1997

Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt (1997)

Regie: Barry Levinson
Original-Titel: Wag the Dog
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Satire, Politfilm
IMDB-Link: Wag the Dog


Der Anlass für diesen Re-Watch ist ein trauriger, denn vor wenigen Tagen schied die talentierte Schauspielerin Anne Heche nach einem von ihr verursachten Unfall aus dem Leben. „Wag the Dog“ von Barry Levinson ist in meinen Augen der beste Film, in dem sie je mitgewirkt hat. Und auch unabhängig von ihrem tragischen Tod sollte man dieser Tage mal wieder einen genaueren Blick auf diesen machen. Was Barry Levinson und die Autoren Mitte der 90er-Jahre vorweggenommen haben, ist nicht weniger als die politische Realität unserer Zeit, in der bei Bekanntwerden schlechter Nachrichten prominente Kettenhunde der Parteien ausziehen, um möglichst effektive Nebelgranate zu zünden, die von dem eigentlichen Problem ablenken. Das ist gelebte Praxis, und wir in Österreich sitzen diesbezüglich leider erste Reihe fußfrei, um diesen ganzen Scheiß mitanzusehen. Diese Praxis noch gewürzt mit Fake News, und wir haben die politische Unkultur unserer Zeit auf den Punkt gebracht. „Wag the Dog“ war bei seinem Erscheinen vor 25 Jahren noch eine bitterböse Satire. Heute könnte der Film fast schon als Lehrstück über die politische Realität durchgehen. Der Inhalt: Da der Präsident der Vereinigten Staaten nicht einmal zwei Wochen vor der möglichen Wiederwahl über ein Schulmädchen stolpert, muss besagte Nebelgranate her. Auftritt Conny Brean (Robert De Niro), der als Troubleshooter für Ablenkung sorgen soll. Zusammen mit der Beraterin des Präsidenten, Winifred Ames (Anne Heche), und dem preisgekrönten Hollywood-Produzenten Stanley Motss (Dustin Hoffman) inszeniert er nicht weniger als einen fiktiven Krieg gegen Albanien. Der Zynismus trieft hier aus allen Poren. Jedes Mittel ist recht in der Politik und in Hollywood, um ans Ziel zu gelangen. Ob das Ziel erstrebenswert oder zumindest moralisch in Ordnung ist, fragt hier niemand. Bezeichnend, dass Motss gegen Abschluss der Fake News-Kampagne von der besten Arbeit seines Lebens spricht. Damals, als ich den Film zum ersten Mal vor etwa zwanzig Jahren sah, fand ich ihn grandios. Heute halte ich ihn – mit Schaudern – für prophetisch.


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 1997 New Line Cinema, Quelle http://www.imdb.com)

Der Dummschwätzer (1997)

Regie: Tom Shadyac
Original-Titel: Liar Liar
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Komödie
IMDB-Link: Liar Liar


Jim Carrey. In vielen Filmen in den 90ern zu sehen, in fast ebenso vielen nur schwer ertragbar. Dabei ist Carrey ein wirklich begnadeter Darsteller. Siehe „Die Truman Show“, „Der Mondmann“, aber auch seine Mini-Rolle in The Bad Batch. Das Problem ist halt: Hat man so ein Gummigesicht wie Jim Carrey, wird das natürlich monetarisiert. „Der Dummschwätzer“ von Tom Shadyac aus dem Jahr 1997 ist ein Beispiel dafür. 83 Minuten lang geht es darum, Jim Carrey möglichst viele Grimassen schneiden zu lassen. Dabei weist der Film eine wirklich nette Prämisse auf: Carrey spielt den verlogenen Anwalt Fletcher Reede, der, nach einem weiteren, von Ausreden übertünchten Vergessen des Geburtstages, von seinem schwer enttäuschten Sohn in die Bredouille gebracht wird. Der wünscht sich nämlich zum Geburtstag nichts Anderes, als dass der liebe Papa einen ganzen Tag lang nicht lügen kann. Und genau das widerfährt Fletcher nun. Blöd, dass er gerade kurz vor der Beförderung zum Partner seiner Anwaltskanzlei steht und einen wichtigen, sprich: finanziell lukrativen Fall vertritt, und zwar auf der moralisch falschen Seite des Gerichtsstands. Diese 24stündige Wahrheitspflicht kommt Fletcher natürlich nicht wirklich recht, aber, Hollywood sei Dank, sie bieten immerhin ausreichend Zeit zur Läuterung. Unter den mäßigen Komödien Jim Carreys ist „Der Dummschwätzer“ (bzw. „Liar Liar“, wie er im Original heißt) eine, die zumindest nicht noch negativer abfällt. Der Film hat seine Momente, und Jim Carrey kann mit seinen Gesichtsausdrücken halt grandios unterhalten, wenn er sie richtig einsetzt. Dennoch gibt es deutlich bessere Familienkomödien und, mit Verweis auf die oben genannten Filme, auch viel, viel bessere Jim Carrey-Filme.


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Getty Images/Getty Images, Quelle http://www.imdb.com)

Titanic (1997)

Regie: James Cameron
Original-Titel: Titanic
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Drama, Historienfilm, Liebesfilm
IMDB-Link: Titanic


Ehre, wem Ehre gebührt. James Cameron hat 1997 mit Titanic einen monumentalen Zwitter aus Katastrophenfilm und Liebesfilm vorgelegt, der seine jeweiligen Genres definiert bzw. auf ein komplett neues Level gehoben hat. Vergesst Romeo und Julia – hier sind Jack und Rose! Gibt es irgendwen, der den Film nicht kennt? „Titanic“ war ein Ereignis – selbst meine Großeltern, die wirklich nie ins Kino gegangen sind, haben sich aufgerafft und die drei Stunden im Kinosessel durchgedrückt. „So schee!“, das einhellige Urteil damals. Doch auch jetzt, fast ein Vierteljahrhundert später, kann man nur den Hut ziehen vor diesem ambitionierten Mammutprojekt, das neue Maßstäbe gesetzt hat. Seien es die eindrucksvollen Aufnahmen des Riesenschiffs, wenn die Kamera über die Decks gleitet, seien es die Ausstattung und Kostüme, die diese historische Epoche kurz nach der Jahrhundertwende wieder zum Leben erwecken oder die grandiosen und bahnbrechenden Spezialeffekte, wenn das Schiff den schicksalshaften Eisberg gerammt hat und langsam zu sinken beginnt. Was aber fast am meisten Eindruck auf mich macht, sind die ungeschönten Darstellungen von Chaos und Panik, als auch die letzten begreifen, dass es kein Entrinnen gibt und sie wohl sterben werden. Ständig fallen Menschen von der Reling ins eiskalte Wasser, zerkleschen an den gewaltigen Antriebsrädern oder ertrinken qualvoll in ihren Kajüten. James Cameron gelingt es tatsächlich, die Schauwerte hochzuhalten und gleichzeitig Entsetzen und Mitgefühl beim Zuseher auszulösen. Da braucht es nicht einmal die tragische Liebesgeschichte der reichen, unglücklichen Aristokratentochter mit dem bettelarmen Zeichner – die emotionale Wucht, die der Film vor allem in der zweiten Hälfte entfaltet, sucht heute noch ihresgleichen. Dabei ist die erste Hälfte, die sich auf die Anbahnung der Beziehung von Jack und Rose konzentriert, ebenfalls auf herausragendem Niveau. Vielleicht ein bisschen schnulzig, das kann man dem Film vorwerfen, aber eine solche Liebesgeschichte muss nun mal episch inszeniert werden. Das wusste schon Shakespeare, und wer wagt es, sich mit dem Meister anzulegen? Geschmäcker sind subjektiv, keine Frage, aber ganz nüchtern betrachtet handelt es sich bei „Titanic“ um einen der besten Filme aller Zeiten.


9,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 1997 – Paramount Pictures, Quelle http://www.imdb.com)

Single Bells (1997)

Regie: Xaver Schwarzenberger
Original-Titel: Single Bells
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Weihnachtsfilm, Komödie
IMDB-Link: Single Bells


Weil die überspannte Karriere-Tussi ausgerechnet vor Weihnachten ihren überspannten Tusserich vor die Tür setzt, nachdem sie ihm nach achtjähriger Beziehung das Ultimatum gestellt hat: „Heiraten und Kinder kriegen, sonst ist’s aus!“ (als ob man nach so vielen Jahren der Gemeinsamkeit nicht wissen würde, was der Partner davon hält und darauf reagieren wird), schneit sie unverhofft bei der Familie ihrer Schwester am Land ein. Dort sorgt schon die ständig meckernde, sich überall einmischende Mutter des verwöhnen Göttergatten für vorweihnachtliche Unruhe, und als dann auch noch die komplett überdrehte Gucci-Mutter der beiden Schwestern überraschend vor der Tür steht, ist das Chaos komplett. Mehr braucht es nicht, um allen so richtig das Weihnachtsfest zu verhageln. „Single Bells“ ist zwar satirisch überspitzt, aber wenn man sich den Stress, den sich viele Familien zum Weihnachtsfest machen, vor Augen hält, dann wirkt das alles plötzlich gar nicht mehr so überzeichnet. Und das ist auch die besondere Stärke des Films: Die Katastrophen sind lustig, und es geht alles schief, was schiefgehen kann, und doch wird der Bogen nicht so überspannt, dass man nicht mehr mitgehen kann. Ich denke, in jeder Familie gab es die eine oder andere Situation aus dem Film schon 1:1 im realen Leben – in „Single Bells“ werden diese Missgeschicke halt nur geballt serviert. Die Besetzung kann zwar vielleicht nicht immer mit dem höchsten internationalen Standard mithalten, doch vor allem die großartige Inge Konradi als Omama, Mona Seefried als überforderte Hausfrau und der ewige Erwin Steinhauer spielen so authentisch und lebensnah, dass sie die ganze restliche Besetzung (die durchaus mit Kapazundern des deutschsprachigen Fernsehens gefüllt sind) mitreißen. Kein Wunder, dass der Film mittlerweile zu den ganz großen Weihnachtsklassikern in Österreich zählt. Und insgeheim hofft wohl jeder beim Ansehen, dass man selbst dieses Jahr verschont bleibt von den Reibereien, die hier so wunderbar dargeboten werden.


7,0 Kürbisse

Austin Powers – Das Schärfste, was Ihre Majestät zu bieten hat (1997)

Regie: Jay Roach
Original-Titel: Austin Powers – International Man of Mystery
Erscheinungsjahr: 1973
Genre: Komödie
IMDB-Link: Austin Powers – International Man of Mystery


Zugegeben, an diesem Film scheiden sich die Geister. Für die einen ist die Austin Powers-Filmreihe der größte Schrott, der jemals unter britischer Flagge auf das Festland losgelassen wurde, für die anderen eine gelungene und urkomische Persiflage auf biedere Agentenfilme der Marke James Bond. Der Humor ist schon etwas gewöhnungsbedürftig, wenn sich Mike Myers als schärfster Geheimagent, den die 60er Jahre je gesehen haben, mit Penisverlängerungspumpe, falschen Zähnen, einem Brusttoupet, auf das jeder Grizzly stolz wäre, und debilem Dauergrinsen den politisch korrekten 90ern annähern muss. Dabei hat er noch Glück gehabt – man wage sich kaum auszumalen, was für einen Shitstorm er heute unter der Generation Instagram hervorgerufen hätte. Da wäre ihm als Berufswahl wohl nur noch Politiker in Österreich geblieben, denn als solcher kann man sich tatsächlich alles erlauben. Aber er wird ja zu seiner Erleichterung schon in den 90ern wieder aufgetaut, um seiner alten Nemesis Dr. Evil (ebenfalls Myers) ein für alle Mal den Garaus zu machen. Der findet sich in der neuen Welt zunächst auch nicht so leicht zurecht, entdeckt aber bald, dass gewisse Grundmechaniken des Geldverdienens die gesamte Menschheitsgeschichte überdauern. Erpressung ist und bleibt einfach ein gewinnbringendes Geschäftsmodell. Also haben Austin Powers und seine scharfe Kollegin Vanessa Kensington (Liz Hurley) alle Hände voll zu tun, um dem Oberschurken das Handwerk zu legen und Austin die grundlegenden Hygienemaßnahmen der 90er beizubringen. Noch mal zurück zu dem Eingangsstatement: Ich gehöre zur zweiten Gruppe, die ihren Spaß an der manchmal derben, aber augenzwinkernd umgesetzten Klamotte hat. Könnte der Film heute noch so in die Kinos kommen? Wohl kaum Zumindest nicht, ohne eine Heerschar entrüsteter Meinungsäußerungen in diversen Social Media-Kanälen hervorzurufen. Aber das heißt nicht, dass der Film nicht lustig ist.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by New Line Cinemas – © 1997 New Line Cinema, Quelle http://www.imdb.com)

Mäusejagd (1997)

Regie: Gore Verbinski
Original-Titel: Mousehunt
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Komödie
IMDB-Link: Mousehunt


Ich erinnere mich noch gut. „Mäusejagd“ von Gore Verbinski war damals die erste Dreamworks-Produktion, die ich im Kino gesehen habe. Das ist nun schon eine Weile her. Und die Frage bei solchen Jugendfilmen und -erinnerungen ist natürlich immer: Wie gut sind solche Filme gealtert? Im Fall von „Mäusejagd“ kann ich gleich einmal Entwarnung geben: Zwar war die Maus (animiert? trainiert? beides?) damals eine Sensation, während derlei Spezialeffekte heute zum Standard gehören, aber die Magie wirkt noch. Die kleine Maus, die sich mit den beiden Brüdern Smuntz (Nathan Lane und Lee Evans) anlegt, ist einfach wahnsinnig putzig geraten. Im Grunde ist „Mäusejagd“ eine 1:1-Kopie von Kevin – Allein zu Haus, nur dass statt eines Kinds nun ein Nagetier das Haus gegen Eindringlinge verteidigen muss. Auch wenn das Motiv der beiden Smuntz-Brüder weniger verwerflich ist als jenes der Einbrecher in „Kevin – Allein zu Haus“. Die beiden sind nämlich pleite und entdecken, dass die Bruchbude, die sie von ihrem Vater geerbt haben, ein verschollenes Architektenhaus mit unschätzbarem Wert ist. Und da lässt man sich doch nicht von so einem frechen Nager die anstehende Versteigerung sabotieren. Der Rest der Story ist zumindest gut abgekupfert. Die eher dümmlichen menschlichen Charaktere tappen in allerlei Fallen (vorzugsweise jene, die sie selbst gestellt haben), der Außenseiter hält sich mit Einfallsreichtum über Wasser. Nur das Ende ist versöhnlicher. Und „Mäusejagd“ hat noch einen zusätzlichen Joker, den es geschickt zieht: Christopher Walken als Kammerjäger. Er allein, so klein die Rolle auch ist, macht den Film schon unterhaltsam und auch heute noch sehenswert. Also: Daumen nach oben und Entwarnung: Man muss nicht 15 Jahre alt und leicht zu unterhalten sein, um den Film amüsant zu finden.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 1997 – Paramount Pictures, Quelle http://www.imdb.com)

Dante’s Peak (1997)

Regie: Roger Donaldson
Original-Titel: Dante’s Peak
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Thriller, Action, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Dante’s Peak


Die 90er waren eindeutig die Zeit von Pierce Brosnan und Katastrophenfilme. Die ultimative Kombination aus beidem stellt Roger Donaldson Vulkanfilm „Dante’s Peak“ dar. Mehr Brosnan geht nicht. Mehr Katastrophenfilm auch nicht. In diesem Film spielt Brosnan den Vulkanologen Dr. Harry Dalton, der – ein wenig panisch geworden nach einem Vulkanausbruch in Kolumbien, bei dem er seine Frau verloren hat – die Bevölkerung der zweitschönsten Kleinstadt der USA sowie seinen optimistischeren Kollegen vor einer drohenden Katastrophe zu warnen, während er der etwas überforderten Bürgermeisterin (Linda Hamilton, ausnahmsweise mal nicht Bad-Ass mit Pump-Gun in der Hand) schöne Augen macht. Das eine klappt weniger gut, das andere schon. Hätten sie bloß Dr. Ian Malcolm aus Vergessene Welt – Jurassic Park dabei gehabt. Der hätte auch gewusst, was auf die Einwohner von Dante’s Peak wartet: „Oh yeah. That’s how it always starts. Then later there’s running and screaming.“ Die Dinosaurier aus dem im gleichen Jahr erschienenen Film fehlen in „Dante’s Peak“ ein wenig. Menschen vor einer Staubwolke davonlaufen zu sehen ist nun mal nicht so spektakulär wie wenn sie vor einem T-Rex flüchten würden. Aber was soll’s. Mögen die Dialogzeilen noch so cheesy sein, manche Charaktere noch so fetzendeppert, irgendwie zündet der Film auch heute noch – und das noch vor der ersten Explosion. Im Gegensatz zu anderen Katastrophenfilmen Mitte der 90er wie „Twister“ und „Volcano“ hat sich „Dante’s Peak“ – wie auch Brosnan selbst – ganz gut gehalten.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Sieben Jahre in Tibet (1997)

Regie: Jean-Jacques Annaud
Original-Titel: Seven Years in Tibet
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Drama, Abenteuerfilm, Biopic
IMDB-Link: Seven Years in Tibet


Das Wandern ist des Harrers Lust … Und weil das so ist und weil die Nazis ein paar Erfolgsmeldungen brauchen können, wird eben jener (Brad Pitt) zusammen mit einigen anderen erfahrenen Bergsteigern, darunter Peter Aufschnaiter (David Thewlis), zum Nanga Parbat geschickt, um den „Schicksalsberg“ der Deutschen ein für alle Mal in die Knie zu zwingen. Nun kommt ihnen eine Kleinigkeit dazwischen, ein Weltkrieg nämlich. Und die Briten, die ebenfalls gerade in der Gegend der Welt herumturnen, sacken die deutsch-österreichische Expedition gleich mal fröhlich ein und kerkern sie in Britisch-Indien ein. Nach Jahren können Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter flüchten und schlagen sich über den Himalaya bis ins ferne Tibet durch. Dort wurde gerade ein junges Bürschli (Jamyang Jamtsho Wangchuk) zum neuen Dalai Lama erkoren – eben jener, dessen Lebensweisheiten heute auf allen Zitate-Kalendern zu finden sind. Und weil das Leben manchmal die besten Geschichten schreibt, erfährt der arrogante Pimpf Harrer dort am Dach der Welt seine Läuterung, die in einer tiefen Freundschaft zum Dalai Lama mündet, die bis ans Lebensende von Harrer gehalten hat. Doch das Leben ist eben nicht nur bunter Fernsehkitsch, und die Spannungen zwischen China und dem friedliebenden, buddhistischen Tibet nehmen zu. Der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt, und die zeigt Jean-Jacques Annaud in seinem Monumentalepos auch in aller Brutalität. Insgesamt kann man am Film durchaus seine Einseitigkeit und Parteinahme kritisieren, auch seine Verkürzung der komplexen Historie, aber wirkungsvoll ist er, keine Frage. Etwas schmerzhafter ist wohl eher der österreichische Akzent, um den sich Brad Pitt und David Thewlis bemühen. Ab dem Zeitpunkt, an dem sie nicht mehr versuchen, auf „Deutsch“ zu parlieren, wird’s besser. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass mit Harrers opportunistischer Einstellung zum NS-Regime etwas zu salopp umgegangen bzw. diese schlicht negiert wird. Und natürlich trieft zeitweise der Kitsch in diesem Film von den Bergwänden herunter. Aber gut, das waren halt die 90er, und damit ist Annaud ausreichend entschuldigt. Unterm Strich bleibt ein Film, der sein zentrales Thema, Freundschaft und Kameradschaft, mit eindrucksvollen Bildern zu untermalen weiß.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Archive Photos/Getty Images – © 2012 Getty Images, Quelle http://www.imdb.com)

Vergessene Welt – Jurassic Park (1997)

Regie: Steven Spielberg
Original-Titel: The Lost World: Jurassic Park
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Horror, Thriller, Science Fiction, Abenteuerfilm
IMDB-Link: The Lost World: Jurassic Park


Mit Fortsetzungen ist das ja immer so eine Sache. Einerseits lechzt das Publikum danach, liebgewonnene Charaktere in neuen Abenteuern zu erleben. Andererseits ist aufgewärmt halt nur ein Gulasch besser. Ausnahmen bestätigen die Regel. „Vergessene Welt – Jurassic Park“, die Fortsetzung des Kult-Klassikers Jurassic Park, ist aber keine Ausnahme. Auch wenn mehr Jeff Goldblum besser ist als weniger Jeff Goldblum. Sein Chaostheoretiker Dr. Ian Malcolm, der schon im ersten Teil für die trockenen Sprüche und den Hauch Zynismus, den die Geschichte braucht, gesorgt hat, erhält nun im zweiten Teil an der Seite von Julianne Moore, Vince Vaughn und Pete Postlethwaite eine tragende Rolle und steht im Zentrum des Geschehens – sehr zu seinem eigenen Missfallen, denn wer schon einmal vom T-Rex angeknabbert wurde, möchte eine solche Begegnung kein zweites Mal machen. Aber was soll man tun, wenn die eigene Freundin einfach kommentarlos zu Forschungszwecken auf eine Dinosaurier-Insel abgerauscht ist? Also flugs hinterher – die eigene Tochter als blinder Passagier im Gepäck und eine Horde wildgewordener Kapitalisten, die den großen Reibach wittern, im Rückspiegel. „Vergessene Welt – Jurassic Park“ bietet im Grunde nichts Neues. Am Anfang sind alle verzückt von den anmutigen Dinosauriern, am Ende rennt alles durcheinander und versucht, seine Haut zu retten. Wer Dinosaurier mag (so wie ich), hat damit seine Freude. Allerdings ist der Film seltsam zweigeteilt. Während die ersten 1,5 Stunden im Grunde eine komplette, abgeschlossene Geschichte erzählen, nämlich den Überlebenskampf auf der entlegenen Insel, setzen Spielberg und sein Team in der letzten halben Stunde noch eins drauf, indem sie einen T-Rex nach San Diego schippern und von der entsetzten Stadtbevölkerung naschen lassen – die nicht so flink auf den Beinen ist wie das fachkundige Paläontologen-Team. Hätte es das sein müssen? Darüber kann man diskutieren, denn dieser „Epilog“ zerreißt den Film ziemlich. Aber man muss festhalten, dass ein wütender T-Rex, der durch die nächtliche Stadt stampft, durchaus Schauwert hat. Und dass man hier wunderbar viele Anspielungen auf Horrorklassiker wie Dracula, King Kong und Godzilla finden kann. Apropos Godzilla: Wenn man „Vergessene Welt: Jurassic Park“ noch mal genau betrachtet, sieht man deutlich, wieviel davon Roland Emmerich in seinem ein Jahr später erschienenen „Godzilla“ geklaut hat. Gegen diese Katastrophe von Film wirkt „Vergessene Welt: Jurassic Park“ wie ein Meilenstein der Filmgeschichte.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 1997 – Universal Pictures, Quelle: imdb.com)

Cure (1997)

Regie: Kiyoshi Kurosawa
Original-Titel: Kyua
Erscheinungsjahr: 1997
Genre: Thriller, Horror
IMDB-Link: Kyua


In Zeiten von Ausgangssperren in Zusammenhang mit der Eindämmung des Corona-Virus kann man mal ein paar Filme abarbeiten, die schon länger herumliegen und darauf warten, gesehen zu werden. Einer davon ist Kiyoshi Kurosawas Durchbruch „Cure“ aus dem Jahr 1997. Mein zweiter Kurosawa nach Before We Vanish (der mich nicht überzeugen konnte) gilt als ein Meisterwerk des japanischen psychologischen Horrors. Und ja, der Film zieht den Zuseher von Anfang an mit einer rätselhaften, latent bedrohlichen Stimmung in den Bann. Man kennt sich Nüsse aus, aber man ist damit nicht allein. Die Hauptfigur, Polizist Takabe Kōji Yakusho, kennt sich auch Nüsse aus. Ganz normale Menschen ermorden plötzlich ihre Liebsten auf bestialische Weise und schneiden ihnen ein X zwischen Hals und Brust. Danach sind sie in der Regel geständig, kooperativ und meinen bloß, dass sie zum Zeitpunkt des Mordes das Gefühl hatten, das Richtige zu tun. Irgendwann findet der Ermittler allerdings einen dünnen Faden, der die Fälle miteinander verbinden – in Form des hochgradig verwirrten Mamiya (Masato Hagiwara). Der weiß nicht, wer er ist, er vergisst mitten im Gespräch, mit wem er sich unterhält – aber alle Täter hatten kurz vor ihrer Tat Kontakt zu ihm. Doch was weiß der junge Mann wirklich? So richtig klar wird Vieles nicht in Kurosawas Horrorthriller, oder bestenfalls gegen Ende hin. Diese Stimmung der Rätselhaftigkeit und Verlorenheit, die sich durch den Film zieht, hält bis zur letzten Szene an. Das Gute an dem Film: Man kann danach wunderbar weiter darüber diskutieren. Das weniger Gute: Man muss schon einen gewissen Grad der Akzeptanz für nicht (vollständig) aufgelöste Rätsel mitbringen. Für mich eine interessante Erfahrung, aber zum großen Fan von Kiyoshi Kurosawa werde ich auch damit noch nicht. Ich halte mich weiterhin lieber an seinen Namensvetter Akira Kurosawa.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)