfte Ruhe gegenüberzustellen, die man durchaus nachvollziehen kann. Ein bisschen mehr Subtilität hätte dem Film aber insgesamt nicht geschadet. Gerade der alte Willis wirkt eindimensional und verliert dadurch an Glaubwürdigkeit. So ist der Film in Ansätzen gut gelungen, es gelingt ihm allerdings nicht, die scharfen Kanten zu einem runden Ganzen abzupolieren.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Niemals Selten Manchmal Immer (2020)

Regie: Eliza Hittman
Original-Titel: Never Rarely Sometimes Always
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama
IMDB-Link: Never Rarely Sometimes Always


Eliza Hittman ist mir schon mit Beach Rats sehr positiv aufgefallen. In „Never Rarely Sometimes Always“ richtet sie ihren Blick einmal mehr auf die Verwirrungen und Unwägbarkeiten der Adoleszenz. Diese fragile Kippe zwischen Jugend und dem Ernst des Erwachsenenlebens wird traditionell gern beleuchtet, und es gab dazu schon unzählige Filme – gute wie schlechte. Was Eliza Hittman allerdings herausstechen lässt, ist ihre neutrale Sicht. Die urteilt nicht, sie kommentiert nicht, sie lässt die Figuren für sich selbst sprechen und handeln, und gerade dadurch werden sie und ihre Probleme so greifbar und real. Hittman erzählt von der 17jährigen Autumn (Sidney Flanigan mit einer Leistung, die ihren Namen mit Sicherheit in die Notizbücher der großen Casting Agents bringt). Ihr familiäres Umfeld ist schwierig, ohne aber dramatisch zu sein. Jedenfalls ist es nicht das geeignete Umfeld, um eine ungewollte Teenager-Schwangerschaft aufs Parkett zu bringen. Anvertrauen kann sie sich eigentlich nur ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder). Die begleitet sie auf einem schwierigen Weg, denn für Autumn ist klar: Sie möchte das Kind nicht haben. Und auch klar ist: In Pennsylvania, ihrem Heimatstaat, ist eine Abtreibung bei einer Minderjährigen nur mit Zustimmung der Eltern möglich. Und so befinden sich die beiden Mädchen schon bald auf einer Odyssee, die sie direkt ins Erwachsensein segeln lässt. „Never Rarely Sometimes Always“ ist ein in allen belangen konsequenter und wahrhaftiger Film. Eine einfühlsame Regiearbeit mit dem Blick für das Wesentliche und Reduzierte, das gerade durch diese klare Fokussierung emotionale Kraft entfaltet. Bei der titelgebenden Sequenz musste nicht nur ich schlucken – und das nicht, weil Hittman hier emotionale Knöpfchen drückt und manipulativ triggert. Im Gegenteil. Die Szene ist einfach so ehrlich und konzentriert, dass sie unter die Haut geht und dort bleibt. Mit ihrem Film wirft Eliza Hittman Fragen auf, die man nicht einfach beantworten kann und die sie selbst auch nicht beantworten möchte. Aber diese Fragen werden sensibel und vorurteilsfrei gestellt und ermöglichen einen Diskurs. Ein großartiger Film! Und ich bin hiermit offiziell Eliza Hittman-Fan!


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Davos (2020)

Regie: Daniel Hoesl und Julia Niemann
Original-Titel: Davos
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Davos


Gleich zu Beginn der Dokumentation „Davos“ ist man bei einer Totgeburt einer Kuh dabei. Wenn es sich hierbei um eine Andeutung handelt, dass die heilige Milchkuh des Kapitalismus, die nur wenige Kilometer weiter in einem feinen Kongresshotel unter den Mitgliedern des alljährlich stattfindenden World Economic Forum verhandelt wird, ebenfalls zu nichts Vitalem mehr fähig ist, dann Hut ab vor Daniel Hoesl und Julia Niemann für dieses zwar nicht besonders subtile, aber doch auch raffinierte Bild. Es ist halt alles recht kompliziert. Die Reichen und Mächtigen teilen sich den Kuchen untereinander auf, wirken aber ehrlich erschüttert, wenn sie mal im Rahmen einer Performance das Leid, das Flüchtlinge durchlaufen, am eigenen Leib erfahren (dürfen), daneben kämpfen die Bäuerinnen und Bauern um ihr Überleben und das Bestehen ihres Hofes, wobei der Jammer ein wenig aufgesetzt wirkt, wenn man das Leben dieser Menschen mit jenem von weniger Privilegierten aus den armen Regionen der Welt vergleicht. Selbst die afghanischen Flüchtlingskinder und portugiesischen Migranten, die man in der Stadt vor mächtiger Gebirgskulisse ebenfalls zu Wort kommen lässt, haben zwar ein vergleichsweises hartes Los, sind aber immerhin in Sicherheit und einem der reichsten Länder der Welt. Natürlich, die Gefahr der Abschiebung lauert hinter jedem Kalenderblatt, da gibt es nichts zu beschönigen. Dennoch steckt eine gewisse Ambivalenz in den Bildern, und ich wiederhole mich: Es ist alles recht kompliziert. Daniel Hoesl und Julia Niemann bleiben den Prinzipien des Dokumentarfilms treu: sie zeigen, ohne zu kommentieren. Und gerade dadurch bleibt der Film auch in der Schwebe. Es wäre einfach gewesen, mit dem Finger auf die bösen Kapitalisten im teuren Kongresshotel zu zeigen, es wäre noch einfacher gewesen, sich einfach den Demonstranten gegen das WEF anzuschließen und mit ihnen mitzulaufen, aber Hoesl und Niemann vermeiden diesen Fehler geschickt. So ist am Ende aber die Stärke des Films auch seine größte Schwäche: Er bleibt beliebig und findet damit zu keiner Aussage, die man im Anschluss noch länger diskutieren könnte.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)