1921

Schloß Vogelöd (1921)

Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Original-Titel: Schloß Vogelöd
Erscheinungsjahr: 1921
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Schloß Vogelöd


Man kennt das: Da schmeißt man einfach eine gemütliche Party, und dann taucht genau der eine Vogel dort auf, den man definitiv nicht dabei haben möchte. Weil: Man hat die Witwe seines verblichenen Bruders eingeladen, die auf den Typen nicht gut zu sprechen ist. Wenn die dann auch noch mit ihrem neuen Haberer vorbeikommt und Grumpy Ex-Schwager im Nebenzimmer sitzt, verhagelt das ganz allgemein die Stimmung. So viel Mexikaner kann man gar nicht ausschenken, als dass sich die Gemüter noch erheitern. Wenn’s auch noch dauernd schifft und man ohnehin nichts tun kann, legt man am besten The Cure auf und versucht, irgendwie über die Runden zu kommen, bis der Spuk ein Ende hat. In der Zwischenzeit kann man sich mit bösen Gerüchten und Spekulationen die Zeit vertreiben. Hat denn der Ex nicht den eigenen Bruder auf dem Gewissen? Und wo ist eigentlich der ehrwürdige Pfaffe hin, dem die Ex-Frau des verstorbenen Bruders gerade noch ihr Herz ausgeschüttet hat? In der Nacht werfen diese Fragen allerlei unangenehme Träume auf, was auch nicht gerade zur Erheiterung beiträgt. Kurz: Es liegt was in der Luft. Und der finstere Typ im Nebenzimmer hat etwas damit zu tun.

Wenn ein Film fast 100 Lenze auf dem Buckel hat und trotzdem noch spannend anzusehen ist, dann kann man durchaus von einem Werk für die Filmgeschichte sprechen. „Schloß Vogelöd“ von Altmeister Friedrich Wilhelm Murnau reiht sich da jedenfalls ein, auch wenn der Film ein wenig zurückbleibt hinter seinen größten Werken. Das Setting mit dem alten Herrenhaus im Dauerregen ist aber gut gewählt, die Geschichte spannend und voller Wendungen inszeniert (M. Night Shyamalan muss den gesehen habe, da bin ich mir sicher) und die Darsteller geben auch alles. Da sieht man auch gerne über die eine oder andere kleinere Länge oder darstellerische, der Jugend des Films (der damals wirklich noch in den Kinderschuhen steckte) geschuldete Unbeholfenheit hinweg. Fazit: Kann man auch heute noch sehr gut ansehen.


7,0
von 10 Kürbissen

The Blot (1921)

Regie: Lois Weber
Original-Titel: The Blot
Erscheinungsjahr: 1921
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: The Blot


Lois Weber ist unzweifelhaft eine der großen Pionierinnen des Films. 1914 drehte sie den ersten Langfilm der Geschichte, bei dem eine Frau Regie führte. Ihre Fähigkeiten waren enorm – und viele Einstellungen oder Schnitte aus „The Blot“, ihrem Film aus dem Jahr 1921, wirken heute noch frisch und originell. In „The Blot“ erzählt sie vom sozialen Gefälle, das sich auch in den Roaring Twenties durch die Gesellschaft zog – ein Thema, das auch heute nichts an Aktualität und Brisanz eingebüßt hat. Der reiche Student Phil West verliebt sich in Amelia, die Tochter seines Professors. Diese erwidert seine Avancen nicht, und bald schon stellt man fest, dass auch ihr Stolz sie zurückhält. Die ganze Familie ist nämlich arm, da die Gehälter für Universitätsprofessoren unter aller Sau sind. Auch nicht besser ergeht es dem zweiten Verehrer Amelias, einem jungen Geistlichen, mit dem sich Phil anfreundet. Auch der hat kein Geld, weshalb er beispielsweise seine Schuhe mit Gänsefett polieren muss – was Amelias Katze mit Wohlwollen zur Kenntnis nimmt. Die Lage der Familie wird immer brisanter, während nebenan die Familie eines Schuhmachers lebt, der mit seinem Handwerk zu Reichtum gekommen ist. Vor allem die Ehefrau des Schuhmachers zeigt eine große Abneigung gegen das Elend auf der anderen Seite des Gartenzauns. Nicht einmal die Abfälle gönnt sie der hungrigen Hauskatze. Eines Tages kommt es zu einem Missverständnis, als Phil West der kranken Amelie ein Huhn zur Stärkung schicken lässt, was sich die Familie sonst nicht leisten könnte, diese aber ihre Mutter dabei beobachtet, wie sie in den Garten der reichen Nachbarn schleicht, wo ein frisch gebratenes Huhn vor dem Fenster steht. Und die dramatischen Verwicklungen nehmen ihren Lauf. Was ich an „The Blot“ besonders mag: Lois Weber führt niemanden vor. Niemand ist frei von Fehlern, von Stolz und Hochmut beispielsweise, von Missgunst und Neid, aber niemand gerät zur Karikatur. Es gibt (Achtung: Wortwitz, höhö) kein Schwarz-Weiß-Denken in diesem Schwarz-Weiß-Film. Und auch das Ende ist nicht ausschließlich happy, auch wenn sich die Geschichte zum Guten wendet. Aber einer bleibt immer auf der Strecke, und der geht dann mit nachdenklichem Blick die dunkle Straße entlang. Ein wunderbar differenziertes Stück Kino, handwerklich großartig gemacht und mit einem starken Thema, das auch heute noch relevant ist.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 11 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen