2010

Tag und Nacht (2010)

Regie: Sabine Derflinger
Original-Titel: Tag und Nacht
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Tag und Nacht


Zwei jungen, privilegierten Kunststudentinnen (Anna Rot und Magdalena Kronschläger) ist fad im Schädel. Für den Extrakick und die nette Kohle, die damit einhergeht, beschließen sie, gemeinsam im ältesten Gewerbe der Welt tätig zu werden und für eine Escort-Agentur zu arbeiten. Dort haben sie viele seltsame Begegnungen, und allmählich verschieben sich die Prioritäten, denn natürlich macht das etwas, wenn man mit Geld zugeschüttet wird für Sex. So leiden beispielsweise zwischenmenschliche Beziehungen wie jene zu Claus (Manuel Rubey, der dank eines Paktes mit dem Teufel in 80% aller österreichischen Filmproduktionen mitspielt), und der Fokus auf das Studium leidet durchaus. Und natürlich gehen auch die Dates nicht spurlos an den beiden Königinnen der Nacht vorbei. Da Sabine Derflinger, für Buch und Regie verantwortlich, sämtliche Freier als perverse Vollidioten darstellt, gibt es auch dort reichlich Konfliktpotential – mal mit besserem, mal mit schlechterem Ausgang für die Escortgirls. Am Ende kommt es natürlich zum großen Knall. Bis dahin ist „Tag und Nacht“ ein unentschlossenes Werk. Wie gesagt, die Freier haben allesamt einen gewaltigen Klopfer, aber davon abgesehen ist der Film durchaus auf Hochglanz poliert und weiß nicht so recht, wie er sich positionieren will. Die Mädchen machen alles freiwillig, sogar ihr Chef (der gerade bei den Salzburger Festspielen gefeierte Philipp Hochmair) ist verhältnismäßig nett, Schattenseiten werden kaum thematisiert – aber andererseits ist durch das Bild, das von den Kunden gezeichnet wird, und das durchaus mitreißende und verstörende Ende auch wiederum der erhobene Zeigefinger zu sehen. Damit reiht sich der Film ein in die Riege jener moralischen Werke, die ein bisschen auf verrucht tun möchten und sich dem Thema der Prostitution annehmen, ohne aber wirklich Überraschendes dazu sagen zu können. Aber das – abgesehen vom Männerbild, das hier gezeigt wird – immerhin subtiler als so manch anderer Film.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

In einer besseren Welt (2010)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Hævnen
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Hævnen


Bei der Oscarverleihung 2011 konnte sich der dänische Film „In einer besseren Welt“ von Susanne Bier gegen namhafte Konkurrenz durchsetzen wie zB Alejandro González Iñárritus „Biutiful“ oder Giorgios Lanthimos‘ Meisterwerk „Dogtooth“ und gewann den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Dementsprechend hoch war die Erwartungshaltung, als ich die DVD in den Player schob. Und dementsprechend tief war dann auch der Fall derselben. Denn Susanne Biers Film erzählt zwar eine durchaus interessante und packende Geschichte, der Subtext ist klar (eine Abhandlung über Gewalt und Verantwortung), aber die Dialoge sind zu einem unerquicklichen Maße platt und voller Stehsätze und die Figuren klischeehaft – und das liegt mit Sicherheit nicht allein an der deutschen Synchronisation. Von der Kritik wurde der Film fast einhellig gelobt, und ja, ich hätte ihn wirklich auch gern gemocht. Die Geschichte zweier Außenseiter-Jungs, die sich miteinander anfreunden, und ihre eigenen, persönlichen inneren Konflikte mit fatalen Folgen nach außen tragen, sowie des Vaters von einem der Burschen, der hin- und hergerissen ist zwischen seinem Leben als Arzt in der afrikanischen Steppe und dem bröckelnden Familienleben in Dänemark, würde durchaus viel hergeben. Aber gerade die hochgelobte Inszenierung stellte mich wirklich vor Probleme. Zu aufgesetzt, zu platt, zu durchsichtig erschien mir das alles. Das mag nun Jammern auf hohem Niveau sein, und Viele von euch, die sich selbst ein Bild von dem Film machen, werden das mit Sicherheit anders sehen, aber mir hat’s das Vergnügen der Sichtung leider etwas verhagelt durch eindimensionale Figuren wie den Automechaniker Lars, der nur zuschlagen kann, und eben sehr klischeehaft vorgetragenen Dialogzeilen. Einzig die Figur des Anton (Mikael Persbrandt) bringt etwas mehr Vielschichtigkeit in das Drama. Das allein reicht mir allerdings nicht aus für eine bessere Bewertung.


5,5
von 10 Kürbissen

Auf dem Weg nach Oregon (2010)

Regie: Kelly Reichardt
Original-Titel: Meek’s Cutoff
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Western
IMDB-Link: Meek’s Cutoff


Geduld und eine Portion Hartnäckigkeit zahlen sich manchmal aus. Nachdem ich mit meinen ersten beiden Filmen von Kelly Reichardt, die ich gesehen habe, der Öko-Thriller „Night Moves“ und der Episodenfilm „Certain Women“, so meine Probleme hatte, zündete nun der minimalistische Western „Meek’s Cutoff“ aus dem Jahr 2010 so richtig. Auch wenn der Film in seiner Langsamkeit und Handlungsarmut ganz eindeutig in Reichardt-Film ist, so überzeugt er durch eine unglaublich dichte Atmosphäre, getragen von der düsteren Musik von Jeff Grace (die gelegentlich an die Soundtracks von Jonny Greenwood erinnert) und der Kameraarbeit von Christopher Blauvelt, der im Format 4:3 einen eindrucksvollen Spagat zwischen Realismus (in der Nacht ist es nun mal finster, da sieht man nur Schemen) und fast schon meditativ-entrückt anmutenden Landschaftsaufnahmen hinlegt. Die Handlung selbst ist – wie immer bei Kelly Reichardt – sehr dürftig. Drei Familien von Siedlern versuchen, über den Oregon Trail nach Westen zu kommen. Sie verlassen sich dabei auf den Trapper Stephen Meek, der vorgibt, eine Abkürzung zu kennen, sie aber – offenbar aus Unwissenheit – ins Nirgendwo führt. Die Landschaft ist karg und trocken, das Wasser wird knapp. Da stoßen sie auf einen Indianer und entgegen Meeks Warnungen, er würde sie bei der ersten Gelegenheit berauben und nicht zögern, ihnen die Kehlen durchzuschneiden, verlassen sie sich auf diesen, um sie zurück aus der Einöde und zum Wasser zu führen. Die Stärke des Films liegt eindeutig darin, dass der Überlebenskampf völlig frei von überzogenen Dramen erzählt wird, ultrarealistisch gewissermaßen. Trotz seiner Langsamkeit und Stille und auch trotz des fehlenden Bezugs zu den Figuren, die völlig ohne Backstory rätselhaft bleiben, entwickelt „Meek’s Cutoff“ dabei einen erstaunlichen Sog. Weder das Woher noch das Wohin sind von Bedeutung. Die Figuren wirken in der landschaftlichen Einöde wie aus der Zeit gefallen. Sie sind gefühlt schon seit Ewigkeiten unterwegs und werden das auch für immer sein. Sie haben keine Vergangenheit und keine Zukunft. Und das kann ich durchaus nachvollziehen: Wenn es ums Überleben geht, gibt es keinen Raum mehr für die Vergangenheit, und die Zukunft ist ungewiss und diffus. Nur das Jetzt zählt. Das hat Kelly Reichardt eindrücklich eingefangen. Vielleicht wird’s ja doch noch etwas mit uns beiden.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Stadtkino Filmverleih)

Der Name der Leute (2010)

Regie: Michel Leclerc
Original-Titel: Le Nom de Gens
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Komödie, Liebesfilm, Rom-Com
IMDB-Link: Le Nom des Gens


Französische Komödien – meistens folgen sie diesem Muster: Schöne Menschen beschäftigen sich mit Themen der aktuellen Political Correctness, sind ein bisschen nackt und fast immer hysterisch. Mitten im Film kommt dann ein großes Drama, das kein vernünftiger Mensch nachvollziehen kann (weil kein vernünftiger Mensch ist jemals so hysterisch wie französische Filmfiguren), am Ende kommt die Katharsis und das politisch inkorrekte Thema wird mit einem Augenzwinkern abgeschlossen. Bei „Ziemlich beste Freunde“ hat das gut funktioniert – wohl auch, weil die Hauptfiguren nur ein bisschen hysterisch statt komplett gaga waren. Beim gefeierten Film „Der Name der Leute“ (zwei Césars – fürs Drehbuch und für Sara Forestier als beste Hauptdarstellerin) funktioniert das mal wieder nicht. Die Story: Junge algerisch-stämmige Links-Aktivistin (ihr Aktivismus: sie schläft mit Rechten und Konservativen, um sie zu bekehren) trifft auf langweiligen Durchschnittsfranzosen, der Vogelkrankheiten untersucht und dabei Wildgänse und Stockenten seziert, mit verleugneter jüdischer Vergangenheit. Er ist fad und latent unsympathisch, sie dafür hysterisch genug für beide. Der Film behandelt dabei die Themen Herkunft und ethnische Durchmischung. An sich ein löbliches Vorhaben. Nur ist das alles so plump und auch ärgerlich dargestellt, dass ich einfach keine Freude daran habe. Beispiel: Die Hauptprotagonistin wurde als Kind vom Klavierlehrer sexuell missbraucht. Dieses heftige Thema wird allerdings so nebenher und auf eine zynische Weise abgehandelt, dass man nur den Kopf schütteln kann. Ich hatte nicht das Gefühl, dass der Film seine Figuren wirklich ernst nimmt. Lieber einen schlüpfrigen Gag einbauen und nackte Brüste zeigen, als die Figur auch mal verletzlich darzustellen und ihr zugestehen, dass das Leben auch mal bitter sein kann. Den Kritikern weltweit hat der Film ganz gut gefallen, ich hingegen bin allerdings kein Filmkritiker.


3,0
von 10 Kürbissen

Carlos – Der Schakal (2010)

Regie: Olivier Assayas
Original-Titel: Carlos / Le Prix du Chacal
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Biopic, Drama, Thriller
IMDB-Link: Carlos / Le Prix du Chacal


Vorab die Info: Diese Rezension bezieht sich auf die Kurzfassung von Olivier Assayas‘ „Carlos – Der Schakal“, mit nur 3 Stunden quasi der Appetizer für die 5-Stunden-Langfassung.

In den 70ern und 80ern verbreitet der Terrorist Carlos Angst und Schrecken auf der Welt. Höhepunkt ist die Geiselnahme der an einer OPEC-Konferenz in Wien teilnehmenden Minister. Doch während Carlos zunächst noch für die palästinische Sache kämpft, verwirrt er sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten allmählich im Geflecht der internationalen diplomatischen Beziehungen, und aus den Freiheitskämpfern werden Attentäter ohne Ziel. Olivier Assayas erzählt das Leben des berühmt-berüchtigten Terroristen auf eine sehr nüchterne und zurückhaltende Weise. Carlos, eindrucksvoll gespielt von Edgar Ramirez, ist unglaublich charismatisch, wird dabei aber nie glorifiziert. Assayas lässt die Taten sprechen und zeigt so schonungslos auf, wie der einstige Idealist mit moralisch verachtenswerten Methoden in eine Spirale der Gewalt gerät, die fortan sein Leben bestimmen soll und aus der er nie wieder hinausfinden wird.

Die erste Hälfte des Films mit den Höhepunkten des Verrats eines Vertrauten und der OPEC-Geiselnahme (beides ist extrem spannend und dramaturgisch perfekt inszeniert, ohne vom dokumentarischen Stil abzuweichen) ist herausragend. Die zweite Hälfte, die sich mit dem allmählichen Niedergang Carlos‘ beschäftigt, wirkt trotz der langen Spielzeit etwas gehetzt. Ich könnte mir vorstellen, dass hier die Langfassung eine bessere Figur abgeben würde, denn in der dreistündigen Fassung springt der Film gegen Ende ziemlich schnell zwischen den Handlungsorten umher und muss sich damit den Vorwurf gefallen lassen, beliebig zu werden. Dennoch funktioniert der Film auch in der Kurzfassung sehr gut und ist durchaus einen Blick wert.


7,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Blue Valentine (2010)

Regie: Derek Cianfrance
Original-Titel: Blue Valentine
Erscheinungsjahr: 2010
Genre: Drama
IMDB-Link: Blue Valentine


Derek Cianfrance macht interessante Filme. Das lässt sich nach „Blue Valentine“ und „The Place Beyond the Pines“ schon sagen, und auch wenn er bei „The Light Between Oceans“ zu sehr in den Schmalztopf gegriffen hat, so ist er dennoch ein visuell und erzählerisch sehr starker und eigener Filmemacher, den ich auch in den nächsten Jahren intensiv auf dem Radar haben werde. Mit „Blue Valentine“ hatte er jedenfalls seinen ersten großen Erfolg. Michelle Williams und Ryan Gosling spielen darin ein Ehepaar, dem die Liebe abhanden gekommen ist. So etwas passiert. Und auch wenn die Anbahnung noch so romantisch und leidenschaftlich ist und zu Ukulele-Klängen getanzt wird, irgendwann ist eben die Luft draußen, und wenn dann zwei Menschen zusammen sind, die außer Ukulele und Tanz nicht viel verbindet, kann es eben nicht nur mühsam, sondern auch ziemlich schmerzhaft werden. „Bad Valentine“ ist die Antithese zu Rom-Coms und Feelgood-Filmen. Ein Paar, das sich diesen Film gemeinsam ansieht, muss schon sehr gefestigt sein. Als Single atmet man beim Ansehen vielleicht kurz durch, dass man es nicht selbst ist, der solche Agonien durchleiden muss – nur um im nächsten Moment frustriert zu sein, weil man nicht einmal einen Partner braucht, um sich so scheiße zu fühlen wie die beiden Eheleute im Film. Alles sehr schwierig. Ein Film, der viel vom Zuseher abverlangt und nicht mit hochprozentigem Alkohol und Schlaftabletten in Griffweite konsumiert werden sollte. Wenn man aber in der richtigen Stimmung dafür ist (zB weil man eine Stunde vorher noch „La La Land“ gesehen hat und eine Packung Gummibärchen geöffnet hat, während man einen motivierenden Spruch aus dem letzten Glückskeks liest), ist „Blue Valentine“ sehr gut gemachtes Erzählkino mit großartigen darstellerischen Leistungen, einem tollen Drehbuch und sehr lebensnahen Dialogen und Szenen. Ansehen auf eigene Gefahr.


7,5
von 10 Kürbissen