1975

Unter dem Pflaster ist der Strand (1975)

Regie: Helma Sanders-Brahms
Original-Titel: Unter dem Pflaster ist der Strand
Erscheinungsjahr: 1975
Genre: Liebesfilm, Drama, Politfilm
IMDB-Link: Unter dem Pflaster ist der Strand


Es dauert eine Weile, bis man hinein findet in Helma Sanders-Brahms Debütfilm „Unter dem Pflaster ist der Strand“ (übrigens ein ziemlich genialer Titel, wie ich finde). Der Beginn wirkt dokumentarisch, Helma Sanders-Brahms erzählt aus dem Off von ihren Figuren, die erst einmal in einen kahlen Raum gestellt werden, wo sie seltsame Theaterperformances zum Besten geben müssen. Sperrig. Doch wenn dann Grischa (Grischa Huber) und Heinrich (Heinrich Giskes) beim Abschminken etwas spät dran sind und versehentlich in der Garderobe eingesperrt werden, sodass sie gemeinsam die Nacht darin verbringen müssen, nimmt der Film Fahrt auf. Nach dieser Nacht verlässt Grischa ihren Mann, und sie und Heinrich werden ein Paar. Sie ziehen zusammen. Helma Sanders-Brahms beleuchtet nun die Beziehung der beiden, die Veränderungen darin, auch vor dem politischen Hintergrund einer enttäuschten 68er-Generation, die vergeblich auf den Big Bang, die große Revolution, gewartet hat. Heinrich ist so ein enttäuschter 68er. Statt auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren oder mit Gleichgesinnten zu diskutieren, träumt er davon, ein Kind zu haben, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu besitzen. Grischa hingegen führt den Kampf für sich und für die Emanzipation der Frauen weiter. Sie interviewt Arbeiterinnen, die von ihrem harten Leben und der Fremdbestimmung darin erzählen, von männlicher Sexualität, die die weibliche unterdrückt, und von der Schwierigkeit, selbst über die eigene Familienplanung bestimmen zu können. Über die Arbeit entfremden sich Grischa und Heinrich, und die fragile Beziehung bröckelt. Helma Sanders-Brahms hat schon einen ziemlich didaktischen Zugang zum Filmedrehen, wenn man das so sagen kann. Dennoch überzeugt das Ende auf einer emotionalen Ebene. Man muss sich zeitweise ein wenig durchkämpfen, aber der Film wird mit längerer Fortdauer besser und interessanter. Schön jedenfalls, dass ich dank der Filmreisechallenge auf diese Regisseurin gestoßen bin, die ansonsten komplett an mir vorbeigegangen wäre.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 21 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Uzala der Kirgise (1975)

Regie: Akira Kurosawa
Original-Titel: Dersu Uzala
Erscheinungsjahr: 1975
Genre: Drama, Abenteuerfilm, Biopic, Historienfilm
IMDB-Link: Dersu Uzala


Das Medium Film ist international. So saß ich heute im Gartenbaukino in Österreich, um einen russischen Film eines japanischen Regisseurs mit schwedischen Untertiteln zu sehen, in dem es um einen Kirgisen geht, der eigentlich ein indigener Nanaier ist. Alles klar? „Dersu Uzala“ (wie der Film von Meisterregisseur Akira Kurosawa heißt, „der Kirgise“ im Deutschen ist schlicht ein Fehler) erzählt die Geschichte einer Freundschaft in der unwirtlichen Taiga. Der russische Entdecker Wladimir Arsenjew macht 1902 zufällig die Bekanntschaft mit eben jenem Dersu Uzala, einem älteren Nanai, der durch die Pocken Frau und Kinder verloren hat, und sich allein als Jäger durchschlägt. Arsenjew und Dersu Uzala sind sich sofort sympathisch, und so begleitet Dersu Uzala die russische Expedition als Führer. Auf dieser Expedition, bei der schon der kleinste Fehler den Tod durch die unbarmherzige Natur bedeuten kann, freunden sich die beiden sehr unterschiedlichen Männer an, doch mit dem Ende der Expedition trennen sich auch ihre Wege wieder. Als Arsenjew Jahre später wieder in die Gegend kommt, trifft er erneut auf Uzala, und wieder begleitet Dersu Uzala seinen alten Freund und die Männer, die er anführt, durch die Wildnis. Doch Uzala ist nicht mehr der Jüngste. Seine Augen werden schwächer, und Arsenjew erkennt, dass das Leben da draußen für ihn kaum mehr zu bewältigen ist, wenn er nicht gut sieht. „Dersu Uzala“ erzählt über 2,5 Stunden eine sehr reduzierte, fast schon unspektakuläre Geschichte. Es gibt keinen Feind zu bekämpfen außer der grausamen Natur selbst. Die meiste Zeit über sieht man Männer, die sich durch Schnee und Eis und dichte Wälder kämpfen. Und dennoch steckt sehr viel in diesem Film. Diese fast schon meditative Ruhe, die der Film in seinen grandiosen Naturaufnahmen ausstrahlt, bildet die Fläche, auf der sich die Freundschaft der beiden unterschiedlichen Charaktere aufbauen kann. Und dennoch spürt man, dass sich die beiden Männer trotz aller Nähe, trotz der Gefahren, die sie gemeinsam durchstehen, fremd bleiben – zu fremd nämlich sind sich die Welten, aus denen sie kommen. Dieser Clash of Culture wird von Akira Kurosawa ohne Wertung erzählt. Jeder behält seine Würde in diesem Aufeinandertreffen bei. Das Ende ist konsequent, lakonisch und hinterlässt dennoch (oder gerade deswegen) einen bleibenden Eindruck. Nur hier erlaubt sich Kurosawa so etwas wie einen zynischen Zwischenruf. Doch auch der ist im Grunde nicht sein eigener – denn die Geschichte von Dersu Uzala hat sich tatsächlich so abgespielt. Zynisch war hier das Schicksal selbst.


7,5
von 10 Kürbissen