2009

Whatever Works – Liebe sich wer kann (2009)

Regie: Woody Allen
Original-Titel: Whatever Works
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Komödie, Liebesfilm
IMDB-Link: Whatever Works


Die Paraderolle von Woody Allen ist jene des leicht verbitterten, intellektuellen, zynischen, jüdischen New Yorkers. Nein, falsch. Woody Allen ist der leicht verbitterte, intellektuelle, zynische, jüdische New Yorker. Dass sich eine ganze Karriere darauf aufbauen lässt, philosophierend herumzugranteln, lässt das Wiener Herz höherschlagen. In „Whatever Works“ (kein Mensch weiß übrigens, welchen Mehrwert dieser dämliche deutsche Titelzusatz einbringen soll) reicht er den Staffelstab an Larry David weiter, der nun den leicht verbitterten, intellektuellen, zynischen, jüdischen New Yorker vulgo Woody Allen spielen darf. Und das passt ganz gut. Denn wenn man sich die Biographien von Larry David und Woody Allen mal ansieht, dann sind die beiden mehr als Brüder im Geiste. Sie könnten, überspitzt formuliert, zwei Facetten der gleichen Person sein. Ein Larry Allen quasi. Also ist es unterm Strich wurscht, wer von den beiden in diesem Film als Boris Yelnikoff vor der Kamera steht. Was nicht wurscht ist, ist die Besetzung der weiblichen Hauptrolle, jene des naiven Landeis aus den Südstaaten, die irgendwie in Boris‘ Wohnung angeschwemmt wird und eine ungewöhnliche Zuneigung für den älteren Fast-Nobelpreisträger und Beinahe-Suizidalen entwickelt. Evan Rachel Wood ist nämlich perfekt in der Rolle. Unschuldig, süß, naiv, diese Attribute verkörpert sie perfekt und setzt sie äußerst gelungen als Kontrast zu Larry Davids Misanthropie ein. Kaum zu glauben, dass die junge Dame im privaten Leben mal mit Marilyn Manson liiert war. Aber auch dort gilt: Whatever works. Was auch immer für euch funktioniert. Und da Woody Allen diese Prämisse wirklich konsequent durch seinen Film zieht und gleich mehreren Charakteren ihre Katharsis in der Liebe angedeihen lässt, ist ausgerechnet der Film mit dem größten grantelnden Kotzbrocken als Hauptfigur vielleicht sein entspanntester, positivster und optimistischster.


8,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Harry Potter und der Halbblutprinz (2009)

Regie: David Yates
Original-Titel: Harry Potter and the Half-Blood Prince
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Fantasy, Abenteuerfilm
IMDB-Link: Harry Potter and the Half-Blood Prince


Es spitzt sich zu. Während Lord Voldemort allerlei sinistere Pläne schmiedet, startet Dumbledore seine Gegenoffensive. Und die beinhaltet einmal mehr Harry Potter, der sich diesmal an Voldemorts ehemaligen Lehrer Horace Slughorn (Jim Broadbent) heranmachen soll. Denn dieser kennt ein Geheimnis, in dem vielleicht der Schlüssel zu Voldemorts Fall liegen könnte. Beim sechsten Teil von Film- und Buchreihe geht es mir genau gegenteilig zu Teil 4, „Harry Potter und der Feuerkelch“. Letzterer ist wohl mein Lieblingsband der ganzen Buchreihe, aber die Verfilmung funktioniert für mich nur so mäßig. „Harry Potter und der Halbblutprinz“ bleibt für mich als Buch doch hinter den anderen Bänden zurück, doch ist der Film dank einer sehr konzentrierten Regie von David Yates und der Fokussierung auf die richtigen Momente gut gelungen. Nach einer noch eher unspektakulären ersten Hälfte dreht der Film gegen Ende hin so richtig auf. Die Atmosphäre ist dicht, und der letzte Teil des Films weist deutliche Horrorelemente auf. Mit diesem Zeitpunkt ist die Harry Potter-Filmreihe erwachsen geworden. Auch Michael Gambon liefert als Dumbledore seine persönliche Bestleistung innerhalb der Reihe ab. Bei diesem Film stimmt einfach vieles, was in Band/Film 4 (noch) nicht funktioniert hat. Übertroffen wird der „Halbblutprinz“ meiner Meinung nach nur von „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ und dem ersten Teil der „Heiligtümer des Todes“, zu dem ich morgen kommen werde. Als Vorbereitung auf das große Finale ist dieser Film perfekt.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2009 Warner Bros. Ent./JKR., Quelle http://www.imdb.com)

Tannöd (2009)

Regie: Bettina Oberli
Original-Titel: Tannöd
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama, Krimi, Historienfilm
IMDB-Link: Tannöd


Auf dem Land geht es zuweilen finster zu – Geheimnisse werden in den Schatten dichter Wälder begraben, die eng miteinander verwobene Dorfgemeinschaft belauert sich gegenseitig, und Abgründe der Menschen treten hervor, die andernorts verborgen geblieben wären. In Perfektion umgesetzt hat diese düstere Atmosphäre Andreas Prochaska in dessen Bauernwestern Das finstere Tal, doch auch Bettina Oberlis „Tannöd“ bleibt nicht weit davon entfernt. Vorlage für Roman und Verfilmung war ein realer Mordfall in den 20er Jahren in Bayern, der nie aufgeklärt werden konnte. Als zwei Jahre später eine Magd stirbt, reist deren Tochter in das Dorf und wirbelt dort alten Staub auf. Was nach dem schrecklichen Mehrfachmord an der Familie Danner und deren Magd in der Dorfgemeinschaft unausgesprochen blieb, kommt nun an die Oberfläche. Und auch alte Geheimnisse bahnen sich ihren Weg ans Licht. „Tannöd“ ist ein langsamer, atmosphärisch unglaublich dichter Film, der nur am Rande an dem Mordfall interessiert ist. Vielmehr beschäftigt sich Oberli mit den seelischen Abgründen der Familie Danner, dem verkommenen Vater, der Lieblosigkeit und Härte, mit denen er allen Menschen begegnet ist, und das Ergebnis daraus: dass die Familie Danner von allen im Dorf gehasst wurde. Es sind diese sozialen Geflechte und ihre Risse darin, die Oberli besonders interessieren. Und so ist „Tannöd“ weniger ein spannendes Krimispektakel als eine Erforschung der sozialen Strukturen einer Zwangsgemeinschaft, wie man sie eben im Dorf findet. Wenn man mit der entsprechenden Erwartungshaltung an den Film herangeht, wird man reich belohnt. „Tannöd“ ist ein düsterer, gut gespielter Anti-Heimatfilm. Was der Film hingegen nicht ist: Ein nervenaufreibender Thriller.


7,0 Kürbisse

Oben (2009)

Regie: Pete Docter
Original-Titel: Up
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Animation
IMDB-Link: Up


Pixar mal wieder. Wer diesem Blog regelmäßig folgt, wird vielleicht schon festgestellt haben, dass ich Faible für diese Animationsschmiede habe, die vor allem in den letzten 15 Jahren etliche kreative Meisterwerke auf die Leinwand gebracht haben, die nicht nur die Marschrichtung im gesamten Animationsgenre vorgegeben haben, sondern auch oft zu den besten Filmen des Jahres gezählt haben „Oben“ aus dem Jahr 2009 fügt sich da nahtlos ein. Mastermind dahinter ist mal wieder Pete Docter, der für etliche der allerbesten Pixar-Filme verantwortlich zeichnet. In „Oben“ lässt er ein sehr ungleiches Heldenduo zusammenfinden: Den übergewichtigen Pfadfinder Russell und den grantigen Witwer Carl Fredericksen. Eigentlich will Carl nur ein letztes Abenteuer erleben, das er seiner zu früh verstorbenen Frau versprochen hat – ein Versprechen, das er nie einlösen konnte. Russell kommt da eher zufällig dazu, aber mit Fortdauer des Films finden die beiden allmählich zueinander. Und sie brauchen einander auch, da im Dschungel unerwartete Gefahren lauern. So vieles an „Oben“ ist außergewöhnlich: Das geriatrisch-naive Buddyduo, die Wahl des Fortbewegungsmittels (auf das der Film mit seinem Titel verweist), der Antagonist und vor allem, dass es dem Team gelungen ist, in die ersten Minuten des Films ein ganzes Leben zu packen mit all den Glücksgefühlen und den Schicksalsschlägen, die dazugehören. Ganz ehrlich: Die Eingangssequenz von „Oben“ ist neben den ersten zwanzig Minuten von Wall-E das Beste, was jemals in einem Animationsfilm gezeigt wurde. Leider verflacht der Film mit Fortdauer der Spielzeit ein wenig, und die bittersüße Tonalität weicht einem kindlichen Abenteuer. Doch auch der Rest des Films bietet gute Unterhaltung für Groß und Klein. Somit ist „Oben“ ein weiterer gelungener Beitrag in Pixars Schaffen und zurecht ein Fan-Liebling, auch wenn er nicht ganz die Brillanz der allerbesten Filme erreicht.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: © Disney/Pixar, Quelle http://www.imdb.com)

Hangover (2009)

Regie: Todd Phillips
Original-Titel: The Hangover
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Komödie
IMDB-Link: The Hangover


Gleich mal ein Tipp zu Beginn: Wollt ihr coole Teenager cineastisch unterhalten, werft gerne mal einen Blick auf Todd Phillips‘ „Hangover“ – jener Film, der uns Bradley Cooper und Zach Galifianakis beschert hat, im Guten wie im Bösen. Mein Neffe jedenfalls, sonst eine Ausgeburt an indifferenter Coolness, kuderte fröhlich vor sich hin, und ich kann’s ihm nicht verdenken, ging es mir doch bei der ersten Sichtung im Kino damals sehr ähnlich. So ein Scheiß-mir-nix-Film war damals schon ungewöhnlich. Natürlich derb bis zum Äußersten, aber irgendwie muss das hier auch sein, denn nach dem Motto „Wer bremst, verliert“ wird hier gänzlich auf angezogene Handbremsen verzichtet. Was raus muss, muss raus, sei es banal, fatal oder rektal. Gefangene werden keine gemacht. Die Story ist schnell erzählt: Ein Junggesellenabschied in Las Vegas geht gehörig schief, als die feiernden Freude am nächsten Morgen sehr verkatert in einem komplett verwüsteten Hotelzimmer aufwachen, sich an nichts erinnern können und ausgerechnet der Ehemann in spe, der an diesem Tag noch heiraten soll, nicht aufzufinden ist. Der Rest des Films besteht aus derben Zoten, hysterischen Schreien von Ed Helms, einem sehr lässig blickenden Baby, Stripperinnen mit Herz, einem Tiger, Mike Tysons rechten Haken, nackten Asiaten und Close-Ups von Zach Galifianakis‘ Ranzen. Ach ja, und der vielleicht besten Version von „Candy Shop“, die je gesungen wurde. Anspruchsvoll ist das nicht, und man muss sich auf dieses Niveau auch erst mal herablassen können, aber wenn man dafür eine Antenne hat, macht der Film auch heute noch richtig viel Spaß, wie grumpy Teenager bestätigen können.


6,0 Kürbisse

(Bildzitat: © 2009 Warner Bros. Ent., Quelle http://www.imdb.com)

An Education (2009)

Regie: Lone Scherfig
Original-Titel: An Education
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: An Education


Die Geschichte ist nicht unbedingt neu: Minderjährige Schülerin verliebt sich in älteren Mann, der sie in die Geheimnisse des Universums, der Liebe und des Lebensstils der Bohème einführt. Das Setting in Lone Scherfigs „An Education“: Das London der 60er Jahre, kurz vor Rock’n’Roll und freier Liebe. Die Frisuren sind noch kurz und gescheitelt, die familiären und bürgerlichen Verhältnisse folgen straffen Konventionen, und das brave Mädel lernt noch Cellospielen, während die aspirierenden Musiker zehn Jahre später dann schon eher zu Drum Sticks und Stromgitarre gegriffen haben. Dennoch spürt man die gesellschaftlichen Veränderungen der kommenden Jahre in der Luft liegen. Die 16jährige Jenny (Carey Mulligan) genießt schon weitaus mehr Freiheiten, als man erwarten würde – und das trotz konservativer Oberfläche ihrer Eltern (Alfred Molina und Cara Seymour), die aber auch zu begreifen scheinen, dass sie ihre Tochter nicht so erziehen können wie sie selbst erzogen worden sind, auch wenn sie natürlich Träume für ihre Tochter haben. Und so ist es dann auch kein großes Ding, dass Jenny eine Beziehung mit dem deutlich älteren David (Peter Sarsgaard) beginnt, zumal der mit polierten Manieren ins Haus kommt. Aber David gehört zur Oberschicht, er fährt Sportwagen und isst in den besten Restaurants, und Verbindungen nach Oxford, wo Jenny einmal studieren soll, scheint er auch zu haben. Da kann man also durchaus mal das eine oder andere Auge zudrücken, schließlich ändern sich die Zeiten ja. „An Education“ mag ein altes Thema aufgreifen, tappt aber nicht in die übliche Mansplaining-Falle a la „älterer Mann erklärt naivem Mädel die Welt“, sondern gibt David mit der frühreifen Jenny einen ebenbürtigen, vielschichtigen Widerpart zur Seite. Natürlich – manche Fehler macht man trotzdem, wenn man jung, ohne viel Erfahrung und verliebt ist. Aber Jenny lernt daraus, und so bezieht sie die titelgebende „Ausbildung“ am Ende weniger von David als von sich selbst. In diesem Sinne ist „An Education“ ein emanzipierter, aber dennoch leichtfüßiger und unterhaltsamer Film.


7,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © Kerry Brown, Quelle http://www.imdb.com)

Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft (2009)

Regie: Anne Fontaine
Original-Titel: Coco avant Chanel
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Biopic, Drama
IMDB-Link: Coco avant Chanel


Coco Chanel ist eine französische Ikone. Amélie aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“, verkörpert von Audrey Tautou, ist ebenfalls eine. Was liegt also näher als diese beiden Ikonen zusammenzubringen und mit Audrey Tautou in der Hauptrolle die Lebensgeschichte von Coco Chanel zu verfilmen? Regie führte Anne Fontaine, deren Gemma Bovery – Ein Sommer mit Flaubert ich entzückend fand, während ich mit Marvin weniger anfangen konnte. Leider schlägt sich „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“ auf die Seite von „Marvin“. Denn auch wenn die forsche Coco Chanel, die die adelige Männerwelt aufmischt, Stoff für eine gute Erzählung hergeben würde und sich Audrey Tautou auch nach Kräften bemüht, diese toughe Frau zu verkörpern, so zündet das Werk zu keiner Minute richtig. Das liegt zum Einen daran, dass Audrey Tautou ihre Coco zu hart anlegt, als dass man als Zuseher mit ihr mitfiebern und mitleiden könnte. Frauenpower und Emanzipation gut und schön – aber es fehlt dem Film durch diese Darstellung ein emotionaler Anker. Zum Anderen ist das Biopic sehr klassisch erzählt – und damit schlicht und ergreifend fad. Die Lebensstationen bis zum Ruhm werden abgehandelt, im Zentrum steht dabei die On-Off-Beziehung mit dem Adeligen und Lebemann Étienne Balsan (Benoit Poelvoorde) und die Liebe zu dem englischen Lord Capel (Alessandro Nivola), aber alles wird hübsch vorhersehbar und nach den üblichen schematischen Abläufen routinierter Biopics erzählt. Hier bleibt kein Platz für Überraschungen. Selbst Alexandre Desplats Musik geht zwar gut ins Ohr, klingt aber alles in allem genau so, wie man sich einen Alexandre Desplat-Soundtrack zu einem Coco Chanel-Film vorstellt. Jo eh. Überraschend ist nur, dass Coco Chanels eigentliche Bestimmung, das Modedesign, kaum zur Sprache kommt und fast beiläufig abgehandelt wird. So ist „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“ zwar kein völliger Rohrkrepierer, aber ansehen muss man sich den Film definitiv nicht.


4,5
von 10 Kürbissen

Der fantastische Mr. Fox (2009)

Regie: Wes Anderson
Original-Titel: Fantastic Mr. Fox
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Animation
IMDB-Link: Fantastic Mr. Fox


Ich habe größten Respekt vor Stop Motion-Filmen. Diese Fitzelarbeit ist etwas für Fanatiker und Perfektionisten. Glücklicherweise zählt Wes Anderson in genau diese Kategorie. Weshalb er sich der Verfilmung des Buchs von Roald Dahl auf genau diese Weise angenommen hat. Und eines gleich vorweg: Die Qualitäten von Wes Anderson, diese symmetrisch durchkomponierte Bildsprache (die man im Übrigen aktuell noch im Kunsthistorischen Museum Wien bewundern kann, wo er zusammen mit seiner Lebenspartnerin Juman Malouf eine Ausstellung mit dem wunderschönen Titel „Spitzmaus Mummy in a Coffin and Other Treasures“ kuratiert hat), der Stoizismus seiner Charaktere, die pointierten, existentialistisch angehauchten Dialoge – all das geht überraschend gut zusammen mit dem Hühnerdieb Mr. Fox, der in Anbetracht der Schwangerschaft seiner Frau auf ein bürgerliches Leben umsattelt. Allerdings lässt sich die Natur nun mal nicht auf Dauer verleugnen, und die neuerlichen Beutezüge bringen nicht nur Mr. Fox, sondern auch seine ganze Familie und Freunde in Bedrängnis. Da ist Teamarbeit gefragt, um aus dem Schlamassel wieder rauszukommen. „Der fantastische Mr. Fox“ ist detailverliebt und liebevoll inszeniertes Animationsvergnügen für Erwachsene. Auch Kinder könnten ihre Freude damit haben, da die Tiere einfach sehr putzig animiert sind, aber die Geschichte selbst zündet eher beim ausgewachsenen Publikum, das sich mit Sicherheit an der einen oder anderen Stelle wiedererkennt. Wo sind sie geblieben, die Träume der Jugend, wo haben wir sie begraben, die wilde Seite, die Abenteurer und Pionierin werden wollte? „Der fantastische Mr. Fox“ spricht diese Themen fast nebenbei in herrlicher Lakonie an und bietet darüber hinaus eine rührige Familiengeschichte für Groß und Klein. Auch George Clooney als Synchronstimme für den listigen Fuchs muss man hervorheben – er versteht es, die Wes Anderson’sche Bildsprache im Dialog stimmlich zu unterstützen. So ist „Der fantastische Mr. Fox“ eine kleine Perle, die man immer wieder ansehen kann.


8,0
von 10 Kürbissen

Julie & Julia (2009)

Regie: Nora Ephron
Original-Titel: Julie & Julia
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Biopic, Drama, Komödie
IMDB-Link: Julie & Julia


Gleich vorweg: Es gibt zwei gute Gründe, „Julie & Julia“ anzusehen. Der eine Grund ist Meryl Streep. Und der andere Amy Adams. Wenn die mitspielen, kann man eigentlich nichts falsch machen, zwei herausragende Größen ihrer Zunft (und auf Amy Adams habe ich zudem einen kleinen Crush, also, Amy, falls du meinen Blog lesen solltest: Darf ich dich zum Essen einladen?) Und schon wären wir beim Film selbst, denn in diesem geht es um kulinarische Kostbarkeiten, deren Zubereitungen und wie sie ein Leben (oder zwei) ändern können. Denn Julia Child (Meryl Streep) ist eine gelangweilte Amerikanerin in Paris, die als Zeitvertreib das Kochen für sich entdeckt, und gegen alle Widerstände und nur getragen vom Glauben an sich selbst und der Unterstützung ihres liebevollen Ehemanns (wunderbar warmherzig: Stanley Tucci) zu einer erfolgreichen Kochbuch-Autorin wird. Und Julie Powell (Amy Adams) ist eine etwas frustrierte Callcenter-Mitarbeiterin, die an ihrem Vorhaben, einen Roman zu schreiben, gescheitert ist, irgendwann aber die Idee hat, alle Rezepte aus Julia Childs Kochbuch innerhalb eines Jahres nachzukochen und darüber zu bloggen. So finden beide Frauen zu sich selbst. „Julie & Julia“ ist ein wirklich netter, leichtfüßiger Film, der den komödiantischen Anteil nicht übertreibt und das Drama nur subtil mitschwingen lässt. Eine ausgewogene Sache also, nicht unbedingt spektakulär, aber kurzweilig anzusehen. Ein Film, den man an einem verregneten Sonntagnachmittag auf der Couch gerne mal einlegen kann. Allerdings sollte das Telefon für die Bestellung beim Lieferservice griffbereit liegen, denn der Film macht tatsächlich Hunger. Und wenn es dann beim Abspann nicht gleich klingelt und keine dampfende Köstlichkeit in die Wohnung gebracht wird, schlägt sich das durchaus negativ aufs Gemüt. Man lädt den Ärger dann vielleicht sogar noch beim Film ab mit einer schlechten Bewertung – und das hat er sicher nicht verdient.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 67 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


6,0
von 10 Kürbissen

Fish Tank (2009)

Regie: Andrea Arnold
Original-Titel: Fish Tank
Erscheinungsjahr: 2009
Genre: Drama
IMDB-Link: Fish Tank


Für manche Menschen ist das Leben wie in einem Aquarium. Man dreht immer die selben Kreise und erhascht gelegentlich einen Blick darauf, wie es draußen, außerhalb der Glaswände, sein könnte, ohne aber selbst je die Chance zu haben, an diesem Draußen teilzunehmen. So ergeht es auch der 15jährigen Mia (Laiendarstellerin Katie Jarvis mit einer furiosen Darstellung) Ihre Mutter (Kierston Wareing) ist alkoholkrank, die jüngere Schwester nervig, sie selbst hat die Schule geschmissen und strawanzt in der abgefuckten Gegend herum, in der sie lebt, sucht Streit, trinkt und versucht, Ablenkung im Hip Hop-Tanz zu finden, den sie allein in einer nicht fertig gestellten Wohnung über den Dächern von Essex übt. Doch dann tritt Connor (Michael Fassbender), der neue Freund ihrer Mutter, in ihr Leben und schenkt ihr Aufmerksamkeit. Gegen anfänglichen inneren Widerstand baut Mia allmählich Vertrauen zu dem Mann auf. Plötzlich scheint so etwas wie Geborgenheit und Harmonie in Griffweite für Mia zu sein, und auch sie selbst wird zugänglicher, nimmt soziale Beziehungen auf, die nicht nur darin bestehen, sich gegenseitig Slang-Ausdrücke um die Ohren zu schmeißen und sich aggressiv vor die Brust zu stoßen. Doch dann kommt es eines Nachts zu einem alkoholbedingten Zwischenfall, der diese fragile Harmonie wieder ins Wanken bringt – und die Weichen stellt für die Entscheidung, welcher Mensch Mia einmal sein wird. Der von der Kritik gefeierte Film „Fish Tank“ von Andrea Arnold ist ein Sozialdrama par excellence. Gedreht in dem für Arnold üblichen Format 4:3 wird das Beengende der sozialen Situation Mias auch optisch auf den Punkt gebracht. Das Kernstück des Films ist aber die vielschichtige und ehrliche Leistung von Katie Jarvis, die ihrer Mia ein großes Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stellt – über Gestik und Mimik, über Blicke und den gut sitzenden Jugendjargon. Hier wirkt keine einzige Bewegung, kein einziger Satz gekünstelt. Mia ist so wütend und gleichzeitig verletzlich, so altklug wie naiv, wie es nur 15jährige sein können. Zwar entfaltet der Film noch nicht den gleichen Sog wie das spätere Meisterwerk American Honey, aber Andrea Arnolds Sozialstudie weiß dennoch zu fesseln, und man wünscht trotz allem, was am Ende schief rennt, Mia für ihr weiteres Leben nur das Allerbeste und dass sie ausbrechen kann aus ihrem Aquarium.


7,5
von 10 Kürbissen