2001

We Stand Alone Together (2001)

Regie: Mark Cowen
Original-Titel: We Stand Alone Together
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: We Stand Alone Together


Anfang des neuen Jahrtausends feierte HBO mit der 10-teiligen Miniserie „Band of Brothers“ einen großen Erfolg. Die Geschichte rund um die „Easy Company“, ein Trupp wagemutiger Fallschirmspringer, die im Zweiten Weltkrieg nahezu immer mitten im Zentrum des Geschehens standen, wenn es brenzlig wurde, war sehr gut recherchiert und gut gespielt. Zu Beginn jeder Folge kamen die Veteranen von damals zu Wort, die den ganzen Scheiß wie D-Day, Operation Market Garden und die Ardennenoffensive unter großen Verlusten durchstehen mussten. Was lag also näher, als diese Stimmen zu einer Dokumentation der damaligen Ereignisse zusammenzufassen? Und es braucht tatsächlich nicht mehr als die teils lakonischen, teils aufwühlenden Berichte der Männer, die durch die Hölle gingen, untermalt mit gut ausgehobenem Archivmaterial. Natürlich ist das alles mit einem patriotischen Blick versehen – die Kameradschaft der Männer wird immer wieder thematisiert – aber Mark Cowen übertreibt es damit nicht. Er versucht, eine differenzierte Darstellung des Krieges zu finden, der per se schlimm genug ist. Da braucht es gar keine eindimensionalen Feindbilder – im Gegenteil: Gegen Ende hin sinnieren die Veteranen darüber, ob man unter anderen Umständen nicht Freundschaft mit den Deutschen hätte schließen können. Was vielleicht etwas hinten ansteht, und dafür gibt es dann auch Punkteabzüge in der B-Note, ist die Frage, was der Krieg und die Taten, die sie darin begingen, mit den Männern im weiteren Leben gemacht hat. Dies wird nur am Rande gestreift, vielmehr steht die schon erwähnte Kameradschaft im Fokus. Aber Unschuldslämmer waren die Soldaten der Easy Company natürlich auch nicht, und gerade die Frage, welchen moralischen Kompass man für sein weiteres Leben ansetzt, wenn man schon unmoralisch handeln musste, wäre eine spannend gewesen, hätte Mark Cowen sie den Überlebenden gestellt.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

From Hell (2001)

Regie: Albert und Allen Hughes
Original-Titel: From Hell
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Krimi, Thriller, Historienfilm
IMDB-Link: From Hell


Aufgepasst, liebe jüngere Leser dieses Blogs: Es gab eine Zeit, in der Johnny Depp nicht mit betrunkenen, geschminkten Piraten in Verbindung gebracht wurde. Aus jener Zeit stammt unter Anderem „From Hell“ von den Hughes-Brüdern, in dem er sich als drogensüchtiger Polizeiinspektor (er hat’s irgendwie mit gesundheitsschädigenden Substanzen) im London des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf die Suche nach Jack the Ripper machen darf. Jack the Ripper sollte soweit bekannt sein: Das war der Typ, der holde Damen der eher unteren Gesellschaft zerstückelte und damit zum Urahnen von Hannibal Lecter und Konsorten wurde. Den von Johnny Depp gespielten Inspektor Abberline gab es jedenfalls wirklich. Ob der auch eine Schwäche für Opium hatte, scheint mir aber weniger gesichert, wie sich der Film auch sonst sehr viele Freiheiten erlaubt und die  historischen Begebenheiten nur am Rande streift. Egal, für den Film und seine düstere Atmosphäre ist es kein Nachteil, wenn Johnny Depp eher verschlafen durch die Szenen stolpert, denn ein wacher Inspektor, der seine fünf Sinne und sieben Zwetschgen beisammen hat, hätte die Mordfälle vielleicht eher gelöst und aus „From Hell“ wäre nur ein Kurzfilm geworden. So aber braucht es gehörig Mithilfe von Deus ex machina, dem alten Script-Doktor, um dem Bösewicht auf die Schliche zu kommen und die fesche Maid mit den feuerroten Haaren (Heather Graham), in die sich der Inspektor verguckt, vor dem erwarteten Übel zu bewahren. Der Nachthimmel ist blutrot, die Gassen sind dunkel (und es überrascht, wie viele Schaulustige sich innerhalb zwei Minuten nach einem Mordfall in einer verschwiegenen Seitengasse am Tatort einfinden – Mensch, hatten die Londoner damals nichts Besseres zu tun, als in den finstersten Nachtstunden voll aufgemascherlt Spaziergänge durch versiffte Stadtviertel zu machen?), und die Schauspieler neigen zu schamlosem Overacting, um die Gravität ihrer Figuren besser zum Ausdruck zu bringen. Einzig Johnny Depp hält das Ganze irgendwie zusammen. Er kann halt doch mehr, als betrunken über Schiffsplanken zu stolpern. Nein, „From Hell“ ist nicht gut gealtert. Aber ansehen kann man sich den Film trotzdem auch heute noch, Johnny Depp und der viktorianischen Stimmung des Films sei Dank.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Mein langsames Leben (2001)

Regie: Angela Schanelec
Original-Titel: Mein langsames Leben
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Drama
IMDB-Link: Mein langsames Leben


Von der Kritik wurde Angela Schanelecs dritter Langfilm, „Mein langsames Leben“, begeistert aufgenommen. Als einer der herausragendsten deutschen Filme des Jahrzehnts wird er zum Beispiel auf critic.de bezeichnet, als „Meisterwerk, wie es das deutsche Kino lange keines hervorgebracht hat“ vom renommierten Filmkritiker Ekkehard Knörer. Wieder lässt Schanelec ihre Kamera einfach auf alltägliche Menschen und Situationen draufhalten. Deren verbindendes Element ist Valerie (Ursina Lardi). Um sie und die Menschen in ihrem Umfeld geht es – ihre Freundin, mit der sie sich gleich zu Beginn trifft, bevor diese für ein halbes Jahr nach Rom zieht, ihr neuer Freund Thomas, dessen Schwester Marie, die jung heiratet – es wird keine Geschichte erzählt, es werden nicht einmal viele kleine Geschichten erzählt. Stattdessen lässt Schanelec ihre Figuren einfach einen Sommer lang miteinander agieren und versucht ihnen auf diese Weise näher zu kommen. Damit erhebt Schanelec mit ihrem Film einen Anspruch auf Authentizität, den sie aber, womit wir bei dem Problem sind, das ich mit diesem Film habe, nicht wirklich einlöst. Das liegt in meinen Augen (oder besser gesagt: in meinen Ohren) an den Dialogen. Geschliffen kommen sie daher, in ganzen Sätzen und mit perfekt eingesetzten Nebensätzen. Anders als in den Filmen einer weiteren Filmschaffenden der neuen Berliner Schule, nämlich der von mir so geschätzten Valeska Grisebach, wird hier Schriftsprache gesprochen, und zwar ausnahmslos von jeder Figur, die somit plötzlich austauschbar klingen. Ohne größere Schwierigkeiten kann man sich vorstellen, einen gerade gesagten Satz einer völlig anderen Figur in den Mund zu legen. Und damit hat mich der Film verloren, denn ich nehme ihm die Figuren nicht länger ab. Das ist für einen Film, der allein darauf abzielt, glaubwürdig zu sein, der Todesstoß.


4,5
von 10 Kürbissen

Mein Stern (2001)

Regie: Valeska Grisebach
Original-Titel: Mein Stern
Erscheinungsjahr: 2001
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Mein Stern


Auf Valeska Grisebach bin ich zuletzt aufmerksam geworden dank ihres grandiosen Films „Western„, der bei uns in Wien im November einen Kinostart bekommt. Dass die Viennale im Rahmen einer Werkschau ihre drei Filme zeigt, hat es mir ermöglicht, ihren Debütfilm „Mein Stern“ zu sichten, ihre Abschlussarbeit im Rahmen des Studiums an der Filmakademie in Wien. Und auch wenn man dem Film sein geringes Budget anmerkt und eben auch, dass die Regisseurin erst ganz am Anfang ihrer Karriere stand, so zeigt „Mein Stern“ schon ganz besondere Qualitäten, die ich auch in „Western“ bewundert habe. Die Story ist wirklich simpel und spielt in Berlin. Die 14jährige Nicole verliebt sich in den gleichaltrigen Christopher, genannt „Schöpsi“. Die beiden erleben eine Beziehung mit Höhen und Tiefen – und entwickeln sich damit weiter aus ihrer Kindheit heraus in Richtung Erwachsenenleben. Dabei sind sie zum Teil sehr unbeholfen. Ihre Emotionen finden oft keinen anderen Ausdruck als in ihren Gesichtern, wenn sie sich fragend, hoffend, fassungslos ansehen, unfähig, die Gefühle, die gerade aus ihrem Brustkorb drängen, in Worte zu kleiden. Gleichzeitig brennt bei beiden der Wunsch nach Zusammengehörigkeit, nach Vertrautheit, nach der großen Liebe. Grisebach findet dafür einen sehr authentischen Zugang, und geht als Regisseurin völlig auf in dem Umfeld, das sie zeigt. (Ähnliches ist mir auch bei „Western“ positiv aufgefallen: Grisebach zeigt die einsame Welt der Bauarbeiter auf eine ehrliche und empathische und so real anmutende Weise, dass man als Zuseher vergisst, dass der Film nicht von einem wortkarten, 50jährigen Bauarbeiter gedreht wurde. Auf ihre Weise ist Grisebach damit ein Gegenpol zu den von mir ebenfalls heiß geliebten Coen-Brüdern, deren Filmen man immer eine typische Coen’sche Haltung oder ihren Humor entnehmen kann, die Filme verweisen also auf ihre Macher, während Grisebach selbst völlig zurücktritt und unsichtbar wird.) „Mein Stern“ und „Western“ weisen zudem Parallelen auf in der Art und Weise, wie Kommunikation die Erfüllung des Zugehörigkeitswunsches erschwert. Bei „Western“ sind es Sprachbarrieren, die den Aufbau von Vertrautheit verkomplizieren, bei „Mein Stern“ ist es mangelnde Gesprächserfahrung der jungen Figuren, die auf Phrasen, die sie irgendwo einmal aufgeschnappt haben, zurückgreifen müssen – oder eben gänzlich verstummen. So zeigt sich auch schon beim Debütfilm das Thema, das Grisebach auch 16 Jahre später noch beschäftigen soll. Und die Umsetzung des Themas ist auch schon beim Debütfilm mehr als gelungen. Ab jetzt bin ich endgültig Grisebach-Fan.


7,0
von 10 Kürbissen