2019

Intrige (2019)

Regie: Roman Polanski
Original-Titel: J’accuse
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Drama, Historienfilm
IMDB-Link: J’accuse


Die Dreyfus-Affäre gehört zu jenen historischen Ereignissen, bei deren Erwähnung man gleich mal aufruft: „Ah ja, natürlich, die Dreyfus-Affäre!“, um sich dann doch am Hinterkopf zu kratzen und darüber zu grübeln zu beginnen, worum es da nun eigentlich ging. Es war ja auch eine verzwickte Geschichte. Da wurde der französische Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel) 1894 beschuldigt und verurteilt, Spionage für Feindesmächte betrieben zu haben, und auf die Teufelsinsel irgendwo vor Südamerika verbannt. Gemütlich klingt ein solcher Ort nicht. Und was besonders dumm gelaufen ist: Schon bald erhärtete sich der Verdacht in ermittelnden Kreisen, dass der jüdisch-stämmige Dreyfus zu Unrecht verurteilt wurde. Sollte ja kein Problem sein, holt man ihn halt wieder zurück von seinem Felsen, möchte man meinen. Aber weil es halt so fetzendeppert fürs Militär aussieht, wenn rauskommt, dass man in einer beispiellosen Vorverurteilung in Kombination mit völliger Inkompetenz den Falschen verknackt hat, stolpert der neue Chef des Geheimdienstbüros, Marie-Georges Picquard (Jean Dujardin), mit seinen Versuchen einer Wiederaufnahme des Verfahrens in eine Schlangengrube der Vertuschung und Verschwörung ranghöchster Beamter. Und schon bald wird es für ihn selbst ungemütlich. Roman Polanskis „J’accuse“ ist in erster Linie mal ein extrem gut gemachter historischer Justiz-Krimi. Man kann schon allein an der Ausstattung und den Kostümen und den wuchtigen Pornobalken der damaligen Zeit seine Freude haben. Hier knarzt das alte Holz, die Büros wirken so muffig, dass man den Staub fast in der Nase zu spüren meint, und die Garderobe ist dick und kratzt vermutlich beim Tragen. Dazu kommen die gepflegten Umgangsformen in Verbindung mit dem militärischen Drill, was dazu führt, dass viel interessanter als das, was gesagt wird, das ist, was nicht gesagt wird. Jean Dujardin spielt den stoischen Gerechtigkeits-Fan Picquard schlicht grandios. Er verkörpert die inhärente Würde dieses Offiziers, der in einen moralischen Konflikt gezogen wird, an dem Andere zerbrechen würden, so glaubhaft, dass man zu vergessen beginnt, dass Dujardin (schon Oscar-prämiert für „The Artist“) eigentlich aus dem komödiantischen Eck kommt. Aber auch der Rest des Casts muss sich nicht verstecken. „J’accuse“ ist auf allen Ebenen handwerklich überragend umgesetzt, und das schließt das Schauspiel ausdrücklich mit ein. Dazu kommt eine inhaltliche Relevanz, die den Zuseher in Zeiten der wieder aufflackernden Fremdenfeindlichkeit und selbst des Antisemitismus, den wir eigentlich schon fast überwunden glaubten, Parallelen ziehen lässt, die ein ungutes Gefühl in der Magengegend zurücklassen. Es kommt halt doch alles immer wieder zurück – leider nicht nur die Mode der 80er.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

The Gentleman (2019)

Regie: Guy Ritchie
Original-Titel: The Gentlemen
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Krimi, Thriller, Komödie
IMDB-Link: The Gentlemen


Guy Ritchie ist ein lässiger Typ. Für seinen „King Arthur“ mit Charlie Hunnam in der Hauptrolle wurde er zurecht abgewatscht. Zwei Filme später ist Hunnam wieder als Hauptfigur in einem Guy Ritchie-Film zu sehen, und beide – Ritchie wie Hunnam – nutzen die Chance, sich zu rehabilitieren. Ein feiner Zug von Madonnas Ex-Mann, will ich meinen. In „The Gentlemen“, bei uns ab 27. Februar zu bestaunen, besinnt sich Guy Ritchie auf seine Wurzeln. „Snatch – Schweine und Diamanten“ war ja damals eines seiner Meisterwerke, die knallharte Actionthriller mit brillanter Komik verbinden konnten. Diesen Weg schlägt er nun mit seinem neuesten Film wieder ein – zum Glück. Denn ein Ritchie in dieser Form ist tatsächlich die europäische Antwort auf Quentin Tarantino in dessen Gangster-Tropos, das er in den letzten Jahren ja auch verlassen hat. Also muss Ritchie die Fahne hochhalten, wenn es um halbseidene Ganoven geht, die sich in ungute und letztlich lebensbedrohliche Verwicklungen verstricken. Dabei möchte Marihuana-Produzent Mickey Pearson (Matthew McConaughey, mal wieder so cool wie eine Leiche im Gefrierfach) ja eigentlich nur sein Business verkaufen und sich zur Ruhe setzen, um seine Frau (Michelle Dockery) zu vögeln. Aber da die Übergaben in einem solchen Geschäftsfall ja selten notariell beglaubigt und juristisch wasserdicht erfolgen, stapeln sich schon bald die Probleme. Zwar ist rasch ein Käufer gefunden (Jeremy Strong), doch spucken ihm asiatische Gangster (Tom Wu, Henry Golding), boxende Halbstarke, die von ihrem Coach (Colin Farrell, der gnadenlos jede Szene stiehlt) in die Schranken gewiesen werden müssen, ein missgünstiger Herausgeber (Eddie Marsan) sowie ein neugieriger Privatdetektiv (Hugh Grant in einer für ihn ungewöhnlichen Rolle, die er bravourös meistert) in die Suppe. Mickeys rechte Hand Ray (Charlie Hunnam) hat schon bald alle Hände voll zu tun, um den Laden am Laufen zu halten. Der Rest sind coole Action-Sequenzen, staubtrockene Dialoge, die Physik der Schwerkraft, wortwörtliche Schweinereien und jede Menge Coolness. Das ist alles brillant durchexerziert, jeder Schnitt sitzt, jede Figur hat ihre Momente, Sympathien wechseln beständig, die Story ist vielschichtig und voller Energie, aber so klug aufgebaut, dass man ihr trotzdem leicht folgen kann (was man von „Snatch“ trotz aller Qualität, die der Film hat, nicht immer behaupten kann) – kurz: „The Gentlemen“ ist in meinen Augen Guy Ritchies Meisterwerk. Unbedingt ansehen!


8,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Christopher Raphael, Quelle: imdb.com)

Die Wütenden – Les Miserables (2019)

Regie: Ladj Ly
Original-Titel: Les Misérables
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Les Misérables


Das Pariser Elend zieht sich durch die Jahrhunderte. Das war schon unter Victor Hugo so, und das ist auch heute noch so. Da kann selbst der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft nur geringfügig Linderung bringen ins Leben der Unterprivilegierten, der Armen und Aussichtslosen,  der Straßen-Kids, der Drogenschmuggler und Junkies, der Halsabschneider und jener, die die kleinen und großen Kriminellen dingfest machen möchten und dabei selbst kaum das Gesetz, auf keinen Fall aber die Moral, auf ihrer Seite haben. Stéphane (Damien Bonnard) ist neu in der Einheit von Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djibril Zonga). Zu dritt kurven sie durch Montfermeil, einem Vorort von Paris, der von Clans beherrscht wird. Chris und Gawda packen die Dinge auf ihre Weise an: Man hält sich die Bosse mit kleinen Gefälligkeiten warm und greift (über-)hart durch, wenn man sich mal wieder Respekt verschaffen will. Die Grenzen zwischen Gesetzeshütern und Gesetzesbrechern verschwimmen, die einen haben halt eine Polizeimarke, die anderen nicht. Stéphane ist das zuwider, doch als Neuling muss er sich an die alten Hasen halten. In dieser Hinsicht erinnert „Die Wütenden – Les Miserables“ an „Training Day“ von Antoine Fuqua, ohne aber den Antagonisten die gleiche Böswilligkeit wie Denzel Washingtons Figur zu unterstellen. Die Polizisten sind hier einfach abgefuckte Typen, die in einer feindlichen Umgebung mit ungeeigneten Mitteln versuchen, den Kopf über Wasser zu halten. Und dann passiert etwas, was dazu führen könnte, dass die Situation im Viertel eskaliert, wenn die Info darüber an die Öffentlichkeit gerät. Verzweifelt versuchen die Polizisten, zu vertuschen, was zu vertuschen geht, doch die Gewaltspirale beginnt schon sich zu drehen. „Die Wütenden – Les Miserables“ ist ein gut ausbalancierter Film, der nicht Partei ergreift, sondern fast dokumentarisch darüber berichtet, wie fragil die Balance in den Armenvierteln Frankreichs ist, in denen der Hass nur durch eine gefährliche Struktur aus Macht und Gefälligkeiten in Zaum gehalten werden kann. Ein Funken, und die ganze Stadt kann brennen.


7,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Little Women (2019)

Regie: Greta Gerwig
Original-Titel: Little Women
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Historienfilm, Drama
IMDB-Link: Little Women


Gretas sind schon gut. Die eine macht auf gravierende Umwelt- und Klimaprobleme aufmerksam, die andere dreht saugute Filme, wie man seit Lady Bird weiß. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Greta Gerwig Kathryn Bigelow als Oscar-Preisträgerin für die beste Regie Gesellschaft leisten wird. So einsam ist es ja auch fad. Was wiederum gleich mal eine gute Überleitung ist zu ihrem neuesten Film „Little Women“, am vergangenen Sonntag ausgezeichnet mit einem Oscar für die besten Kostüme. Von den vier Schwestern der Familie March ist Jo (Saoirse Ronan) die einzige, die nicht traditionellen Gepflogenheiten folgt. Sie lehnt die Ehe ab und möchte sich lieber als Schriftstellerin auf eigene Beine stellen. Ihre Schwestern, allen voran Meg (Emma Watson), die älteste, sind da eher konventioneller unterwegs. Im Laufe der Jahre zerreißt es die vier Geschwister ein wenig. Während Meg ihren mittellosen Traummann heiratet, geht Jo nach New York, um zu schreiben, Amy (Florence Pugh) verschlägt es mit der reichen Tante (Meryl Streep) nach Paris, und nur Beth (Eliza Scanlen) bleibt zuhause bei der Mutter (Laura Dern), die aufgrund des Bürgerkriegs, in den der Familienvater (Bob Odenkirk) gezogen ist, ihre vier Mädels allein großziehen musste. Zwischendurch schwänzelt auch Timothée Chalamet durchs Bild. Klingt soweit recht gewöhnlich. Jetzt kommt aber Greta Gerwig ins Spiel, die der altbackenen literarischen Vorlage einen erfrischenden Anstrich verpasst und eine Meta-Ebene einzieht, auf der sich herrlich die Rolle der Frau und der männliche Blick darauf verhandeln lässt. Und so wird aus einem Kostümfilm ein zeitgemäßer Beitrag zu Sexismus und mangelnde Entfaltungsmöglichkeiten der Frauen. Passend dazu kann man aktuell in den Medien nachlesen, was der ansonsten so beliebte Papst zum Zölibat und zur Rolle der Frauen zu sagen hat. Ich sag’s mal so: Das 12. Jahrhundert hat angerufen, es möchte bitte sein Frauenbild wieder zurückhaben.


7,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Photo by Wilson Webb – © 2019 CTMG, Inc., Quelle: imdb.com)

American Factory (2019)

Regie: Steven Bognar und Julia Reichert
Original-Titel: American Factory
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: American Factory


Dayton, Ohio, ist echt kein gemütlicher Ort. Vor allem nicht, wenn die größte dort ansässige General Motors-Fabrik im Zuge der Wirtschaftskrise schließt und Tausende Menschen auf einen Schlag arbeitslos sind. Da erscheint dann der chinesische Milliardär, der die alte Fabrik nach einigen Jahren aufkaufen und als Produktionsstätte für Windschutzscheiben nutzen will, wie der Heiland persönlich. Und fortan produzierten Amerikaner und Chinesen Seite an Seite für einen weltumspannenden chinesischen Konzert Glasscheiben und lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Doch ganz so ist es dann doch nicht. Denn nicht nur Sprachbarrieren zwischen den amerikanischen Arbeitern und den Chinesen, die die Amerikaner einschulen und managen sollen, tun sich auf, sondern auch gröbere kulturelle Differenzen und vor allen Dingen eklatante Unterschiede in der Auffassung, wie produziert werden soll. Der Chinese mag es schnell und billig. Der Amerikaner mag es sicher und mit fairen Zusatzleistungen verbunden. Dass sich schon bald eine Diskussion über den Beitritt zur Gewerkschaft entzündet, kommt wenig überraschend. Und die Fronten verhärten sich allmählich. „American Factory“ ist eine spannende Dokumentation mit hoher Relevanz und Aktualität. Multinationale Konzerne müssen genau diese Herausforderung, an der die Firma in „Amercan Factory“ zu scheitern droht, für sich lösen – nämlich unterschiedliche Mentalitäten, Arbeitsweisen, gesetzliche Vorgaben und deren Interpretation sowie Firmeninteressen unter einen Hut bringen. Und wer sich schon mal mit dem Thema M&A, also Mergers and Acquisitions, beschäftigt hat, der weiß, dass die meisten Firmenübernahmen ganz einfach an kulturellen Differenzen scheitern. Und dafür braucht es noch nicht einmal so dramatische Unterschiede zwischen der amerikanischen und chinesischen Kultur, da können sich schon zwischen Gramatneusiedl und St. Anton am Arlberg Gräben auftun, die nicht zu überwinden sind. Das zeigt „American Factory“ gekonnt auf. Etwas schade ist, dass in der zweiten Hälfte des Films der Fokus von den Mentalitätsunterschieden wegrückt und stattdessen das Hickhack mit der Gewerkschaft ins Zentrum gerückt wird. Und natürlich, das ist ein wichtiges Thema, und gerade am Schluss werfen Steven Bognar und Julia Reichert noch mal die spannenden Fragen nach Automatisation, Digitalisierung und die damit verbundene Veränderung der Arbeitswelt und der Stellung des Arbeitnehmers auf, aber die Würze des Films ist eindeutig das Aufzeigen kultureller Differenzen, und das bzw. die Frage, wie diese Differenzen trotz allem überwunden werden können, gerät dann etwas in den Hintergrund.


7,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle: imdb.com)

Systemsprenger (2019)

Regie: Nora Fingscheidt
Original-Titel: Systemsprenger
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Drama
IMDB-Link: Systemsprenger


Kino ist Eskapismus. Einfach mal für zwei Stunden die böse Welt vergessen. Oder eintauchen in tragische Geschichten und große Gefühle und sich mal mitnehmen lassen in dem Wissen, dass man Ende eh heil wieder herauskommt. Selten sind Filme so mutig, den Zuseher mit einem Trauma, das sich gewaschen hat, aus dem Saal zu werfen. „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt gehört zu diesen wenigen mutigen Filmen. Dabei fühlt sich der Film die meiste Zeit über leicht und luftig an. Was an der Hauptfigur Benni (Jungschauspielerin Helena Zengel mit einer überragenden Leistung) liegt, dem renitenten, traumatisierten Kind mit dem Gewaltproblem, das im nächsten Moment auch wieder zuckersüß sein kann und für herzerwärmende und lustige Momente sorgt. Hier sehen wir einen jungen Menschen, gefangen in den eigenen Emotionen. Und nichts scheint zu helfen, weder die vielfältigen Maßnahmen der Erzieher noch die gelegentlich aufblitzende Hoffnung, doch wieder zurückzukommen ins eigene Heim zur Mama (Lisa Hagmeister, die man die meiste Zeit über ohrfeigen möchte, was als Kompliment für ihre Darstellung als überforderte, unzuverlässige Mutter gemeint ist). Schulbegleiter Micha (Albrecht Schuch), der normalerweise mit gewalttätigen Jugendlichen arbeitet, schlägt eine unorthodoxe Maßnahme vor: Zwei Wochen allein mit Benni im Wald, damit sie zur Ruhe kommt. Doch hilft das wirklich? Als Zuseher möchte man es glauben, wartet auf die bekannten Muster der Dramaturgie, die langsame Annäherung Bennis an Micha, dessen Akzeptanz als Vaterfigur – doch Nora Fingscheidt belässt es nicht bei Banalitäten. Sie denkt realistisch. Und gerade das macht den Film am Ende hin so schmerzhaft.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: Filmladen Filmverleih)

Jojo Rabbit (2019)

Regie: Taika Waititi
Original-Titel: Jojo Rabbit
Erscheinungsjahr: 2019
Genre: Satire, Komödie, Drama
IMDB-Link: Jojo Rabbit


Der Preis für den größten Scheiß-drauf-Film des Jahrzehnts ist hiermit offiziell bereits vergeben. An Taika Waititis Satire „Jojo Rabbit“ kommt nichts Anderes ran. Allein die Eröffnungssequenz zeigt schon, wohin die Reise geht, wenn Aufnahmen von Naziaufmärschen und Hitler zujubelnden Menschenmengen unterlegt werden mit einer deutschsprachigen Version von „I Want to Hold Your Hand“ der Beatles. Bäm! Ein bisschen zieht’s da schon in der Magengegend, aber der subversive Witz, der da so schamlos vorgetragen wird, setzt sich dann doch über die eigenen Grenzen des guten Geschmacks hinweg, und man beginnt, hemmungslos zu kichern. Und das zieht sich dann die meiste Zeit des Films auch so durch. Warum nicht über Hitler lachen und damit das Gespenst vertreiben, das über dem vergangenen Jahrzehnt hängt und in Zeiten des Rechtspopulismus immer wieder hinter gutbürgerlichen Fassaden hervorschaut? Vielleicht mag der Film seine Geschichte der Annäherung eines fanatischen Nazi-Jungen (Roman Griffin Davis mit einer makellosen Vorstellung) an eine in seiner Wohnung versteckte Jüdin (Thomasin McKenzie, die ich seit ihrer furiosen Darstellung in Leave No Trace auf dem Zettel habe) ein bisschen gar plump erzählen und die Mittel der Satire ein wenig missbrauchen, um es sich an der einen oder anderen Stelle einfach zu machen. Vielleicht wirkt Taika Waititi als imaginärer Freund Adolf an einigen Stellen deplatziert und ist für die Story selbst im Grunde belanglos. Vielleicht ist es gewöhnungsbedürftig, Stars wie Scarlett Johansson, Sam Rockwell oder Rebel Wilson (die allesamt herausragend sind in ihren Rollen, vor allem die völlig zu Recht oscarnominierte Johansson) mit einem übertriebenen deutschen Akzent sprechen zu hören. Und vielleicht werden manche Schrecken ein bisschen zu sehr verniedlicht, während andere einen aus den Schuhen kippen lassen (eine Szene im Speziellen, die so unvermutet daherkommt, dass für eine Weile kein Witz mehr zünden kann). Aber was soll’s. „Jojo Rabbit“ ist kein perfekter Film, aber er ist mit seiner Fuck-it-Attitüde eine grandiose und saukomische und gleichzeitig stellenweise tieftraurige Erfahrung, die man nicht missen sollte.


8,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2018 – Fox Searchlight, Quelle imdb.com)