2014

Ich seh, ich seh (2014)

Regie: Veronika Franz und Severin Fiala
Original-Titel: Ich seh, ich seh
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Horror, Thriller
IMDB-Link: Ich seh, ich seh


Was dem österreichischen Film immer wieder gut gelingt, ist es, den Horror im Alltäglichen einzufangen. Michael Haneke hat dafür gute Beispiele gebracht. Hier hüpfen keine blutrünstigen Dämonen oder Vampirnonnen oder weiß der Kuckuck was aus finsteren Ecken – bei uns reicht es, wenn freundliche Nachbarn an der Tür läuten oder die Mama aus dem Krankenhaus nach Hause kommt. Das sagt vielleicht einiges über die österreichische Seele aus, wenn das unsere schlimmsten Albträume sind, aber den philosophischen Diskurs darüber spare ich mir. Lieber zurück zum Horrorthriller „Ich seh, ich seh“ von Veronika Franz und Severin Fiala. Ein einsames Haus im Waldviertel (und gibt es etwas Furchteinflößenderes als das Waldviertel?), ein Zwillingsbrüderpaar, die Mutter nach einem Unfall mit bandagiertem Gesicht und einer seltsamen Wesensänderung. Wo ist sie nur, die liebe, nette Mama, die den Kindern immer Lieder vorgesungen hat? Die neue Mama jedenfalls liegt am liebsten im Dunkeln zuhause bei heruntergelassenen Rollos, sie ist mürrisch und hat neue Regeln mitgebracht, die den beiden Brüdern Elias und Lukas nicht schmecken. Schon bald regen sich erste Zweifel: Ist das wirklich die Mama unter diesem undurchdringlichen Kopfverband? „Ich seh, ich seh“ spielt auf der Klaviatur der Psyche. Der Horror nährt sich hier aus den Zweifeln, die plötzlich an der engst möglichen Bindung überhaupt bestehe – der zwischen Mutter und Kindern. So wie das Vertrauen von Elias und Lukas unterlaufen wird, unterläuft der Film in weiterer Folge auch die Erwartungshaltung der Zuseher. Ich möchte nicht zu viel verraten – nur so viel: auch wenn sich ab einem bestimmten Punkt das Ende abzeichnet, trifft es einen dann doch in die Magengrube. „Ich seh, ich seh“ ist ein wirklich sehr solider Beitrag zum Horrorkino. Vielleicht ist der Film an der einen oder anderen Stelle etwas langatmig erzählt, aber insgesamt eine recht erfrischende Erfahrung.


7,0
von 10 Kürbissen

Nude Area – Sehnsucht & Verführung (2014)

Regie: Urszula Antoniak
Original-Titel: Nude Area
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Nude Area


Urszula Antoniak ist mir vor einigen Jahren mit ihrem Debütfilm „Nothing Personal“ positiv aufgefallen, eine melancholische Studie über zwischenmenschliche Annäherung. Dementsprechend gespannt war ich auf „Nude Area“. In diesem Film begehrt ein 16jähriges Mädchen aus gutem Haus eine muslimische Mitschülerin. Einen Sommer lang umschleichen sich die beiden, wortlos, nur ihre Blicke, ihre Mimik und ihre Gesten zeigen das Verlangen. So weit, so schön. Es geht doch nichts über sinnliches Begehren, das sich im Körper ausdrückt. Blöd nur, dass Antoniak bei all den vielsagenden Nahaufnahmen darauf vergessen hat, einen Film zu drehen. Denn das Konzept geht einfach nicht auf. „Nude Area“ ist zweierlei: Langweilig und bieder. Was für einen Film, in dem es um Begierde geht, das Todesurteil bedeutet. Selbst die formale, handwerkliche Umsetzung ist so uninspiriert, dass es fast schon wieder eine Kunst für sich ist. Blaustichige Bilder werden mit dissonantem Klaviergeklimper untermalt, und irgendwann taucht auch mal ein verschlafenes Saxofon auf. Das hat man schon in den 80ern nur noch im spätabendlichen Fernsehfilm gesehen. Auch dass der Film völlig wortlos und ohne eine einzige Dialogzeile auskommt, unterläuft die Dramaturgie eher, als dass es Spannung erzeugt. Denn wenn man alle fünf Minuten denkt: „So redet doch endlich mal miteinander, ihr fetzendepperten Tussis!“, dann wirkt sich das nicht förderlich auf das Qualitätsempfinden des Films aus. Allerdings wäre der Film mit Dialog wohl auch in fünf Minuten durch gewesen. Man kann aber sagen, dass  „Nude Area“ der sauberste Film aller Zeiten ist: Ständig steht wer unter der Dusche. Wer aber glaubt, auf diese Weise den einen oder anderen Blick auf schöne Körper erhaschen zu können, wird ordentlich enttäuscht. Denn das, was man sieht, sind hauptsächlich Rücken. Und Zeitlupen-Aufnahmen von Wassertropfen, die von der Haut abperlen. Nein, nichts an diesem Film ist ein Fest für die Sinne. Und nichts davon macht Sinn. Schade um die Zeit.


2,0
von 10 Kürbissen

Missverstanden (2014)

Regie: Asia Argento
Original-Titel: Incompresa
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama
IMDB-Link: Incompresa


Subtilität ist nicht wirklich Asia Argentos Sache. Die Tochter des exzentrischen Filmschaffenden Dario Argento zeigt in ihrem grellen Drama „Missverstanden“ etwas, was vielleicht ihre eigene Kindheit gewesen sein könnte – oder auch nicht. Und sie nutzt dabei die ganze Bandbreite an Stilmitteln und Überzeichnungen, die ihr zur Verfügung steht. Alle Erwachsenen geraten zu bösartigen Karikaturen (sei es die von Charlotte Gainsbourg gespielte selbstbezogene und sexbesessene Mutter, sei es der narzisstische, abergläubische Vater oder die überforderte, zu emotionalem Missbrauch neigende Lehrerin), an der die neunjährige Aria mit ihrem Versuchen, wahrgenommen und geliebt zu werden, abprallt wie von einer Betonwand. Nur eine schwarze Katze, die sie auf der Straße aufliest, kann zu einem emotionalen Anker werden. Auch der omnipräsente Soundtrack baut sich immer wieder wie eine Wand auf. Hier wird ein Leben in Splitter zertrümmert, und dieses Zersplitterte nimmt Argento mit ihren Schnitten, ihrer Dramaturgie, die immer wieder von Lücken unterbrochen wird, mit ihrer Musikwahl auf. Das macht „Missverstanden“ interessant und anstrengend zugleich. Denn natürlich ist die Gefahr groß, dass die vielen Einzelteile nicht mehr zusammenpassen, und dieses Gefühl kommt zwischendurch auch auf. Der Kleber, der diese vielen Teile dann doch einigermaßen zusammenhalten kann, ist die großartige Nachwuchsschauspielerin Giulia Salerno als Aria. Unprätentiös und mit kindlicher Unschuld in den Augen zeigt sie das von den Eltern ungeliebte Kind auf der Suche nach Zuneigung nicht als Opfer, sondern als jemanden, die später wahrscheinlich über eine große Stärke verfügen wird – sofern sie ihre Kindheit einigermaßen übersteht. Insgesamt ist „Missverstanden“ dennoch eine unausgewogene Sache, da Asia Argento zu oft mit dem Holzhammer arbeitet und es an leisen Zwischentönen und subtilen Nuancen fehlt.


5,0
von 10 Kürbissen

Gemma Bovery – Ein Sommer mit Flaubert (2014)

Regie: Anne Fontaine
Original-Titel: Gemma Bovery
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Gemma Bovery


In einer kleinen Stadt in der Normadie lebt der Bäcker Martin (Fabrice Luchini) mit seiner Familie. Eines Tages ziehen neue Nachbarn in das halb verfallene Haus nebenan – die Engländer Charlie (Jason Flemyng) und Gemma Bovery (Gemma Arterton). Angesichts der jungen Frau regen sich bei Martin lange verschollen geglaubte Gefühle, doch er ist damit nicht allein. Und angesichts seiner jungen Nebenbuhler gibt er schon bald das Feld auf, um sich stattdessen als ironisch distanzierter Kommentator des Geschehens mal mehr, mal weniger einzubringen. Dabei fällt ihm auf, dass sich die Geschichte der jungen Gemma immer mehr jener ihrer Namensvetterin Emma Bovary aus Flauberts berühmtestem Roman angleicht. Und wie der belesene Bäcker so weiß: Mit der hat es kein gutes Ende genommen. Also schreitet er ein. „Gemma Bovery“ hat zwei sehr überzeugende Argumente, warum der Film wirklich sehenswert ist. Das eine heißt: Gemma. Das andere: Arterton. Immer, wenn Gemma Arterton auf dem Bildschirm zu sehen ist und versonnen lächelt, wird alles ein bisschen leichter, die eigenen Probleme rücken in den Hintergrund, das Leben wird um eine Nuance lebenswerter. Die Frau ist einfach wahnsinnig schön und hat dabei (vor allem in diesem Film) eine geheimnisvolle, romantisch-sinnliche Ausstrahlung. Der Moment, wenn der arme Martin, der gar nicht so recht weiß, wie ihm geschieht, der hysterischen Gemma einen Bienenstich am Rücken aussaugen soll, ist auf der einen Seite komisch und überdreht, aber allein die Tatsache, dass es sich um Gemma Arterton handelt, deren Kleid am Rücken aufgeknöpft wird, verleiht dieser Szene plötzlich eine unfassbar erotische Komponente. „Gemma Bovery“ ist luftiges, heiteres Sommerkino mit viel Sinnlichkeit und literarischen Referenzen. Vielleicht kein Meisterwerk für die Ewigkeit, dazu ist der Film insgesamt zu leichtgewichtig, aber allemal sehenswert. Und für Gemma Arterton gibt es den Bonuspunkt obendrauf.


7,0
von 10 Kürbissen

Zwischen Welten (2014)

Regie: Feo Aladag
Original-Titel: Zwischen Welten
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Anti-Kriegsfilm
IMDB-Link: Zwischen Welten


Eine Erfahrung des vergangenen Wochenendes: Wenn man einen sitzen hat, sollte die Komplexität der Handlung des Films, den man sich ansehen möchte, proportional abnehmen mit der Zunahme der Promille. Einfach mal so gesagt. Den meisten Lesern wird das nicht völlig neu sein, denke ich, aber als Spätberufener in Sachen Alkoholkonsum habe ich hier noch eine Lernkurve hinzulegen, und weil ich ja über jeden Scheiß schreibe, teile ich diese Erfahrung nun mit diesem erlauchten Kreis hier. So gesehen war „Zwischen Welten“ der österreichischen Regisseurin Feo Aladag keine schlechte Wahl. Es geht um den deutschen Soldaten Jesper, der sich als Befehlshaber in ein afghanisches Kaff stationieren lässt und dort in Zusammenarbeit mit der örtlichen Miliz für Ruhe sorgen soll. Denn immer wieder wird das Dorf von den Taliban angegriffen. Mit Hilfe des Dolmetschers Tarik versucht Jesper, die strikte Ordnung des deutschen Heeres zusammenzuführen mit den örtlichen Begebenheiten, in denen andere Werte als bloßer Befehlsgehorsam zählen. Tarik selbst hat auch seine Probleme, denn er und seine Schwester werden von den Taliban bedroht. Am Ende läuft die Sache auf eine Gewissensfrage rund um Moral, Gehorsam und die Unerbittlichkeit des militärischen Apparates hinaus. „Zwischen Welten“ ist ein ruhiger und durchaus interessanter Film, der für einen Anti-Kriegsfilm mit überraschend wenigen Kampfszenen auskommt. Der Fokus liegt hierbei eher auf dem Zusammenspiel der Kulturen im Camp, das nicht immer einfach ist. Ein wenig mehr Spannung hätte dem Film dennoch gut getan. Auch die Hintergründe werden nicht immer klar. Warum beispielsweise der Dolmetscher unbedingt für die Deutschen arbeiten möchte, auch wenn sein Leben und das seiner Schwester bedroht wird, und warum die Taliban so einen Pick auf ihn haben, wurde entweder nicht wirklich erklärt oder war mir aufgrund des doch nicht ganz nüchternen Zustands bei der Sichtung und der damit einhergehenden Abnahme der Geistesschärfe ein bisschen zu hoch. Wer weiß.  Was definitiv nicht erklärt und auch nicht angedeutet wurde, ist die Motivation von Jesper, sich dieses gefährliche Kommando anzutun. Dadurch bleiben die Figuren, allen voran eben Jesper, leider etwas oberflächlich. Dennoch ein Film, den man sich durchaus mal ansehen kann – gerne auch nüchtern.


6,0
von 10 Kürbissen

Serena (2014)

Regie: Susanne Bier
Original-Titel: Serena
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Liebesfilm, Drama
IMDB-Link: Serena


„Drum prüfe, wer sich ewig bindet …“ George Pemberton (Bradley Cooper) hätte wohl seinen Schiller lesen sollen, ehe er Serena Shaw (Jennifer Lawrence) beim ersten Kennenlernen einen Heiratsantrag macht. Aber weil sie ja so hübsche Reh-Äuglein hat und auf Holz steht (George hat sein eigenes Holzfäller-Unternehmen), wird ganz einfach geheiratet und gefühlt zwei Minuten, nachdem der Filmtitel über den Bildschirm geflimmert ist, richten sich es die beiden schon als frisch angetrautes Ehepaar im Wald von North Carolina ein. Das dürfte einen Rekord bedeuten. Aber nach und nach stellt man gegenseitig fest, dass unüberlegte Entscheidungen zwar zu ganz witzigen Ergebnissen führen können, aber wenn man sein ganzes Leben danach ausrichtet, wäre ein bisschen Köpfchen davor ratsam gewesen. Vielleicht hätte sich George dann überlegen können, dass er sich besser um seinen unehelichen Sohn kümmern sollte, den er seiner Mitarbeiterin angedreht hat. Und Serena wiederum hätte zunächst einmal in ein paar Psychotherapiestunden den Feuertod ihrer ganzen Familie und den ungesunden Umgang mit Eifersucht aufarbeiten sollen. Und beide gemeinsam hätten erst einmal durchdenken können, ob die Aussicht auf die Abholzung des brasilianischen Regenwalds tatsächlich so verlockend ist, dass man dafür krumme Dinger dreht und es sich mit den besten Mitarbeitern, Freunden und Teilhabern verscherzt. Hätte hätte Fahrradkette. Jedenfalls haben die beiden nun einen ganzen Blumenstrauß von Problemen, mit der sie ihre frische Ehe dekorieren können. Mit ihren Mitarbeitern, mit dem Gesetz und miteinander. Ansonsten wäre es ja auch recht fad in den Smoky Mountains. Wenn man dort nicht gerade zufällig auf eine Klapperschlange latscht, erlebt man keine Abenteuer, die man nicht selbst mitgebracht hat. Leider wird aber die an sich nicht uninteressante Geschichte unterlaufen durch ihre sehr inkohärenten Hauptfiguren, die zudem von Minute zu Minute unsympathischer werden. Cooper und Lawrence bemühen sich nach Kräften, aber manchmal ist das Drehbuch einfach chaotisch und klischeebeladen, und dagegen kommen auch eine Oscar-Preisträgerin und ein mehrfach Oscar-Nominierter nicht an. (Wobei wir, liebe Academy, über die Nominierung Coopers für „American Sniper“ eh noch mal reden müssen.) Die Liebesgeschichte bleibt eine in ästhetische Bilder verpackte Behauptung, die Wendung zum Krimi hin ist nur kurz konsequent, bleibt aber prinzipiell folgenlos, und die Thriller-Elemente sind einfach nur simpel und können nicht mitreißen. Wir brauchen noch einen Bösewicht? Nehmen wir doch einfach den finster blickenden, schweigsamen Holzfäller. Nicht, dass der irgendeine Motivation für sein Handeln hätte, aber sein Bart wirkt so grimmig. Fazit: Ein schön gefilmtes Nichts. Eh irgendwie ganz nett anzusehen, aber fragt mich in ein paar Monaten noch mal, worum es geht in diesem Film. Heißt: Nein, fragt mich lieber nicht.


5,0
von 10 Kürbissen

A Most Violent Year (2014)

Regie: J. C. Chandor
Original-Titel: A Most Violent Year
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: A Most Violent Year


1981. New York. Die Kriminalitätsrate ist hoch, und in der Wirtschaft kommen noch eher Brechstangen und Eisen als Computer vor. Die Heizölgesellschaften bekämpfen sich gegenseitig mit allen erlaubten und vielen unerlaubten Mitteln, und die Staatsanwaltschaft ermittelt sicherheitshalber gleich mal gegen die gesamte Branche. Im Mittelpunkt von „A Most Violent Year“ steht der von Oscar Isaac verkörperte Unternehmer, der versucht, halbwegs redlich über die Runden zu kommen, dabei aber mit einem Bein im Gefängnis steht, den anderen Fuß in der Tür eines großen Geschäftsabschlusses hat und von hinten von den Gangstern gefickt wird, die seine Lastwagen kapern und sein Öl klauen. Dass seine von Jessica Chastain überragend gespielte Frau ihre Erziehung durch einen Gangstervater genossen hat, ist auch nur bedingt hilfreich. Kurz: Er hat Stress. Als Folge davon entwickelt sich ein Wirtschaftsthriller mit Längen, der zunächst nur schwer in Fahrt kommt, dann aber doch noch packender wird und am Ende ein ziemlich zynisches, da zutreffendes Statement über den Zustand des Kapitalismus abgibt. Der kleine Arbeiter liegt am Boden, der Rest wäscht sich gegenseitig die Hände.


6,5
von 10 Kürbissen

Selma (2014)

Regie: Ava DuVernay
Original-Titel: Selma
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm, Politfilm
IMDB-Link: Selma


Dass „Selma“ von Ava DuVernay bei der Oscar-Verleihung 2015 „nur“ als bester Film und für den besten Song nominiert war (für Letzteres bekam er dann auch die Auszeichnung), gehörte zu den großen Aufregern des damaligen Jahrganges. Was ist mit einer Nominierung für Ava DuVernay? Was ist mit David Oyelowo als Martin Luther King? Beides berechtigte Fragen, wenn man den Film sieht. Denn „Selma“ ist ein sehr ambitionierter Historienfilm mit großartigen Darstellern, allen voran eben Oyelowo, über einen wichtigen Moment in der Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Es geht um die von Martin Luther King angeführten Selma-Montgomery-Märsche aus dem Jahr 1965, die auf das Unrecht hinwiesen, dass schwarzen Bürgerinnen und Bürgern trotz neuer Gesetze immer noch der Zugang zu den Wahlen erschwert wurden. Bürokratische Willkür, jede Menge Fallstricke in den Gesetzestexten und eine völlige Ignoranz des Problems seitens der US-Regierung sorgten dafür, dass Zehntausende Amerikanerinnen und Amerikaner jeglicher Couleurs gegen alle Widerstände von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zogen und friedlich protestierten. „Selma“ zeichnet sowohl die Vorgeschichte als auch die Märsche selbst (erst der dritte konnte erfolgreich durchgeführt werden, während die ersten beiden noch von der Exekutive behindert wurden) nach. Martin Luther King wird dabei als Familienvater und Mensch mit Stärken und Schwächen gleichermaßen gezeigt. Der ausgewogene Blick tut dem Film und seiner starken Botschaft durch. Gleichzeitig wird der Stoff dadurch teilweise auch etwas trocken abgehandelt. Über die gesamte Laufzeit von über zwei Stunden hat der Film dann doch den einen oder anderen Leerlauf. In den besten Momenten aber ist er auf eine sehr positive, unpathetische Weise ergreifend. Auch in einem exzeptionell guten Jahrgang 2014/2015 (u.a. „Grand Budapest Hotel“, „Birdman or The Unexpected Virtue of Innocence“, „Boyhood“ oder „Whiplash“) konnte sich dieser Film durchaus behaupten und gehört, so behaupte ich mal, zu jenen Filmen, die auch in einigen Jahren noch relevant sein werden.

(Dieser Film ist als Reiseetappe # 52 Teil meiner Filmreisechallenge 2018. Mehr darüber hier.)


7,0
von 10 Kürbissen

Planet der Affen: Revolution (2014)

Regie: Matt Reeves
Original-Titel: Dawn of the Planet of the Apes
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Science Fiction, Action, Drama
IMDB-Link: Dawn of the Planet of the Apes


Tja, da haben wir den Salat. Die Menschheit hat sich mittels eines Virus ordentlich dezimiert, die Natur erobert die Städte zurück, und in den Wäldern vor der Stadt herrschen die Affen, smarte Kerlchen, die nun lesen und schreiben lernen. Einige Menschen haben überlebt, aber deren Infrastruktur ist zusammengebrochen und es sieht nicht gut aus für sie. Blöd, sich wenn das Wasserkraftwerk, das dringend wieder in Betrieb genommen werden muss, genau im Affenterritorium befindet. Mit Caesar, dem hochintelligenten Anführer der Affenbande, gäbe es ja keinen Stress, aber manch Anderer trägt die Erinnerung an jahrelange Misshandlung und Wut auf die Menschheit tief in sich drinnen und will am liebsten jeden Menschen tot sehen. Das bedingt natürlich Konflikte. Und entspinnt sich ein Durcheinander aus Intrigen und Gegenintrigen und gegenseitigem Misstrauen, das nur eine einzige Konsequenz möglich scheinen lässt: Ein für alle Mal muss geklärt werden, wer denn nun die dominante Spezies auf diesem Planeten ist.

War „Planet der Affen: Prevolution“ noch die langsam erzählte Vorgeschichte, die erst nach und nach die Daumenschrauben angesetzt hat, geht es in „Revolution“ ordentlich zur Sache. Der Fokus liegt auf dem Konflikt Mensch-Affe, auf deren Unterschiede und der Angst voreinander, und auch auf Affe-Affe, denn die Affen wittern nun, dass die Zeit ihrer Dominanz gekommen ist, dass sie zum ersten Mal in der Geschichte auf dem längeren Hebel sitzen. Und Caesar, der sich zu einer psychologisch interessanten Figur entwickelt, sitzt zwischen den Stühlen. Denn er ist primär Primat, allerdings hat er auch viel Gutes durch die Menschen erfahren, und seine höhere Intelligenz sagt ihm, dass es keine gute Idee ist, eine ganze Spezies auszurotten. Er kennt Mitleid und Erbarmen. Was also tun, wenn man sich rundherum an die Gurgel geht?

„Revolution“ ist eine gelungene Fortsetzung der Trilogie, hat aber das Problem, das viele Mittelteile von Trilogien haben: Die Vorgeschichte ist erzählt, das Ende ist noch weit weg – jetzt muss es also erst einmal krachen. Und so ist „Revolution“ deutlich actiongeladener als sein Vorgänger und weniger subtil, ohne dass aber ein Ziel abzusehen ist. So gesehen etwas schwächer als Teil 1, aber eine gelungene Brücke zwischen „Prevolution“ und „Survival“, dem Abschluss der Trilogie.


6,5
von 10 Kürbissen

99 Homes – Stadt ohne Gewissen (2014)

Regie: Ramin Bahrani
Original-Titel: 99 Homes
Erscheinungsjahr: 2014
Genre: Drama
IMDB-Link: 99 Homes


Dieses US-amerikanische Independent-Drama zeigt so ziemlich die Quintessenz des amerikanischen (bzw. westlichen) Kapitalismus auf. Ein junger Mann der Hard Working Class (Andrew Garfield), gerade arbeitslos geworden, wird zusammen mit seinem kleinen Sohn und seiner Mutter aus seinem Haus geworfen, da er sein Darlehen nicht zurückzahlen konnte und von der Bank enteignet wurde. Der Mann, in dessen Auftrag das Haus zwangsgeräumt wird (Michael Shannon, eine schauspielerische Urgewalt), ist Immobilienbroker und verdient sich eine goldene Nase mit Zwangsräumungen. Wie es das Schicksal so will, kommen die beiden zusammen, als der Makler dem Jungen die Chance gibt, für ihn zu arbeiten. Es entspinnt sich eine Art „Wall Street“ (der 80er-Film mit Michael Douglas und Charley Sheen) im Immobilienmarkt. Allmählich verschwimmen die Grenzen der Legalität und das Big Money nimmt Konturen an. Es kommt, wie es kommen muss: Der Junge verstrickt sich immer mehr in den windigen Geschäften des Maklers und wird vor ein moralisches Dilemma gestellt: Geld einstreifen und eventuell doch das Haus für seinen Sohn und seine Mutter retten, oder aussteigen aus dem unmenschlichen Geschäft, in dem alte, verwirrte, einsame Männer kaltblütig aus ihrem Haus geschmissen und auf die Straße gesetzt werden, wenn sie mit ihrem Darlehen in Verzug sind. „99 Homes“ ist ein guter und wichtiger Film, der von zwei richtig tollen Hauptdarstellern getragen wird und in vielen Szenen ordentlich an die Nieren geht. Das Ende ist dann ein bisschen zu Hollywood-like und kommt auch wenig überraschend. Dennoch ein insgesamt sehr sehenswerter Film, wenngleich er einer von jenen ist, die man kein zweites Mal sehen möchte.


7,0
von 10 Kürbissen