1928

Alraune (1928)

Regie: Henrik Galeen
Original-Titel: Alraune
Erscheinungsjahr: 1928
Genre: Drama, Fantasy
IMDB-Link: Alraune


Ein besonderes Schmankerl von Filmfestivals sind die dort gezeigten Retrospektiven. So kommt man beispielsweise in den Genuss eines spannenden Vortrags zur Restaurierungsgeschichte des deutschen Stummfilmklassikers „Alraune“ von Henrik Galeen mit anschließendem Genuss ebendieses Filmes – dazu Live-Musik auf Klavier und Geige. So ein Abend im Kino, noch dazu, wenn die Vorführung im wohl schönsten Kinosaal Österreichs, jenem des Metro Kino Kulturhauses, stattfindet, hat was Gediegenes, da kann die Staatsoper, die sich unweit davon befindet, einpacken. Doch kann einem selbst ein solches Ereignis verleidet werden, wenn der Film nichts taugt. Glücklicherweise steht die Qualität von „Alraune“ außer Zweifel. Ein episches Fantasy-Drama rund um das künstlich geschaffene Mädchen Alraune (Brigitte Helm), ihrem besessenen „Vater“, der Wissenschaftler Prof. ten Brinken (Paul Wegener), und das sexuelle Erwachen eben jener Kreatur. Erinnerungen an Frankenstein werden wach, nur dass Brigitte Helm besser aussieht als Boris Karloff und sich auch anderer Mittel bedient, um ihren Platz in der Welt, in die sie hineingeworfen wurde, zu finden. Witzig ist im Vorfeld die Information, dass für die Restaurierung des Films auf Kopien aus Deutschland und Dänemark sowie Russland zurückgegriffen wurde und die Szenen, die durch die Zensur des jeweiligen Landes herausgeschnitten wurden, so wieder in den Film eingefügt werden konnten, da die deutschen Zensoren andere Meinungen zu dem zu zensierenden Bildmaterial hatten als die dänischen und die russischen. Allerdings ist der Film in der nun aktuell vorliegenden Fassung doch deutlich zu lang geraten. Über zwei Stunden erstreckt sich das Epos jetzt, und das wird bei einem Stummfilm doch zur Herausforderung. Vor allem das Ende zieht sich. Trotzdem: Zurecht ein Klassiker, der auch heute noch Beachtung verdient. Schön, das auf der großen Leinwand erlebt zu haben.


7,0 Kürbisse

(Foto: Filmarchiv Austria)

Frauenarzt Dr. Schäfer (1928)

Regie: Jacob und Luise Fleck
Original-Titel: Frauenarzt Dr. Schäfer
Erscheinungsjahr: 1928
Genre: Drama
IMDB-Link: Frauenarzt Dr. Schäfer


Die Viennale 2019 zeigt in einer eigenen Kinematographie Filme der deutschen Film-Pionierin Luise Fleck. Vieler ihrer Werke (die meisten davon gemeinsam mit ihrem Ehemann Jacob Fleck gedreht) galten lange Zeit als verschollen – so auch „Frauenarzt Dr. Schäfer“ aus dem Jahr 1928. In Kopenhagen wurde schließlich eine Kopie des Films gefunden, die daraufhin restauriert wurde und – abgesehen einiger Szenen, die das leichte Leben im Berlin der Roaring Twenties zeigen – nun so gezeigt werden kann, wie das Regie-Paar dies im Sinne hatte. In „Frauenarzt Dr. Schäfer“ werden Themen behandelt, die auch heute noch überraschend aktuell und dringlich wirken. Der progressive Frauenarzt Dr. Schäfer (Iván Petrovich) versucht, ein neues Gesetz durchzubringen, das Frauen erlaubt, bei ungewollter Schwangerschaft abtreiben zu dürfen. Ausgerechnet der Vater seiner Verlobten Evelyne (Evelyn Holt), Professor Klausen (Leopold Kramer), ist streng konservativ und damit gegen jegliche Gesetzesänderung in diese Richtung. Als seine Tochter aber Opfer einer Vergewaltigung durch den schurkischen Scharlatan Dr. Greber (ein junger Hans Albers) wird, stehen seine Anschauungen auf dem Prüfstand. Natürlich werden diese schweren Themen zeitgerecht bearbeitet und ein Happy End ist garantiert – so happy, wie ein solches Ende halt sein kann. Aber es überrascht, mit welcher Klarheit und Eindrücklichkeit Jacob und Luise Fleck diese schwere Kost mit (für damalige Zeit) großer Sprengkraft bearbeiten. Bei aller Liebe zur Leichtigkeit, die immer wieder mal durchschlägt, ist dieser Film erstaunlich direkt in seinen Aussagen und Positionierungen. Und es ist beschämend, dass der Film auch heute noch aktuell ist in vielen Teilen unserer Erde und bezogen auf viele Schichten unserer eigenen heimischen Bevölkerung. Man möchte meinen, dass wir 90 Jahre später als Gesellschaft deutlich weiter sind. Pustekuchen. Ein Glücksfall dieses Screenings war im Übrigen auch noch das Engagement des Elektro-Duos „Wien Diesel“, das für eine außergewöhnliche akustische Begleitung des Stummfilms sorge. Chapeau an die beiden Damen an den Knöpfen und Reglern, die den Spagat zwischen Tradition und Moderne sehr erfrischend hinbekamen und somit die Zeitlosigkeit des Films unterstrichen.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmarchiv Austria)

Die Muschel und der Kleriker (1928)

Regie: Germaine Dulac
Original-Titel: La cocquille et le clergyman
Erscheinungsjahr: 1928
Genre: Kurzfilm, Experimentalfilm
IMDB-Link: La cocquille et le clergyman


Wenn man sich für Filme interessiert, stößt man irgendwann einmal unweigerlich auf das Werk „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dalí – das frühe Meisterwerk des surrealistischen Films schlechthin (und ein Film, der immer noch auf meiner Watch-List steht). Was aber kaum jemand weiß: Dieses Werk steht nicht am Beginn des Surrealismus im Film. Denn Germaine Dulac war mit ihrem „Die Muschel und der Kleriker“ noch ein Jahr früher dran. Darin thematisiert sie die nur allzu menschlichen Gelüste eines Pfarrers und dessen Versuchungen, dargestellt durch die Frau eines Generals. Der Film lebt allein von seiner Stimmung. Und wie auch in anderen Werken beweist Dulac ihr tiefgreifendes Verständnis des Handwerks. Sie gilt zurecht als Filmpionierin, und ihre Art und Weise, bewegte Bilder überraschend einzusetzen und damit Atmosphäre zu kreieren, kann auch heute noch als Vorbild dienen. Ich kann nicht genau benennen, woran es genau liegt, aber ihre Bilder wirken auch 90 Jahre nach ihrer Entstehung frisch und modern. Vielleicht liegt es am geschickten Einsatz von Licht und Schatten, vielleicht an ungewöhnlichen Perspektiven, vielleicht am Rhythmus, in dem auch Zeitlupen-Einstellungen organisch eingebaut werden – wahrscheinlich ist es einfach das Zusammenspiel all dieser Techniken, die ihre Filme so zeitlos machen. Und auch wenn es teilweise anstrengend ist, den surrealistischen Bildern zu folgen, ist „Die Muschel und der Kleriker“ in jedem Augenblick ein faszinierendes Werk.

 


8,0
von 10 Kürbissen