2020

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen (2020)

Regie: Lee Isaac Chung
Original-Titel: Minari
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama
IMDB-Link: Minari


Der 1. November 2020, die Urania in Wien. Zum letzten Mal für lange Zeit sitzen der Filmkürbis und viele andere in einem Kinosaal. Das hätten wir uns damals alle nicht gedacht, dass der nächste Kinobesuch über ein halbes Jahr auf sich warten lassen würde. Diese Woche war es aber endlich wieder soweit, und mit dem mehrfach oscarnominierten „Minari“ von Lee Isaac Chung fiel der Neustart qualitativ auch gleich sehr befriedigend aus. Stark autobiografisch geprägt erzählt der Film von einer koreanischen Auswandererfamilie, die in Arkansas eine Farm gründet – mit all den Schwierigkeiten, die bei einem solchen Unterfangen zu erwarten sind. Rassismus ist (mit Ausnahme einer eher unschuldigen, der Neugierde entstammenden Szene unter Kindern) überraschenderweise keine davon, und das tut dem Film auch sehr gut. Chung konzentriert sich lieber auf die familiären Herausforderungen, die entstehen, wenn der Familienvater (Steven Yeun), der sein Leben lang als einfacher Arbeiter verbracht hat, endlich auf eigenen Füßen stehen und Erfolg haben möchte. Die Verlorenheit seiner Frau (Han Ye-ri) kann man gut nachvollziehen. Erst der Einzug der Großmutter (Yoon Yeo-jeong, höchst verdient mit einem Oscar für ihre Leistung geadelt) bringt trotz anfänglicher Schwierigkeiten die Familie wieder näher zusammen. „Minari“ hat seine komischen Momente, vor allem, wenn Will Patton als verwirrter, aber fleißiger Paul auf der Leinwand auftaucht, oder wenn Großmutter Soon-ja so ganz und gar nicht großmütterlich die Familie aufmischt, aber es sind die stillen Momente, die „Minari“ definieren. Das Streben nach Glück wird zur Zerreißprobe, und der Film beschönigt in dieser Hinsicht nichts, ohne zu dramatisieren. Gleichzeitig ist auch immer Raum für Hoffnung. Es liegt an uns selbst, was wir aus unserem Leben machen. Ein schöner Film, der sich die große Leinwand redlich verdient hat.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Love and Monsters (2020)

Regie: Michael Matthews
Original-Titel: Love and Monsters
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Abenteuerfilm, Komödie, Action, Science Fiction
IMDB-Link: Love and Monsters


Manchmal ist es bei Filmtitel sehr simpel: You get what you see. „Snakes on a Plane“ ist so ein Beispiel. „Love and Monsters“ von Michael Matthews ein anderes. Es geht um die Liebe. Und um Monster. Und wie man Letztere überwindet, um Ersteres zu bekommen. So einfach ist das. Also geht es im Film nur darum, dass der eher patscherte Joel (Dylan O’Brien) nach der Apokalypse 80 Meilen durch monsterverseuchtes Land latscht, um seine Jugendliebe Aimee (Jessica Henwick) wiederzufinden. Ihm zur Seite stehen dabei ein oscarverdächtig aufspielender Hund und zeitweise der mürrische Survivalexperte Clyde (Michael Rooker) sowie das junge Mädel Minnow (Ariana Greenblatt). Wer da an „Zombieland“ denkt, hat jedenfalls die gleichen Assoziationen wie ich. Überhaupt ist der Film – böse gesagt – ein Rip-Off des saukomischen Zombie-Krachers von Ruben Fleischer. Originelle eigene Ideen sucht man hier vergebens. Am ehesten macht der Film noch eine überraschende Schleife im letzten Drittel, aber auch diese Entwicklungen reißen den routinierten Filmschauer nicht aus dem Sofa. Was aber dann doch für „Love and Monsters“ spricht, ist der Unterhaltungswert. Er ist flott inszeniert, wird von Dylan O’Brien in der Hauptrolle gut getragen und das Monster-Design ist liebevoll und eher zum Schmunzeln als zum Fürchten anregend umgesetzt. Im Vergleich zu „Zombieland“, und ja, wie schon gesagt, diesen Vergleich muss sich „Love und Monsters“ jedenfalls gefallen lassen, kommt der Humor aber etwas zu kurz, und auch die Charaktere sind in „Zombieland“ denkwürdiger. Aber gut, Woody Harrelson ist nun mal Woody Harrelson – ein Michael Rooker kann da beim besten Willen nicht mithalten. Unterm Strich bleibt also „Love and Monsters“ aufgrund fehlender Originalität und nur sparsam eingesetztem Humor doch unter seinen Möglichkeiten, aber für einen unterhaltsamen Filmabend reicht es allemal. (Im Bild oben ist übrigens keines der angesprochenen Monster zu sehen – nur zur Klarstellung.)


5,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Soul (2020)

Regie: Pete Docter
Original-Titel: Soul
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Animation
IMDB-Link: Soul


Am Ende kriegen sie einen doch. Monatelange habe ich das Disney+ Abo verweigert, da ich nicht eingesehen habe, warum ich neben Netflix und Amazon Prime noch für einen dritten Streaming-Anbieter zahlen soll. Das mit den unterschiedlichen Streamingdiensten franst allmählich aus wie meine Figur nach den Weihnachtsfeiertagen. Aber dann möchte man sich einfach wieder mal gepflegt alle Star Wars-Filme reinziehen, rechnet das durch und kommt zähneknirschend zu dem Schluss, dass es jedenfalls sinnvoller ist, einen Monat lang seinen Obolus an den Konzern mit der Maus abzutreten als Amazon das Geld für jeden Film einzeln nachzuwerfen. Und wenn man schon seine Seele an Micky Maus verkauft hat, kann man auch gleich nachholen, was man zuletzt aus der Disney-Schmiede verpasst hat. So etwa den aktuellen Oscar-Gewinner für den besten Animationsfilm. Gleich vorweg: Die Animationen von „Soul“ sind über jeden Zweifel erhaben. Pixar zeigt, wie lebensnah Animationskunst heute sein kann. Und mit Pete Docter sitzt jemand im Regiestuhl, der für einige der größten Meisterwerke der Animationsfilmgeschichte (und vielleicht der Filmgeschichte generell) verantwortlich zeichnet. So gesehen ist alles angerichtet für ein seelenvolles Abenteuer für Jung und Alt. Und der Film liefert. Die Geschichte des Musiklehrers Joe, der ausgerechnet an dem Tag, an dem er die Chance seines Lebens erhält, am Abend in einem angesagten Jazzclub mit einem Superstar der Szene zu musizieren, durch eine Unachtsamkeit das Zeitliche segnet und nun als Seelen-Mentor für die unvermittelbare Seele Nr. 22 auf die Erde zurückzukehren versucht, bietet einiges an Gedankenfutter, ohne dabei auf den Unterhaltungswert zu vergessen. Pete Docter geht dabei der Frage nach, was denn unser innerer Funke ist, der unser Leben erst lebenswert macht – und wie man diesen findet. Da das nicht der einfachste Stoff ist, den man mit filmischen Mitteln verarbeiten kann, gilt „Soul“ wohl zurecht als bisher „erwachsenster“ Film der Pixar Studios. Auch wirkt der Humor diesmal etwas reduziert. Zwar gibt es genug zu schmunzeln und zu lachen – vor allem im Mittelteil des Films, als Joe und Seele 22 wieder auf der Erde landen, aber nicht so, wie sie sich das ausgemalt haben – doch geht es in „Soul“ eindeutig mehr um die Botschaft als den reinen Unterhaltungswert, und das passt schon so. Hier trifft der Film die richtigen Töne. Und apropos Töne: Die treffen auch Atticus Ross und Trent Reznor mit der Filmmusik, für die sie verdient ihren zweiten Oscar einheimsen durften (einfach mal nach „Just Us“ googeln – trust me!). Und doch – nach all diesem berechtigtem Lob für den Film muss ich festhalten, dass er mich wider Erwarten nicht so sehr berühren konnte wie andere Filme von Pixar. Ich kann nicht mal genau festhalten, woran es liegt – vielleicht wirkt das alles auf mich zu gewollt und zu konstruiert – aber irgendwie fehlt mir hier die Frische und ja, auch Originalität, für die ich Pixar-Filme so liebe. Unterm Strich ist für mich „Soul“ vielleicht keine Kopie, aber doch eine Fortführung der Ideen, die in Inside Out schon so genial umgesetzt wurden. „Soul“ ist ein toller Film, aber meine Favoriten bleiben dann doch andere.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Pixar/PIXAR – © 2020 Disney/Pixar, Quelle http://www.imdb.com)

Mein Lehrer, der Krake (2020)

Regie: Pippa Ehrlich und James Reed
Original-Titel: My Octopus Teacher
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: My Octopus Teacher


Manchmal ist es so einfach. Du schnorchelst einfach jeden Tag im Meer zu deinem neuen besten Freund, der zeigt dir spannende Dinge und wie vielfältig und bunt das Leben ist, und du findest zu dir, zu deiner inneren Mitte, zu einer tiefen Ruhe. Und nebenbei erkennst du, dass du vielleicht nicht das cleverste Kerlchen in diesem Ozean bist. So ist es dem südafrikanischen Tierfilmer Craig Foster ergangen. Eigentlich wollte er beim Tauchen einfach nur ein bisschen abschalten, aber dann macht er die Bekanntschaft eines neugierigen Oktopus-Weibchens. Und zwischen dem Taucher, der jeden Tag wiederkommt, und dem Tier entsteht tatsächlich mit der Zeit eine Art Bindung, die Foster komplett neue Dinge über das Unterwasserlebewesen lernen lässt. Und nebenbei auch über sich selbst und sein Selbstverständnis als Filmemacher. „My Octopus Teacher“ (auf Deutsch übersetzt als „Mein Lehrer, der Krake“, was eher nach einem 70er-Jahre Lehrvideo aus dem Biologieunterricht klingt) mag vielleicht nicht das größte Schwergewicht unter den Dokumentationen der letzten Jahre sein, dennoch räumt der Film so ziemlich alle Preise ab, die man gewinnen kann, und geht auch in die diesjährige Oscarverleihung als Frontrunner. Und ich versteh’s. Denn der Film ist einerseits lehrreich und andererseits hochemotional und sensibel erzählt. Es ist so ein kleines, sympathisches Ding, das plötzlich und unerwartet groß geworden ist – und man vergönnt dem Film sämtliche Preise dieser Welt. Denn irgendwie brauchen wir das gerade in dieser seltsamen Zeit der Pandemie, der Isolation, der hysterischen Verschwörungstheoretiker und politischen Skandale – die Rückbesinnung auf das, was uns Menschen eigentlich ausmacht bzw. ausmachen sollte: ein Leben im Einklang mit der Natur, fernab esoterischer Spinnereien, einfach nur Mensch und Fauna und Flora, und irgendwie finden auf dieser seltsamen, immer noch so unergründlichen blauen Kugel alle ihren Platz für eine friedliche Koexistenz. Manchmal ist es so einfach.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Neues aus der Welt (2020)

Regie: Paul Greengrass
Original-Titel: News of the World
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Western, Drama
IMDB-Link: News of the World


Als alter Queen-Fan (die Band, nicht das Königshaus) ist man beim Titel „News of the World“ natürlich erst mal getriggert – heißt doch das grandiose sechste Studioalbum aus dem Jahr 1977 mit Hits wie „We Will Rock You“, „We Are the Champions“ oder „Spread Your Wings“ so. Für mich das große Highlight des Albums war aber immer das melancholisch-rockige „It’s Late“, und hier finden wir nun auch die Brücke zum neuesten Film von Paul Greengrass, nach der du, liebe Leserin, lieber Leser, wohl schon skeptisch gesucht hast. Denn sein karger Western erzählt vom alternden Soldaten Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks), der nun als Vorgänger von Armin Wolf (der, falls er mal wortwörtlich umsatteln möchte, ebenfalls einen herausragenden Western-Helden abgeben würde), nämlich als früher Nachrichtensprecher, seine Brötchen verdient. Gegen Eintrittsgeld liest er aus den Zeitungen vor und untermalt diese dramatisch, sodass daraus fast schon Bühnenstücke werden. Aber: It’s late für den Mann, der so viel gesehen hat und keinerlei Ambitionen mehr hat. Daran scheint zunächst auch nicht einmal die junge Johanna (Helena Zengel, die nach ihrem gloriosen Auftritt in Systemsprenger nun Hollywood erobert) zu ändern – ein verlorenes Mädchen mit deutschen Wurzeln, das aber bei Kiowa aufgewachsen ist und nun – nach ihren deutschen Eltern – auch ihre Kiowa-Eltern verloren hat. Was tun mit einem Kind, das nirgendwo dazugehört? Kidd nimmt eher widerwillig die Aufgabe an, das Kind quer durch den Westen zu Verwandten zu bringen. Auf dem Weg – und das wird jetzt kein großer Spoiler sein – finden die beiden unfreiwillig Aneinandergeketteten dann aber doch einen Zugang zueinander. „News of the World“ ist eher ein stilles Beziehungsdrama, das halt zufälligerweise im Wilden Westen spielt, als ein typischer Western, auch wenn Greengrass das Western-Topos ideal bedient. Genau darin liegt aber die Stärke des Films. Es gibt auch grimmige Burschen, es gibt gefährliche Situationen und Begegnungen, es gibt Staub, Schlamm und Dreck, aber im Zentrum steht immer nur die langsam aufkeimende Beziehung zwischen  zwei verlorenen Seelen. Der Film ist sensibel erzählt und von Hanks und Zengel glaubwürdig gespielt. Und wahrscheinlich hätte Queens „It’s Late“ auch gut zum Abspann gepasst.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Photo by Bruce Talamon – © 2020 UNIVERSAL STUDIOS, Quelle http://www.imdb.com)

I Care a Lot (2020)

Regie: J Blakeson
Original-Titel: I Care a Lot
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Thriller, Komödie, Krimi
IMDB-Link: I Care a Lot


Wie gut, dass es Menschen wie Marla Grayson (Rosamund Pike) gibt, die sich selbstlos aufopfern, um ihren älteren Mitmenschen das Leben so angenehm und komplikationsfrei wie möglich zu machen. Besitztümer können da durchaus Komplikationen mit sich bringen, also sorgt Marla dafür, dass sich die Menschen, die sich in ihrer Fürsorge befinden, nicht länger mit diesen profanen Problemen herumplagen müssen. Auf Marlas Konto ist das Geld sicherlich auch gut verwahrt, nicht wahr? Doch eines Tages legt sich die resolute junge Dame, die vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist, mit dem falschen Opfer an. Denn an Jennifer Petersons Wohlergehen sind auch durchaus einflussreiche Herrschaften mit zum Teil unorthodoxen Geschäftsgebaren interessiert. Und manche Warnungen, die von windigen Anwälten überbracht werden, sollte man nicht so einfach in den Wind schlagen, wie Marla schon bald feststellen muss. „I Care a Lot“ von J Blakeson beginnt als zynische Komödie über eine gewissenlose Geschäftsfrau, die die Schwächen anderer gnadenlos unter Mithilfe des Rechtsstaates zu ihren Gunsten auszunutzen versteht, und wendet sich dann zu einem teils recht atemlosen Thriller, der sich hätte vermeiden lassen, wenn Marla nicht so verdammt von sich selbst überzeugt gewesen wäre. Wie gesagt, manche Fehler bereut man bitterlich, aber dann ist es schon zu spät, und du rennst um dein nacktes Leben. Eine runde Geschichte ist das zwar nicht, aber unterhaltsam allemal. Das liegt vor allem an einer grandiosen Rosamund Pike, kürzlich für ihre Darstellung erst mit einem Golden Globe geadelt, der es gelingt, beim Zuseher eine unangenehme Ambivalenz entstehen zu lassen: Einerseits wünscht man ihrem Miststück alles erdenklich Schlechte, andererseits fiebert man dann doch auch wieder mit und hofft auf ihr Überleben. Begleitet wird Pike von einem soliden Nebencast: Peter Dinklage (mal richtig grimmig), Dianne Wiest und Eiza González an vorderster Front, die ihre Sache allesamt sehr gut machen. Dennoch ist und bleibt „I Care a Lot“ eine Rosamund Pike-Soloshow. Und das reicht aus für einen spannenden Filmabend.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Mank (2020)

Regie: David Fincher
Original-Titel: Mank
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Biopic, Drama
IMDB-Link: Mank


David Fincher ist wandelbar wie ein Chamäleon, doch zeichnet all seine Filme sein virtuoses Handwerk aus, das gelegentlich auch in Detailversessenheit mündet. So auch in „Mank“ – ein handwerklich geniales Biopic über den Drehbuchautoren Herman J. Mankiewicz, der zusammen mit Orson Welles den Oscar für das beste Drehbuch gewinnen konnte. Fragliches Drehbuch: Jenes zu „Citizen Kane“, der heute als einer der besten Filme der Filmgeschichte, vielleicht sogar der allerbeste, gefeiert wird. Und den man eigentlich Orson Welles zuschreibt. Dabei ist der Anteil von Herman J. Mankiewicz, der von allen einfach nur Mank gerufen wird, nicht zu unterschätzen. Fincher deutet sogar an, dass er allein das Drehbuch verfasst hätte. Doch fokussiert er nicht auf die Entstehungsgeschichte des Drehbuchs, sondern nützt diesen vielmehr als Rahmen, innerhalb dessen er Mank in Rückblenden mit Hollywood abrechnen lässt. Fincher zeichnet Mank, der meisterlich gespielt wird von Gary Oldman (eine weitere Oscar-Nominierung scheint hier unausweichlich zu sein), als einen Nonkonformisten und alkoholkranken Rebellen, der den Pioniergeist des alten Hollywood atmet und enttäuscht wird von der massentauglichen, konservativen Haltung, die die Filmstudios mittlerweile einnehmen – verkörpert vor allem von Louis B. Meyer (Arliss Howard, der ebenfalls preiswürdig aufspielt) – und die getragen und geformt wird von einflussreichen Medienmogulen, allen voran William Randolph Heart (Charles Dance). Das alles ist ja höchst interessant, vor allem durch die Brille der heutigen Zeit betrachtet. Allerdings sitzt Fincher hier zu sehr seiner eigenen Detailverliebtheit auf, und die Dialoge, wenngleich energievoll und mit viel Verve vorgetragen, kranken zuweilen an Namedropping und Ziellosigkeit. Fincher macht es dem Publikum schwer, den Kapriolen seiner Hauptfigur zu folgen, die von einer Erinnerung zur nächsten hüpft. Anzusehen ist das natürlich trotzdem schön, dafür sorgt allein schon die geniale Kameraarbeit von Erik Messerschmidt. Aber schöne Bilder und Finchers Konsequenz, den Film zu wirken lassen, als wäre er tatsächlich in der damaligen Zeit entstanden, reichen halt nicht aus für einen wirklich rundum gelungenen Film. Handwerk allein ist eben nicht genug. Der Funke muss auch aufs Publikum überspringen.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2020 – Netflix Quelle http://www.imdb.com)

Death to 2020 (2020)

Regie: Charlie Brooker
Original-Titel: Death to 2020
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Satire, Politfilm
IMDB-Link: Death to 2020


Ein bisserl Masel hatten die Macher von „Black Mirror“ mit ihrem Jahresrückblick „Death to 2020“ ja schon. Veröffentlicht am 27. Dezember auf Netflix gingen sie frech davon aus, dass in den letzten Tagen des Jahres nichts mehr passieren würde, was in ihrem voreilig veröffentlichten Film sonst fehlen würde. Immerhin hielten sich in den USA die Anhänger des orangenen Proud Boy-Knallkopfs an den Zeitplan und stürmten das Kapitol erst im Jänner. Und so greift „Death to 2020“ im Schnelldurchlauf dann doch alle wichtigen Themen des vergangenen Jahres auf. Schon nach den ersten fünf Minuten wird einem noch einmal so richtig bewusst, was für eine absolute Shitshow auf politischer und gesellschaftlicher Ebene 2020 tatsächlich war. Vieles hat man ja zwischenzeitlich schon erfolgreich verdrängt. Danke, Charlie Brooker, dass du uns den ganzen Mist noch mal nach oben spülst! Waldbrände in Kalifornien, Buschbrände in Australien, Brexit-Chaos, Kettengerassel zwischen Iran und den USA nach der Ermordung von Soleimani, nicht erwähnt, aber durch die Nachrecherche zu dieser Kritik wieder ins Bewusstsein geholt: der Großbrand des Affenhauses in Krefeld, der Terroranschlag in Hanau – und das alles, bevor die erste Fledermaussuppe serviert wurde. Und dann eben dieser wunderschöne Rückfall ins Mittelalter: Eine weltweite Seuche, fundamentalistische Verschwörungstheoretiker, die Wissenschaftler als Ketzer und Häretiker mit Mistgabeln aufspießen wollen, und die Gesandten Gottes in Form der ÖVP-Spitze unter Oberapostel Sobotka, die zum gemeinsamen Gebet ins Parlament laden. Und da soll noch mal einer behaupten, Zeitreisen wären heutzutage noch nicht möglich. Letzteres sparen Charlie Brooker und sein Team gnädigerweise aus, aber Österreich ist nicht der Nabel der Welt, und mit der Aufarbeitung der Fehltritte von Johnson, Bolsonaro und Trump sind die Macher des Films eh gut beschäftigt. Dabei bekommt Brooker tatkräftige Unterstützung aus Hollywood: Samuel L. Jackson als Journalist, Hugh Grant als konservativer Historiker, Lisa Kudrow als dauerlügende Pressetante des Weißen Hauses sind da nur die Speerspitze, Grant und Kudrow dabei die parodistischen Highlights, wenn man von Trump absieht, der selbst seine eigene bestmögliche Parodie abgibt. Das Erschreckende an dem Film ist aber, dass all das, was hier humorvoll aufgearbeitet wird, auch wirklich passiert ist. Da bleibt einem so manches Lachen im Hals stecken. Ein wenig mehr Drive hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle gewünscht, auch sind manche Kommentare zum Weltgeschehen noch immer viel zu zahm – mir wären da noch deutlichere Worte eingefallen. Man hätte den Pegel also durchaus noch etwas nach oben drehen können. 2020 hätte es verdient. Hoffen wir mal, dass es keine Fortsetzung „Death to 2021“ braucht, um diese Empfehlung noch umzusetzen.


6,0
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © 2020 Netflix, Inc., Quelle http://www.imdb.com)

The Midnight Sky (2020)

Regie: George Clooney
Original-Titel: The Midnight Sky
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Science Fiction, Drama
IMDB-Link: The Midnight Sky


Die Location (Arktis) passt. Der Bart passt. Dennoch spielt George Clooney, der auch Regie geführt hat, in „The Midnight Sky“ nicht einen depressiven Santa Claus, sondern einen depressiven Astronomen. Die Erde im Jahr 2049. Wir haben’s verkackt. Die Erde ist unbewohnbar, die Katastrophe eingetreten (wenngleich diese auch nicht klar benannt wird.) Die letzten Ratten verlassen das sinkende Schiff, nur George Clooney harrt im ewigen Eis aus, um ein Raumschiff, das zu einem kürzlich entdeckten Jupitermond aufgebrochen ist, den man neu besiedeln könnte, vor der Rückkehr zu warnen. Bald stellt er fest, dass er auf seiner Station nicht allein ist. Das junge Mädchen Iris (Caoillinn Springall) ist zurückgelassen worden, und der grumpy Möchtegern-Santa mit Krebs im Endstadium darf sich neben dem Problem, dass er mit der Sendetechnik seiner Station das Raumschiff nicht erreichen kann, auch noch mit dem schweigsamen Mädchen herumplagen. Die einzige Hoffnung ist, seinen eigenen Hintern plus dem des Mädchens in eine weit entfernte Wetterstation zu bringen, die über eine bessere Sendeanlage verfügt, um so doch noch die Crew der Aether (Felicity Jones, David Oyelowo, Kyle Chandler, Demián Bichir und Tiffany Boone) vor einer Landung zu warnen. Prekäres Detail am Rande: Kommandant Adewole (Oyelowo) und Astronautin Sully (Jones) erwarten ein gemeinsames Kind. Ein Wettlauf um die Zeit beginnt. Wer mit „The Midnight Sky“ allerdings ein actiongeladenes Spektakel erwartet, wird fürchterlich enttäuscht. Vielmehr ist der neue Film von George Clooney ein langsames Kammerspiel zwischen dem ewigen Nichts des Eises und dem ewigen Nichts des Weltalls. Die letzten Menschen scheinen in einem seltsamen Schwebezustand aus Resignation, Reue und Hoffnung wider besseren Wissens zu verharren. Dementsprechend gedrückt ist auch die Stimmung des Films. Und auch wenn so einige ärgerliche, unlogische Szenen das Vergnügen etwas trüben: Dass der Film von manchen Kritiken derart niedergeknüppelt wird, liegt wohl eher an einer ans Genre geknüpften, enttäuschten Erwartungshaltung als am Film selbst. Mehr noch als ein Science Fiction-Film ist „The Midnight Sky“ nämlich ein Endzeit-Drama und ein Abgesang auf die Spezies Mensch. Der Letzte dreht das Licht ab.


6,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Das geheime Leben der Bäume (2020)

Regie: Jörg Adolph
Original-Titel: Das geheime Leben der Bäume
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Das geheime Leben der Bäume


Dafür, dass sie für ein funktionierendes Ökosystem so unerlässlich sind, wissen wir noch relativ wenig über das Leben der Bäume. Wie gelingt es ihnen zum Beispiel, viele Jahrhunderte alt zu werden und immer noch so vital auszusehen? Und was genau bringt sie zum Explodieren? Der deutsche Förster Peter Wohlleben geht dem Leben der Bäume seit vielen Jahren auf den Grund und hat seine Erkenntnisse in den Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ verpackt, der nun auch verfilmt wurde. America first, Austria Förster? Von wegen. Wenn es ein Land gibt, in dem sich ein Buch über Bäume millionenfach verkaufen kann, dann Deutschland. Aber Ehre, wem Ehre gebührt: Peter Wohlleben ist ein grundsympathischer Typ, der die doch eher trockene und wenig actiongeladene Materie auf humorvolle Weise rüberbringt und dabei interessante Analogien zum menschlichen Dasein findet. Das fetzt natürlich. Der Film zum Buch verheddert sich hingegen im Unterholz zwischen der Ambition, die Person Peter Wohlleben zu zeigen und greifbar zu machen, und der inhaltlichen Wiedergabe seiner Theorien. Ein Hybridgewächs, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber Porträt oder Lehrfilm sein will und dadurch keines von beidem ist. Dabei sind die Passagen, in denen Peter Wohlleben seine Beobachtungen zu Wäldern und Bäumen teilt, durchaus spannend. Bildungsfernsehen im besten Sinne. Man beginnt sehr rasch zu begreifen, wie wenig man tatsächlich weiß über die Lunge der Erde. Aber immer dann, wenn es interessant wird, kommt schon der nächste Schnitt, und der Film springt zum nächsten Thema, zum nächsten Abschnitt aus Peter Wohllebens Werdegang oder zu einer Talkshow, in der er ein paar Sätze sagen darf, die man zehn Minuten früher ohnehin schon gehört hat. Als Film hat „Das geheime Leben der Bäume“ unübersehbare Schwächen, auch wenn der Inhalt per se faszinierend genug ist, damit man trotzdem dabei bleibt. Man hätte es halt besser machen können.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © CF, Quelle http://www.imdb.com)