2018

Rafiki (2018)

Regie: Wanuri Kahiu
Original-Titel: Rafiki
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Liebesfilm
IMDB-Link: Rafiki


Jambo, Rafiki! Das bedeutet so viel wie „Hallo, mein Freund!“ Erstaunlicherweise konnte dies eine gute Freundin, die noch nie in ihrem Leben in Kenia war, sofort übersetzen. Was ich darüber sonst noch gelesen habe: Dass die Bezeichnung „Rafiki“, also Freund, gerne verwendet wird, um amouröse Verbindungen zum gleichen Geschlecht zu verschleiern. Denn alles abseits der heterosexuellen Norm ist heutzutage in Kenia immer noch mit großen Problemen behaftet. Gesellschaftliche Ausgrenzung. Familiäre Verstoßungen. Öffentliche Demütigungen. Aber was soll man schon gegen die Liebe machen? Die fällt hin, wohin sie eben fällt. In Wanuri Kahius Film trifft es die beiden jungen Frauen Kena (Samatha Mugatsia) und Ziki (Sheila Munyiva). Deren Beziehung erhält zusätzliche Brisanz durch die Tatsache, dass sie die Töchter zweier konkurrierender Politiker sind. Quasi Romeo und Julia in Afrika, nur eben Julia und Julia. Gefilmt ist das alles sehr schön, und man bekommt als Außenstehender einen recht guten Einblick in kenianische Lebensweisen und Wertesysteme. Und stellt dabei auch überrascht oder weniger überrascht fest, dass sich diese gar nicht mal so dramatisch von unseren unterscheiden. Vielleicht ein bisschen mehr Spiritualität und definitiv mehr Sonnenschein und buntere Farben, aber die Sorgen, Nöte, Wünsche, Hoffnungen und Ziele der Menschen sind überall die gleichen. Was mir am Film allerdings etwas weniger gefallen hat (und diesbezüglich kann ich mangels Erfahrung mit zentralafrikanischem Film nicht sagen, ob das einfach Teil der Erzählstruktur in diesen Filmen ist oder doch eine bewusste Entscheidung der Regisseurin): Dass die Geschichte arg plakativ erzählt wird. Alles geht Schlag auf Schlag, auf den eitel Sonnenschein folgt in der nächsten Szene das große Drama. Mein Fall ist das ja nicht so wirklich, aber ich nehme das einfach mal als unterschiedliche Herangehensweise an das Medium Film zur Kenntnis. Dass „Rafiki“ dennoch große Brisanz hat und Vieles richtig macht, steht außer Frage.


6,5
von 10 Kürbissen

Der Sex Pakt (2018)

Regie: Kay Cannon
Original-Titel: Blockers
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Komödie
IMDB-Link: Blockers


Wenn sich Hollywood um das Thema Sex in Filmen bemüht, wird es zumeist recht schnell peinlich – oder aber wir befinden uns in der Erwachsenenunterhaltung. Ein differenziertes, nuanciertes Bild von Sexualität wird man jedenfalls nicht so schnell finden. „Der Sex Pakt“ von Kay Cannon könnte nun, was den Titel betrifft, beide Spektren abdecken: die plump-verklemmte Komödie genauso wie den Pornofilm. Spoiler: Es handelt sich um Ersteres. Wer davon enttäuscht ist, kann also jetzt mit dem Lesen aufhören. Allen Anderen, die sich nicht abschrecken lassen, sei hier nun eine kurze Inhaltsangabe mitgegeben: Drei junge beste Freundinnen beschließen einen Pakt: In der Prom Night (in den USA ist das in der Bedeutung quasi so etwas wie Weihnachten, Ostern, der Geburtstag und die Wiedergeburt Christi zusammen) verlieren sie alle ihre Unschuld. Blöd nur, dass das die Eltern spitzkriegen, und die hecheln schon bald panisch den Teenagern hinterher, um sie vom schlimmsten Fehler ihres Lebens (also Sex) abzuhalten. Die Eltern werden dargestellt von Leslie Mann als vermeintliche Beste Freundin-Mutter, die feststellen muss, dass ihre Connection mit dem Nachwuchs nicht so eng ist wie vermutet, John Cena als sportlichen Kumpel-Dad, der eine sensible Seite hat, und Ike Barinholtz als verpeilter geschiedener Vater, der die Verbindung zu seiner Tochter verloren hat. Gelegentlich blitzt bei den dreien komödiantisches Talent auf – vor allem John Cena spielt den überprotektiven Vater recht charmant. Die guten Ansätze, die sich hin und wieder zeigen, werden allerdings mit Fortdauer des Films niedergewalzt von Fäkalhumor und Kotz-Szenen. Ganz ehrlich: Das war schon in „American Pie“ unlustig zu einer Zeit, als es noch als lustig wahrgenommen wurde. Diese Art von Humor ist nicht besser geworden in den letzten Jahrzehnten. Und auch wenn sich der Film darum bemüht, nicht der üblichen Prüderie solcher Produktionen anheim zu fallen, so scheitert er dann doch an der latent mitschwingenden Bigotterie des Produktionslandes. Verklemmt bleibt verklemmt, und das schimmert halt immer wieder durch trotz aller gegenteiliger Bemühungen.


4,0
von 10 Kürbissen

Geheimnis eines Lebens (2018)

Regie: Trevor Nunn
Original-Titel: Red Joan
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Drama, Historienfilm
IMDB-Link: Red Joan


Dame Judi Dench in einem britischen Spionagefilm, der auf wahren Begebenheiten beruht. Das klingt doch schon mal nach einem verlockenden Angebot. Tja, hier hat der deutsche Verleih ausnahmsweise mal ein gutes Näschen bewiesen, indem er den Originaltitel „Red Joan“ in das rosamundepilchereske „Geheimnis eines Lebens“ übersetzt hat. Deutlicher kann eine Warnung ja nicht ausfallen. Denn Trevor Nunns Film einer KGB-Spionin, die im zarten Alter von ca. 80 Jahren verhaftet und verhört wird und dabei ihr Leben und ihre Spionagetätigkeit während des Zweiten Weltkriegs aufbröselt, ist ungefähr so spannend wie einer Rosenzucht beim Wachsen zuzusehen. Da kann sich Judi Dench noch so abmühen, etwas Klasse in die Geschichte zu bringen, aber zum Einen hat sie bedauerlich wenig Screentime, zum Anderen kommt gegen dieses Drehbuch nicht mal eine Schauspielerin ihres Formats an. Gegen diese Dialoge sind die Werke Rosamunde Pilchers nobelpreisverdächtig. Dabei wäre die Geschichte selbst gar nicht so unspannend: Physikabsolventin heuert bei britischem Atombombenprogramm an und verschachert das Wissen um den Fortschritt der Bombe an die Russen. So weit so interessant. Wenn die junge Dame aber nur naiv und der Liebe willen in die Chose hineinstolpert und, obwohl sie eine treue Patriotin ist, wie sie beteuert, den Sowjets die Pläne am Silbertablett präsentiert, weil sie ein zweites Hiroshima verhindern will (Oh, Logik, in welchem Loch hast du dich versteckt?), dann stimmt einfach nichts mehr zusammen, und aus dem Spionagethriller wird doch wieder ein (schlechter) Pilcher-Film. Auch ist Sophie Cookson, die die Spionin in jungen Jahren spielt, so wie der Rest des Casts mit Ausnahme von Judi Dench der Aufgabe nicht gewachsen. Irgendwann an einem Sonntagnachmittag wird der Film auf Kabel 1 laufen, und dann werden die alte Damen, die den Fernseher aufgedreht haben, vom filmischen Geschehen unbehelligt in ihr nachmittägliches Nickerchen abdriften.


2,5
von 10 Kürbissen

Shirkers (2018)

Regie: Sandi Tan
Original-Titel: Shirkers
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Shirkers


Manchmal hast ein Pech. Da drehst du mit ein paar enthusiastischen Filmstudentinnen in Zusammenarbeit mit deinem charismatischen Professor das erste Independent-Roadmovie Singapurs, und dann haut ausgerechnet dein Prof mit den 70 Filmrollen ab und ward nie mehr gesehen. Blöd gelaufen. Was nach einem Pitch für eine neue Coen-Brüder-Komödie klingt, ist Sandi Tan in den 90ern tatsächlich passiert. Dagegen war die Produktionsgeschichte von The Man Who Killed Don Quixote ein Klacks. Zweieinhalb Jahrzehnte später zeichnet sie diese unglaubliche Geschichte nach. In Interviews mit ihren damaligen Gefährtinnen und mit Bekannten des flüchtigen Filmprofessors rekonstruiert sie zum Einen die Dreharbeiten selbst und deren Bedingungen damals, die sicherlich nicht einfach waren, und zum Anderen, was mit dem Film nach dem Abschluss der Dreharbeiten geschehen ist, als er eigentlich nur noch geschnitten hätte werden sollen. Und so funktioniert die Dokumentation auf gleich mehreren Ebenen: Als Stück Zeitgeschichte über das Filmschaffen in Asien in den 90ern, als Dokumentation eines filmischen Schaffensprozesses per se, als Beweis einer psychischen Erkrankung und als Reflektion der Filmschaffenden über ihre ersten Schritte in der Filmindustrie und ihrer eigenen Fehltritte, die sie damals gemacht hat. Und man stellt fest, wie schade es ist, dass dieses erste Independent-Roadmovie aus Singapur niemals das Licht der Welt erblickt hat – denn bei einem solch übermäßigen Enthusiasmus der damals Beteiligten gepaart mit der Notwendigkeit für Improvisationen und der daraus resultierenden Kreativität wäre das Ergebnis mit Sicherheit sehenswert geworden. Die Dokumentation selbst entschädigt ein klein wenig dafür, hat aber auch seine Längen und ist mir persönlich in manchen Szenen ein wenig zu selbstreferentiell gehalten. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann dies aktuell auf Netflix tun.


6,5
von 10 Kürbissen

Zwischen den Zeilen (2018)

Regie: Olivier Assayas
Original-Titel: Doubles vies
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama
IMDB-Link: Double vies


Mit Olivier Assayas‘ Filmen kann ich in der Regel recht viel anfangen. Der Trailer zu seinem neuesten Film „Zwischen den Zeilen“ hat mich jedoch überhaupt nicht angesprochen, und wäre es kein Film von Assayas, hätte ich diesen ausgelassen. Was im Trailer angedeutet wird, ist eine charmant-leichte französische Beziehungskomödie mit sehr verkrachten Existenzen, die unheimlich viel reden. Und genau mit dieser Art von französischen Komödien tue ich mir eher schwer. Was der Trailer allerdings nicht verrät ist, dass es sich bei dem Film nicht um eine charmant-leichte Beziehungskomödie handelt, sondern eher eine Tragikomödie über die Wirrnisse des Verlagswesens in heutiger Zeit. Verkrachte Existenzen, die unheimlich viel reden, bietet der Film dennoch. Allen voran Alain, der Verleger (sympathisch gespielt von Guillaume Canet), der eine Affäre zu seiner blutjungen Digitalisierungsmanagerin (Christa Théret) unterhält, während seine Frau (Juliette Binoche) mit dem Autor Léonard (Vincent Macaigne) ins Bett steigt, wovon wiederum dessen Freundin Válerie (Nora Hamzawi) nichts wissen sollte. Okay, das klingt jetzt tatsächlich sehr nach einer charmant-leichten Beziehungskomödie. Aber die Beziehungen der Protagonisten untereinander dienen mehr dazu, unterschiedliche Weltbilder aufeinandertreffen zu lassen, die dann in klugen, hintersinnigen Dialogen ausdiskutiert werden. Die Vor- und Nachteile der Digitalisierung werden hier genauso verhandelt wie die Rastlosigkeit der Generation Y (oder Z oder wo immer sich die aktuellen Mittzwanziger gerade befinden) sowie die alte Frage Kapitalismus versus Idealismus. Ja, vielleicht ist der Film einen Tick zu geschwätzig, und so klug und durchdacht wie die Protagonisten formt kein Mensch in einem realen Gespräch seine Sätze und Meinungen, aber durch die Leichtigkeit, mit der diese schweren Themen vorgetragen werden, bleibt man dennoch gerne bei der Stange. Vielleicht kein Meisterwerk von Assayas, aber ein gefühlt persönlicher und intimer Film, in dem der Regisseur wohl die in ihm schwelenden Konflikte und sich widersprechenden Meinungen zu sortieren versucht. Ihm und seinem gut aufgelegten Ensemble dabei zuzusehen, lohnt sich durchaus. Nur sollte man sich nicht vom Trailer in die Irre führen lassen.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen)

Burning (2018)

Regie: Lee Chang-dong
Original-Titel: Beoning
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Thriller, Drama
IMDB-Link: Beoning


In Cannes wurde „Burning“ von Lee Chang-dong, der auf einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami basiert, von den Kritikern hymnisch aufgenommen. Dementsprechend groß war die Vorfreude bei mir auf diesen Film, zumal Murakami zu jenen Schriftstellern gehört, die ich besonders schätze. Aber wie es oft so geht, darf ich an dieser Stelle mal wieder eine Szene aus „Hot Shots“ zitieren: „Was liest du da?“ – „Große Erwartungen.“ – „Und wie findest du es?“ – „Hätte mir mehr erwartet.“ Dabei kann ich schon nachvollziehen, was an „Burning“ fasziniert. Die poetisch komponierten Bilder von Kameramann Hong Kyung-pyo, die Darstellerleistungen von Yoo Ah-in in der Hauptrolle des jungen Schriftsteller Jongsu, Steven Yeun als Ben und Jeon Jong-seo als Love Interest Haemi, der stete Zustand der Unsicherheit und Unwissenheit, der über allem schwebt – das alles spricht für den Film, der zunächst als Liebesgeschichte beginnt, dann eine Dreiecksgeschichte andeutet, ehe er in einen (sehr langsamen) Thriller umschlägt. Auch tut es mal gut, als Zuseher nicht alles erklärt zu bekommen, sondern genauso ratlos durch den Film zu tappen wie die Hauptfigur selbst. Allerdings (und jetzt mache ich mich unbeliebt bei sämtlichen Kritikern Cannes‘) hat mich die Handlung nur in den seltensten Augenblicken interessiert oder gar gepackt. Die Geschichte wird dermaßen träge erzählt, dass man hellwach sein muss, um den Geschehnissen 2,5 Stunden lang folgen zu können. Immer wieder schleicht sich gähnende Langeweile ein, die die Gedanken vom Film wegdriften lassen. Nein, es muss nicht immer alles mit schnellen Schnitten erzählt werden, und es muss auch beileibe nicht jede Story auserzählt werden, bis selbst der Dümmste sie begriffen hat, aber dennoch: Es wird mühsam, wenn Ratlosigkeit und Langsamkeit zusammenfinden. Vielleicht werde ich mir den Film noch einmal zu Gemüte ziehen nach intensiver Vorbereitung. Idealerweise braucht es vorher zehn Stunden Schlaf, dann zwei Tassen Kaffee, ein leichtes Omelett mit Gemüse, zwanzig Sit-Ups und eine lockere Radltour zum Wachwerden, ehe ich zur energetisch besten Zeit des Tages den zweiten Versuch starte. Vielleicht fällt dann die Bewertung besser aus. Vielleicht aber auch nicht, und der Film bleibt so langweilig, wie er stellenweise bei der ersten Sichtung nun mal war.


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

High Life (2018)

Regie: Claire Denis
Original-Titel: High Life
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Science Fiction, Drama
IMDB-Link: High Life


Ein Mann (Robert Pattinson, der ausnahmsweise mal auf keinem Baum sitzt und auch nicht glitzert) und ein Kleinkind. Die Location: Ein ansonsten verlassenes Raumschiff im Nirgendwo nahe eines Schwarzen Lochs. Gentlemen, you had my curiosity, but now you have my attention. Claire Denis schickt in „High Life“ unseren Glitzervampir, der dann doch deutlich mehr kann als leidend schauen, in den Weltraum und lässt ihn dort eine Beinahe-One Man-Show abziehen. Von Pattinson lebt der Film, und wenn er in der Rolle des Ex-Sträflings, der sich für eine besondere Mission verpflichtet hat, nicht glaubwürdig gewesen wäre, wäre der ganze Film in sich zusammengefallen. Ist aber nicht passiert. Im Gegenteil. Das philosophisch-existentialistisch angehauchte Drama mit Requisiten, das an Space Operas aus den 80ern erinnert, überzeugt trotz Logiklöcher auf fast allen Ebenen. Pattinson spielt charismatisch und gut, Juliette Binoche als spermageile Medizinerin ist ohnehin eine Bank, die interessant gewählte Ausstattung habe ich schon erwähnt, und die Story lässt den Zuseher noch länger nach dem Abspann über die Essenz des Lebens nachdenken. Sind wir tatsächlich nur Tiere, die auf den Trieb der Reproduktion zurückgeworfen werden, wenn unsere Gesellschaft in die Binsen geht? Was ist ein Leben wert? Wer bestimmt darüber? Diese Fragen lassen sich nach dem Film herrlich diskutieren, sofern man denn will. Das Tempo des Films ist gemächlich, wer also einen Sci Fi-Actionkracher erwartet, wird wohl ziemlich enttäuscht werden. Für Fans von leisen Tönen ist der Film jedoch genau das Richtige. Er erinnert durch seine Atmosphäre und das Setting ein wenig an  „Moon“. Vielleicht ist „High Life“ nicht ganz so stringent erzählt und am Ende des Tages ist Sam Rockwell dann doch ein etwas besserer Schauspieler als Robert Pattinson, aber wer Duncan Jones‘ Film mochte, sollte auch hier einen Blick riskieren.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Polyfilm)

Stan & Ollie (2018)

Regie: Jon S. Baird
Original-Titel: Stan & Ollie
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Biopic, Komödie, Drama
IMDB-Link: Stan & Ollie


Wir schreiben das Jahr 1953. Die legendären Komiker Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) sind schon etwas in die Jahre gekommen, ihre Filme gelten bereits als Klassiker, doch statt große Hallen zu füllen, spielen sie vor einem kleinen Publikum in englischen Industriestädten und wohnen in heruntergekommenen Hotels. Der Zahn der Zeit. Diese England-Tournee soll den Weg bereiten für einen neuen Film der beiden, die Adaption des Robin Hood-Stoffs, an dem Stan Laurel arbeitet. Doch es ist alles nicht so einfach. Der Produzent ist telefonisch nicht erreichbar, der Tournee-Veranstalter Bernard Delfont hat im Vorfeld kaum Werbung gemacht und dann plagen Oliver Hardy auch noch gesundheitliche Probleme. Die Ankunft der Ehefrauen (Shirley Henderson und Nina Arianda) bringt eine zusätzliche Dynamik in das Geschehen. Am Ende ist „Stan & Ollie“ ein recht konventionelles Biopic über eine langjährige Freundschaft und die Zeit nach dem Ruhm und die Suche nach dem Erfolg der Vergangenheit, das den Zuseher in alter Tradition zufrieden aus dem Kinosaal gehen lässt. Allerdings hat der Film zwei, eigentlich drei große Trümpfe in der Hand, die er gekonnt ausspielt: Steve Coogan, John C. Reilly und Nina Arianda. Die beiden Ersteren sind genial in ihren Rollen als Laurel & Hardy. Die beiden gehen vollends auf in den Rollen der beiden Komiker, die so großartig darin waren, die Komik im Körperlichen zu finden. Sie haben alle Nuancen drauf und verschwinden als Schauspieler völlig in ihren Rollen. Vor allem Steve Coogan spielt unglaublich charismatisch, aber auch John C. Reilly ist toll. Zwei wahnsinnig unterschätzte Schauspieler, auch wenn beide bereits für einen Oscar nominiert waren. Es ist schön, sie dabei zu sehen, wie sie ihr ganzes Können ausspielen. Der dritte kleine Trumpf ist die schon erwähnte Nina Arianda, die mir vorher kein Begriff war. Sie spielt ihre Ida, die russische Frau von Stan Laurel, zum Niederknien mit einem trockenen Humor und gleichzeitig einem solch liebevollen Stolz auf ihren berühmten Mann, dass sie wirklich allen die Szenen stiehlt, wenn sie zu sehen ist. „Stan & Ollie“ ist also großes Schauspielkino, das Spaß macht und dem man dann gerne auch die eine oder andere kleine Schwäche im Drehbuch verzeiht.


7,0
von 10 Kürbissen

Fugue (2018)

Regie: Agnieszka Smoczyńska
Original-Titel: Fuga
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Thriller
IMDB-Link: Fuga


Agnieszka Smoczyńska ist jene geniale Frau, die mit Sirenengesang das erste polnische Horrormusical über Meerjungfrauen auf die Leinwand gebracht hat (was wahrscheinlich auch das weltweit erste Horrormusical über Meerjungfrauen war). Ihr neuestes Werk „Fugue“ ist da deutlich gedämpfter und zurückhaltender, wenngleich der Einstieg schon ein Brett ist: Da kommt eine sichtlich desorientierte und schmutzige Frau in ihren Dreißigern aus einem U-Bahn-Schacht und klettert vor den verwirrten Blicken anderer Fahrgäste den Bahnsteig hoch. Diese Frau nennt sich Alicja, und sie hat keine Ahnung von ihrer Vergangenheit. Wenig später wird sie in einer TV-Show von ihrem Vater erkannt. Ihr Name ist Kinga, und sie gilt seit zwei Jahren als verschollen. Der Versuch, sie wieder in ihre Familie mit Ehemann und Sohn einzugliedern, geht zunächst ziemlich schief. Denn weder Alicja/Kinga noch ihr Ehemann oder ihr Sohn sind begeistert davon, wieder als Familie unter einem Dach leben zu müssen. Auch weist Alicja ein paar Wesenszüge und Eigenschaften auf, die befremdlich auf ihr Umfeld wirken. Die vermisste Kinga war anders. Der Film lässt sehr lange alle Interpretationsmöglichkeiten offen und die Zuseher fröhlich mitraten, was es mit der an Amnesie leidenden Frau auf sich hat. Smoczyńska weiß um den Suspense der Rätselhaftigkeit und nimmt sich Zeit für die Geschichte. Gabriela Muskała, die das Drehbuch geschrieben hat und für diesen Film auch gleich die Hauptrolle übernommen hat, legt ihre Alicja/Kinga auch ambivalent und spannend an: Man kann sich bei ihr nie sicher sein. Mal wirkt sie verletzlich, mal unnahbar, mal ängstlich und mal furchteinflößend. Diese Ambivalenz überträgt sich auf das familiäre Umfeld. Nach diesem Spannungsaufbau wirkt die Lösung am Ende fast banal. Aber der Weg dahin ist zumindest sehenswert. Ein durchaus gelungener Abschluss meines Besuchs des Crossing Europe Festivals 2019.

 


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)

Winter Flies (2018)

Regie: Olmo Omerzu
Original-Titel: Všechno bude
Erscheinungsjahr: 2018
Genre: Drama, Roadmovie, Komödie
IMDB-Link: Všechno bude


Auf diesen Film am letzten Tag des Crossing Europe Filmfestivals in Linz habe ich mich sehr gefreut. Ich mag Roadmovies. Ich mag Geschichten über Jugendliche, wie sie ausbrechen aus dem starren Gerüst, das sie zurückhält, und wie sie ihre eigenen Erfahrungen sammeln. Der Geruch von Freiheit. Born to be wild. Vielleicht, weil ich selbst nie so ein Kind oder Jugendlicher war. Ich habe keinen Audi gestohlen, um damit quer durchs Land zu fahren. Und ich hatte keinen dicken Freund im Tarngewand an meiner Seite, der die ganze Zeit davon redet, endlich mal ein Mädchen flachzulegen. Stattdessen habe ich FIFA Soccer gezockt und dämliche Sitcoms angeschaut. Verwegene Freiheit: Wenn man mal im Garten die olympischen Spiele nachgespielt hat und beim Speerwurf mit Ast des Birnenbaums ein Kellerfenster dran glauben musste. Ja, in diesem Moment hätte ich mir gewünscht, in einem gestohlenen Auto abzuhauen mit einem Kumpel an meiner Seite. Und dann hätten wir vielleicht dieses eine hübsche Mädchen aufgegabelt und mitgenommen. Und wir hätten Abenteuer erlebt, andere, als wir uns vorgestellt haben, aber aufregend wären sie dennoch gewesen. Nachdem ich nun „Winter Flies“ von Olmo Omerzu gesehen habe, weiß ich aber: Es gibt für alles eine bestimmte Zeit. Ich habe sie damals verpasst. Vielleicht fiel es mir auch deshalb so schwer, mich in diesen Film, den ich so gern gemocht hätte, hineinfallen zu lassen. Ein anderer Faktor waren die Jugendlichen selbst, die trotz aller Bemühungen ihrer Hauptdarsteller für mich nicht glaubwürdig wirkten. Beziehungsweise zu eindimensional. Der Rebell. Der notgeile Dicke. Nur wenige Momente strahlen Glaubwürdigkeit aus, darunter eine sehr seltsame, aber doch nachvollziehbare Masturbationsszene. Aber unterm Strich konnte der Film mit meiner Erwartungshaltung nur viel zu selten mithalten. Sind wir doch ehrlich: Die besten Abenteuer sind die, die wir nie erlebt haben.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: CROSSING EUROPE Filmfestival)