1926

Faust – Eine deutsche Volkssage (1926)

Regie: Friedrich Wilhelm Murnau
Original-Titel: Faust – Eine deutsche Volkssage
Erscheinungsjahr: 1926
Genre: Drama, Fantasy, Horror
IMDB-Link: Faust – Eine deutsche Volkssage


Ich bin der Meinung, dass deutsche Kulturgeschichte auf drei Eckpfeilern beruht: Der Nibelungensage, dem Faust-Stoff und Wolfgang Petrys Freundschaftsbändchen. Das sind Dinge, die man einfach kennen muss, will man einen Blick auf die deutsche Seele erhaschen. Den Faust habe ich vor vielen Jahren mal (freiwillig!) gelesen. Da die Erinnerung daran aber weitestgehend verblasst ist (Patrick Süskind nannte diesen Prozess des Vergessens in einer Kurzgeschichte mal „Amnesia in Litteris“ – ich kann mich noch sehr gut an den Titel erinnern, habe aber leider keinen blassen Schimmer mehr, worum es in der Kurzgeschichte ging – q.e.d.), machte ich mich also mit frischer Neugier an die Verfilmung von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1926. Und gleich die Einleitung hat es in sich. Da werden düstere Bilder an die Wand gemalt, dass es geradezu eine Freude ist! Frühes Horrorkino at its best! So richtig beginnt der Spaß aber erst, nachdem Gott und der Teufel ihre Wette (abgeschlossen nach dem Motto „Traust di‘ nie!“) besiegelt und Zweiterer als Mephisto auf die Erde herabgestiegen ist, um dem alten Gelehrten Faust ordentlich einzuheizen und seine Seele mit dem Versprechen der zurückgewonnenen Jugend zu verführen. Und da sich Emil Jannings als Mephisto darum kümmert, ist nicht nur bald des Faustens Seele in großer Not, sondern der Zuseher auch gebannt ob dieses dämonischen Spiels, das so wirkt, als hätte Jannings selbst dem Teufel seine Seele verkauft, um diese Rolle spielen zu können. Eine wortwörtliche Wahnsinnsleistung! Dagegen bleiben Camilla Horn als entzückendes Gretchen und Gösta Ekman als junger Faust eindeutig zurück. Doch so großartig die expressionistisch angehauchten Bilder und Jannings Darstellung auch sind – in der Mitte schleicht sich die eine oder andere Länge ein. Nichtsdestotrotz ist „Faust – Eine deutsche Volkssage“ völlig zurecht einer der großen Klassiker der deutschen Filmgeschichte. Kann man übrigens in voller Länge auf Youtube bewundern.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 66 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,5
von 10 Kürbissen

Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926)

Regie: Lotte Reiniger
Original-Titel: Die Abenteuer des Prinzen Achmed
Erscheinungsjahr: 1926
Genre: Animation, Fantasy
IMDB-Link: Die Abenteuer des Prinzen Achmed


Prinz Ahmed ist schon ein Strizzi. Kaum wird er von einem bösen Zauberer hereingelegt, der sich des Bruders seiner Angebeteten mit Hilfe eines fliegenden Pferds entledigt, das den Prinzen immer weiter von zuhause fort trägt, lässt sich der so ins Exil beförderte Prinz erst mal auf ein Techtelmechtel mit gleich fünf hübschen Damen ein, raubt dann eine schöne Nackte aus ihrer Heimat, die er beim Baden im See gestalkt hat, verscherzt es sich so mit bösen Dämonen, und herausreißen aus der ganzen Misere muss den abenteuerlustigen Schwerenöter ausgerechnet Aladin, dem zwischenzeitlich seine Zauberlampe flöten gegangen ist, und eine hässliche Hexe. So viel zum Heldentum. Verbuchen wir das Ganze als jugendlicher Leichtsinn. Dass das Abenteuer des Prinzen trotzdem auch fast 100 Jahre nach dem Entstehen faszinieren kann, liegt in der unglaublich fantasievollen Machart. Lotte Reiniger schuf einen der ersten abendfüllenden Trickfilme der Geschichte mithilfe liebevoll gestalteter Scherenschnitte, die mit einem Detailreichtum aufwarten, der schnell vergessen lässt, dass sich hier nur Schatten über farbigem Hintergrund bewegen. Drei Jahre lang arbeiteten Lotte Reiniger und ihr Team an diesem Film, dessen Alter nur aufgrund der manchmal arg naiven Erzählstruktur durchschimmert. Tricktechnisch jedoch können die Scherenschnitte, die auch in dramatischen Situationen sehr gut funktionieren, auch heute noch überzeugen. Das ist vor allem Lotte Reinigers unbändiger Fantasie zu verdanken, die jedes Tableau mit viel Witz und einem Hauch von Expressionismus bedacht hat. Dieser Film wird auch die nächsten 100 Jahre gut überstehen, da bin ich mir sicher.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 29 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


8,0
von 10 Kürbissen