2020

Das geheime Leben der Bäume (2020)

Regie: Jörg Adolph
Original-Titel: Das geheime Leben der Bäume
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Das geheime Leben der Bäume


Dafür, dass sie für ein funktionierendes Ökosystem so unerlässlich sind, wissen wir noch relativ wenig über das Leben der Bäume. Wie gelingt es ihnen zum Beispiel, viele Jahrhunderte alt zu werden und immer noch so vital auszusehen? Und was genau bringt sie zum Explodieren? Der deutsche Förster Peter Wohlleben geht dem Leben der Bäume seit vielen Jahren auf den Grund und hat seine Erkenntnisse in den Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ verpackt, der nun auch verfilmt wurde. America first, Austria Förster? Von wegen. Wenn es ein Land gibt, in dem sich ein Buch über Bäume millionenfach verkaufen kann, dann Deutschland. Aber Ehre, wem Ehre gebührt: Peter Wohlleben ist ein grundsympathischer Typ, der die doch eher trockene und wenig actiongeladene Materie auf humorvolle Weise rüberbringt und dabei interessante Analogien zum menschlichen Dasein findet. Das fetzt natürlich. Der Film zum Buch verheddert sich hingegen im Unterholz zwischen der Ambition, die Person Peter Wohlleben zu zeigen und greifbar zu machen, und der inhaltlichen Wiedergabe seiner Theorien. Ein Hybridgewächs, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber Porträt oder Lehrfilm sein will und dadurch keines von beidem ist. Dabei sind die Passagen, in denen Peter Wohlleben seine Beobachtungen zu Wäldern und Bäumen teilt, durchaus spannend. Bildungsfernsehen im besten Sinne. Man beginnt sehr rasch zu begreifen, wie wenig man tatsächlich weiß über die Lunge der Erde. Aber immer dann, wenn es interessant wird, kommt schon der nächste Schnitt, und der Film springt zum nächsten Thema, zum nächsten Abschnitt aus Peter Wohllebens Werdegang oder zu einer Talkshow, in der er ein paar Sätze sagen darf, die man zehn Minuten früher ohnehin schon gehört hat. Als Film hat „Das geheime Leben der Bäume“ unübersehbare Schwächen, auch wenn der Inhalt per se faszinierend genug ist, damit man trotzdem dabei bleibt. Man hätte es halt besser machen können.


5,5
von 10 Kürbissen

(Bildzitat: © CF, Quelle http://www.imdb.com)

Tragic Jungle (2020)

Regie: Yulene Olaizola
Original-Titel: Selva trágica
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama
IMDB-Link: Selva trágica


Der letzte Viennale-Film in diesem Jahr, und ich hätte mir keinen besseren Film dafür aussuchen können als „Tragic Jungle“ von Yulene Olaizola, entführt dieser doch in eine fremde, mysteriöse Welt, die man vorrangig auf Filmfestivals abseits des Mainstreams kennenlernen kann. Der Dschungel ist dicht und voller Gefahren. Vor allem für Agnes (Indira Rubie Andrewin), die gerade noch dem britischen Großgrundbesitzer entkommen ist, der sie heiraten wollte und nach der Abweisung nun Jagd auf sie macht. Verletzt wird sie von spanischen und mexikanischen Arbeitern gefunden, die durch die Ernte und den Verkauf von Kautschuk den großen Reibach machen möchten. Es sind die 1920er Jahre im Dschungel von Mexiko, das Leben ist hart und entbehrlich. Das Auftauchen der jungen und attraktiven Frau bringt die Dynamik im Camp der Arbeiter gehörig durcheinander. Doch bald stellt sich die Frage: Wer oder was ist die eigentliche Bedrohung hier? „Tragic Jungle“ ist ein Spiel mit Mythen, mit menschlichen Abgründen, Begehrlichkeiten, Fantasien und Träumen und der Suche nach Reichtum, die alles Andere zu überschatten droht. Ein sinnlicher Film, indem der Dschungel so undurchdringlich ist wie Agnes‘ Miene. Yulene Olaizola würzt den Film mit einer gehörigen Portion Spannung, die in dem fremdartigen Setting gut zur Geltung kommt. Das sind die Filme, für die sich Kino wirklich lohnt, ermöglicht die große Leinwand schließlich das komplette Eintauchen in eine Welt voller Magie und Rätsel. Dass der Film mit dem Jurypreis der Standard-Publikumsjury ausgezeichnet wurde, ist gut nachvollziehbar und verdient.


7,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Genus Pan (2020)

Regie: Lav Diaz
Original-Titel: Lahi, Hayop
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Krimi, Drama
IMDB-Link: Lahi, Hayop


Für seine Verhältnisse hat Lav Diaz mit „Genus Pan“ (im Original: „Lahi, Hayop“) einen Kurzfilm gedreht. In flotten 157 Minuten ist man durch. Seine Filme können auch schon mal die 8-Stunden-Marke überschreiten. Bei einem achtstündigen „Lahi, Hayop“ wäre ich allerdings ausgestiegen, hat der Film ja auch jetzt schon seine Längen. Die Geschichte kann nämlich recht einfach zusammengefasst werden: Drei Minenarbeiter schlagen sich von der Insel, auf der sie arbeiten und ausgebeutet wurden, durch den Dschungel in ihr Heimatdorf durch. Einer von ihnen ist finanziell besonders gebeutelt, denn das wenige Geld, das ihm bleibt, reicht nicht aus, um die Medikamente der kranken Schwester zu bezahlen. Nach einem langen, beschwerlichen Weg kommt nur er im Dorf an. Was ist passiert? Dass er den Dorfbewohnern von seinem Geld nichts abgeben möchte, macht die Menschen noch misstrauischer. „Lahi, Hayop“ bringt unter allen Figuren das Schlechteste hervor. Man ist nicht besser als der vom Instinkt geleitete „Pan“, also Menschenaffe. Es gibt wenig Hoffnung auf Läuterung – trotz eines starken Beginns, der den beschwerlichen Weg der drei Männer minutiös nachzeichnet und die drei ungleichen Typen auch zueinanderfinden lässt. Aber was bleibt davon übrig im Angesicht der Not? „Lahi, Hayop“ ist eine finstere Reise an die dunkelsten Stellen der Herzen. Allerdings fällt der Film nach einer starken ersten Hälfte stark ab, wird mühsam und zieht sich wie ein alter Kaugummi. Erst das bittere Ende lässt den Zuseher wieder mitfiebern und rettet den Film über die letzte Kurve. Die 157 Minuten Laufzeit sind aber mehr als üppig bemessen für den Inhalt, der damit trotz der kürzeren Laufzeit deutlich mühsamer zu sehen ist als der grandiose The Woman Who Left aus dem Jahr 2016. Wie schon gesagt: Acht Stunden lang hätte ich hier nicht durchgehalten. 


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Shirley (2020)

Regie: Josephine Decker
Original-Titel: Shirley
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Krimi, Thriller
IMDB-Link: Shirley


Shirley (Elisabeth Moss) ist eine renommierte Schriftstellerin, die an einer Schreibblockade und einer Depression leidet. Ihr Ehemann Stanley (Michael Stuhlbarg), Dozent an der Uni, bringt seinen neuen Assistenten Fred (Logan Lerman) und Rose (Odessa Young) ins Haus. Rose soll Shirley im Haushalt unter die Arme greifen, dafür bekommt das junge Paar Kost und Logis. Zwischen den beiden Frauen entspinnt sich eine zarte Freundschaft, und über den realen Fall einer verschwundenen Studentin, die Shirley fiktional aufarbeitet, findet sie auch wieder zum Schreiben. Doch wie sehr greifen Realität und Fiktion ineinander, und was macht das mit den Betroffenen? „Shirley“ von Josephine Decker spielt diese Frage auf mehrere Ebenen durch. Vordergründig ist der Film eine Biographie der Horror- und Mystery-Autorin Shirley Jackson, doch werden reale Kernelemente des Biographischen ausgespart und durch Inhalte ersetzt, die eher an Jacksons fiktive Geschichten erinnern. Gleichzeitig verschmelzen Rose und die verschwundene Studentin Paula, die junge Rose wird zum Inhalt von Shirleys Geschichte. Und auch die Beziehung zwischen Shirley und Stanley wirkt oft dramatisch überhöht und inszeniert. Ein Fest für großartige Schauspieler/innen wie eben Michael Stuhlbarg und Elisabeth Moss, die zur Hochform auflaufen. Beide spielen sich damit in den Vordergrund für die großen Schauspielpreise der kommenden Monate. Und dieser Aspekt macht den Film auch wirklich sehenswert, während die Story selbst dann doch recht beliebig und ziellos bleibt. 


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Gunda (2020)

Regie: Victor Kossakovsky
Original-Titel: Gunda
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: Gunda


An solchen Tagen kommt man ins Grübeln. Am Vorabend ist ein Oaschloch ausgetickt und hat mehrere Menschen mit sich gerissen. Kann man da überhaupt noch über Filme schreiben, oder relativiert sich nicht alles angesichts des Terrors und der Trauer? Nun, ohne pathetisch wirken zu wollen – aber lässt man es zu, dass das Oaschloch über das Leben und die weiteren Handlungen bestimmt, dann hat es gewonnen. Und das will ich nicht zulassen. Also weiter mit den Viennale-Filmen. Stellen wir der Angst die Kunst entgegen. Und die ist in „Gunda“ von Victor Kossakovsky höchst lebendig. In ruhigen Schwarz-Weiß-Bildern folgt der Film, der übrigens von Joaquin Phoenix produziert wurde, einer Sau, die gerade frisch geworfen hat. Der Mensch ist abwesend. In einem großen Freigelände können die Tiere das tun, was sie eben so tun: Sich im Schlamm suhlen, sich über die Zitzen der Mutter streiten, herumlaufen und größer werden. Zwischendurch wird das schweinische Leben unterbrochen durch Aufnahmen von Hühnern, die freigesetzt werden, und zunächst übervorsichtig und sichtlich ratlos durchs Gras stapfen. Und von Kühen, die aus dem Stall rennen und ausgelassen  auf der Wiese herumhüpfen. Und dabei geschieht Erstaunliches: Die Emotionen der Tiere werden erlebbar, ohne dass dies über die Krücke der Vermenschlichung geschieht. „Gunda“ ist ein kleiner, ganz großer Film. Ein Film, der den Tieren gerecht wird, der sie in all ihrem tierischen Verhalten zeigt, aber darin auch das Verbindende findet. Und genau das passt wiederum zu diesen schweren Tagen. Lasst uns das Verbindende finden und das Trennende vergessen.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Die Frau, die rannte (2020)

Regie: Hong Sang-soo
Original-Titel: Domangchin yeoja
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama
IMDB-Link: Domangchin yeoja


Gam-hee (Kim Min-hee) ist seit fünf Jahren verheiratet. Eine Geschäftsreise ihres Ehemanns ermöglicht es ihr, einige alte Freundinnen und Bekannte zu besuchen. Die hat sie seit Jahren nicht mehr gesehen, denn, wie sie allen erzählt, war sie im Laufe ihrer fünfjährigen Ehe bislang keinen einzigen Tag von ihrem Ehemann getrennt. Er sei der Meinung, dass ein Paar, das sich liebt, eben stets zusammen sein müsse. In dieser Aussage schwingen schon viele unausgesprochene Probleme und unerfüllte Sehnsüchte mit. Denn Gam-hee scheint nichts Anderes mehr zu sein als die Ehefrau, die noch nie von ihrem Mann getrennt war. Für das alltägliche Leben ihrer Freundinnen bringt sie Bewunderung auf, Beziehungen und das Liebesleben kommentiert sie ehrfürchtig und fast verschämt. Man merkt: Diese Frau ist gefangen, in ihrer Beziehung, in sich selbst, in der Gesellschaft. Ausgesprochen wird dies aber nie. Hong Sang-soos neuer Film ist still, fast meditativ, und enorm handlungsarm. Die Gespräche drehen sich meist um Beiläufigkeiten und kommen über die Qualität von Smalltalk selten hinaus. Trotzdem wird im Laufe des Films Gam-hees Einsamkeit und Suche nach sich selbst immer spürbarer. Dies so erlebbar zu machen, hat große Qualität. Allerdings ist „Die Frau, die rannte“ ein Film, für den man Geduld und zumindest ansatzweise die Antenne für Ungesagtes mitbringen muss. Und man muss wertschätzen können, dass das Leben hauptsächlich aus Kleinigkeiten besteht wie zum Beispiel das Schälen eines Apfels. Der Film fordert die Geduld der Zuseher heraus, ist aber trotz seiner Passivität an der Oberfläche lohnenswert.


6,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Mainstream (2020)

Regie: Gia Coppola
Original-Titel: Mainstream
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Komödie, Satire
IMDB-Link: Mainstream


Wenn du Coppola heißt, dann wirst du nicht Zuckerbäckerin oder Rauchfangkehrer. Dann gehst du ins Filmbusiness. Basta. So ist nun auch Francis Ford Coppola-Enkelin Gia endgültig auf den Filmfestivals dieser Welt angekommen. Ihr zweiter Langfilm „Mainstream“ fühlt sich ein bisschen wie ein Debüt an: Voller Energie und aberwitziger Regieeinfälle (manche davon gelungen, manche weniger), ein bisschen chaotisch, aber sympathisch, mit einer Botschaft, die dann doch wieder verwässert wird. Die Kellnerin Frankie (Maya Hawke, die Tochter von Uma Thurman und Ethan Hawke, wo wir bei der nächsten cineastisch beschlagenen Familie wären) trifft auf den jungen Spinner und Smartphone-Verweigerer Link (Andrew Garfield), der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält und in den Tag hineinlebt. Fasziniert von seinen Spompernadeln lässt sie alles liegen und stehen und schließt sich seinem Joie de vivre an. Gemeinsam mit ihrem Kumpel Jake (Nat Wolff) erfinden sie die Kunstfigur No One Special, die uns Smombies den Spiegel vorhalten soll. Ein Musikvideo geht viral, und von da an nimmt das Projekt eine Dynamik auf, die Frankie, Link und Jake bald nicht mehr steuern können – vor allem, als der dubiose Agent Mark Schwartz (Jason Schwartzman) hinzustößt. Man sieht: Das ist alles ein bisschen plump und plakativ. Alle vorstellbaren Klischees und Topoi werden brav abgearbeitet. Und die eigentliche Botschaft des Films wird durch die weitere Storyline korrumpiert. Wie Frankie im Film verliert auch Gia Coppola zunehmend die Kontrolle. Ihre energiegeladene Inszenierung sorgt dennoch dafür, dass der Film kurzweilig und unterhaltsam bleibt, aber wie viel mehr hätte man da noch rausholen können!


5,5
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Nomadland (2020)

Regie: Chloé Zhao
Original-Titel: Nomadland
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: Nomadland


Chloé Zhao ist mir schon mit ihrem Vorgängerfilm The Rider sehr positiv aufgefallen. Den Ansatz, die Geschichten echter Menschen von ihnen selbst dargestellt fiktionalisiert auf den großen Screen zu bringen, setzt sie mit „Nomadland“ fort – diesmal mit Unterstützung einer wie immer herausragenden Frances McDormand in der Hauptrolle und David Strathairn an ihrer Seite. Der Rest des Casts ist aber direkt von den Straßen, auf denen sie mit ihren Wohnwagen von Job zu Job pilgern, für den Film gecastet worden. Sie berichten aus ihrem eigenen Leben, von ihren persönlichen Schicksalen. Wie auch in „The Rider“ vermeidet Choé Zhao Rührseligkeit und Schuldzuweisungen. Das Leben in den USA kann hart und bitter sein, wenn man nicht auf der wirtschaftlich begünstigten Butterseite gelandet ist. Träume lösen sich in Schall und Rauch auf, ein festes Heim kann sich nicht jeder leisten, und so zieht man nomadengleich von Stadt zu Stadt, um in den Versandzentren von Amazon oder bei der Rübenernte ein paar Dollar zu machen. Man scheißt in Eimer, weil es kein fließendes Wasser gibt, und hilft sich gegenseitig mit Werkzeug und einer gelegentlichen Umarmung aus. Es ist ein Leben am Rand bzw. im Dazwischen – nicht ganz am untersten Ende der Obdachlosigkeit, aber eben auch noch nicht der Working Class zugehörig. „Nomadland“ gibt diesen Menschen im Dazwischen eine Stimme und erzählt fast beiläufig dazu noch eine Geschichte über Familie und Zusammenhalt. Einer der großen Filme der diesjährigen Viennale – was den Publikumszuspruch wie die Qualität gleichermaßen betrifft.


8,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

The Trouble with Being Born (2020)

Regie: Sandra Wollner
Original-Titel: The Trouble with Being Born
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Science Fiction
IMDB-Link: The Trouble with Being Born


Wozu brauchen wir Roboter? Nun, sie erleichtern uns die Arbeit oder nehmen uns Arbeit ab. Sie ermöglichen uns die Erschaffung von Dingen und Konzepten, die ohne automatisierter Hilfe undenkbar scheinen. Aber können sie auch zwischenmenschliche Interaktion ersetzen? Diese Frage stellt sich Sandra Wollner in ihrem Film „The Trouble with Being Born“. Der Roboter Elli (Lena Watson) ist nach dem Ebenbild der verschwundenen Tochter von Georg (Dominik Warta) erschaffen und hat ihre Erinnerungen einprogrammiert. So wird die Illusion der Vater-Tochter-Beziehung aufrechtgehalten. Einige sehr ungesunde Features sind hinzugekommen – praktisch, dass Roboter keine Gefühle haben. Dieser Aspekt führte auch gleich mal zu einer kontrovers diskutierten Ausladung vom Filmfestival in Melbourne, wie die Regisseurin im anschließenden Q&A erzählte. Ein weiteres Beispiel für Political Correctness, die zu weit geht. Jedenfalls spart der Film ungute Betrachtungen zu menschlichen Bedürfnissen und Trieben nicht aus. Das mit Gedanken zur künstlicher Intelligenz zu verbinden, ist ein geschickter Zug, der moralische Fragen aufwirft, die sich nicht einfach wegwischen lassen. Zunächst einmal ist der Science Fiction-Film „The Trouble with Being Born“ eine arg anstrengende Angelegenheit. Der Zuseher wird mit dem zähen Beginn lange Zeit im Dunkeln gelassen (und das im doppelten Sinne – die Bildgestaltung führt oft in den dunklen Wald und die Nacht hinein), muss sich den Inhalt selbst erarbeiten. Aber mit der Zeit nimmt der Film spürbar an Fahrt auf. Das Ende ist dann packend und hallt länger nach. Der Weg dahin ist halt etwas mühsam.


6,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)

Frühling in Paris (2020)

Regie: Suzanne Lindon
Original-Titel: Seize Printemps
Erscheinungsjahr: 2020
Genre: Drama, Liebesfilm, Komödie
IMDB-Link: Seize Printemps


Als 16jährige hat Suzanne Lindon die Geschichte zu „Seize Printemps“ entwickelt. Vier Jahre später ist nun der Film dazu in den Kinos – mit Lindon selbst in der Hauptrolle der Suzanne, eine brave 16jährige Schülerin, die von der Schule und ihren Altersgenossen gelangweilt ist. Eine Zufallsbegegnung führt sie mit dem Schauspieler Raphael (Arnaud Valois) zusammen, der ganz in der Nähe ihrer Wohnung Theater spielt. Und vorsichtig nähern sich die beiden einander an. Suzanne Lindon belässt es aber bei Teenie-Schwärmereien und Andeutungen. Grenzen werden keine überschritten – die Fantasie eines verliebten Teenager-Mädels handelt wohl in der Regel auch weniger von nächtelangen Vögeleien als von dem Gleichklang der Seelen, die ihre Körper synchron zu Opernmusik im Café tanzen lassen. Diese verspielte, schwärmerische Note tut dem Film gut, er passt auch zu Gefühlen der ersten Liebe, diese schrecklich schöne Verwirrung des Herzens. Die pornographischen Elemente schleichen sich später ganz von selbst ein, aber am Anfang sind es eben tanzende Schmetterlinge und Ekstase, wenn man sich allein schon bei den Händen hält. „Frühling in Paris“ ist ein verfilmter Teenie-Traum, der auch nicht mehr sein möchte. Genau diese fehlende Ambition macht den Film aber am Ende zu einer Erfahrung, die man wohl auch rasch wieder vergisst. Dass der Film in den offiziellen Wettbewerb von Cannes eingeladen wurde, überrascht dann doch sehr. Fazit: Ganz nett. Aber auch wurscht.


5,0
von 10 Kürbissen

(Foto: (c) Viennale)