2015

Alles steht Kopf (2015)

Regie: Pete Docter
Original-Titel: Inside Out
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Animation
IMDB-Link: Inside Out


In unseren Köpfen spielt es sich ab. Freude, Ärger, Wut, Ekel und Trauer drücken Knöpfe und bestimmen unsere Reaktionen auf unsere Umwelt. So geht es auch der 11jährigen Riley, die gerade turbulente Zeiten erlebt: Gerade noch lebte sie glücklich mit ihren Eltern in Minnesota, wo sie ihre Freundinnen, ihr geliebtes Eishockey, ihre Schule hatte – und plötzlich ist sie in einer Bruchbude in San Francisco und muss sich damit herumschlagen, dass ihr Leben eine 180°-Wendung hingelegt hat. Die fünf liebevoll animierten Emotionen in ihrem Kopf haben indes eigene Probleme: Freude und Trauer werden aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände und als Resultat auf die Tatsache, dass Trauer plötzlich alle glücklichen Erinnerungen traurig färbt, ins Langzeit-Gedächtnis und ins Unbewusste geschleudert. Im Kontrollraum bleiben Ekel, Angst und Ärger – die einzigen Empfindungen, die Riley in ihrer neuen Situation noch bleiben. Freude versucht in der Zwischenzeit, wieder zurückzukehren und muss einige lehrreiche Erfahrungen dabei sammeln. „Inside Out“, so der Originaltitel des Pixar-Animationsfilms „Alles steht Kopf“, ist der vielleicht beste Animationsfilm, der jemals gedreht wurde. Klüger wurde im Format des kindertauglichen Animationsfilms nie beleuchtet, woraus sich die Facetten unserer Persönlichkeit zusammensetzen, wie Erinnerungen arbeiten, wie die Emotionen in uns werken und diese Erinnerungen färben – und warum wir am Ende die sind, die wir eben sind. Kinder werden aufgrund der quietschbunten Darstellung des Oberstübchens und vieler kindheitsgerechter Gags ihre Freude mit dem Film haben, aber das große Vergnügen haben tatsächlich wir Erwachsene. Der Film fordert uns zum Mitdenken und Mitfühlen auf. Und spielt dabei selbst alle Emotionen groß aus: Er ist stellenweise wahnsinnig komisch und gelegentlich auch herzergreifend traurig, aber nie sucht er nach einfachen Triggern, nie wirkt er plump dabei. Besser kann man Gefühle eigentlich nicht vermitteln. Und „Inside Out“ wird wohl zurecht als einer der großen Meilensteine des Animationsfilms in die Filmgeschichte eingehen.


9,0
von 10 Kürbissen

Kirschblüten und rote Bohnen (2015)

Regie: Naomi Kawase
Original-Titel: An
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama
IMDB-Link: An


Ja, der deutsche Verleihtitel des Films ist wahnsinnig schnulzig. Der Film selbst allerdings eine kleine, fein erzählte Geschichte über zweite Chancen und Außenseiter in der Gesellschaft. Eines Tages tritt die alte Dame Tokue (Kirin Kiki) in das Leben des Dorayaki-Imbissbetreibers Sentaro (Masatoshi Nagase). Bei Dorayaki handelt es sich um japanische süße Pfannkuchen, die mit Bohnenpaste gefüllt sind. Die Pfannkuchen bekommt der aus dem Gefängnis entlassene Sentaro ganz gut hin. Die Bohnenpaste ist aber schwierig, also kauft er sie lieber zu. Ein Affront in den Augen von Tokue, die sich prompt als Mitarbeiterin bewirbt und Sentaro eine Bohnenpaste hinzaubert, die es in sich hat. Fortan stehen die Kunden Schlange. Doch schon bald machen böse Gerüchte über Tokue die Runde, und Sentaro muss sich entscheiden, ob er den einfachen Weg gehen möchte oder den menschlichen. Naomi Kawase, die mich mit Radiance nicht restlos überzeugen konnte, macht in „Kirschblüten und rote Bohnen“ eigentlich alles richtig. Sie vertraut auf die stillen Töne für eine ruhige Geschichte und auf die Leistung ihrer Hauptdarsteller, die ihre Rollen mit viel Seele ausfüllen. Dennoch hat mich der Film nicht restlos überzeugt. Manches Mal gerät der Film ein wenig zu bedächtig und plätschert vor sich hin. Gut und interessant anzusehen, aber eben nicht wirklich mitreißend oder emotional fordernd. Auch das Ende ließ mich seltsam kalt, obwohl ich dem Film und Regisseurin Naomi Kawase kaum Vorwürfe machen konnte – das war schon gut und stimmig inszeniert. Aber die Implikationen sind eher im Kleinen zu sehen, und das allein hat mir – in diesem Fall – nicht ganz ausgereicht, um mich emotional zu involvieren. Trotzdem definitiv ein sehenswerter Film, der in sich runder und stringenter ist als „Radiance“, der zwei Jahre danach kam.


6,5
von 10 Kürbissen

Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus (2015)

Regie: Eva Husson
Original-Titel: Bang Gang (une histoire d’amour moderne)
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Bang Gang (une histoire d’amour moderne)


„Es is verraucht, laut und eng – da Schweiß tropft von die Wänd / Won nu ana einekamat hätts die gonze Hittn gsprengt / Wo is jetz die ane, klane? Grod hob is nu gseng / I bin scho gonz plemplem, de Hormone tonzn Pogo / Boid is des a Gangbang …“ Skero hat mit seinem Sommerhit „Kabinenparty“ vorweggenommen, woran sich Eva Husson fünf Jahre später filmisch versucht hat. Jedenfalls kommt man nicht umhin, schmunzelnd Vergleiche zu ziehen, wenn man in die Eröffnungssequenz von „Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus“ einsteigt. Auch dort schwitzen jugendliche Leiber auf engem Raum und eng miteinander verschlungen. So was kommt halt raus, wenn Sommerferien sind und es einem fad im Schädel ist. Im Zentrum des Film stehen die beiden Mädels George (Marilyn Lima) und Laetitia (Daisy Broom) und deren Vögelei mit dem hedonistischen Alex (Finnegan Oldfield), dessen Kumpel Nikita (Fred Hotier) und dem Außenseiter Gabriel (Lorenzo Lefebvre). Wer da nun die zentrale Hauptfigur ist, weiß man nicht so recht, aber das ist okay, die Regisseurin wusste es offenbar auch nicht. Der Film weist diesbezüglich keinen eindeutigen Fokus auf und mäandert ein wenig herum. Und das ist auch gleich mal eines der Grundprobleme, die dieser Film hat: Eine spürbare Unentschlossenheit. Eine moderne Version von „Kids“ möchte er sein, aber er hat eigentlich nichts zu erzählen, außer dass Jugendliche Sex haben und wenn sie zu viel und mit zu vielen unterschiedlichen Personen davon haben, sich einen Tripper oder Syphilis einfangen können. Im Grunde ist „Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus“ nicht viel mehr als ein eineinhalbstündiges, relativ zähes Plädoyer für den Gebrauch von Kondomen. Das hätte man auch kürzer fassen können. Da bleibe ich, wenn es ums Schwitzen in engen Räumen geht, dann doch lieber bei Skero. „Kabiiiiiinenparty – geht scho, gemma Vollgas!“


3,5
von 10 Kürbissen

Chucks (2015)

Regie: Sabine Hiebler und Gerhard Ertl
Original-Titel: Chucks
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Chucks


Die 18-jährige Mae (Anna Posch) ist das, was man bei uns in Wien gemeinhin als Kretzn bezeichnet. Für Konformität hat sie nicht viel übrig, sie zeigt ihrem Leben und allen Menschen darin lieber den Mittelfinger. Eines Tages überspannt sie den Bogen allerdings ein wenig und wird zu Sozialarbeit verdonnert. Und zwar in einer Beratungsstelle für AIDS-Erkrankte. Dort lernt sie den 21-jährigen Paul (Markus Subramaniam) kennen, der mit einer Kombination aus AIDS und Hepatitis C den Jackpot gezogen hat, wie er selbst süffisant bemerkt. Für die Lebenserwartung sieht das nicht gut aus. Dennoch entwickelt sich zwischen Mae und Paul allmählich eine zarte Liebesgeschichte, und wir erleben die Wandlung der Widerspenstigen zum sanften Lamm, die beim Stricken sogar häusliche Anwandlungen zeigt. Soweit klingt das alles mal recht nett und erbaulich. Allerdings hängt das Gelingen solcher Liebesgeschichten meiner Meinung nach sehr von der Chemie zwischen den Hauptfiguren bzw. den Darstellern ab. Und gerade in Bezug auf diesen wichtigen Punkt fährt „Chucks“ leider ziemlich an die Wand. Denn Anna Posch ist zwar bemüht und in der Rolle als Mae auch gut besetzt, aber unterm Strich (vor allem, wenn man sich die Vergleiche mit Cornelia Travniceks Buch-Vorlage ansieht, was dann dem Drehbuch anzukreiden ist) wohl zu brav, um den Zuseher emotional herauszufordern. Und Markus Subramaniams Spiel muss man leider als hölzern bezeichnen. So wird die Liebesgeschichte recht emotionslos abgespult, und darunter leidet wiederum die Glaubwürdigkeit der Figuren. Und was will man mit einer Love Story, die nicht berührt? Das ist, als würde man sich im gestandenen Wiener Wirtshaus ein Seitan-Schnitzel bestellen. Es sieht so aus wie ein Schnitzel, aber so richtig an das Geschmackserlebnis eines tatsächlichen Schnitzels kommt es nicht heran. Nun aber: Mahlzeit!


4,5
von 10 Kürbissen

Junun (2015)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Junun
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Dokumentation, Musikfilm
IMDB-Link: Junun


Diesen Tipp verdankte ich prinzipiell dem seligen Hans Hurch, der vor Beginn der letzten von ihm geleiteten Viennale das Publikum zu einer Informationsveranstaltung einlud. Dort machte er auf kleinere Perlen aufmerksam, die sonst vielleicht untergehen könnten. Dass ich aber „Junun“ verpassen könnte, stand von Vornhinein außer Frage, nachdem ich gelesen hatte, wer da aller seiner Finger im Spiel hatte. Beginnen wir mit dem von mir sehr geschätzten Jonny Greenwood. Der ist offenbar nicht damit ausgelastet, mit Radiohead die zeitgenössische Musik zu revolutionieren und Filmmusik zu schreiben. Also geht er nach Indien und bunkert sich dort mit einem Haufen lokaler Musiker (darunter eine Blasmusikkapelle) und dem israelischen Songwriter Shye Ben Tzur in der altehrwürdigen indischen Festung Meherangarh ein, um zu musizieren. Gut, dass er seine alten Spezis Paul Thomas Anderson und Nigel Godrich (den Produzenten von Radiohead) im Gepäck hat, denn so entsteht ein ganzes Album mit wunderbarer israelisch-indisch-westlicher Crossover-Musik, und der Entstehungsprozess wird auch noch filmisch eingefangen. Dabei hält sich Paul Thomas Anderson angenehm zurück. Er lässt Drohnen über die eindrucksvolle Festungsanlage kreisen, als würde er das Geschehen respektvoll aus der Ferne betrachten wollen. Eigentlich ist die nicht einmal eine Stunde dauernde Doku „Junun“ gar kein Film. Es ist ein langer Musikclip, der die Produktion des Albums „Junun“ dokumentiert. Und doch ist keine einzige Sekunde langweilig. Zu faszinierend ist es, diesen allesamt begnadeten und so unterschiedlichen Musikern zuzusehen, wie sie sich aufeinander einschwingen und wie aus ihren jeweiligen Zugängen zur Musik etwas völlig Neues, Einzigartiges entsteht. Die Musik ist absolut mitreißend und zeigt vor allem eines: Dass es auch unter Fremden immer etwas gibt, das sie vereint.

 


7,0
von 10 Kürbissen

Bis dass der Tod sie scheidet (2015)

Regie: Elizabeth Allen Rosenbaum
Original-Titel: Careful What You Wish For
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Thriller
IMDB-Link: Careful What You Wish For


Spätpubertärer Teenager, der keine Erfahrung mit Girls hat, fährt mit seinen Eltern, die ihm so ähnlich sehen wie Sushi und Schweinsbraten ähnlich schmecken, auf Sommerurlaub an die Küste, lernt dort die scharfe Nachbarin und deren erfolgsverwöhnten Macho-Ehemann kennen, der viel auf Reisen ist, bei der ersten Begegnung des hormongeplagten Jünglings mit der magersüchtigen Schönen fallen gleich die Hüllen, der Ehemann ist eifersüchtig, das Frauchen schutzbedürftig, es folgen dramatische Wendungen und all das wird begleitet von melodramatischer Musik. Voilà, hier haben Sie einen Thriller der Marke „Wir haben noch fünf Millionen Dollar Budget übrig, die wir verbraten müssen, damit der Jahresgewinn nicht so hoch ausfällt, der Steuern wegen warat’s“ oder auch „Hirn aus, DVD rein“. Wenn’s wenigstens Tutteln zu sehen gäbe abgesehen von einer völlig überraschenden (*gähn*) Wet T-Shirt-Post-Gewitter-Szene, dann hätte man wenigstens ruhigen Gewissens noch das Label „Erotikthriller“ argumentieren können. Aber nachdem sich der Film diesbezüglich arg züchtig gibt und auch sonst außer ein paar angedeutet heißen Küssen und dem Auffangen einer herunterfallenden Milchflasche mit dem nackten Fuß keinerlei hormonelle Aufregung zu verkraften ist, fällt selbst der voyeuristische Aspekt weg. Wenn die Chemie ausfällt, gibt’s eben auch keine Biologie. So bleibt nur die Erkenntnis, dass mal jemand Isabel Lucas zum Essen ausführen sollte (viele Kohlehydrate, bitte, die Holde fällt sonst noch vom Schemel) und dass es manchmal auch solche Gurken braucht, um uns daran zu erinnern, was einen richtig guten Film ausmacht.


2,5
von 10 Kürbissen

Thithi (2015)

Regie: Raam Reddy
Original-Titel: Thithi
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Thithi


Wegen solchen Filmen liebe ich Filmfestivals. Wann hat man sonst schon die Gelegenheit, ein indisches Familiendrama am Land zu sehen außer beispielsweise auf der Viennale? Dass Netflix diesen Film mittlerweile auch ins Programm aufgenommen hat, ist ein seltener Glücksfall, denn damit war wirklich nicht zu rechnen. Aber worum geht es in „Thithi“? Der 101jährige Dorfälteste hatte gerade noch Zeit, eine unflätige Schimpfkanonade auf jeden, der zufällig seinen Weg kreuzt, abzufeuern, ehe er nach langem und erfülltem Leben dann doch das Zeitliche segnet. Dessen Sohn, selbst schon ein alter Mann, nimmt das gelassen. Er will lieber gemütlich am Feld unter Bäumen sitzen, was rauchen und sich gelegentlich einen Schluck aus seinem Flachmann genehmigen. Blöd nur, dass dessen Sohn wiederum, der Enkel des Verblichenen also, gerade Geldsorgen hat, die ein Verkauf des Familiengrundstücks lösen würde. Nur sein Vater, der eigentliche Erbe, will davon nichts wissen, weil ihn solche profanen weltlichen Dinge einfach nicht mehr interessieren. Was tun? Na ja, mit ein bisschen Geld und Beziehungen und Erfindungsreichtum lassen sich auch in Indien gefälschte Dokumente wie zB ein Totenschein des quietschfidelen Vaters ausstellen. So weit, so gut. Nur muss jetzt der Vater verschwinden, um keinen Verdacht zu erwecken, am besten auf eine ausgedehnte Reise. Er wollte ja eh immer das Land sehen. Weit kommt er allerdings nicht, da er sich kurzerhand einer Gruppe von Schäfern anschließt, die unweit des Dorfes campieren. Beim Thithi für den verstorbenen Ahnen (eine Art Gedenkfest) kommt es zum unvermeidlichen Chaos. „Thithi“ hat alles: Eine kluge, interessante Geschichte, tolle Darsteller, einen spannenden Einblick in eine fremde Welt und eine Unzahl an Schafen, Ziegen und Handys. Trotz aller Fremdheit sind die Themen vertraut: Geldsorgen. Sorgen mit der lieben Verwandtschaft. Erste Liebe (den Urenkel des Toten erwischt es). Und der Versuch, in all dem Chaos immer noch einen Überblick zu behalten, die Fäden des eigenen Lebens zu ziehen. Vielleicht ist „Thithi“ einen Tick zu lang, aber eine lohnenswerte Erfahrung ist er allemal.

 


7,5
von 10 Kürbissen

Thank You for Bombing (2015)

Regie: Barbara Eder
Original-Titel: Thank You for Bombing
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Episodenfilm, Drama, Kriegsfilm
IMDB-Link: Thank You for Bombing


Mit Episodenfilmen ist es oft so eine Sache. Vielfach mag man bei solchen Filmen einzelne Geschichten, während andere so gar nicht zünden. Bei „Thank You for Bombing“ von der österreichischen Filmemacherin Barbara Eder sind zumindest alle drei Episoden des Films auf einem gleichbleibenden Level. Unterschiedlich sind nur die Charaktere und die Sprachen. In der ersten Episode wird ein alternder Journalist, verkörpert von Erwin Steinhauer, dessen grundsätzlich traurige Miene gut zur Figur passt, von seinem Chef nach Kabul geschickt, denn dort spielt es sich ab. Allerdings kommt er nicht über den Flughafen Wien-Schwechat hinaus, denn der traumatisierte Reporter vermeint einen Kriegsverbrecher aus dem Jugoslawien-Krieg wiederzuerkennen. Statt nach Kabul zu fliegen, lauert er diesem Burschen auf und versucht, ihn dingfest zu machen. In der zweiten Episode versucht die amerikanische Reporterin Lana in Kabul (Manon Kahle), als Kriegsreporterin ernst genommen zu werden. Da sie hübsch und blond ist, wird sie weder von den Kollegen noch von den von ihr Interviewten sonderlich respektiert. Um zu zeigen, wie tough sie ist, geht sie, als sie die Chance einer Investigativ-Story erhält, immer größere Risiken ein. Die dritte Episode schließlich zeigt den zynischen Reporter Cal (Raphael von Bargen), der sich in Afghanistan fürchterlich langweilt. Als auch noch seine Freundin via Skype Schluss mit ihm macht, brennen ein paar Sicherungen durch. „Thank You for Bombing“ zeigt das Geschäft mit den Nachrichten auf eine ungeschönte Weise. Das Problem bei der ganzen Sache ist nur dieses, dass der Film selbst ein wenig der Sensationsgier verfällt, was der eigentlichen Botschaft diametral entgegen steht. Und wenn ich zu Beginn geschrieben habe, dass alle drei Episoden qualitativ auf einem gleichbleibenden Level sind, so sagt das per se noch nicht viel über die Gesamtqualität aus. Denn alle drei Episoden sind gleichermaßen monoton inszeniert. So erinnert „Thank You for Bombing“ trotz des brisanten Themas eher an einen Fernsehfilm. Gut gemeint und phasenweise thematisch interessant, aber nichts, was einen wirklich aufrüttelt.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Kung Fury (2015)

Regie: David Sandberg
Original-Titel: Kung Fury
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Kurzfilm, Action, Fantasy, Komödie
IMDB-Link: Kung Fury


Ich bin der festen Überzeugung, dass es genau zwei Arten von Reaktionen auf die Sichtung von „Kung Fury“ gibt: Begeisterung, begleitet von hysterischem Lachen, oder völlige Ratlosigkeit. Ich oute mich als Zugehöriger zur ersten Gruppe. Schon als damals der Teaser-Trailer herauskam, mit dem David Sandberg via Kickstarter um die Finanzierung seines feucht gewordenen Bubentraums warb, war es um mich geschehen. 2015 konnte dann dank 600.000 US-Dollar Kickstarter-Spenden der ganze Film vorgestellt werden. Mit einer halben Stunde Laufzeit fiel das Werk dann doch etwas kürzer aus als ein normaler Spielfilm, aber andererseits: Wer in 30 Minuten so viel Irrsinn (und David Hasselhoff) hineinpacken kann, der braucht auch nicht mehr Zeit. Und das ist „Kung Fury“: Eine halbe Stunde völliger Wahnsinn. Sowohl Hommage als gleichzeitig Persiflage auf das Trash-Kino der 80er inklusive Störungen im Bild und einer Handlung, die diesen Namen nicht verdient. Aber das ist egal. Wenn ein von einer Kobra gebissener und vom Blitz getroffener Kung Fu-Supercop, nachdem er einen Amok laufenden Spielautomaten in seine Einzelteile zerlegt hat, in die Vergangenheit reist, um Adolf Hitler, den „Kung Führer“, zu töten, aber dabei versehentlich in die Zeit der Wikinger katapultiert wird, wo er zunächst von Laser-Raptoren beschossen wird, ehe ihn eine Walküre mit einer gezielten Salve aus ihrem Maschinengewehr rettet, und es dann doch zum Showdown in Nazi-Deutschland kommt, wo er Unterstützung von Thor, seinem Partner Triceracop, der Maschinengewehr-Wikingerbraut und einem sprechenden T-Rex bekommt, braucht man sich über kongruente Handlung wirklich keine Gedanken mehr machen. Aber damit ist auch alles über den Film gesagt, den man kostenlos auf Youtube bestaunen kann. Ein Trash-Fest, das absolut nichts ernst nimmt und eigentlich nur ein einziges Ziel hat: Immer dann, wenn der Zuseher glaubt, es geht nicht mehr absurder, noch mal einen Gang höher zu schalten.


8,0
von 10 Kürbissen

The Girl in the Book (2015)

Regie: Marya Cohn
Original-Titel: The Girl in the Book
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Drama
IMDB-Link: The Girl in the Book


Ich mag ja Filme über Bücher oder über Schriftsteller. Selbst bin ich eigentlich immer mit einem Buch unterwegs, und da ich selbst schreibe (abseits dieses Blogs auch fiktionale Texte), finde ich bei diesen Themen in der Regel sehr schnell einen persönlichen Bezug und entwickle damit rasch Interesse für den Film. „The Girl in the Book“, das Regiedebüt von Marya Cohn, klang schon mal vielversprechend. Es geht um die junge Lektorin Alice (Emily VanCamp), die nach vielen Jahren auf ihren einstigen Mentor Milan (Michael Nyqvist) trifft. Der, damals ein aufstrebender Stern am Literaturhimmel, hat das junge, vierzehnjährige Talent gefördert. Doch heute schreibt Alice keine Zeile mehr. Und als sich der ehemals väterliche Freund erstmals im Verlag zeigt, duckt sie sich weg. Da gab es also offensichtlich auch unschöne Momente zwischen den beiden. Und nach und nach entfaltet sich in Rückblenden das ganze Drama: Dass nämlich Milan höchst interessiert daran war, für das hübsche und introvertierte Mädchen mehr zu sein als nur ein Mentor. Die wiederum war in einem Zwiespalt der Gefühle – einerseits erfreut darüber, dass sich ein solch stattlicher Mann für sie interessierte, andererseits auch völlig überfordert mit der Situation und der Art und Weise, wie Milan sie manipulierte. Lolita lässt grüßen. Das alles hätte einen wirklich lange nachwirkenden Film abgeben können. Für das dramatische Thema kommt der Film einfach viel zu leichtfüßig daher und ist kaum glaubhaft. Auch ist Alice eigentlich die einzig interessante Figur in dem ganzen Ensemble. Milan selbst wird stereotyp und eindimensional gezeichnet, und die Nebenfiguren gehen unter vor Klischees – sei es der neue Love Interest mit dem sozialen Gewissen, der alles bestimmende Vater, die unterbutterte Mutter, die beste Freundin mit dem Kind, die immer mit guten Ratschlägen bereitsteht. Und irgendwann ist das alles nur noch ärgerlich, vor allem, da dieses brisante Thema, die pädophile Beziehung und die seelischen Verwundungen, die daraus entstehen, so banal abgetan wird.


3,5
von 10 Kürbissen