2016

Wet Woman in the Wind (2016)

Regie: Akihiko Shiota
Original-Titel: Kaze ni nureta onna
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Erotik, Drama, Liebesfilm, Komödie
IMDB-Link: Kaze ni nureta onna


Ganz ehrlich: Wegen solchen Filmen geht man doch auf Film-Festivals. Ich muss zugeben, bei der Ankündigung im Programmheft einer wilden Vögelei bin ich anno dazumal auf der Viennale 2016 mit der Erwartungshaltung in den Film gegangen, beim Viennale-Bingo meine wohlverdienten Kreuzchen bei den Feldern „Mehr als zwei Sexszenen“, „Brüste“ und „Penis“ setzen zu können. Bekommen habe ich „Mehr als zwei Sexszenen“, „Brüste“ und ein fettes Kreuz bei „WTF?“. Murakami im Wald meets Softporno-Parodie (inkl. der obligatorischen Jazzmusik). Ein Schriftsteller und Womanizer hat sich wegen einer nicht näher bezeichneten Frauengeschichte in eine Hütte im Wald zurückgezogen. Dort trifft er auf eine sehr ansehnliche und … ähm … seltsame, okay, nennen wir das Kind beim Namen: völlig durchgeknallte junge Frau, die ihn verführen will. Er weist sie ab, dann will er sie doch, sie weist ihn ab, dann kommt seine Exfreundin dazu samt Entourage (vier Milchbubis und eine verhuschte Sekretärin), und es endet, wie es enden muss: Alle stürzen sich aufeinander und die Ankündigung im Programmheft bewahrheitet sich (ist ja auch nicht immer so). Hunde heulen, ein größeres Tier röhrt im Wald, der Protagonist röhrt auch, das alles ist sehr witzig, aber irgendwie auch pointless. Ich habe das Gefühl, dass man statt der ganzen Vögelei auch einen sinnvolleren Film hätte drehen können. Ist halt nicht passiert. Aber Spaß macht es irgendwie trotzdem.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: (c) Nikkatsu, Quelle imdb.com)

10 Cloverfield Lane (2016)

Regie: Dan Trachtenberg
Original-Titel: 10 Cloverfield Lane
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Thriller, Horror, Science Fiction
IMDB-Link: 10 Cloverfield Lane


Eine junge Frau (Mary Elizabeth Winstead). Ein junger Mann (John Gallagher Jr.). Ein Gastgeber (John Goodman). Eine nette, gemütliche Wohnung mit einer Jukebox, jede Menge Gesellschaftsspiele, Puzzles – so kann man die Zeit verbringen. Muss man auch, denn nach Ansicht von Howard (Goodman) ist die Erde aktuell nach einer Attacke nicht bewohnbar. Die Wohnung befindet sich daher in einem Bunker unter der Erde. Und während Emmett (Gallagher Jr.) freiwillig die Gastfreundschaft von Howard angenommen hat, ist Michelle (Winstead) nicht aus freien Stücken hier. Und sie zweifelt an Howards Aussagen über die Luftqualität da draußen. „10 Cloverfield Lane“ baut sehr lose auf dem Horror-Sci Fi-Film „Cloverfield“ von Matt Reeves auf, geht aber komplett eigene Wege, indem er als Kammerspiel-Thriller inszeniert ist. Die Besetzung besteht so gut wie ausschließlich aus den drei genannten Darstellern, und 90 Prozent des Films spielen in der Bunkerwohnung. Als Zuseher darf man mit Michelle fröhlich mitraten, ob sie nun in die Fänge eines Psychopathen geraten ist oder Howard tatsächlich Recht hat und da draußen seltsame Dinge vor sich gehen. Lange lässt der Film diese Frage unbeantwortet. Daraus bezieht er seine Spannung. Wie befriedigend man nun das tatsächliche Ende empfindet, bleibt den persönlichen Präferenzen überlassen – ich selbst fand es gut und stimmig. Aber das ist wohl jener Aspekt des Films, an dem sich die Geister am meisten scheiden. Am besten macht man sich selbst ein Bild und bildet sich sein Urteil.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle imdb.com)

Mimosas (2016)

Regie: Oliver Laxe
Original-Titel: Mimosas
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama
IMDB-Link: Mimosas


Gott ist groß, und mit Gottes Hilfe findet man einen Weg – sei es auch zu Fuß durchs karge und verschneite Atlasgebirge mit einem toten Scheich, zwei Maultieren und keiner Ahnung von der örtlichen Topographie. So jedenfalls die Meinung von Shakib (Shakib Ben Omar), einem aus der Zeit (und einem Taxi) gefallenen Narren, der eine Karawane durch die Berge anführen soll, um eben jenem Scheich ein Begräbnis in seinem Land zukommen zu lassen. Ahmed und Said (Ahmed Hammoud und Said Aagli), seine Begleiter, sind da weniger hoffnungsvoll. Vor allem Ahmed ist ein Zweifler, der auf dem Weg schweren Prüfungen unterzogen wird. Was ist nun „Mimosas“ genau? Ein Road (bzw. vielmehr Rock) Movie? Ein Selbstfindungstrip? Ein Märchen? Ein Abenteuer? Eine Parabel? Wenn Taxis wie scheue Tiere durch die Wüste brettern, wenn Jahrhunderte ineinandergreifen und Handlungsebenen ineinander verschwimmen, dann versagen alle Definitionsversuche und man kann nur noch eines tun: Sich zurücklehnen und den Film einfach wirken lassen. Die Landschaftsaufnahmen gehören zu den schönsten, die ich in den letzten fünf Jahren gesehen habe, die (Laien)Darsteller überzeugen durch die Bank, ein hochinteressantes und mitreißendes Stück Kino, fremd und in vielerlei Hinsicht unverständlich vielleicht. Bezeichnend: Die häufigste Antwort des Regisseurs auf die Fragen des Publikums beim Q&A damals auf der Viennale 2016, als ich den Film zum ersten Mal sichten konnte, war „I don’t know“. Aber „Mimosas“ ist ein Film, der mir definitiv geblieben ist, der sich immer wieder in meine Gedanken schleicht mit seinen rätselhaften Bildern und dem Gefühl einer Reise ins Nirgendwo, vielleicht ins tiefste Innere des Menschseins an sich, aber wer weiß das schon?

 


7,5
von 10 Kürbissen

Love & Friendship (2016)

Regie: Whit Stillman
Original-Titel: Love & Friendship
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Historienfilm, Liebesfilm
IMDB-Link: Love & Friendship


„Love & Friendship“ ist die Verfilmung von Jane Austens „Lady Susan“. Kate Beckinsale spielt auf unnachahmliche, oscarverdächtige Weise eben diese, eine durchtriebene und äußerst lebensfrohe Witwe, die sich zwischen ihren dem Amusement dienenden amourösen Verwicklungen auch noch darum kümmern muss, ihre Tochter möglichst vorteilhaft unter die Haube zu bringen. Und das ist schön anzuschauen (diese gut aussehenden Menschen in ihren vorteilhaften Garderoben!), schön anzuhören (diese gewitzten und geschliffenen Dialoge!) und darüber hinaus ein herrliches Spiel mit doppeltem Boden mit dem Medium Film an sich. Denn wenn zB eine neue Figur eingeführt wird, so wird diese dem Publikum erst mal in einer Frontalaufnahme präsentiert samt Namen, Verwandtschafts- bzw. Bekanntschaftsverhältnis sowie einer sarkastischen Anmerkung zur Person. Jeder bekommt sein Fett weg. Und so versteht sich der Film nicht nur als akkurates Kostümdrama, sondern gleichzeitig als augenzwinkernder und phasenweise extrem witziger Kommentar auf das ganze Genre. Eine sehr gelungene Jane Austen-Verfilmung, mit der wohl die Autorin selbst auch ihren Spaß gehabt hätte, und eine große Rolle für Kate Beckinsale, um die es in den letzten Jahren leider sehr still geworden ist. Man wünscht sich, dass sie mehr von diesen wunderbaren Rollen angeboten bekommt.

 


7,5
von 10 Kürbissen

Neruda (2016)

Regie: Pablo Larraín
Original-Titel: Neruda
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Biopic, Krimi, Drama, Komödie
IMDB-Link: Neruda


Luis Gnecco spielt Pablo Neruda, den großen Volksdichter Chiles und einen der bedeutendsten Vertreter des Kommunismus. Dieser tritt in den Augen der Machthaber etwas zu vehement gegen das herrschende Regime auf und wird so seines Amtes als Senator enthoben und soll verhaftet werden. Neruda flüchtet, geht mit seiner Frau Delia (Mercedes Morán) in den Untergrund, unterstützt von seinen Parteifreunden. Der Polizist Oscar Peluchonneau, gespielt von Gael García Bernal, heftet sich an seine Fersen. Der sinnliche Liebes- und Lebensmensch Neruda hat keine Lust darauf, sich wie ein Käfer zu verkriechen, und so entspinnt sich rasch ein amüsantes wie spannendes Katz-und-Maus-Spiel. Ich muss zugeben, ich tat mir anfangs trotz der großartigen Darstellerleistungen und der extrem intelligenten Dialoge etwas schwer, in den Film hineinzufinden, denn Vieles schien mir überzeichnet zu sein, maßlos übertrieben, überdramatisiert. Aber dann fiel der Groschen: „Neruda“ ist nicht einfach ein politisches Bio-Pic, sondern vielmehr (auch) eine vergnügliche Hommage an den Film Noir und die Hard-Boiled-Detektivgeschichten der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Spätestens wenn der knallharte, wortkarge Polizist Peluchonneau (herrlich missverstanden in einer Szene, als ein Mann seinem Gutsherrn die Ankunft des Polizisten ankündigt und auf dessen Frage, was denn der für einer sei, antwortet mit: „Halb Idiot, halb Arschloch“) über seine eigene Rolle in Nerudas Geschichte zu reflektieren beginnt, löst sich das Vexierspiel zwischen den Genres auf, und der Film steuert auf einen grandiosen Showdown im Schnee der Anden hin. Kluges, großes und herrlich selbstironisches Kino.


8,0
von 10 Kürbissen

Radio Dreams (2016)

Regie: Babak Jalali
Original-Titel: Radio Dreams
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Komödie, Musikfilm
IMDB-Link: Radio Dreams


PARS Radio ist ein iranischer Radiosender in San Francisco, der die erste afghanische Alternative Rock-Band Kabul Dreams (gibt es wirklich) zu einer Session mit der US-Metal-Band Metallica (gibt es auch) eingeladen hat. Mr. Royani (Mohsen Namjoo), der Programmdirektor, war einst ein gefeierter Autor im Iran und muss sich nun mit amateurhaften Mitarbeitern, dummen Werbe-Einspielungen, einer Carlos Valderrama-Gedächtnis-Frisur in Grau und einem vagen Gefühl des Heimwehs herumplagen. Beckett hat einst „Warten auf Godot“ geschrieben. Dieser zauberhafte, sehr lakonische Film ist „Warten auf Metallica“. Der Tag vergeht. Das Programm geht zur Neige. Man muss improvisieren. Da draußen, außerhalb der sicheren Räume des Radiosenders, befindet sich eine fremde, einschüchternde Welt (was ausnahmsweise mal nicht an Metallica liegt). Und allmählich begreift man als Zuseher das Thema des Films: Das Fremde. Die Suche nach Identität, das Leben in der Diaspora, wo die Träume an den Mauern der Stadt zerschellen. „Radio Dreams“ ist witzig, hintersinnig und melancholisch. Und fühlt sich kurioserweise trotz aller Fremdheit trotzdem sehr vertraut an. Vielleicht, weil die Musik auch das Fremde miteinander verknüpft. Und das weiß schließlich auch Lars Ulrich, seines Zeichens nach Schlagzeuger von Metallica.

 


8,0
von 10 Kürbissen

Scarred Hearts – Vernarbte Herzen (2016)

Regie: Radu Jude
Original-Titel: Inimi cicatrizate
Erscheinungsjahr: 2016
Genre: Drama, Biopic
IMDB-Link: Inimi cicatrizate


Lose basierend auf dem Leben des jüdisch-rumänischen Schriftstellers Max Blecher erzählt Radu Jude in „Inimi Cicatrizate“ („Scarred Hearts – Vernarbte Herzen“) die Geschichte des Anfang zwanzigjährigen Dichters Emanuel, der 1937 in ein Sanatorium am Meer eingewiesen wird. Sein Krankheitsverlauf ist ein Auf und Ab, auch eine fragliche, undefinierbare Liebesgeschichte bahnt sich an, draußen in der Welt macht sich gerade ein gewisser Hitler daran, die Welt in Brand zu stecken, was aber innerhalb der geschützten Welt des Sanatoriums fast gleichgültig wegdiskutiert wird zwischen Juden und Antisemiten, die aufgrund ihrer eigenen persönlichen Krankheitsschicksale der Weltpolitik nicht übermäßig Beachtung schenken, man sitzt ja hier im gleichen Boot. Parallelen zu Thomas Manns „Zauberberg“ drängen sich auf. Die Dialoge sind toll und voller hintergründigem Witz (auch hier kann man durchaus den Quervergleich zu Thomas Mann ziehen), die Ausstattung spiegelt die Zeit, in der die Geschichte spielt, eindrucksvoll wider, und doch macht es der Film dem geneigten Zuseher schwer, Zugang zu finden. Zu viel will Radu Jude in seinem teils grotesk überzeichneten Biopic-Drama erzählen, zu langsam tut er es, zu wenig steckt dann letzten Endes dahinter. Nicht schlecht, aber wenn man nicht völlig fit in diese filmische Tour de Force über die Macht der Vergänglichkeit geht, droht Gefahr, im Verlauf der fast 2,5 Stunden Spielzeit selig wegzuschlummern.

 


6,0
von 10 Kürbissen