2021

Das Licht, aus dem die Träume sind (2021)

Regie: Pan Nalin
Original-Titel: Last Film Show
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: Last Film Show


Von Pan Nalin habe ich vorher noch nie gehört, und so lag es an meinem Film-Buddy Der Filmgenuss, dass mir a) diese filmische Lücke bewusst wurde und ich b) sie sogleich schließen konnte. Bei Pan Nalin handelt es sich um einen renommierten indischen Filmemacher, der sich weit abseits kitschiger Bollywood-Filme bewegt. In „Last Film Show“ (auf Deutsch etwas schwülstig „Das Licht, aus dem die Träume sind“) lässt er den Sohn eines mittellosen Teeverkäufers aus der Provinz die Liebe zum Kino entdecken. Nachdem er aus einer Kinovorführung rausgeworfen wird, da er sich kein Ticket leisten konnte, freundet sich der junge Samay mit dem Vorführer Fazal an, der ihn die Geheimnisse lehrt, wie man das Licht fängt und daraus bewegte, tanzende Bilder entstehen lässt. Das klingt alles nach „Cinema Paradiso“ von Giuseppe Tornatore, ist aber dann doch etwas sehr Eigenes. Denn Pan Nalin würdigt nicht nur die Magie des Films, sondern gleichermaßen die analoge Technik, die dahintersteckt. Sein Samay (grandios gespielt von Nachwuchsdarsteller Bhavin Rabari) zeichnet den Weg des Films von Anfang an nach, als wäre er der 100 Jahre zu spät und auf dem falschen Kontinent geborene dritte Bruder Lumière. Mit Witz und Kreativität bauen er und seine Freunde schon bald die Apparate nach, die für eine solche Verzauberung sorgen. „Last Film Show“ ist ein sinnlicher Film, was nicht nur an der Weise liegt, wie Pan Nalin selbst das Licht einfängt und kunstvolle Tableaus kreiert, sondern auch daran, dass wirklich alle Sinne berührt werden – durch die Musik, die die Bilder perfekt untermalt, durch das fast schon erotische Zubereiten der dampfenden Speisen durch Samays Mutter, deren Düfte man förmlich durch die Leinwand riechen kann, durch die Hitze des indischen Subkontinents, die man auf der Haut zu spüren meint. Ein rundum schönes Erlebnis, eine Hommage an das Kino (mit gewitzt eingebauten Zitaten, die sich beispielsweise vor Stanley Kubrick oder Andrei Tarkowski verbeugen) und einer jener Filme, die nicht nur die Leinwand, auf der sie zu sehen sind, würdigen, sondern diese gar brauchen.


7,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr (2021)

Regie: Gillies MacKinnon
Original-Titel: The Last Bus
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Roadmovie
IMDB-Link: The Last Bus


Hach, ich hab’s hier ja schon öfter geschrieben, aber diese deutschen Titel … Was im englischen Original kurz und knackig „The Last Bus“ heißt, wird bei uns als „Der Engländer, der in den Bus stieg und bis ans Ende der Welt fuhr“ vermarktet. Demnächst im Kino zu sehen: „Die Polynesierin, die beim Krabbenessen die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest fand, nach New York zog, wo sie eine bedeutende Wissenschaftlerin wurde, ehe sie in ihr Heimatdorf zurückkehrte und dort den Stammesvorsitz übernahm“ oder auch „Der Mistelbacher, der den Zug nahm, um in die große Stadt zu seiner Arbeitsstätte zu fahren, wo er den Tag bis zum Abend verbrachte und wieder nach Hause fuhr“. Diese Titel blähen einen Text einfach unnötig auf. Ihr merkt es selbst – so viele Zeilen und noch kein einziges Wort zu Gillies MacKinnons Roadmovie der entschleunigten Art. Darin macht sich ein über 90jähriger Rentner auf den Weg vom äußersten Zipfel Schottlands zum äußersten Zipfels Südengland, und das mit dem Bus. Man möchte meinen, Zeit hat der alte Knabe ja genug, aber genau die wird ihm knapp, was natürlich für Stress sorgt, wenn die Dinge nicht nach Fahrplan laufen. Aber immerhin gibt es dadurch ausreichend Möglichkeiten für zwischenmenschliche Begegnungen. Genau die entpuppen sich aber als größter Schwachpunkt des gutgemeinten, aber mäßig ausgeführten Rührstücks. Denn diese Begegnungen wirken beliebig, klischeeüberladen und tragen zur Entwicklung der Figur von Tom, dem reisenden Rentner, nichts bei. Er ist am Ende der Reise der gleiche wie zu Beginn. Immerhin erlauben es diese Szenen Timothy Spall, sein ganzes Können zu zeigen. Der Mitte 60jährige spielt den über 90 Jahre alten, gebrechlichen Tom mit Leib und Seele. In keinem Moment zweifelt man an, dass in der Rolle ein knapp 30 Jahre jüngerer Schauspieler steckt. Wobei, so eine große Kunst ist das vielleicht auch nicht. Nach einer Stunde Badminton nach längerer Pause schaue ich 40jähriger auch aus wie Mitte 70. Vielleicht war das Spalls Geheimnis, um in diese Rolle zu schlüpfen. Jedenfalls macht er seine Sache gut, und seine Darstellung hätte ein ebenbürtiges Drehbuch verdient gehabt.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Scott Garfield – © 2022 CTMG, Quelle http://www.imdb.com)

Die Mitchells gegen die Maschinen (2021)

Regie: Mike Rianda
Original-Titel: The Mitchells vs. the Machines
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Animation
IMDB-Link: The Mitchells vs. the Machines


Die Oscar-Academy war der Meinung, Encanto wäre der beste Animationsfilm des Jahres und zeichnete diesen Ende März mit der begehrten Goldstatue aus. Nun, ich will ja nicht sagen, dass die Academy doof ist, aber sie ist doof. Denn „The Mitchell vs. the Machines“, das Regiedebüt von Mike Rianda, ist so viel besser als das süßliche „Encanto“, dass es fast schon eine Beleidigung ist, diesen Film nicht mit den höchsten Lorbeeren zu versehen. „The Mitchell vs. the Machines“ ist frech, hat eine unglaubliche Energie, unfassbar witzige, kreative Einfälle, sympathische und nachvollziehbare Charaktere – er ist einfach ein Fest für alle Freunde des animierten Films. Das ist der Film, den Pixar gerne gemacht hätte. Wenn man auf die Namen der Produzenten schaut und dort Phil Lord und Chris Miller sieht, weiß man auch, woher diese Kreativität und Energie kommt. Die beiden haben uns „The LEGO Movie“ und Spider-Man: Into the Spider-Verse beschert; nicht die schlechtesten Referenzen. Und so greift auch „The Mitchell vs. the Machines“ deren erfrischenden Ansatz auf, verschiedenste Stil- und Animationselemente miteinander zu verschmelzen und mit Zitaten und Anspielungen auf das große filmische Universum zu verweisen. Das wirkt vielleicht manchmal ein wenig, als wäre es für ein Publikum mit ADHS ausgerichtet, aber es sind vor allem die stillen Momente, die besonders überzeugen. Im Kern ist „The Mitchell vs. the Machines“ bei aller Action, wenn eine Durchschnittsfamilie die Robokalypse abwenden muss, eine sensibel erzählte Geschichte über familiäre Werte und Beziehungen. Eine glasklare Empfehlung, und hätte ich den Film schon letztes Jahr gesehen anstatt mich von dem bunten Filmplakat abschrecken zu lassen, wäre „The Mitchell vs. the Machines“ in meinen Top5 des Jahres gelandet. Aber das ist so ein Film, bei dem man sagen kann: Besser man sieht ihn spät als nie.


8,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2021 SPAI, Quelle http://www.imdb.com)

Red Notice (2021)

Regie: Rawson Marshall Thurber
Original-Titel: Red Notice
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Action, Abenteuerfilm, Komödie, Krimi
IMDB-Link: Red Notice


Jessas, der Ryan Reynolds schon wieder! Über den und seine Filme habe ich in den letzten Monaten nicht zu selten geschrieben. Reynolds dürfte jedenfalls seine Seele an Netflix verkauft haben, denn es ist fast schon unmöglich, sich durch die Startseite des Streaming-Anbieters zu zappen, ohne sein Gesicht zu sehen. In „Red Notice“ von Rawson Marshall Thurber spielt Ryan Reynolds diesmal Ryan Reynolds, der als Ryan Reynolds Karriere als Superkunstdieb macht. Dwight „The Rock“ Johnson ist ihm als FBI-Profiler auf den Fersen, was immerhin einen netten Gag hergibt, da The Rock hier mal jemanden spielen muss, der befähigt zu sein scheint, auch sein Hirn und nicht nur Muskelkraft einsetzen zu können (was ihm aber ehrlicherweise nicht wirklich gelingt). Und da Gal Gadot als Gal Gadot dem Super-Dieb und dem Super-Profiler ein Schnippchen schlagen möchte, müssen sich die beiden ungleichen Herren zusammentun, um eben jene Super-Schurkin aufs Kreuz zu legen, was auch wieder nur mäßig gelingt, denn Gadot hat eine israelische Militärausbildung genossen, und wenn sie einen Roundhouse-Kick austeilt, geht der direkt in Reynolds Gesicht (und The Rocks Eier). Was soll man da sagen? Auf der positiven Seite: Alle haben sichtlich ihren Spaß mit dem Film, der ein bisschen wirkt, als hätte man Indiana Jones und James Bond verschmelzen wollen, Gal Gadot sieht sexy aus, Ryan Reynolds wirkt wieder hochgradig sympathisch und The Rock macht alle Defizite mit Selbstironie wett. Auf der negativen Seite: Gal Gadot hat ihre Talente (siehe Roundhouse-Kicks), aber schauspielern gehört leider nicht dazu, Ryan Reynolds spielt mal wieder sich selbst und The Rock wirkt im Anzug immer irgendwie, als hätte sich die zu eng geschnittene Hose in der Arschbacke verheddert und würde ihn irrsinnig zwicken. Aber was soll’s – das Teil bietet ein paar flotte Sprüche, kernige Action-Szenen und schöne Prügeleien, wie sie Bud Spencer und Terence Hill nicht besser hinbekommen hätten. Hirn aus, Film ab.


5,5 Kürbisse

(Bildzitat: © 2021 – Netflix, Quelle http://www.imdb.com)

Stowaway – Blinder Passagier (2021)

Regie: Joe Penna
Original-Titel: Stowaway
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Science Fiction, Drama
IMDB-Link: Stowaway


Langsame, philosophische Science Fiction – darin geht der Filmkürbis auf. Seien es alte Meisterwerke wie „2001 – Odyssee im Weltraum“ oder neuere Beiträge wie Ad Astra, wenn jemand das Science Fiction-Genre klug nutzt, um die Essenz des Menschseins herauszuarbeiten, gehe ich voll mit. Insofern hatte „Stowaway“, die neueste Regiearbeit von Joe Penna, der zuletzt Mads Mikkelsen in Arctic durch das Eis latschen ließ (unwirtlich sind sowohl das Weltall als auch das ewige Eis, von daher kann man eine gewisse Präferenz des Regisseurs für Extremsituationen herauslesen), schon mal gute Karten. Dazu kommt eine wirklich gute Besetzung, angeführt von Toni Collette, die sich spätestens seit dem Oscar für Jessica Chastain diesen März in der Pole Position für längst überfällige Oscar-Auszeichnungen zu befinden scheint, und Anna Kendrick in einer für sie ungewohnten Rolle: sie muss nämlich nicht singen. Dazu kommen Daniel Dae Kim und Shamier Anderson, die ebenfalls ihre Sache gut machen. Was weniger gut ist: Das ermüdende Erzähltempo des Films. Sagte ich nicht gerade, dass ich mit solch langsamen Filmen etwas anfangen kann? Ich präzisiere: Langsam, nicht langweilig. Doch genau das Problem hat „Stowaway“: Er ist langweilig. Dabei wäre die Ausgangssituation so vielversprechend: Eine dreiköpfige Crew auf dem Weg zum Mars stellt fest, dass ein unfreiwilliger blinder Passagier an Board ist. Noch dazu geht die Anlage für die Sauerstoffaufbereitung in die Binsen, also hat man das Problem: Die Luft reicht für drei, nicht aber für vier, und zurück kann man auch nicht mehr. Assoziationen zu George Floyd und seinem tragischen „I can’t breathe!“ werden unweigerlich wach, da wird klug auf mehreren Ebenen gespielt. Aber alle Anspielungen nutzen nichts, wenn man im Film in Anbetracht der kompletten Spannungsfreiheit selig wegbüselt. Ich sag ja nicht, dass da Michael Bay-artig alle fünf Minuten die halbe Raumstation explodieren muss, aber zumindest hätte man die intrinsische Spannung des moralischen Dilemmas, in dem sich die Crew befindet, besser nutzen können. Doch auch das geschieht nicht. Und so ist es mir am Ende fast egal, wie der Film ausgeht. Leider.


4,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

14 Gipfel: Nichts ist unmöglich (2021)

Regie: Torquil Jones
Original-Titel: 14 Peaks: Nothing is Impossible
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Dokumentation
IMDB-Link: 14 Peaks: Nothing is Impossible


Über 8.000 Metern Seehöhe beginnt die sogenannte Todeszone. Der Sauerstoff ist so dünn, dass das Atmen schwer fällt, und wem die Kräfte verlassen oder wer von einem Wetterumschwung überrascht wird, kann sich eigentlich schon darauf einstellen, oben am Berg zu bleiben. Auf einen 8.000er zu klettern, ist purer Wahnsinn und ein Spiel mit dem Tod. Auf alle 14 8.000er zu klettern, ist komplett irre. Und das alles in nur wenigen Monaten zu schaffen, ein Fall für die Geschlossene. Aber Grenzen sind da, um überwunden zu werden, das denkt sich jedenfalls der nepalesische Extrembergsteiger Nirmal Purja, der mit seinem waghalsigen Projekt, die 14 höchsten Berge der Welt alle innerhalb von 7 Monaten zu besteigen (der bisherige Weltrekord lag bei 7 Jahren, um das einmal einzuordnen), die lange nepalesische Bergsteigertradition, ohne der die Besteigung der 8.000er gar nicht erst möglich gewesen wäre, in den Geschichtsbüchern verewigen möchte. Nirmal Purja ist schon ein verrückter Hund – und noch verrückter müssen eigentlich seine Begleiter sein, die sich auf diesen Irrsinn einlassen. „14 Gipfel“ steigt dieser Pionierleistung sozusagen nach, zeichnet die Gipfelstürme in eindrucksvollen Bildern nach und berichtet von den Schwierigkeiten, die sich nicht nur aufgrund von Wind und Wetter und Höhenkrankheit ergeben, sondern manchmal auch schlicht organisatorischer oder bürokratischer Natur sind. Nirmal Purja kommt dabei gar nicht mal so sympathisch weg – er ist ein Besessener, ein Getriebener, aber auch einer, der dem großen Ruhm nacheifert. Das macht seine Leistung aber nicht weniger spektakulär. Was man an dem Film über sein abenteuerliches Projekt aber kritisieren kann, ist, dass er gehetzt wirkt. Von Gipfel zu Gipfel, und plötzlich verlieren sie in der Aufzählung, wenn einer nach dem anderen richtiggehend abgearbeitet wird, ihre Faszination und ihren Schrecken. Eine Mini-Serie mit 14 Folgen wäre wohl geeigneter gewesen, um diesen irren Weg nachzuzeichnen und dabei die Würde der Berge zu bewahren.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Nightmare Alley (2021)

Regie: Guillermo del Toro
Original-Titel: Nightmare Alley
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Krimi, Thriller
IMDB-Link: Nightmare Alley


Wer diesen Blog in den vergangenen Monaten etwas intensiver verfolgt hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass ich einige Film Noirs aus den 40ern besprochen habe. „Nightmare Alley“, der neueste Film von Guillermo del Toro, würde gut in diese Reihe passen – wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass es bereits eine Verfilmung aus dem Jahr 1947 gibt unter dem Titel „Der Scharlatan“, ein Film Noir, der auf dem gleichnamigen Roman von William Lindsay Gresham beruht. Nun, ich kenne weder den Roman noch die Originalverfilmung, aber ich kann mir die Vibes des Films aus den 40ern sehr gut vorstellen, denn del Toros „Nightmare Alley“ ist eine Zeitreise in die Blütezeit des Film Noirs. Und wenn wir schon bei Zeitreisen sein: Cate Blanchett stammt ebenfalls eindeutig aus dieser Zeit. Ihre Femme Fatale, die das selbsternannte Medium Stanton Carlisle straucheln lässt, wirkt wie aus der Zeit gefallen. Überhaupt gibt sich del Toro jede Mühe, einen Film zu machen, der nicht nur Hommage an eine frühere Dekade des Kinos ist, sondern diese Zeit wieder auferstehen lässt. Die Detailversessenheit, an der man bei wohl jeder Einstellung die Handschrift des Regisseurs erkennt, zeitigt zwar ein visuell eindrucksvolles Ergebnis, führt aber auch zu erzählerischen Längen. Vielleicht ist del Toro selbst ein bisschen zu verliebt in seinen Film. Und so geht man die Reise zwar gerne mit, aber am Ende macht sich schon das Steißbein bemerkbar und ohne Proviant, sprich: einer großen Portion Popcorn, kommt man kaum gut durch. Dabei stimmt schon jedes Detail – die Darsteller:innen, allen voran Bradley Cooper, machen ihre Sache ausgezeichnet (da fällt mir ein: warum zum Teufel hat David Strathairn noch keinen Oscar?), Kostüme, Ausstattung und Score sind exzellent, die Geschichte diabolisch und spannend – aber für einen richtig großen Film ist von allem halt ein bisschen zu viel da. Klotzen, nicht kleckern, kann gut gehen, aber führt nicht immer zum bestmöglichen Ergebnis. So ist „Nightmare Alley“ ein unbestritten guter Film, aber nicht das Ereignis, das er selbst gerne wäre.


7,0 Kürbisse

(Bildzitat: Foto von Kerry Hayes, Quelle http://www.imdb.com)

Pleasure (2021)

Regie: Ninja Thyberg
Original-Titel: Pleasure
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Erotik
IMDB-Link: Pleasure


Es soll ja, habe ich mir sagen lassen, so Filme geben, in denen Darstellerinnen und Darsteller tatsächlich, also nicht simuliert, miteinander Liebe machen. Und am Ende wird dann immer geheiratet. Pornos sollen diese Filme heißen, und anscheinend gibt es richtig viele davon, und vor allem die Darstellerinnen sind manchmal so richtig bekannt und in ihrem Metier absolute Stars. Das alles weiß ich natürlich nur vom Hörensagen. So ein kreuzbraver Kürbis hat damit keine … ähm … Berührungspunkte. Jedenfalls erzählt „Pleasure“ von der schwedischen Regisseurin Ninja Thyberg (Namenswitze in 3, 2, 1 …) die Geschichte eines jungen schwedischen Mädels, das auszieht (im konkreten Fall nach Kalifornien, wo die Filmindustrie zuhause ist), um den großen Reibach zu machen. Die Unschuld vom Lande lässt es gleich so richtig krachen, doch der Weg zur Spitze ist hart, die Luft oben wird dünner, und man muss vielleicht auch mal die eine oder andere unliebsame Entscheidung treffen, um sich durchzusetzen. Berühmt werden wollen schließlich alle, doch nur wenige werden es. Wie das dann mit Anstand und Gewissen zu vereinbaren ist, ja, das ist eben die gute Frage. Subtrahiert man aus „Pleasure“ die Brüste, die vulgäre Sprache und den einen oder anderen sichtlich erregten Schwanz, ist der Film im Grunde eine recht klassische Künstler-Biografie. Ersetze das Porno-Starlet durch eine junge Musikerin oder Schauspielerin, und der Film funktioniert genauso gut. Und genau das ist in diesem Fall die Stärke des Films. Weder suhlt er sich im Reiz des Verruchten, noch steht er moralisierend über seinem Thema, sondern es ist einfach die Geschichte einer jungen Frau, die berühmt werden will, und die auf ihrem Weg gute wie schlechte Momente erlebt und deren Entscheidungen sie als Mensch weiter prägen. Das wird herrlich unaufgeregt erzählt. Und so ist „Pleasure“ keine Nabelschau, sondern ein ziemlich ehrlicher Film (soweit man das von außen überhaupt beurteilen vermag) über eine Protagonistin in einer recht unehrlichen Branche. Hey, it’s show business!


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Licorice Pizza (2021)

Regie: Paul Thomas Anderson
Original-Titel: Licorice Pizza
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama, Komödie, Liebesfilm
IMDB-Link: Licorice Pizza


Licorice Pizza, übersetzt Lakritzepizza, da kommt zusammen, was nicht zusammen gehört. Das scheint jedenfalls der Hintersinn des nicht unbedingt offensichtlichen Titels von Paul Thomas Andersons Hommage an die 70er Jahre zu sein. Oder aber ihm kam in einem Anflug kulinarischen Wahnsinns mal die Idee, die legendäre Pizza Hawaii in Fragen der Kontroversität zu übertrumpfen, konnte sein Produkt aber Dr. Oetker nicht verkaufen und dachte sich: ‚Hey, wenn ich schon mal den Namen habe …‘ Man weiß es nicht. So oder so, unter seiner Regie ist nun ein Film entstanden, der wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Dieser Film atmet die pure 70er-Nostalgie. Was Jonah Hill in Mid90s gelang, nämlich ein Jahrzehnt nicht einfach nur filmisch zu würdigen, sondern es so authentisch hinzubekommen, dass man meint, der Film wäre damals tatsächlich gedreht worden, gelingt Paul Thomas Anderson, ohnehin ein Meister seines Fachs, in „Licorice Pizza“ mindestens genauso gut. Im Zentrum stehen dabei die 25jährige Alana und ihr um zehn Jahre jüngerer Verehrer Gary, ein umtriebiger Jungunternehmer und Fernsehstar. Der Film konzentriert sich auf das Auf und Ab dieser schwer definierbaren Beziehung, die immer irgendwo zwischen Freundschaft und doch romantischer Anziehung pendelt. Und gerade in dieser Hinsicht ist „Licorice Pizza“ besonders gut gelungen, denn er erzählt eine recht konventionelle Geschichte, die aber – wie es halt im Leben so spielt – ihre Haken schlägt und nicht immer auf das Offensichtliche zusteuert. Gerade dadurch wird die Geschichte von Alana und Gary so echt und nachvollziehbar. Alana Haim und Cooper Hoffman (der Sohn von Philip Seymour Hoffman, die Gene sind also mal ein großes Versprechen) in den Hauptrollen sind exzellent besetzt. Man könnte ihnen stundenlang zuschauen, wie sie sich aufeinander zu- und wieder voneinander wegbewegen. Der Rest des teils äußerst prominenten Casts steht dem aber um nichts nach. So reichen Bradley Cooper schon geschätzte zehn Minuten Screentime, um die vielleicht beste Leistung seiner Karriere auf die Leinwand zu zaubern. Und so könnte ich fast jedes einzelne Mitglied des Casts herausstellen, dazu die tolle Musik, die großartige Kameraarbeit, das feine Drehbuch, aber ich habe schon genug geschrieben und mein übliches Maß weit überschritten, also kürze ich diese Review jetzt mal ab – meine Begeisterung für den Film dürfte mittlerweile rübergekommen sein – und sage: Leute, schaut euch das an!


9,0 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)

Frau im Dunkeln (2021)

Regie: Maggie Gyllenhaal
Original-Titel: The Lost Daughter
Erscheinungsjahr: 2021
Genre: Drama
IMDB-Link: The Lost Daughter


Eine Professorin für italienische Literatur macht Urlaub in Griechenland. Was zunächst nach einem ungestörten Strandurlaub aussieht, wird aber schon bald recht anstrengend, als eine Großfamilie in die Villa nebenan zieht und den Strand kapert. Die junge, überforderte Mutter, die noch dazu eines Tages ihre eigene Tochter unbeaufsichtigt lässt und kurzzeitig verliert, löst bei Leda, so der Name der Professorin, einige Flashbacks aus. Auch sie war nicht die geborene Mutter, und die beiden Töchter waren öfter Störenfriede in ihrem arbeitssamen Leben als eigentlicher Mittelpunkt desselben. „Frau im Dunkeln“ ist eine sensible Adaption von Elena Ferrantes Romanvorlage. Es passiert nicht viel in Maggie Gyllenhaals Regiedebüt, und doch bleibt der Film über zwei Stunden lang interessant. Das liegt vor allem an Oliva Colmans herausragendem Schauspiel. Ihre Leda ist voller Ambivalenz, jede Gestik und Mimik wirkt echt und authentisch. Auch Jessie Buckley als die jüngere Version von Leda, die mit den Kindern überforderte Mutter, macht ihre Sache ausgezeichnet. So entsteht das Porträt einer Frau, die sich in Rollen gepresst sieht, die sie nicht auszufüllen vermag. Und doch – bei allem Respekt vor der konzentrierten Regie und der tadellosen schauspielerischen Leitungen: Gelegentlich zieht sich das Ganze ein wenig hin. „Frau im Dunkeln“ ist einer dieser Filme, für die man in der richtigen Stimmung sein muss. Ansonsten verliert man vielleicht doch mittendrin das Interesse, da alles so subtil und flüchtig ist, dass man schon aufnahmebereit sein muss, um den Film schätzen zu können. Auch wenn der Film auf Netflix läuft, aber das ist eigentlich etwas fürs Kino, um sich ablenkungsfrei auf die Geschichte konzentrieren zu können.


6,5 Kürbisse

(Bildzitat: Quelle http://www.imdb.com)