1983

Variety (1983)

Regie: Bette Gordon
Original-Titel: Variety
Erscheinungsjahr: 1983
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Variety


Im Rahmen von Retrospektiven von Filmfestivals kann man Filme sichten, von denen man noch nie gehört hat und die man auch sonst nirgends finden kann. Manchmal entdeckt man dabei wunderbare Perlen wie zum Beispiel die Filme von Roberto Minervini, die auf der Viennale letztes Jahr gezeigt wurden. Und manchmal hockt man in so etwas wie Bette Gordons „Variety“. Das Leben ist bunt. Das trifft auch für die Heldin Christine (Sandy McLeod) zu, eine ätherische Schönheit in bester amerikanischer Cheerleader-Optik, also hübsch, aber brav, die aus Geldknappheit einen Job als Kartenverkäuferin eines Kinos annimmt. Der Clou dabei: Bei jenem Lichtspieltheater handelt es sich um ein Pornokino, das zwar dafür, wie man sich so ein klassisches Pornokino vorstellt, überraschend wenig abgeranzt wirkt und auch die Kundschaft weiß sich bis auf gelegentliches Betätscheln der Hand zu benehmen, zudem springt auch noch ein junger Luis Guzmán mit beeindruckendem Afro durchs Bild, um die Schöne zu beschützen, aber es ist eben ein Etablissement, in dem die junge und naive Christine erst mal fehl am Platz wirkt. Das findet auch ihr Freund Mark (Will Patton), der schon bald gewisse Veränderungen an Christine bemerkt. Wenn sie ihm nämlich ungeniert von Fantasie übers Schnackseln erzählt. Denn natürlich heizt das Pornokino das Gemüt der Heldin an, und schon bald träumt sie sich in eine Welt voller Sex, Abgründe und dunkler Machenschaften. So spioniert sie eines Tages einem Stammkunden, einem distinguierten Geschäftsmann, hinterher und scheint da allerlei Ungereimtheiten zu entdecken. Doch was ist Realität, was ist Fantasie? „Variety“ ist ein Versuch aus den 80er Jahren, verruchte Neonröhren-Ästhetik, Dauerwellen und Leggings mit einer erotisch aufgeladenen Film Noir-Atmosphäre zu verbinden. Das Problem dabei ist: Damit ist er einer von geschätzt 1.000 Filmen, die genau das versuchten. Und auch wenn es hier mehr um die weibliche Fantasie als den Thrill geht, so entlockt das Geständnis, dass auch Frauen von Sex träumen, heute keinem mehr als eine müdes Gähnen. Ein Film, der nicht besonders gut gealtert ist.


4,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Kino Lorber)

Yentl (1983)

Regie: Barbra Streisand
Original-Titel: Yentl
Erscheinungsjahr: 1983
Genre: Musical, Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Yentl


„Yentl“ ist die volle Dröhnung Barbra Streisand. Sie hat hier gleich alles gemacht, was man in einem Film so machen kann: Das Drehbuch geschrieben. Regie geführt. Die Hauptrolle übernommen – und zwar gleich die weibliche und männliche zusammen, wenn man so will. Und gesungen hat sie auch. Das sehr schön, aber etwas Anderes wird von Barbra Streisand auch nicht erwartet. Besungen hat sie eine etwas kitschige, aber doch sehr rührige und sensibel erzählte Feminismus-Geschichte. Osteuropa Anfang des 20. Jahrhunderts: Yentl ist eine junge Jüdin, die allein bei ihrem Vater aufwächst, der sie im Talmud und den Wissenschaften unterrichtet – heimlich, da dies Frauen verboten ist. Und als der alte Vater seinen letzten Atemzug getan hat, flüchtet Yentl aus dem Dorf, in dem sie nur Haushaltsarbeit und geschwätzige Weiber erwarten. Sie geht in die Stadt und schleicht sich, als Mann verkleidet unter dem Namen Anshel, in eine Religionsschule ein, wo sie schon bald zu den Besten gehört. Blöd, dass sie sich in ihren Mitstudenten Avigdor verschaut, der wiederum die schöne Hadass heiraten soll, was allerdings abgeblasen wird, als deren Familie vom Selbstmord von Avigdors Bruder erfährt. So einem potentiellen Melancholiker vertraut man den rothaarigen Augapfel der Familie, der noch dazu so gut backen und Tee servieren kann, nicht an. Das wiederum lässt in Avigdor einen verzweifelten Plan reifen, um seiner Hadass doch noch irgendwie nahe zu sein: Anshel soll sich nun um die offene Stelle als Bräutigam bewerben. Und da Anshel/Yentl wiederum selbst so sehr in Avidgor verknallt ist und fürchtet, dass er sich aus dem Staub macht, wenn sie in den aberwitzigen Plan nicht einwilligt, stimmt sie zu. Was macht man nicht alles für die Liebe? Und klar, dass dieses dreifache Versteckspiel nicht lange gut gehen kann. Was nach einer überdrehten Screwball-Komödie klingt, ist, wie schon erwähnt, ein feinfühlig erzähltes Musical-Drama, das seine Figuren ernst nimmt. Auch wenn sie schmachtend singen. (Gut, es singt eh nur die Streisand, das dafür umso öfter und inbrünstiger.) Wer sich am 90bisschen Herzschmerz und vielen schmalzigen Musical-Arien nicht stört, hat an dem Film sicher seine Freude. Unterhaltsam und interessant ist er allemal.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 42 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,5
von 10 Kürbissen

Crime and Punishment (1983)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Rikos ja Rangaistus
Erscheinungsjahr: 1983
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: Rikos ja Rangaistus


Sich als Debütfilm die Verfilmung des bekanntesten Dostojewski-Wälzers „Schuld und Sühne“ vorzunehmen, erfordert schon eine gewisse Selbstsicherheit. Kaurismäki scheint diese jedenfalls zu haben. Schon sein erster Langfilm weist die für Kaurismäki typische Lakonie auf. Raskolnikow, der Russe, wird in der modernen Adaption zum Finnen Rahikainen, die Pfandleiherin, in der Raskolnikow die „Laus“ sieht, die man beseitigen darf, zum Industriellen Honkanen, die Motive verlagern sich ein wenig von der Rechtfertigung eines Mordes aus „Übermenschen-Sicht“ zu persönlicheren Hintergründen, die zufällig hinzugestoßene Augenzeugin (im Roman die Schwester des Mordopfers, im Film die Mitarbeiterin eines Catering-Service) wird bei Kaurismäki verschont – die Interpretation des Romans ist sehr frei, was Kaurismäki erlaubt, seinen eigenen, ganz persönlichen Blick auf die Frage nach Moral, Verbrechen und Strafe zu werfen. Wie auch Dostojewskis Raskolnikow plagt den „zufälligen“ Mörder Rahikainen (sehr eindringlich gespielt von Markku Toikka) bald schon das Gewissen. So kaltblütig wie in der Theorie ist der Mensch nun doch nicht. Und auch das Katz-und-Maus-Spiel mit den Ermittlern rückt immer mehr in das Zentrum der Handlung. Dabei bleibt Kaurismäkis Blick aber – wie für ihn üblich – distanziert. Was im Gegensatz zu seinen späteren Werken noch fehlt, ist der für ihn typische lakonische Humor. Allein der grandiose Matti Pellonpää in einer Nebenrolle sorgt für gelegentliche Auflockerung. Ansonsten ist „Crime and Punishment“ eine sehr ernsthafte Angelegenheit, die stellenweise auch etwas mühsam wird mit ihrem langsamen Tempo und der Distanz, die sich zwischen Protagonisten und Zusehern aufbaut. Es ist eben doch nicht so einfach, eines der psychologisch ausgefeiltesten Werke der Literaturgeschichte auf 1,5 Stunden Filmrolle zu packen. Aber allein schon für das mutige Unterfangen, den respektvollen, aber sehr eigenen und selbstsicheren Umgang mit dem Stoff und der Tatsache, dass Kaurismäki daran zumindest nicht gescheitert ist, gebührt dem Mann Applaus.


6,0
von 10 Kürbissen