2011

Verblendung (2011)

Regie: David Fincher
Original-Titel: The Girl with the Dragon Tattoo
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Krimi, Thriller
IMDB-Link: The Girl with the Dragon Tattoo


David Fincher und Thriller, das passt wie Sachertorte und Schlagobers, wie Birkenstock-Schlapfen und Duftkerzen, wie blaue Spitzenpolitiker und Ibiza. A Match Made in Heaven. Und auch wenn der Meister der gepflegten Spannungsunterhaltung mal nicht auf der absoluten Höhe seiner Kunst ist, beweist der Mann zumindest eine solche Handfertigkeit, dass das Resultat seiner Bemühungen jedenfalls als gelungen zu bezeichnen ist. So auch bei dem Remake der Verfilmung des ersten Teils der Millennium-Thriller-Reihe des schwedischen Bestseller-Autors Stieg Larsson. Und nein, dafür gibt es keine Kreativitätspunkte, wenn man das Recycling vom Recycling in die Welt wirft, aber unter der wie immer konzentrierten Regie von David Fincher kann man sich auch so einen Film einmal gönnen, zumal er mit Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer und Stellan Skarsgård eine illustre Besetzung aufweisen kann, die sich auch ordentlich ins Zeug legt. Wenn man dann, so wie ich, weder die Buchvorlagen noch die erste schwedische Verfilmung kennt, ist ohnehin alles wunderbar frisch und damit noch besser genießbar. Für alle Anderen ist der neuerliche Aufguss, der mit einer Laufzeit von über 2,5 Stunden auch recht viel Sitzfleisch abverlangt, zugegebenermaßen vielleicht irrelevant, aber die können dann immerhin nach Sichtung des Films trefflich darüber streiten, ob nun Rooney Mara oder Noomi Rapace die bessere Lisbeth Salander abgibt. Da ich nur Mara in der Rolle kenne, klinke ich mich aus dieser Diskussion aus und halte einfach fest: Die extrem wandelbare Rooney Mara ist auch in dieser Rolle gut aufgehoben. Ansonsten bleibt zu sagen: Der Film ist solide Thriller-Kost, die jetzt nicht unbedingt mit großen Überraschungen glänzt, aber mit einem klaren Fokus auf die Figuren (was ja sehr positiv hervorzuheben ist) inszeniert ist, was den Zuseher auch über einige Leerstellen in der Handlung gut hinweg hebt. Wie gesagt, Fincher und Thriller – da kann prinzipiell nicht viel schiefgehen.

 


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Ohne Limit (2011)

Regie: Neil Burger
Original-Titel: Limitless
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Thriller
IMDB-Link: Limitless


Nein, in Neil Burgers Film geht es nicht um BMWs auf deutschen Autobahnen, die mit 220 km/h dahergeprescht kommen, bis auf zehn Zentimeter an die Stoßstange auffahren und dann wie wild die Lichthupe betätigen. Obwohl ein solches Szenario auch ein guter Stoff für einen Thriller wäre. Wenn dann der Vordermann nur mal kurz auf die Bremse steigen würde … frage nicht! Vielleicht machen Begrenzungen ja durchaus auch Sinn. Und vielleicht ist es ganz gut, dass nicht Einzelne von uns das komplette Potential unseres Gehirns nutzen können, das würde auch unfaire Vorteile mit sich bringen. Schlag nach bei „Lucy“ von Luc Besson. In „Limitless“ findet ein erfolgloser Schriftsteller jedenfalls eine Droge, die ihm genau diesen Vorteil bringt. Die Pille aktiviert das bislang ungenutzte Potential des Gehirns und macht Eddie zum klügsten Menschen auf dem Planeten. In wenigen Tagen ist sein Buch geschrieben, und neben lernt er mal ein paar Fremdsprachen, die er auf der Straße aufschnappt. Aber es ist klar, dass bald finstere Gestalten danach trachten, ihm die Monopolstellung für das Superbrain streitig zu machen. Außerdem treten alsbald unerwartete Nebenwirkungen auf, die das Leben zusätzlich verkomplizieren. Und für den klügsten Mann des Planeten trifft er bald einige echt saublöde Entscheidungen. „Limitless“ ist ein visuell absolut überzeugender und spannender Thriller, der gut zu unterhalten weiß, aber leider selbst nicht sein ganzes Potential ausschöpft. Was die neuen geistigen Möglichkeiten betrifft, die so eine komplette Nutzung des Gehirns mit sich bringt, ist „Lucy“, obwohl als Film insgesamt eher missraten, beispielsweise deutlich konsequenter. In „Limitless“ beschränkt sich die Wirkung der Droge darauf, dass man schnell rechnen und Fremdsprachen erlernen kann und als wandelnde Enzyklopädie durch die Geschichte stolpert. Wenn es der Plot verlangt, handelt Eddie aber manchmal so dämlich, dass man fast vermuten muss, die Droge hätte sein Gehirn verbrutzelt statt simuliert. Aber sei’s drum – wer an einem Sonntagabend einen spannenden Thriller sehen möchte, wird mit „Limitless“ gut unterhalten werden.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

We Need to Talk About Kevin (2011)

Regie: Lynne Ramsay
Original-Titel: We Need to Talk About Kevin
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Thriller, Drama
IMDB-Link: We Need to Talk About Kevin


Kann es sein, dass Hollywood den Namen Kevin gerne mit sadistischen Satansbraten assoziiert? Macaulay Culkin durfte als Träger dieses Namens dämliche Einbrecher quälen, und auch Lynne Ramsays Kevin in „We Need to Talk About Kevin“ hat echt ungute Veranlagungen. Schon als Kind ist er entrückt und unzugänglich. Da kann sich die Mutter (Tilda Swinton) noch so sehr um den Aufbau einer echten Beziehung bemühen, doch fröhlich scheint das Kind nur in den Armen des Vaters (John C. Reilly) zu sein. Aber was soll man machen, wenn man als Mutter keine Bindung zum eigenen Kind findet? Man spielt Gefühle vor, und erntet Missgunst und Niederträchtigkeit. Dass das mal ein böses Ende nehmen wird, ist nicht nur vorgezeichnet, sondern gleich mit dem allerersten Bild des Filmes angedeutet und kurze Zeit später auch ausformuliert (allerdings auf die für Ramsay typisch indirekte Weise, die sie dann später in You Were Never Really Here perfektioniert hat). Denn eben jener Kevin massakriert als Teenager (gespielt von Ezra Miller) seine Mitschüler. Und Eva, die Mutter, muss damit leben – mit den Schuldgefühlen und dem Hass, der ihr von Seiten der Kleinstadtbewohner entgegenschlägt. Und der auch nachvollziehbar ist, befinden sich unter den Opfern von Kevins Wahnsinnstat ja die Töchter und Söhne dieser Kleinstadtfamilien. „We Need to Talk About Kevin“ ist ein unangenehmer, intensiver Film, der sich artifiziell anfühlt (so scheint der junge Kevin mit seinen dunklen Blicken fast das Kind des Leibhaftigen zu sein), aber mit diesen Mitteln der Verfremdung eine nachvollziehbare Seelenqual, nämlich jene der Mutter, beschreibt. Tilda Swinton ist (wieder einmal) überragend. Es gibt nichts, was diese Frau nicht spielen kann. Die eigentliche Offenbarung des Films ist aber die Leistung von Nachwuchsdarsteller Jasper Newell als junger Kevin. So ein Arschlochkind muss man erst mal spielen können.


7,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Kung Fu Panda 2 (2011)

Regie: Jennifer Yuh Nelson
Original-Titel: Kung Fu Panda 2
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Animation, Komödie
IMDB-Link: Kung Fu Panda 2


Fortsetzungen sind oft ein schwieriges Unterfangen. Einerseits läuft man Gefahr, einfach „more of the same“ zu produzieren, andererseits ist das Risiko groß, die treuen Zuseher zu vergraulen, wenn man sich zu sehr vom ersten Teil entfernt. Die Quadratur des Kreises ist also gefragt. Was also tun, wenn man in Kung Fu Panda schon den Gag des dicken, fetten Pandas, der die Künste des Kung Fu zu meistern lernt, ausgereizt hat? Nun, eine gute Idee ist es zumeist, die Hintergründe zur Hauptfigur zu vertiefen und etwas mehr über die Herkunft und die Background-Story zu erzählen. In diese Schiene bewegt sich auch „Kung Fu Panda 2“. Die Realisierung der Geschichte wurde Jennifer Yuh Nelson anvertraut, die schon am ersten Teil mitwirkte und mit dem zweiten Teil ihr Regie-Debüt geben durfte. Klar ist, dass etwas faul sein dürfte, wenn sich ein Gänserich als Vater eines Pandas bezeichnet. Diese Geschichte rund um Pos Herkunft wird im zweiten Teil nun aufgerollt. Und da sie eng verknüpft ist mit einem stolzen, gekränkten Pfau, der aufgrund einer für ihn ungünstigen Prophezeiung gleich mal Genozid betreibt, gibt es natürlich auch im zweiten Teil wieder viel flauschige Kung Fu-Action zu bewundern. Gut finde ich persönlich den Handlungsrahmen rund um den Bösewicht, der einerseits so böse ist, wie Schurken in Animationsfilmen nur sein können, andererseits auch eine tragische Note aufweist. Eine solche Differenzierung ist schwierig, gelingt aber in „Kung Fu Panda 2“ gut aufgrund einer sorgfältigen Charakterzeichnung. Der Rest ist dann tatsächlich „more of the same“, aber „Kung Fu Panda 2“ ist ein Film, der seinem ersten Teil nicht weit nachsteht – und damit befindet sich der Film definitiv im kleinen, erlauchten Kreis der gelungeneren Fortsetzungen. Mit dem dritten Teil geht es dann abwärts, aber gut, vielleicht ist die Geschichte rund um den Kung Fu kämpfenden Panda einfach irgendwann auch auserzählt.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: (c) 2011 Paramount Pictures, Quelle imdb.com)

Code Blue (2011)

Regie: Urszula Antoniak
Original-Titel: Code Blue
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama
IMDB-Link: Code Blue


Viel Text müssen die Schauspieler in Urszula Antoniaks Filmen nicht lernen. So auch in „Code Blue“, das von einer Krankenschwester (Bien de Moor) erzählt, die isoliert lebt und nur durch die Behandlung ihrer Patienten so etwas wie zwischenmenschliche Nähe erfährt. Dass sie es mit der Nächstenliebe etwas zu gut meint und das Leid der Patienten auf der Palliativstation etwas verfrüht beendet, passt irgendwie ins Bild. Eines Tages lernt sie mehr durch Zufall den jungen Deutschen Konrad (Lars Eidinger) kennen, und sie beschließt, sich auf ihn einzulassen, auch wenn ihr das soziale Handwerkszeug für eine solche Begegnung fehlt. „Code Blue“ ist ein schwieriger Fall. Mal wieder. Denn von den bislang gesehenen Filmen von Urszula Antoniak konnte mich bislang nur „Nothing Personal“ überzeugen. Stilistisch ansprechend sind alle ihre Werke, aber zu oft vergisst sie für meinen Geschmack auf die Geschichte und vor allem darauf, den Zuseher mitzunehmen. Vieles spielt sich in den Köpfen der Figuren ab, Vieles bleibt dadurch im Verborgenen. Doch diese gewollte Rätselhaftigkeit geht einem nur allzu schnell auf die Nerven, und Fadesse stellt sich ein. Das passiert auch in „Code Blue“, und das kann am Ende Lars Eidinger selbst mit dem enthusiastischsten Körpereinsatz nicht mehr ändern. Was von dem Film bleibt ist, dass ich schöne Bilder und allzu viel von Eidingers Schniedel gesehen habe. Das reicht dann wieder für eine Weile – sowohl was Urszula Antoniaks Filme als auch was das beste Stück Lars Eidingers betrifft.


3,5
von 10 Kürbissen

Alpen (2011)

Regie: Giorgos Lanthimos
Original-Titel: Alpeis
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama
IMDB-Link: Alpeis


Giorgos Lanthimos: der vielleicht größte Spinner im aktuellen europäischen Kino. Mit einfachen filmischen Mitteln gelingt es ihm regelmäßig, bekannte Alltagssituationen ins Rätselhafte zu drehen und die Sehnsüchte und Ängste der Menschen auf eine pervertierte Weise sichtbar zu machen – siehe beispielsweise The Lobster. „Alpen“ ist ein früheres Werk und steht zeitlich zwischen „Dogtooth“, mit dem er bekannt geworden ist, und eben „The Lobster“. Qualitativ wirkt dieser Film aber ein wenig wie eine Verschnaufpause zwischen zwei Meisterwerken. Auch hier ist die Prämisse wieder wahnsinnig interessant: Vier namenlose Griechinnen und Griechen (ein Sanitäter, eine Krankenschwester, eine Bodenturnerin und ein Trainer) schließen sich zusammen, um einen speziellen Service anzubieten. Sie nehmen für eine Weile für jeweils zwei, drei Stunden den Platz von Verstorbenen im Leben der Hinterbliebenen ein, um denen bei deren Trauerbewältigung zu helfen. Und natürlich birgt dieses tiefe Einsteigen in andere Leben auch Risiken mit sich. Allerdings ist „Alpen“ in der Ausführung weniger konsequent als es Lanthimos‘ andere Filme sind. „Alpen“ ist trotz des Themas weniger drastisch, weniger aufwühlend, sondern eher subtil und stellenweise sehr steril. Die Sterilität ist zwar ein Stilmittel in eigentlich allen seinen Filmen, sie sorgt für eine Kontrastfläche, auf der die Ungeheuerlichkeit und Absurdität des Inhalts noch besser zur Geltung kommt, aber in „Alpen“ fällt die Absurdität ein bisschen zu gering aus, und so fällt auch der Spannungsbogen rasch ab. Dennoch ein sehenswerter Film, der sich danach für wunderbare Diskussionen im Bekanntenkreis eignet. Das haben eigentlich alle Lanthimos-Filme an sich.


6,0
von 10 Kürbissen

Wuthering Heights – Emily Brontës Sturmhöhe (2011)

Regie: Andrea Arnold
Original-Titel: Wuthering Heights
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Historienfilm, Liebesfilm
IMDB-Link: Wuthering Heights


Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“ ist ein Klassiker der britischen Literatur. Wikipedia listet nicht weniger als 19 Verfilmungen des Stoffs auf. Andrea Arnolds Film aus dem Jahr 2011 ist eine der jüngsten Adaptionen. Wieder im 4:3-Bildformat gedreht, bindet sie die berühmte Liebes- und Leidensgeschichte von Heathcliff und Catherine in fast schon stoische Landschaftsaufnahmen ein. Das Moor um Wuthering Heights bildet eine raue Kulisse für diese zarten Gefühle, die man oft nur aus Andeutungen erahnt. Arnolds „Wuthering Heights“ ist ein stiller, meditativer Film, auch das Drama kommt hier auf leisen Sohlen und ohne pompöse Hintergrundmusik daher. Das verlangt den Darstellerinnen und Darstellern (Shannon Beer und Kaya Scodelario als Catherine, Solomon Glave und James Howson als Heathcliff) ein sehr subtiles Spiel ab, das alle vier bravourös meistern. Überhaupt sind die Besetzungen von Heathcliff hervorzuheben. Nicht nur optisch sind sich Glave und Howson sehr ähnlich, sondern auch in Gestik und Mimik, in ihren fragenden Blicken, sodass man tatsächlich vergisst, dass es sich um zwei unterschiedliche Personen handelt, die den jugendlichen und den jungen erwachsenen Heathcliff spielen. Die optische Ähnlichkeit ist bei Beer und Scodelario zwar nicht mehr so gegeben, doch auch die beiden bemühen sich nach Kräften, einen einzigen Charakter aus ihren beiden Persönlichkeiten zu machen. Das einzige Manko, das der Film in meinen Augen hat, ist, dass er zeitweise doch etwas zäh ist, dass die gewollte Subtilität eben auch zu Lasten des Spannungsbogens geht. Um die gesamte Spieldauer von zwei Stunden konzentriert bei der Stange zu bleiben, bedarf es auch der einen oder anderen Willensanstrengung. Trotzdem: Bilder und Darsteller machen aus „Wuthering Heights“ für mich einen sehr sehenswerten Film.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 65 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)

 


7,5
von 10 Kürbissen

Die Eiserne Lady (2011)

Regie: Phyllida Lloyd
Original-Titel: The Iron Lady
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Biopic, Drama, Politfilm, Historienfilm
IMDB-Link: The Iron Lady


Maggie, der britische Eisenschädel. Sie war und ist nicht unumstritten, und bei allen Verdiensten um Großbritannien, als besonders mitfühlend geht sie wohl nicht in die Geschichte ein. Sie fuhr schon einen harten Kurs, den vor allem die Arbeiterschicht am eigenen Leib zu spüren bekam. Thatcherism ist in der historischen Nachbetrachtung nicht unbedingt als besonders positiv eingeordnet. Aber wie sieht es um das Privatleben der Eisernen Lady aus? Phyllida Lloyd ging der Frage in ihrem Biopic aus 2011 nach. Und sie konnte sich dabei auf ihre Hauptdarstellerin verlassen, der unnachahmlichen Meryl Streep, die mal wieder völlig zurücktrat, um in ihrer Rolle als Margaret Thatcher aufzugehen. Verdient gab es dafür erneut einen Oscar für Streep als beste Darstellerin. Doch was bietet „Die Eiserne Lady“ darüber hinaus? Der Bogen ist jedenfalls interessant gespannt. Gleich zu Beginn sieht man Margaret Thatcher als alte Dame. Sie wird in ihrem Haus streng bewacht und führt Gespräche mit ihrem verstorbenen Mann (Jim Broadbent). Wir erleben Thatcher auf dem Boden ihres Lebens als demente Witwe. Und doch geht von ihr bzw. Streeps Darstellung eine große Kraft aus. In Erinnerungen und Flashbacks werden schließlich – schön chronologisch wie in den meisten Biopics – die wesentlichen Stationen ihres Lebens nacherzählt. Durch die Verknüpfung dieser Erinnerungen mit der Erkrankung wird der Film auch zu einem Drama über Altern, Krankheit und Demenz. Doch genau der Fokus auf diesen sehr menschlichen Aspekt in Thatchers Biographie lenkt ein wenig von ihrem Werden und Wirken als Politikerin ab. Immer wieder wird man als Zuseher an Punkte wichtiger Entscheidungen geführt, die sie getroffen hat, doch es bleibt meistens unklar, warum sie diese Entscheidungen so gefällt hat, wie sie es eben getan hat. Die (natürlich in der Politik oft komplexen) Hintergründe bleiben unklar. Und so besteht „Die Eiserne Lady“ primär aus einer Ansammlung von Anekdoten, die bestenfalls lose zusammenhängen. Das große Ganze erschließt sich nicht. Allerdings ist Meryl Streep dermaßen überragend, und gerade eben die Einbettung der Biographie in die Krankheitsgeschichte packt einen emotional dann doch, sodass der Film trotzdem immer interessant bleibt.

 


6,5
von 10 Kürbissen

Das bessere Leben (2011)

Regie: Małgorzata Szumowska
Original-Titel: Elles
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Elles


Es gibt drei Gründe, „Das bessere Leben“ anzusehen: Juliette Binoche sowie Joanna Kuligs linke Brust und Joanna Kuligs rechte Brust. Ist man eine heterosexuelle Frau oder ein homosexueller Mann, reduziert sich das auf Juliette Binoche. Diese spielt eine Reporterin, die für das Magazin Elle zwei junge Callgirls interviewt. Die beiden jungen Damen leben nach außen hin ein bürgerliches, studentisches Leben und haben es folglich nicht immer leicht, Privates und Beruf voneinander zu trennen. Im Laufe des Interviews kommt Anne, die Reporterin, den Mädchen emotional näher, sie freunden sich gewissermaßen an. Gleichzeitig wirkt Anne in ihrem Familienalltag ein wenig unentspannt, sie kann nicht loslassen. Wer sich jetzt die Frage stellt „So what?“, hat des Pudels Kern ganz gut erfasst. So what? Irgendwie führt der Film zu nichts. Will er ein Statement gegen Prostitution abgeben? Nein. Dazu ist das alles (mit einer Ausnahme) zu harmlos und zu lieblich in Hochglanzbildern dargestellt. Ist es ein Plädoyer für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau? Auch nicht wirklich. Denn so richtig selbstbestimmt wirkt niemand in diesem Film. Es fehlt das Ziel. Worauf will der Film hinaus? Welche Geschichte will er erzählen? Über die Verruchtheit, die in den Alltag einbricht? Dafür ist das Erzählte viel zu glatt und oberflächlich. Und so sitzt „Das bessere Leben“ irgendwie zwischen den Stühlen und kann sich nicht entscheiden, was es sein möchte. Nur Juliette Binoche ist gut wie fast immer. Sie spielt ihre Anne mit einer Mischung aus Neugier und Verletzlichkeit. Einzig diese Figur zeigt ein wenig Tiefe, aber auch da weiß man am Ende nicht, wohin die Geschichte diese Figur führen möchte. Am Ende bleibt der Eindruck, dass man hier mal was ganz Verruchtes machen wollte, über Prostitution und so, ganz heißes Thema, damit können wir die Klassikradio hörenden Spießbürgerlichen aufrütteln, da machen sie Augen ob der Abgründe, die sich aus ihren Begehrlichkeiten auftun. Ja eh. Gähn. Das Ergebnis ist so glattgebügelt und nichtssagend wie das Hochglanzmagazin, für das im Film die Reportage geschrieben werden soll.


5,0
von 10 Kürbissen

Take This Waltz (2011)

Regie: Sarah Polley
Original-Titel: Take This Waltz
Erscheinungsjahr: 2011
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Take This Waltz


Selten war eine Storyline so rasch erzählt wie jene von „Take This Waltz“: Margot (Michelle Williams) ist glücklich verheiratet mit Lou (Seth Rogan). Als sie den charismatischen Daniel (Luke Kirby) aus ihrer Nachbarschaft kennenlernt, beginnt sie, ihre Ehe in Frage zu stellen. Mehr gibt es inhaltlich erst einmal nicht zu sagen über Sarah Polleys Beziehungs- und Sinnfindungsfilm. Aber mehr ist auch gar nicht nötig, denn in diesem (klassischen) Stoff steckt ohnehin genug Material für zwei abendfüllende Stunden. Wortreicher lässt sich allerdings die Umsetzung beschreiben. Dann da gibt es allerhand zu entdecken. Von den warmen, gelb-goldenen Farben der Kamera über die Dramaturgie, die den Zuseher das eine oder andere Mal subtil in eine andere Richtung lenkt, um dann doch wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren, bis zum verletzlichen Spiel einer zuckersüßen Michelle Williams, deren Figur man nach diesem Film vom Fleck weg heiraten würde, auch wenn man weiß, dass man damit sehenden Auges in den Untergang rennen würde. Interessant fand ich, dass in einigen Reviews, die ich zu diesem Film gelesen habe, von der realistischen Darstellung dieser Sinnkrise und von den realitätsnahen und glaubhaften Charakteren geschrieben wurde. Glaubhaft sind die Figuren allemal, aber dennoch erkenne ich in „Take This Waltz“ weniger einen Film mit Anspruch auf Authentizität als vielmehr ein strikt durchkomponiertes Planspiel über Sehnsüchte, bei dem viel auf eine Metaebene gehoben wird. Dass dieser streckenweise artifizielle Aufbau (so interagiert der Daniel, der Love Interest, bis auf wenigen Ausnahmen fast gar nicht mit seiner Umwelt; vielmehr zeigt Sarah Polley Margot und Daniel immer nur in abgeschotteten, zweisamen Situationen, sodass ich mich lange Zeit gefragt habe, ob Daniel nicht nur ein Produkt von Margots Fantasie sein könnte) dennoch so gut auf einer emotionalen Ebene funktioniert, ist Sarah Polleys handwerklichem Können (die angesprochenen warmen Farben, die gute Musikauswahl) sowie der schauspielerischen Exzellenz von Michelle Williams zu verdanken, die ihre Margot auf eine unnachahmlich sensible Weise spielt. Auch Seth Rogen und Sarah Silverman sind hervorzuheben, die ihre Sache außerordentlich gut machen. Allein Luke Kirby hat kaum Gelegenheit, seinem Daniel Konturen zu verleihen, aber genau darin glaube ich auch wieder Polleys Absichten zu erkennen, die eben genau diese Figur wie ein Abziehbild stehen lässt – denn weniger geht es ihr um eine reale Liebesbeziehung als um das Sichtbarmachen geheimer Sehnsüchte und wie diese trotz glücklichem Leben plötzlich groß wie Drachen werden können. Ob jener, auf den diese Sehnsüchte projiziert werden, nun Daniel, John, Hans oder Ahmed heißt, ist dabei zweitrangig.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)