Locarno 2019

Cat in the Wall (2019)

Regie: Mina Mileva und Vesela Kazakova
Original-Titel: Cat in the Wall
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Cat in the Wall


Okay, Hand aufs Herz: Wer ist bei diesem Titel nicht sofort angefixt? Vor allem, wenn der, wie man der Synopsis des Films entnehmen kann, durchaus wörtlich gemeint ist und auf wahren Begebenheiten beruhen soll. Ich konnte jedenfalls nicht widerstehen. Was ich dann gesehen habe, war zwar weniger Cat Content als erwartet, aber einen interessanten Film, der nicht frei von Schwächen ist, über den sich aber vortrefflich ausführlich diskutieren lässt. Hauptfigur der Tragikomödie (vorweg: mehr Tragik als Komödie) ist Irina (Irina Atanasova, ein Name, den ich mir merken werde), eine alleinerziehende bulgarische Mutter und studierte Architektin, die zusammen mit ihrem Sohn und ihrem Bruder in einem nicht mehr ganz taufrischen Apartment in London wohnt und abends als Barkeeperin jobbt, um die Familie über Wasser zu halten. Eine entzückende rothaarige Katze, die im Stiegenhaus umherstreunt, und ein Brief von der Hausverwaltung setzen dann aber Ereignisse in Gang, die dazu führen, dass sich die prekäre Lage der kleinen Familie weiter zuspitzen. Bei der Katze, die von der Familie liebevoll aufgenommen wird, handelt es sich nämlich um das Haustier von Nachbarn, die, als sie erfahren, wo die vermisste Katze steckt, nicht besonders freundlich reagieren. Und der Brief kündigt eine Haussanierung an, bei der sich jeder Eigentümer mit etwa 26.000 Pfund beteiligen muss. Prekär an der Geschichte ist, dass Sozialhilfeempfänger davon ausgeschlossen sind. Und ausgerechnet die bulgarische Einwandererfamilie am Rande des Existenzminimums, die versucht, aus eigener Kraft etwas aufzubauen, droht damit finanziell unterzugehen. Nein, lustig ist das alles nicht, auch wenn gelegentliche Situationskomik für Auflockerung sorgt. Das Thema des Films ist aber klar: Es geht um die schwierige Situation von Einwanderern, denen oft trotz aller Bemühungen, ein menschenwürdiges Leben aufzubauen und einen Beitrag zu leisten, Steine in den Weg gelegt werden. Gefilmt in einem semidokumentarischen Ansatz zeigen die beiden bulgarischen Regisseurinnen Mina Mileva und Vesela Kazakova, die selbst in London leben und damit aus persönlichen Erfahrungen schöpfen können, das Miteinander und Durcheinander zwischen Gentrifizierung, Brexit und Einwanderung. Das alles ist sehr interessant, allerdings hätte ich mir mehr Stringenz gewünscht. Viele Themen werden aufgeworfen, da natürlich alles auch zusammenhängt, aber aus meiner Sicht wäre es besser gewesen, einen engeren Fokus zu finden. So mäandert der Film ein wenig herum. Und dass die Katze dann mal in der Wand verschwindet, ist am Ende nicht mehr als eine Randnotiz.


6,0
von 10 Kürbissen

Height of the Wave (2019)

Regie: Park Jung-bum
Original-Titel: Pa-go
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: Pa-go


Eine geschiedene Polizistin tritt ihre neue Stelle auf einer armen Insel an, die fast ausschließlich von Männern, Fischern und in der Fischindustrie Arbeitenden, bewohnt wird. Der Vorstand der Insel hat große Pläne – er möchte aus der Insel eine offiziell anerkannte Urlaubsdestination machen, was einen Geldregen vom Hauptland bedeutet. Dass die neue Polizistin schon bald gegen die einzige junge Frau der Insel, die 20jährige Yea-eun, wegen Prostitution ermittelt, ist da natürlich ein Dorn im Auge. Bevor die Polizistin die junge Frau ans Festland schicken kann für weitere Ermittlungen, muss die also fortgebracht werden von der Insel. Ein Problem ist allerdings, dass Yea-eun traumatisiert ist vom Tod ihrer Eltern, die, als sie ein Kind war, vor ihren Augen ertrunken sind. So wagt sich Yea-eun nicht aufs Meer. Stattdessen büxt sie aus, zusammen mit der Tochter der Polizistin, die ihrerseits mit einigen Entscheidungen ihrer Mutter unzufrieden ist. Und während die Suche nach den beiden Mädchen im Gange ist, wird allmählich eine tragische Geschichte an die Oberfläche gespült. Park Jung-bum betrachtet in seinem Film auf subtile Weise Abhängigkeiten, kollektive Schuld und Zivilcourage beziehungsweise das Fehlen derer. Zwar zeichnet sich schon bald ab, in welche Richtung es geht, das macht aber die Auflösung nicht weniger bitter. Auch wenn nicht jede Handlung der Figuren aus europäischer Sicht immer vollends nachvollziehbar ist (ein wenig Überdramatisierung gehört zum südkoreanischen Kino einfach dazu), so dient vor allem die von Lee Seung-yeon gespielte Polizistin Nam als Identifikationsfigur und Anker, deren Probleme und Ängste und auch Reaktionen in sich schlüssig sind. Vielleicht hätte man noch ein wenig tiefer in die Hintergründe dieser Figur eintauchen können, doch funktioniert der Film auch so sehr gut. Hervorzuheben ist außerdem noch die wilde Landschaft dieser kleinen Insel, von Kameramann Park Jong-cheol hervorragend eingefangen. Insgesamt also eine lohnende Erfahrung.


7,0
von 10 Kürbissen

Within Our Gates (1919)

Regie: Oscar Micheaux
Original-Titel: Within Our Gates
Erscheinungsjahr: 1919
Genre: Drama
IMDB-Link: Within Our Gates


Vor exakt 100 Jahren, im Jahr 1919, entstand mit „Within Our Gates“ der erste, bis heute erhaltene Film, der von einem Schwarzen gedreht wurde. Oscar Micheauxs Zweitwerk (sein erster Film ging verloren) wurde in den 90er-Jahren spannenderweise in Madrid gefunden, was zeigt, dass es damals eine Nachfrage nach diesem US-amerikanischen ersten Film des Black Cinema in Europa gab. Und angesichts des komplexen Aufbaus des Films, der Problematik der Schwarzen, die darin schonungslos und eindrücklich beschrieben wird, der guten Kameraarbeit ist dies auch nicht weiter verwunderlich. „Within Our Gates“ erzählt vielschichtig und mit Rückblenden und Einschüben vom Schicksal der gebildeten Schwarzen Sylvia (Evelyn Preer). Diese fällt zunächst einer kleinen Intrige ihrer Haushälterin zum Opfer und wird von ihrem überraschend nach Hause kommenden Verlobten verstoßen, kommt dann an eine Schule für Schwarze im Süden der USA, die große Geldprobleme hat, da der Staat die Bildung von schwarzen Kindern kaum unterstützt, und geht schließlich zurück nach Boston, um Geld für die Schule aufzutreiben. Zentrales Thema sind die Bildung der Schwarzen und das Recht zu wählen. Beides wird ausführlich diskutiert in diesem frühen Werk, und zu beiden Themen zeigt Micheaux den offenen Rassismus seiner Zeit auf. Selbst die reiche Philanthropin, die Sylvia und der Schule helfen möchte, wird von ihrer rassistischen Bekannten fast noch umgestimmt. Auch von manchen Schwarzen wird die herrschende Ordnung als gottgegeben und unabänderlich wahrgenommen. Eine ambivalente Figur ist in diesem Zusammenhang der schwarze Pastor, der predigt, dass Bildung der Fluch des reichen Mannes wäre und es damit gut wäre, Schwarze davon fernzuhalten – diese würden schließlich am Tag des Jüngsten Gerichts für ihr einfaches, arbeitsames Leben von Gott belohnt. Auch die Vergangenheit Sylvias, die in einer langen Rückblende gegen Ende aufgezeigt wird, berührt und erschüttert – weiß man doch, dass das hier gezeigte Schicksal kein Einzelfall war. Allerdings muss man sich auf einen so alten Stummfilm auch einlassen können. Da der Inhalt ausschließlich über visuelle Reize transportiert werden kann, wirkt auch das Schauspiel überdramatisierend. Viele Szenen sind sehr plakativ dargestellt und sehen damit aus heutiger Sicht eher lächerlich aus. Das ändert aber nichts daran, dass es sich bei „Within Our Gates“ um ein sehenswertes Frühwerk handelt, das auch heute, 100 Jahre nach seiner Entstehung, von Relevanz ist.

 


7,0
von 10 Kürbissen

Amor Maldito (1984)

Regie: Adélia Sampaio
Original-Titel: Amor Maldito
Erscheinungsjahr: 1984
Genre: Drama, Liebesfilm, Krimi, Erotik
IMDB-Link: Amor Maldito


Adélia Sampaio ist eine Filmpionierin. Bis heute ist sie die einzige schwarze Frau, die in Brasilien jemals einen Film gedreht hat. Um die Mittel dafür zu bekommen, musste sie in die Trickkiste greifen und den Geldgebern vorgaukeln, sie würde einen Porno drehen. Und so weist der Film „Amor Maldito“, eine Liebesgeschichte über die Liebe zweier Frauen, das zu einem Gerichtsdrama wird, in der Ästhetik phasenweise eine weichgezeichnete Ästhetik von 80er-Jahre-Pornos auf. Auch Brüste dürfen nicht fehlen. Diese Ästhetik in Kombination mit dem grandios überdramatischem Schauspiel (das zu Pornos gehört wie der Leopard zu Locarno) führt immer wieder zu vergnügtem Schmunzeln. Eines ist klar: Sampaio wusste, was sie tat. Wenn man dieses Täuschungsmanöver aber durchschaut, entfaltet sich eine recht tragische Geschichte von Moral und Doppelmoral. Denn schlimm genug, dass Fernanda (Monique Lafond) den Verlust ihrer Geliebten Suely (Wilma Dias), die aus einem Fenster in Fernandas Haus gestürzt ist, ertragen muss, doch findet sie sich schon bald im Gerichtssaal als Angeklagte wieder. Ermordet soll sie Suely haben, zumindest durch ihre perverse und obszöne Lebensweise in den Freitod gezwungen haben, so der Gift und Galle spuckende Staatsanwalt. Die Verführung eines unschuldigen Mädchens durch eine Ausgeburt der Hölle ohne Moral und Anstand – so der Grundtenor. Die Verteidigung bemüht sich nach Kräften, diesem Zeigefinger der Scheinmoral etwas entgegenzusetzen – nämlich das Selbstverständnis der Liebe. Allerdings ist unklar, in welche Richtung das Pendel ausschwingen wird, denn zu fest scheinen kirchliche Moralvorstellungen in diesem brasilianischen Gerichtssaal der 80er Jahre zu sitzen. „Amor Maldito“ ist aus den eingangs erwähnten Gründen beileibe kein guter Film. Er ist sogar ziemlich schlecht – wobei man das den Umständen seiner Entstehung zuschreiben muss. Aber dennoch unterhält er recht gut und lässt den Zuseher einen spannenden Blick auf gesellschaftliche Moralvorstellungen seiner Zeit werfen. Und, wenn man ehrlich ist, hat sich bis heute eigentlich nicht genug daran geändert.


5,0
von 10 Kürbissen

South Terminal (2019)

Regie: Rabah Ameur-Zaïmeche
Original-Titel: Terminal Sud
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Politfilm
IMDB-Link: Terminal Sud


Irgendein Land am Mittelmeer in den 90ern. Es könnte Algerien sein, es könnte Frankreich sein oder ein anderes Land. Es ist kein Land, und es sind damit alle Länder. Gewalt und Terror halten die Bevölkerung im Griff. Auch dem Staat, vertreten durch Militär und Polizei, ist nicht zu trauen. Mittendrin in dem Chaos ein idealistischer Arzt(Ramzy Bedia). Als sein Schwager, ein Journalist, der über die Übergriffe und Raubüberfälle berichtet, auf der Straße erschossen wird, wird der Arzt hineingezogen in die Gewalt und sieht sich bald selbst mit Todesdrohungen konfrontiert. Auch der Frage, wieweit der hippokratische Eid geht und welche Konsequenzen er zeitigt in einem Umfeld, in dem jeder verdächtig ist, selbst ein Arzt, geht der Film von Rabah Ameur-Zaïmeche nach. „Terminal Sud“ erforscht auf nüchterne Weise, was es mit einem Menschen macht, wenn Humanismus und Frieden durch Terror und Einschüchterung bedroht sind und das eigene Leben in Gefahr ist. Der Arzt versucht dem Chaos auf seine Weise zu begegnen: Mit Alkohol und dem Festhalten an Routinen und seiner Tätigkeit als Arzt, der er sich verpflichtet fühlt. Doch auch Routinen schützen nicht, wenn das Chaos übernommen hat. Die Eskalation gegen Ende trifft den Zuseher überraschend und in die Magengrube. Zwischendurch blitzen immer wieder Momente der Mitmenschlichkeit auf, die Hoffnung geben. Tatsächlich zielt aber Regisseur Ameur-Zaïmeche auf etwas Anderes ab – etwas, das einem fast entgehen könnte, das aber umso wichtiger ist und den Film zusätzlich aufwertet. Dass nämlich Land und Terror darin so gesichts- und namenlos sind, lässt sie als Stellvertreter fungieren. So ist der Film mehr eine Allegorie, die sich auf heutige Zeiten problemlos umlegen lässt, als die Erzählung eines persönlichen Schicksals. Ramzy Bedias namenlose Arztfigur ist jeder Mensch, ob Frau, ob Mann, ob Kind, die dem Terror ausgesetzt waren und sind. Das vor Augen ist „Terminal Sud“ ein wirklich ausgezeichneter Film.


8,0
von 10 Kürbissen

Days of the Bagnold Summer (2019)

Regie: Simon Bird
Original-Titel: Days of the Bagnold Summer
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Komödie
IMDB-Link: Days of the Bagnold Summer


Man weiß nicht so recht, was schwieriger ist: Teenager zu sein oder die Mutter eines Teenagers zu sein. Wenn beide dann für sechs Wochen aufeinander picken, weil der Exmann in Florida kurzfristig den geplanten sommerlichen Besuch des Sohnemanns abgesagt hat, entfalten sich die Schwierigkeiten auf einem noch viel höheren Niveau. Hier treffen zwei Aliens aufeinander. Sohn Daniel (Earl Cave, der Sohn von Nick Cave) und Mutter Sue (Monica Dolan mit einer herrlich überspannten Darstellung) müssen aber nun das Beste aus der Situation machen. Und beide haben Probleme, die man üblicherweise so hat. Daniel, ein Metal-Head, hat Stress mit seinem besten Kumpel und träumt davon, eine Band zu gründen, Sue, unscheinbare Bibliothekarin, sieht sich plötzlich mit männlichem Interesse konfrontiert. Die größte Herausforderung ist allerdings, diesen verdammten Sommer irgendwie zu überstehen, ohne sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Man merkt: Auf beiden Seiten ist viel guter Wille dabei, das Beste aus der Situation zu machen. Aber guter Wille allein reicht manchmal halt nicht ganz aus. Simon Bird ist mit seinem Debütfilm, der auf einer Graphic Novel beruht, eine zutiefst britische Feelgood-Komödie gelungen. „Days of the Bagnold Summer“ ist ein Film, in den man sich einfach hineinfallen kann, der gut und gewitzt unterhält und dabei nie eine seiner Figuren vorführt, sondern allen mit Respekt begegnet. Definitiv ein kleines Highlight des diesjährigen Filmfestivals Locarno. Vielleicht kein Film für die Ewigkeit, aber mindestens für einen Sommer.


7,5
von 10 Kürbissen

The Cool World (1963)

Regie: Shirley Clarke
Original-Titel: The Cool World
Erscheinungsjahr: 1963
Genre: Drama, Krimi
IMDB-Link: The Cool World


Unbestritten ist „The Cool World“ von Shirley Clarke aus dem Jahr 1963 ein ausgezeichnet gemachter und relevanter Film. Unbestritten ist aber auch, dass es angesichts der Tonqualität und des Slangs ohne Untertitel für Filmkürbisse manchmal schwer sein kann, der Handlung wirklich zu folgen. Bei diesem Film bin ich an meine linguistischen Grenzen gestoßen – und dass ich in weiterer Folge dem Film nicht mehr Kürbisse zugestehe, hat vielleicht auch ein Stück weit damit zu tun, dass ich schlicht nicht immer den Durchblick hatte, was gerade passiert. Jedenfalls folgt der Film in einer Art semidokumentarischen Stil (der Produzent Frederick Wiseman tat sich später selbst als bedeutender Dokumentarfilmer hervor) dem fünfzehnjährigen Gangleader Duke (Hampton Clanton), der beim dubiosen „Priest“ einen Revolver erwerben möchte, um endlich mal aufzuräumen mit der feindlichen Gang. Was dabei interessant zu beobachten ist, ist das Leben in Harlem, dieser Geburtsstätte der Black Culture. Auch ist es interessant zu sehen, wie Duke feststeckt zwischen Teenager mit Teenager-Bedürfnissen und auf sich selbst gestellten Zampano und Möchtegern-Boss. Die Kameraarbeit ist elektrisierend und fängt das vibrierende Leben auf der Straße gut ein. Allein dafür lohnt es sich schon, den Film anzusehen. Allerdings ist er mit einer Laufzeit von etwa zwei Stunden und diesem Gerippe von einer Story auch eine echte Herausforderung für die Geduld des Publikums. Wenn dann noch Sprachprobleme hinzukommen wie in meinem Fall, muss man sich selbst nachmittags ordentlich anstrengen, um wach zu bleiben.


6,0
von 10 Kürbissen