1990

Edward mit den Scherenhänden (1990)

Regie: Tim Burton
Original-Titel: Edward Scissorhands
Erscheinungsjahr: 1990
Genre: Fantasy, Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Edward Scissorhands


Aus der Reihe „Der Filmkürbis holt große Filmklassiker nach, die er bislang aus unerfindlichen Gründen versäumt hat“: „Edward mit den Scherenhänden“ von Tim Burton. Und ja, was für eine Schande, als (größtenteils) Bewunderer von Tim Burtons Arbeit diesen Film bislang links liegen gelassen zu haben. Denn dieser Film vereint so ziemlich alles, wofür Tim Burton steht und was ich an ihm auch mag. Die grandiosen, bunten, überdrehten Kulissen. Die penibel gestalteten Kostüme, die Frisuren. Vor allem aber das Herz für Außenseiter. Johnny Depp, wunderbar verletzlich, spielt den Androiden Edward, dessen Erschaffer, ein genialer Wissenschaftler (gespielt von Vincent Price), nicht mehr rechtzeitig fertig geworden ist mit der Arbeit, ehe er das Zeitliche gesegnet hat. So läuft Edward nun allein in einer finsteren Burg mit Scheren statt Händen herum. Zu seinem Glück findet ihn die Kosmetikvertreterin Peg (Dianne Wiest) und integriert ihn kurzerhand in ihre Familie und das Kleinstadtleben. Dort ist Edward erst mal die große Sensation in der Nachbarschaft. Und alles ist gut. Doch dann verliebt sich Edward in Pegs Tochter Kim (Winona Ryder mit Rehaugen, so groß wie Planeten), und die Dinge werden kompliziert. So weit also der Inhalt, der schön ist und ein Plädoyer für Menschlichkeit und ein Miteinander trotz Handicaps. Gleichzeitig blickt Tim Burton auch tief in die Kleinstadtseele und entdeckt dort allerhand, was uns bei genauerer Prüfung unserer Selbst nicht so wirklich schmeckt, was aber wichtig zu erkennen ist. Was „Edward mit den Scherenhänden“ aber zu einem herausragenden Filmvergnügen macht, ist tatsächlich die Form und die wahnwitzige Detailverliebtheit Tim Burtons, der hier eine völlig eigene, in sich stimmige Welt erschafft. Dass das kein einmaliger Ausreißer war, zeigte er in vielen weiteren Filmen – aber gewissermaßen ist „Edward mit den Scherenhänden“ die Perfektion seines Stils.


8,5
von 10 Kürbissen

Rocky V (1990)

Regie: John G. Avildsen
Original-Titel: Rocky V
Erscheinungsjahr: 1990
Genre: Sportfilm, Drama
IMDB-Link: Rocky V


Wenn selbst Stallone selbst zugibt, den fünften Teil der Rocky-Saga nur aus Gier gemacht zu haben und den Film nicht zu mögen, so lässt das nichts Gutes für den neugierigen Zuseher erwarten. Und ja, „Rocky V“ ist ein missglücktes, völlig verhatschtes Zwischending aus Sportfilm und Familiendrama. Wobei – und das ist für einen Film der Rocky-Reihe eigentlich ein vernichtendes Urteil – das Familiendrama noch den interessanteren Part ausmacht. Rocky ist in diesem fünften Teil gesundheitlich angeschlagen und darf/soll nicht mehr boxen. Weil sein Steuerberater ein windiger Hund ist und Rocky selbst in finanziellen Belangen ja nicht durch besondere Genialität auffällt, wie wir aus dem zweiten Teil der Reihe wissen, steht die Familie Balboa mal wieder mit leeren Händen da. So muss man zurück ins alte Elendsviertel von Philadelphia ziehen, sehr zum Missfallen des Juniors (Sylvester Stallones Sohn Sage Stallone in seiner ersten Filmrolle). Statt teuren Privatschulen gibt es nun den knallharten Überlebenskampf gegen missgünstige Bullies. Was dem Sohnemann aber am meisten aufstößt: Dass Paps das Vater-Sohn-Gespann links liegen lässt, als er auf den aufstrebenden jungen Boxer Tommy Gunn stößt und ihn zu trainieren beginnt. So weit ist es also nicht her mit dem Familiensinn des Italian Stallion. Und das gibt Reibereien. Zunächst mal innerhalb der eigenen Familie und dann auch noch gegen den Schützling selbst, als sich dieser von seinem Idol abwendet, um mit Hilfe eines aalglatten Promoters die große Kohle zu scheffeln. Diese Unstimmigkeiten werden am Ende – wie es sich für einen Rocky-Film gehört – mit den Fäusten zu Ende diskutiert. Allerdings nicht im Ring, sondern auf der Straße. Irgendwie hat man bei „Rocky V“ ständig das Gefühl, eine lange Episode einer Soap Opera zu sehen. Wenn man sich dann noch mal vor Augen hält, mit welcher Klasse die Saga 1976 begonnen hat, kommen einem die Tränen. Aber wenigstens hat es Stallones Bankkonto gut getan. Und ein weiterer positiver Nebeneffekt: „Rocky V“ war ein solches cineastisches Desaster, dass Stallone erst mal 16 Jahre lang die Griffel von seinem Titelhelden gelassen hat. Die Zeit bis zum nächsten Rocky-Film, „Rocky Balboa“, wurde offenbar gut genutzt, denn diesem gelang es tatsächlich, der Filmreihe neues Leben einzuhauchen und die Figur wieder zurück zu ihren Wurzeln finden zu lassen.


3,5
von 10 Kürbissen

Das Mädchen aus der Streichholzfabrik (1990)

Regie: Aki Kaurismäki
Original-Titel: Tulitikkutehtaan Tyttö
Erscheinungsjahr: 1990
Genre: Drama, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Tulitikkutehtaan Tyttö


Einmal mehr steht in „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ Aki Kaurismäkis Lieblingsdarstellerin Kati Outinen im Mittelpunkt. Sie spielt eine graue Maus, die am Fließband einer Streichholzfabrik arbeitet, zuhause bei den despotischen Eltern lebt und davon träumt, ein unbeschwertes Leben zu führen und einen Mann, der sie begehrt, kennenzulernen. Ihre Träume führen sie bis in ein Tanzlokal, in dem sie tatsächlich die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes erregt, der sie auch prompt zu sich nach Hause einlädt. Doch was wie eine zarte Liebesgeschichte beginnt, entpuppt sich schon bald als Albtraum, denn der Herr ist keineswegs interessiert an einer langfristigen Liaison. Und so muss Iris, das Mädchen aus der Streichholzfabrik, schon bald wieder ihre Träume begraben. Doch dann wendet sich das Schicksal auf dramatische Weise. Viel passiert nicht in Kaurismäkis Film, mit dem er sich noch einmal der Arbeiterklasse zuwendet. Selbst für einen Kaurismäki-Film ist die Handlung sehr reduziert, und auch die Dialoge werden nur sehr spärlich eingesetzt. Viel passiert über Blicke, über Bewegungen, die Monotonie in Iris‘ Leben wird durch repetitive Aufnahmen (zB gleich zu Beginn, als der gesamte Prozess der Streichholzerzeugung gezeigt wird) unterstrichen. Und doch entwickelt man beim Ansehen ein tiefes Verständnis für die Figuren, für ihre Ängste und Sorgen und Hoffnungen. Das ist eine der ganz großen Stärken Kaurismäkis – diese Empathie für die Figuren, die sich auf die Zuseher überträgt. Allerdings ist „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ sicherlich einer der trostloseren Arbeiten des finnischen Filmemachers. Der lakonische Humor blitzt zwar immer wieder durch, doch diesmal liegt der Fokus voll auf den großen Nöten der Hauptfigur. Von daher ist „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ ein weiterer sehr gelungener Film, steht für mich mit seiner Tristesse ein wenig zurück hinter meinen persönlichen Lieblingsfilmen des Meisters der Lakonie und Reduktion.


7,0
von 10 Kürbissen

Nouvelle Vague (1990)

Regie: Jean-Luc Godard
Original-Titel: Nouvelle Vague
Erscheinungsjahr: 1990
Genre: Drama
IMDB-Link: Nouvelle Vague


Wie es halt so ist: Man trifft auf einen anderen Menschen, findet diesen interessant und anziehend, und man probiert es miteinander, und auch wenn die Dates eher mühsam ablaufen und man keine gemeinsamen Themen findet, so findet man sich dann doch irgendwann in einer Beziehung wieder, ohne dass  ein tiefes Verständnis füreinander da wäre, man findet nicht wirklich zueinander, man bemüht sich, ja, aber irgendwann sitzt man am Küchentisch oder in einem Kaffeehaus und sieht sich in die Augen und sagt: „Sorry, aber das mit uns beiden, das wird einfach nichts.“ Und der Andere nickt, zieht an seiner Zigarette und meint: „Ich verstehe. Mir geht’s ja genauso.“ So ist das mit Godard und mir. Wir haben es versucht. „Adieu au langage“ (der mir mit seinen verschobenen, asynchronen 3D-Bildern Kopfschmerzen verursacht hat), „Die Verachtung“ (die mich kalt gelassen hat) und nun „Nouvelle Vague“. Ich erkenne an, dass das, was Godard in seinen Filmen gemacht hat, Kunst ist. Nur bleibt sie mir unverständlich, ich finde keinen Zugang. Ich bin der Monet-Liebhaber vor dem Jackson Pollock-Gemälde. Ich versuche verzweifelt, die Seerosen zu finden, sehe aber nur Kleckserei. Für alle, die mit Jackson Pollock (und Jean-Luc Godard) mehr anfangen können und die wissen wollen, worum es geht: „Nouvelle Vague“ ist eine sehr geschwätzige, fast ausschließlich aus Zitaten bestehende Liebesgeschichte zwischen zwei Nichtschwimmern. Alain Delon schaut in der ersten Hälfte des Films verwirrt und in der zweiten Hälfte streng drein, Domiziana Giordano ist nett anzusehen, wie überhaupt der Film mit sehr schönen Bildern und Menschen aufwarten kann, aber irgendwie macht die Geschichte, die in der Klasse der reichen Wirtschaftsbonzen spielt, keinen Sinn. Jedenfalls nicht für mich. „Es tut mir leid, Jean-Luc. Wir können ja Freunde bleiben.“ – „Nein. Ich möchte mit einer solchen Banause wie dir nichts mehr zu tun haben.“ – „Du bist hartherzig.“ – „Ich bin der moderne Film.“ – „Na dann. So long!“


4,5
von 10 Kürbissen