2017

Molly’s Game – Alles auf eine Karte (2017)

Regie: Aaron Sorkin
Original-Titel: Molly’s Game
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Krimi, Biopic, Drama
IMDB-Link: Molly’s Game


James Joyce wäre verblüfft, hätte er gesehen, was aus seiner Molly Bloom geworden ist. Nämlich eine abgebrühte Unternehmerin auf der Schattenseite des Wirtschaftslebens, die illegale Pokerspiele für Reich & Schön organisiert, für Hollywood-Stars, aufstrebende Neureiche, Dotcom-Millionäre, und das eine oder andere namhafte Mitglied der Russenmafia taucht auch gelegentlich in diesem illustren Kreis auf. Aber was soll’s – der Rubel rollt, und Molly verdient gutes Geld. Bis eines Tages ein paar uniformierte Herren mit finsterem Blick in ihrer Wohnung stehen. So rasant der Aufstieg, so schnell kann es auch wieder bergab gehen. Aber Molly Bloom ist eine findige junge Dame, und so verarbeitete sie ihre Geschichte ganz einfach in einer Biographie, die zum Bestseller wurde. Und eben jenen Bestseller verfilmte 2017 ein echtes Dreamteam: Aaron Sorkin, mehrfach preisgekrönter Drehbuchautor (u.a. für „The Social Network“ oder „Moneyball“), als Autor und Regisseur sowie Jessica Chastain in der Hauptrolle der Molly Bloom. In ihrem jeweiligen Fach sind beide absolute Ausnahmekönner. Dass Jessica Chastains Karriere bislang noch nicht Oscar-gekrönt ist, kann man nur als schweres Versäumnis werten. Ihnen zur Seite stehen weitere namhafte Kollegen wie beispielsweise Idris Elba als Molly Blooms Anwalt oder Kevin Costner als ihr Vater. Auch Michael Cera macht als notorischer Pokerspieler eine gute Figur. Warum „Molly’s Game“ trotz aller Ingredienzien dennoch nicht zu 100% zündet, liegt an der dann doch etwas zähen Spieldauer von fast 2,5 Stunden. Aaron Sorkins Drehbücher sind immer raffiniert, klug geschrieben, dialogreich und subtil. Auf die Dauer von 2,5 Stunden ausgebreitet können sie aber auch anstrengend werden, da sie ein hohes Maß an Konzentration vom Zuseher erfordern. Genau das erweist sich als einzige kleine Schwachstelle in einem ansonsten sehr guten, sehenswerten und toll gespielten Film.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Michael Gibson – © 2017 – STX Films, Quelle: imdb.com)

The Meyerowitz Stories (New and Selected) (2017)

Regie: Noah Baumbach
Original-Titel: The Meyerowitz Stories (New and Selected)
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Komödie, Drama
IMDB-Link: The Meyerowitz Stories (New and Selected)


Adam Sandler kann schauspielen. Was man seit „Punch Drunk Love“ von Paul Thomas Anderson vielleicht schon ahnte, wurde mit „The Meyerowitz Stories (New and Selected)“ von Noah Baumbach 2017 Gewissheit. Gebt dem Mann einfach eine Rolle, in der er seinen Dackelblick zielbringend einsetzen kann – und das Ding läuft. Wenn auch noch ein fatalistischer Ben Stiller, ein stoisch-komischer Dustin Hoffman, eine überspannte Emma Thompson und eine depressive Elizabeth Marvel zur Seite stehen, ist erstens das Patchwork komplett und zweitens das Ergebnis komischer als es klingt. Eigentlich handelt „The Meyerowitz Stories“ von nicht viel. In einer jüdischen Familie, die vom dominanten Vater (Hoffman), einem Künstler, dem nie die Anerkennung zuteil wurde, die er sich selbst gewünscht hätte, dominiert wird, versuchen die beiden Söhne (Sandler und Stiller) sowie die Tochter (Marvel), ihren eigenen Weg zu finden – was angesichts der langen Schatten, die der Vater wirft, nicht so einfach ist. Eigentlich plätschert der Film so vor sich hin, ohne wirklich zu zünden. Gleichzeitig ist das Geschehen aufgrund der klug geschriebenen und gut gespielten Figuren zu jedem Zeitpunkt interessant. Was irgendwie auch die Quintessenz von Noah Baumbach-Filmen beschreibt. Vielleicht hätte man sich eine stringentere Geschichte gewünscht, eine festere Hand in der Figurenführung – aber ganz ehrlich: Das Leben ist nun mal ein zuweilen zäh fließendes Ding, das hauptsächlich durch unsere Neurosen aufgepeppt wird. Und diese Stimmung fängt Noah Baumbach – mal wieder – sehr gut ein. Fazit: Es lohnt sich definitiv, da mal einen Blick hineinzuwerfen, vor allem, wenn man Sandler bislang nur aus den halblustigen bis gar nicht lustigen überdrehten Komödien kennt, mit denen er hauptsächlich seine Kohle gescheffelt hat.


7,0
von 10 Kürbissen

Under the Tree (2017)

Regie: Hafsteinn Gunnar Sigurðsson
Original-Titel: Undir trénu
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Komödie
IMDB-Link: Undir trénu


Die Isländer sind schon ein lustiges Volk. Da kann es schon mal passieren, dass die Insel verwaist ist, weil sich fast ganz Island auf den Weg nach Frankreich gemacht hat, um das heimische Fußball-Team, das bei der EM für ein Fußballmärchen sorgt, mit kriegerischen Huh-Rufen anzufeuern. Aber wer hütet dann die Schafe? Oder kommen die etwa mit? Egal. Was allerdings bei den Isländern gleich ist wie bei den Bewohnern anderer Länder: Die Nachbarn kann man sich halt oft nicht aussuchen. Und wenn dann ein zu groß gewachsener Baum einen Schatten auf die sonnenwütige Nachbarin fällt, die ihren Teint in Gefahr sieht, wird es in Reykjavík genauso ungemütlich wie in Rio, Rostock oder Ramingstein. Die Mittel, zu denen die Protagonisten in Hafsteinn Gunnar Sigurðssons Film greifen, werden aber zunehmend unorthodoxer. Ob das in Rio, Rostock oder Ramingstein genauso gehandhabt wird, kann man bezweifeln. Allzu typisch für Reykjavik wird das Verhalten aber auch nicht sein. „Under the Tree“ ist eine grimmige, schwarzhumorige Komödie über Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben und dadurch alles, was sie verlieren, noch umso gründlicher in die Binsen gehen lassen. Persönliche Abgründe führen zu einem Verhalten, das man eigentlich, wenn man ehrlich ist, ganz gut nachvollziehen kann. Aber niemand von uns, der noch seine sieben Murmeln beisammen hat, käme auf die Idee, diese verlockenden Gedanken auch in die Tat umzusetzen. So gesehen lebt „Under the Tree“ ein bisschen den Traum der vom Leben benachteiligten Wutbürger. Das alles wird aber auf eine isländische zurückhaltende Weise erzählt, die mitunter Längen aufweist. Und richtig sympathisch ist da keiner von der Truppe, weshalb das emotionale Involvement eher gedämpft bleibt. Trotzdem ein guter, sehenswerter Film, der vielleicht ein paar Anregungen für mögliche Maßnahmen gibt, wenn der depperte Nachbar seinen BMW mal wieder vor der Ausfahrt parkt. Zu guter Letzt noch eine Anmerkung: Gibt es einen isländischeren Namen als Hafsteinn Gunnar Sigurðsson?

 


6,5
von 10 Kürbissen

Fortunata (2017)

Regie: Sergio Castellitto
Original-Titel: Fortunata
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Fortunata


Fortunata (Jasmine Trinca) ist etwa so tiefenentspannt wie ein Eichhörnchen auf Speed. Gegen ihre stakkatoartig herausgeschossenen Dialogzeilen wirken die Gilmore Girls, als würde Alexander Van der Bellen seine alljährliche Neujahrsansprache halten. Die junge Frau steckt gerade in einer ziemlich hässlichen Scheidung von ihrem Mann Franco (Edoardo Pesce, dessen Rolle arg eindimensional angelegt ist), die 8-jährige Tochter Barbara (Nicole Centanni) leidet darunter, während Fortunata versucht, gemeinsam mit ihrem Jugendfreund und Nachbarn Chicano (Alessandro Borghi) einen Friseursalon zu eröffnen (für den aber das Geld fehlt) – mit einem Wort: die Lage ist fatal. Da hilft nur eins: Ein Banküberfall! (Ähm … falscher Film, sorry. Das Abschiedskonzert der EAV am Freitag hat so seine Spuren hinterlassen.) Also nein, kein Banküberfall. Aber ein Silberstreif am Horizont zeigt sich in Form des attraktiven Kinderpsychiaters Patrizio (Stefano Accorsi), der sich um die seelischen Wunden ihrer Tochter kümmert. Vielleicht hat Fortunata, die Glückliche, nun doch einmal Glück in ihrem Leben?

An sich hätte „Fortunata“ von Sergio Castellitto gute Anlagen für einen berührenden und mitreißenden Film. Jasmine Trinca spielt die Hauptfigur mit unglaublich viel Verve, auch Alessandro Borghi, Stefano Accorsi und die junge Nicole Centanni können überzeugen, die Kameraarbeit ist stellenweise ausgezeichnet und die Geschichte von universeller Relevanz, geht es hier doch um die Träume nach einem besseren Leben, um Familie und die Suche nach einem Platz in der Welt, nach Liebe und Geborgenheit, nach dem Gefühl, endlich angekommen zu sein. Leider hat Castellitto aber versucht, so ziemlich jede denkbare Emotion in seinem Film festzuhalten und der Darstellung dieser Emotion möglichst breiten Raum zu geben. Und so wird der Film zu einem Stückwerk von Szenen, die einfach nicht zueinander passen. In einem Moment befindet man sich in einer Screwball-Komödie, nur zum zehn Sekunden später ein herzergreifendes Melodram mitzuerleben. Auf stille, eindringliche Momente folgen hysterische Szenen, in denen man jede einzelne Figur nur an die Wand klatschen möchte ob des Gefuchtels und Geschreis. Wenn das 8-jährige Scheidungskind mit emotionalen Problemen die ruhigste und nachvollziehbarste Figur ist, dann spricht das für sich. So bleiben am Ende zwar einzelne starke Szenen im Gedächtnis, der Film als Ganzes ist jedoch als verunglückt zu bezeichnen.


4,0
von 10 Kürbissen

Laika (2017)

Regie: Aurel Klimt
Original-Titel: Lajka
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Animation, Musical
IMDB-Link: Lajka


Aurel Klimts „Laika“ ist der Film, auf den ich mich im Vorfeld des Crossing Europe Festivals am meisten gefreut habe: Ein Stop-Motion-Musicalfilm über die Hündin Laika, das erste Lebewesen im Weltall. Traurigerweise ist die reale Laika wenige Stunden nach dem Start der Rakete, die sie ins Weltall geschossen hat, verstorben – vermutlich aufgrund des Stresses. Aurel Klimt erzählt die Geschichte ein wenig anders. Denn in seinem Film wird Laika durch ein schwarzes Loch in eine fremde Galaxie gesogen, wo sie auf einem fantastisch anmutenden Planeten neue Freunde trifft – und sich alten Widersachern stellen muss. Aurel Klimt ist mit diesem Film ein kleines Wunderwerk gelungen. Ich habe ja ein Herz für Stop-Motion-Animationsfilme. Die sind so eine gewaltige Fitzelarbeit, und nur wenige Filmemacher tun sich das wirklich an. Im Ergebnis sieht man das Herzblut, das da hineingesteckt wurde, jedoch immer, ob nun in Wes Anderson großartigen Tier-Abenteuern oder bei Charlie Kaufmans „Anomalisa“, um nur zwei Regisseure zu nennen, die auf diesem Gebiet Meisterwerke geschaffen haben. Aurel Klimt muss sich dahinter aber nicht im geringsten verstecken. So bunt, so ideenreich, so herzerfrischend anders und mit so viel lakonischem Humor erzählt ist sein „Laika“, dass jede Minute Freude macht. Ich wünschte nur, ich wäre nicht in der Spätvorstellung um 23 Uhr gesessen, denn ausgeschlafen und fit hätte ich den Film noch mehr genießen können. Aber das wird hoffentlich noch nachgeholt. In der Zwischenzeit singe ich den Titelsong vor mich hin und schunkele dazu mit: „Lai lai lai lai lai Laika, lai lai Laika!“


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Beach Rats (2017)

Regie: Eliza Hittman
Original-Titel: Beach Rats
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: Beach Rats


Als Heranwachsender hat man es nicht einfach. Das war schon immer so, das ist überall so. Wenn allerdings auf dem Weg ins Erwachsenenleben weitere Stolpersteine auftauchen wie ein schwer kranker und dahinsiechender Vater, eine prekäre finanzielle Haushaltssituation und das Entdecken der eigenen homosexuellen Neigungen, während im Freundeskreis selbst eine latente Homophobie vorherrscht, wird die Sache so richtig kompliziert. Diese Erfahrung muss Frankie (wunderbar zurückhaltend gespielt von Harris Dickinson) machen. Und dann wirft auch noch die hübsche Simone (Madeline Weinstein) ein Auge auf den Feschak. Weil eben eine gewisse Erwartungshaltung seitens des Freundeskreises und der Mutter zu spüren ist, lässt sich Frankie auf eine Beziehung ein. Doch auch wenn er Simone mag, er mag eben den Videochat mit älteren schwulen Männern mehr. Dass das zu Komplikationen führt, oft auch in Verbindung mit exzessivem Drogenkonsum, ist dann keine sonderliche Überraschung. Was allerdings schon eine positive Überraschung ist: Dass der Film trotz der Schwere des Themas und der schwierigen Verhältnisse des sozialen Milieus, die er zeigt, nie zu einer Nabelschau wird. Vielmehr erzählt Eliza Hittman in ihrem Spielfilmdebüt sehr einfühlsam und trotzdem mit einer gewissen wertfreien Distanz von diesen Schwierigkeiten. Man spürt: Sie nimmt ihre Protagonisten ernst. Und sie verzichtet auf den erhobenen moralischen Zeigefinger. In „Beach Rats“ versucht einfach nur ein 17jähriger, mit den Anforderungen, die das Leben an ihn stellt, zurecht zu kommen. Das gelingt ihm mal mehr, mal weniger. Eine Entwicklung ist aber zu spüren. Und das macht „Beach Rats“ zu einem wirklich sehenswerten Film, den man aktuell auf Netflix sichten kann.


7,5
von 10 Kürbissen

Die Frau des Nobelpreisträgers (2017)

Regie: Björn Runge
Original-Titel: The Wife
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama
IMDB-Link: The Wife


Das ältere Ehepaar Castleman (Glenn Close und Jonathan Pryce) hüpft an einem frühen Morgen auf dem Bett herum. Er singt wie ein kleines Kind: „I WON THE NOBEL PRIZE! I WON THE NOBEL PRIZE!“ Ihr Gesicht strahlt, sie ist stolz auf ihren Mann, der gerade den Anruf aus Schweden erhalten hat. Später in Stockholm im Zuge der Nobelpreisverleihung: Spannungen tun sich auf. Joe Castleman ist nervös und aufgeregt, er sucht nach Anerkennung und badet darin, was zum Einen seinen Sohn David (Max Irons) auf die Palme bringt, und zum Anderen für seine Frau Joan schwer zu schlucken ist. Immer steht sie im Hintergrund. Sie scheint zufrieden damit zu sein, doch irgendwann ist es auch für sie zu viel. Ihr Mann, dem unzählige Affären nachgesagt werden, wird als Genie gefeiert, während sie selbst ihre einst vielversprechende literarische Karriere auf Eis legen musste. Bücher von Frauen würden sich nicht verkaufen, das sagte eine publizierte Schriftstellerin damals zu ihr. Und sie, die Schüchterne, die gerade eine Affäre mit ihrem verheirateten Literaturprofessor begonnen hatte, eben jenem Joe Castleman, stellte jegliche Ambition zurück, um für ihren Lover da zu sein. Lebensentscheidungen, die man später vielleicht bereut oder die zumindest einen Prozess anregen können, der alles auf den Kopf stellt. Davon erzählt Björn Runge in der Verfilmung des Romans von Meg Wolitzer. „Die Frau des Nobelpreisträgers“ ist ein sehr solider, gut gemachter Film, der vielleicht in seinen Figurenkonstellationen und Konflikten etwas zu sehr simplifiziert, auch wenn die einzelnen Dialoge und Szenen dazu per se großartig sind. Das wiederum liegt an den überragenden Darstellungen sowohl von Glenn Close, die damit zurecht als Favoritin in die kommende Oscar-Verleihung geht, als auch Jonathan Pryce. Beide sind das zentrale Herzstück des Films, und ohne deren Leistungen könnte dieser gar nicht funktionieren. Denn beide statten ihre Figuren mit so viel Ambivalenz aus, dass damit auch gröbere Schwächen im Drehbuch ausgebügelt werden. Und auch wenn ich The Favourite und Olivia Colman darin sehr geliebt habe, aber liebe Academy, bitte gebt in der Nacht von Sonntag auf Montag Glenn Close den Goldmann. Das wäre angesichts dieser subtilen, nuancierten Darstellung, die völlig unprätentiös ohne Effekthascherei auskommt, einfach verdient.


6,5
von 10 Kürbissen