Viennale 2021

In gewisser Hinsicht (1977)

Regie: Sara Gómez
Original-Titel: De cierta manera
Erscheinungsjahr: 1977
Genre: Drama, Politfilm
IMDB-Link: De cierta manera


Filme können Arbeit sein. Und Arbeit kann Inhalt des Films sein. Beides trifft sich in „De Cierta Manera“, der einzige Langfilm der früh verstorbenen kubanischen Filmmacherin Sara Gómez aus den Jahren 1974-1977. Ihr Film spielt kurz nach der Revolution 1959. In einem arg didaktischen Ansatz erzählen eine männliche und eine weibliche Stimme aus dem Off von gesellschaftlichen Entwicklungen in den Schichten der Ärmsten, während sich auf einer fiktionalisierten Ebene die Liebesgeschichte zwischen Mario, einem Arbeiter und Macho, und der Lehrerin Yolanda entspinnt – mit allen Höhen und Tiefen. Die Ideale der Revolution ziehen sich auch in den privatesten Bereich hinein, das Fiktive vermischt sich mit dem Dokumentarischen, die Bilder schwanken zwischen intimer Vertrautheit und abstrakten Bildern von Abrissbirnen, die sich durch die Elendsviertel von Havanna fräsen. Ich muss zugeben: Mehr als einmal hat mich der Film gedanklich verloren, obgleich er nicht zu später Stunde, sondern an einem lauen Nachmittag gelaufen ist. Das Problem – für mich – ist eben dieser didaktische Aufbau, der kaum Nähe zu den Figuren zulässt. Auch springt Gómez arg hin und her, möchte alles, möchte ganz Kuba in einen Film packen und verliert den Zuseher dabei auf dem Weg. So bleiben einige sehr schöne Szenen, aber der Film fügt sich nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Man kann durchaus die Ambition würdigen, filmhistorisch ist das alles auch recht interessant und ein gefundenes Fressen für alle Filmstudenten dieser Welt, noch mal werde ich mir den Film allerdings nicht ansehen.


4,5 Kürbisse

(Foto: (c) ICAIC / Viennale)

Ein Polizei-Film (2021)

Regie: Alonso Ruizpalacios
Original-Titel: Una película de policías
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Una película de policías


Mehr Meta-Ebene geht nicht als eine Dokumentation über ein Polizisten-Paar in Mexiko Stadt, in der sich nach etwa knapp der Hälfte der Spielzeit herausstellt, dass dieses Paar von Schauspielern gespielt wird, die als Vorbereitung für die Rollen selbst eine Polizeiausbildung gemacht haben und darüber in Videotagebüchern berichten. Zentrale Frage ist hierbei: Was bedeutet es, Polizist zu sein – vor allem in einer gefährlichen Stadt wie eben Mexiko Stadt, in der Anfang 20jährige Rekruten nach einer 6-monatigen Basisausbildung schon auf die Straße geschickt werden, weil so viele Polizist:innen erschossen werden? Alfonso Ruizpalacios geht in „Una película de policías“ sehr eigene und verschlungene Pfade, um zu zeigen, woran es in Mexiko krankt. Korruption ist allgegenwärtig, und wie ein (echter) Polizist mal erzählt, als er mit dem Schauspieler auf Streife fährt: „Es gibt gute und schlechte Cops. Ganz wie in der Zivilbevölkerung. Auch dort gibt es gute und schlechte Menschen.“ Die Aussage klingt resignierend, denn ohne eine kleine Bestechung hier, eine verdeckte Erpressung da, scheint das System nicht zu funktionieren. So interessant das alles auch anzusehen ist, so anstrengend ist der Film aufgrund seiner verschachtelten Struktur aber auch. Gelegentlich driftet die Aufmerksamkeit auch mal kurz weg, vor allem in der ersten Hälfte des Films, die sich in scheinbaren Banalitäten verliert, und erst, als klar wird, wohin die Reise geht, bleibt man gebannt dabei – aber bis dahin muss man aber auch einigen Leerlauf erdulden. Insgesamt also ein ambivalentes Ereignis.


6,0 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

Women Do Cry (2021)

Regie: Mina Mileva und Vesela Kazakova
Original-Titel: Women Do Cry
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: Women Do Cry


Nach Cat in the Wall bringen die beiden bulgarischen Regisseurinnen Mina Mileva und Vesela Kazakova mit „Women Do Cry“ nun eine Familiengeschichte ins Kino, die tief in der bulgarischen Seele verwurzelt zu sein scheint. Die Geschichte handelt von drei Schwestern, die allesamt aus diversen Gründen nicht glücklich sind, und den beiden Töchtern einer der Schwestern. Der Jüngsten, Sonja, wird eine erschütternde HIV-Diagnose gestellt, die sie in den Abgrund zu reißen scheint, dann aber zu einer schwesterlichen Solidarität führt, die stark genug scheint, um das Schicksal überwinden zu können. Soweit der Handlungsrahmen. „Women Do Cry“ ist im Kern ein politischer Film. Hier wird das bulgarische (das damit stellvertretend für fast alle anderen Länder steht) Patriachat gehörig zerpflückt und fast schon beiläufig das bulgarische Gesundheitswesen auch noch kritisch unter die Lupe genommen. Männer kommen kaum vor – und wenn, dann als Antagonisten wie ein erzkonservativer Gynäkologe, oder mit einer latenten Gewaltbereitschaft, wie sie der Großvater zeigt. Der Stil ist gelegentlich semi-dokumentarisch, die Kameraarbeit uneinheitlich, und auch die Handlung zerfranst immer wieder mal und scheint etwas unschlüssig umherzuspringen. Mehr Fokus hätte der Geschichte gut getan. Gleichzeitig wirkt der Aufbau beinahe schon kaleidoskopartig, und die verschiedenen Frauenschicksale verknüpfen und spiegeln sich. Der Film wirkt dadurch länger, als er ist. Das Thema ist relevant, die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank auch gut – so darf sich beispielsweise die durch den zweiten Borat bekannt gewordene Maria Bakalova als Sonja vielseitig und ausdrucksstark zeigen – und doch ist der Film anstrengend und wirkt nicht wie aus einem Guss. Dennoch gab’s von einem dankbaren Urania-Publikum nach einem sehr sympathischen (aber leider eher nichtssagenden) Interview für die beiden Regisseurinnen Standing Ovations. So weit würde ich nun nicht gehen, aber interessant ist „Women Do Cry“ trotz gelegentlicher Schwächen jedenfalls.


6,0 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

Ali & Ava (2021)

Regie: Clio Barnard
Original-Titel: Ali & Ava
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Ali & Ava


Es sind die Perlen, mit denen man nicht unbedingt rechnet, und die dann plötzlich aus dem Festival-Programm hervorblitzen und alles überstrahlen. „Ali & Ava“ von Clio Barnard ist so eine Perle. Vordergründig eine Liebesgeschichte zwischen dem musikbegeisterten, fröhlichen Ali mit Migrationshintergrund, der gerade die Trennung von seiner deutlich jüngeren Frau verdaut, und der älteren Aushilfslehrerin Ava, die irische Wurzeln hat und mehrfache Großmutter ist. Es ist eine Liebesgeschichte, die so wohl nur selten passiert, aber vielleicht auch gerade deshalb so echt und lebensnah wirkt. Alter, Herkunft, Hautfarbe, das alles sollte keine Rolle spielen, wenn zwei Menschen im gleichen Rhythmus tanzen, auch wenn sie unterschiedliche Songs hören. Aber weil es zwar keine Rolle spielen soll, aber immer noch spielt, sind die zarten Banden, die hier ohne großes Pathos geknüpft werden, bald schon stark gefährdet, da Avas Sohn leider die Springerstiefel von seinem Skinhead-Vater geerbt hat. Doch auch hier rutscht die Geschichte nie ins cineastisch Überhöhte ab, sondern bleibt bodenständig und ehrlich. „Ali & Ava“ ist ein Liebesfilm, wie er besser wohl kaum sein kann, denn er zeigt echte Figuren abseits von Hollywood-Stereotypen, die sich bedächtig einander annähern, vorsichtig, aber auch neugierig, lebenshungrig, aber mit Verwundungen aus früheren Zeiten, die vielleicht noch nicht ganz verheilt sind. Adeel Akhtar und Claire Rushbrook sind eine schauspielerische Offenbarung. Man muss den liebevollen Chaoten Ali mit seinen lockeren Sprüchen einfach lieben, man möchte die so starke und gleichzeitig sensible Ava einfach nur in den Arm nehmen – man wünscht den beiden alles Glück der Welt und vergisst für 1,5 Stunden, in einem Kinosaal zu sitzen und fiktiven Figuren zuzusehen. So magisch kann Kino sein, wenn es so herausragend gemacht ist wie Clio Barnards Liebesfilm. Dazu gibt es einen exzellenten Soundtrack, der das Geschehen nicht nur stimmig begleitet, sondern fast zu einem dritten Protagonisten wird, der die Geschichte erzählt. Schon jetzt ein persönliches Highlight der diesjährigen Viennale – das zu toppen, wird ein schwieriges Unterfangen.


8,5 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)

Das Ereignis (2021)

Regie: Audrey Diwan
Original-Titel: L’événement
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: L’événement


Hach. Viennale. Jedes Jahr ein Fixpunkt meines cineastischen Jahres und dieses Blogs. Der Eröffnungsfilm sieht ja schon mal vielversprechend aus: Goldener Löwe in Venedig. Beinahe Frankreichs Einreichung zu den nächsten Oscars, wäre da nicht diese Naturgewalt von Titane gewesen. Und der Inhalt liest sich auch interessant: Junge Literaturstudentin in den 60ern wird versehentlich schwanger, was zu jener Zeit besonders ungut ist, da Abtreibungen höchst illegal sind, ein Kind aber ihre Berufswünsche komplett torpedieren würde. Da ist guter Rat teuer. „L’événement“ von Audrey Diwan basiert auf dem autobiografischen Roman von Annie Ernaux, der genau das widerfahren ist, was Nachwuchshoffnung Anamaria Vartolomei so exzellent spielt. Ihre Anne ist eine ambivalente, aber immer nachvollziehbare Figur. Sie ist eine strebsame, brave Studentin, aber hat auch ein Liebesleben, weshalb sie im Internat mit schiefen Blicken bedacht wird. Sie ist ein reflektierter, junger Mensch, aber wenn die Ängste einschießen, driftet auch sie ins Irrationale. Das ist alles gut verständlich. Und so nimmt die Geschichte ihren (logischen) Lauf. Das wäre dann auch schon mein Kritikpunkt an einem ansonsten emotional mitreißenden und gut gespielten Film: Er ist allzu formelhaft und überrascht nur in den seltensten Momenten. Selbst der Schockmoment am Ende, weswegen in Venedig angeblich einige zartbesaitete Seelen nach der Sichtung Zuspruch brauchten, ist fast schon erwartbar eingesetzt. Das macht den Film aber nicht langweilig und die Botschaft und das Plädoyer für die Selbstbestimmung der Frau nicht weniger wichtig und dringlich. Allerdings hätte ich es begrüßt, wenn der Film meine Erwartungshaltungen öfter unterlaufen hätte und noch mehr Mut zur Eigenständigkeit gehabt. Das gab aber wohl die literarische Vorlage nicht her. Dennoch ein geglückter Auftakt in das diesjährige Filmfestival.


7,0 Kürbisse

(Foto: (c) Viennale)